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Hebenstreit, die Geschichtsklitterung

Wer kennt Franz Hebenstreit von Streitenfeld? Wahrscheinlich kaum jemand. Heute abend widmen ihm jedoch die „Wiener Vorlesungen“, eine Veranstaltungsreihe der Stadt Wien, jedenfalls einen prominent besetzten Abend, in dem dieser Mann als „Demokrat der ersten Stunde“ rehabilitiert werden soll. Das ganze soll im Stil eines Gerichtsverfahrens ablaufen, doch das Urteil steht natürlich bereits fest, heißt es doch schon in der Rathauskorrespondenz  der Stadt Wien:

Franz Hebenstreit von Streitenfeld gilt als frühes Opfer habsburgischer Politjustiz. Er zählt zu den ersten bedeutenden Wiener Aufklärern. […] Hebenstreit, der auch der Verfasser des seinerzeit sehr bekannten Revolutionsliedes “Eipeldauerlied” war, forcierte Pläne eines politischen Umsturzes im Sinne der erfolgreichen französischen Revolution. Am 24. Juni 1794 setzte in Wien eine Verhaftungswelle ein, im darauf stattfindenden Prozess wurde Hebenstreit wegen Hochverrats zum Tode am Strang verurteilt.

Die Argumente für seine Würdigung werden heute in einer Beilage der Presse abgehandelt, in der der Leiter der Wiener Vorlesungen, Hubert Christian Ehalt, nicht nur eine „vollständige Rehabilitierung des Dichters und Freiheitskämpfers“ verlangt, sondern auch eine „Korrektur der Geschichtslehrbücher“, was angesichts der Nichtpräsenz von Hebenstreit in denselben eher schwer fallen dürfte.

Aber was hat Hebenstreit getan? Er war Mitglied des österreichischen Heeres und damit zu besonderer Loyalität verpflichtet. Stattdessen konstruierte er eine Kriegsmaschine zum Einsatz gegen Kavallerie, und bot die Pläne der französischen Regierung an, also dem Feind, wie die Zeit berichtet:

In der Zwischenzeit wollten seine Freunde bereits einen sehr konkreten Beitrag zur Revolution leisten. Platzoberleutnant Hebenstreit hatte ein neues Kriegsgerät entwickelt: eine Art von Streitwagen mit sichelförmiger Bestückung zum Einsatz gegen die Kavallerie. Das Modell dieses Wagens wurde nun, zusammen mit Hebenstreits Schrift Homo hominibus und einer revolutionären Grußadresse, von dem evangelischen Pfarrer Karl Traugott Held und dem Arzt Karl Denkmann nach Frankreich gebracht – als konkrete Waffenhilfe für den großen Verbündeten im Kampf um die Freiheit.
In Paris jedoch nahm man die geheime Wiener Delegation erst einmal unter dem Verdacht der Spionage fest. Dennoch gelang es den beiden Österreichern, die Erfindung Hebenstreits wenigstens schriftlich zu erläutern und die Skizzen an den Wohlfahrtsausschuss weiterzuleiten; Frankreichs Kriegsminister, der legendäre Lazare Carnot, ließ die beiden Männer wieder frei.
Längst war das Unternehmen in Wien ruchbar geworden. Die Bestätigung kam für die Obrigkeit, als der Buchhändler Joseph Vinzenz Degen der Polizei die Meldung des Journal de Paris zutrug, der Wohlfahrtsausschuss habe aus dem Ausland den Plan einer neuen Waffe erhalten. Dabei müsse es sich um Hebenstreits Gefährt handeln.

