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Die Wesen, die uns (ein wenig) steuern

Es ist seit längerem bekannt, dass der Befall durch das Protozoon Toxoplasma gondii das Verhalten von Nagetieren beeinflusst – und zwar zu seinem Vorteil. Natürlich nicht „absichtlich“ – wie sollte ein Protozoon eine Absicht haben? Aber im Effekt. Denn zum Lebenszyklus dieses einfachen Lebewesens gehört es, in Katzen als Parasit zu leben; über deren Ausscheidungen gelangt das Toxoplasma z.B. in Ratten, vermehrt sich dort in anderer Form, und muss von dort wieder in die Katze kommen. Wie das? Nun, die befallene Ratten sind unvorsichtiger als Toxoplasma-freie Tiere, und streifen auch durch Gegenden, die z.B. mit Katzenharn markiert sind. Auf gut Deutsch: Sie sind für Katzen leichte Beute. Und so kommt das kleine Protozoon wieder an sein Ziel.
Nun werden nicht nur Ratten, sondern auch Menschen als Zwischenwirte am Weg zur Katze genutzt. So wird geschätzt, dass in Deutschland durchschnittlich fünfzig Prozent der Bevölkerung schon einmal Toxoplasmose – die von Toxoplasma hervorgerufene Krankheit – hatte. Die Zahlen werden für Österreich ähnlich sein. Toxoplasmose kann bei Schwangeren gefährliche Folgen für das Kind haben, verläuft ansonsten beim Menschen aber harmlos.
Jetzt stellt sich die Frage: Verändert Toxoplasma gondii auch das Verhalten von Menschen? Und die Antwort darauf ist  ein Ja, wie fünf tschechische Forscher in einer Studie mit Heeresangehörigen herausgefunden haben: Mit Toxoplasmose infizierte Fahrer hatten ein viel höheres Unfallrisiko als die übrigen, wohl, weil infizierte Personen weniger aufmerksam sind – diese Wirkung von Toxoplasma wird schon länger angenommen.
Die Zeit hat übrigens schon im Februar einen etwas spekulativen Bericht über die Forschungen Jaroslav Flegrs gebracht, eines der fünf Studienautoren. Er beschäftigt sich schon länger mit dem Einfluss von Toxoplasma auf das menschliche Verhalten. (Medienanalyse am Rande: Der gleiche Artikel wurde zwei Monate später im Spiegel noch einmal veröffentlicht.) Und wenn wir schon beim Spekulieren sind: Kevin Lafferty hat in einer Untersuchung Korrelationen zwischen Toxoplasmose-Raten und emotionaler Labilität gefunden, die ihn über kulturelle Unterschiede bedingt durch verschiedene Durchseuchungsraten nachdenken lassen.
Ein kleines, unbekanntes Wesen, aber vielleicht mit großer Wirkung.

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