Wenn ein Angehöriger des Militärs einer feindlichen Macht Pläne für Waffen verkauft oder sogar verschenkt — was ist das, wenn nicht Hochverrat? Dabei muss man bedenken, um welche Macht es dabei ging. Hebenstreit ist nämlich keineswegs der Demokrat, als den ihn die Wiener Vorlesungen und eine ganze Riege an entsprechend ausgesuchten Prominenten darstellen soll.  Denn die Phase der Demokratie währte in Frankreich nur kurz, 1793 begann die Schreckensherrschaft Robespierres, der jegliche Opposition auf das Schaffott beförderte. Das absolutistische Österreich war ironischerweise im Vergleich zur Diktatur der Jakobiner geradezu ein Ort der Freiheit und des Rechtsstaats, was sich auch daran ausdrückte, dass der Prozess gegen Hebenstreit kein Schnellschuss war, wie die Zeit weiter berichtet:

Franz II. versuchte zunächst, die Jakobiner den ordentlichen Gerichten zu entziehen und von einem Sondergerichtshof aburteilen zu lassen. Die Juristen, unter ihnen besonders Karl Anton Freiherr von Martini, weigerten sich jedoch, diesem Verfahren zuzustimmen, wäre es doch einer Rechtsbeugung gleichgekommen. Martini betonte, dass nur begangene Taten und nicht Gesinnungen bestraft werden dürften und eine Rechtsbeugung selbst in einer Notsituation nicht zugelassen werden könne.
Der Prozess und die Untersuchungshaft dauerten bis zum Urteilsspruch im Juli 1795 [!] insgesamt ein Jahr. Die Anklagen der Untersuchungshofkommission wurden vom Wiener Kriminalgericht aufrechterhalten, und auch das Militärgericht stimmte mit den von der Polizei erhobenen Anklagen überein, die nach der Kriminalgerichtsordnung von 1787 auf Majestätsbeleidigung und Hochverrat lauteten. Das Militärgericht verurteilte daher Hebenstreit zum Tode durch den Strang, auch Kajetan Gilowsky sollte aufgehängt werden.

Hebenstreit sympathisierte mit einer blutigen Revolution wie in Frankreich, und forderte in einem Propagandalied die Ermordung des Kaisers und vieler anderere „Großköpfe“. Allerdings hatte er die Bevölkerung keineswegs hinter sich, und die blutigen Ereignisse in Frankreich haben wohl ihr übriges dazu getan, dass sich die Begeisterung für Hebenstreit eher in Grenzen hielt.

Das Interesse an der Verteidigung dieses eher obskuren Figur stammt aber natürlich nicht daher, dass er ein Demokrat gewesen wäre — was er eben nicht war —, sondern, weil er ein früher Sozialist war, was in der „Presse“ Alexander Emanuely und Andrea Dusl auch bereitwillig als Argument zu seinen Gunsten nennen. Wie Dusl bewundernd schreibt:

„[…] in einer Welt, die Hebenstreit und die anderen Revolutionäre ersehnt und vorgedacht haben, gäbe es die Geschäftsmodelle des Neoliberalismus und Antisozialismus nicht,  es gäbe keine Wahrheit in Gott und nicht die Nacherzählung des Beamtenkaiserstaates im Kleinen. Es gäbe Gerechtigkeit und Gleichheit, die Souveränität des Einzelnen, gebündelt in der Idee der Solidarität.“

Diese Ansicht mag man vertreten. Wie sie aus Hebenstreit einen Vorkämpfer der Demokratie macht, ist schleierhaft. Und in welcher Weise diese Ansichten Aufrufe für Ermordungen und sogar Kollaboration mit  der ersten totalitären Diktaturen der Neuzeit so lässlich machen, dass eine Verurteilung deswegen eine Rehabilitierung nötig machte — ich weiss es nicht.

Ein Gedanke zu “Hebenstreit, die Geschichtsklitterung

  1. es ist eigentlich schon ein mittleres wunder, das auf diesem dermaszen interessanten blog so selten kommentare zu finden sind . . .

    daher von mir nun ein erstes und vor allem auch ein wirklich aufrichtiges danke fuer die immer wieder interessanten beitraege geschrieben aus perspektiven, wie sonst selten zu finden . . . .

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