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Medienobsessionen

George Weigel nimmt sich im National Review der seltsamen Kontroverse rund um den „Kondomsonntag“ (© Stanislaus) an, und identifiziert dabei drei falsche Annahmen, die der Medienberichterstattung zugrundelägen, unter dem spritzigen Titel „Deflating the NYT Condom Scoop“. Die Schlüsselpassage übersetze ich einmal vorsichtig so:

Die erste falsche Annahme hinter der neuesten Welle der Medien-Kondomanie ist, dass die ständige Lehre der Kirche zur Sexualmoral eine Politik oder eine Position ist, die man so ändern kann wie Steuersätze geändert werden können, oder man die Position wechseln kann, ob Indien nun ständiges Mitglied im Sicherheitsrat sein sollte oder nich. Sicher wurde die theologische Formulierung der katholischen Ethik sexueller Lieber im Lauf der Jahrhunderte weiterentwickelt; sie gelangte in jüngster Zeit zu einer interessanten Art der Erklärung mit der „Theologie des Leibes“ Johannes Paul II. Aber sie hat sich nicht geändert und wird sich nicht ändern, weil sie nicht geändert werden kann. Und sie kann sich nicht ändern und wird nicht geändert, weil die katholische Ethik sexueller Liebe ein Ausdruck fundamentaler moralischer Wahrheiten ist, die durch die Vernunft erkannt werden können und durch die Offenbarung ausgeleuchtet werden.

Die zweite falsche Annahme hinter der Kondom-Story ist, dass alle päpstlichen Stellungnahmen welcher Art auch immer gleich sind, so dass ein Interview eine Ausübung des päpstlichen Lehramts sei. Das war nicht richtig bei Johannes Paul II. internationalem Bestseller„Die Schwelle der Hoffnung überschreiten“, in der der mittlerweile verstorbene Papst Fragen des italienischen Journalisten Vittorio Messori beantwortet hatte. Es war nicht richtig beim ersten Band von Benedikt XVI. „Jesus von Nazareth“, in dem der Papst von Anfang an klarstellte, dass er persönlich als Theologie und Bibelwissenschafter schreibt, nicht mit kirchlichem Lehramt. Und es ist nicht richtig bei „Licht der Welt“. Reporter, die darauf beharren, alle päpstlichen Wortspenden zu analysieren als ob sie gleich verbindlich wären — und die das oft auf der Suche nach einem Skandal tun —, erweisen ihren Lesern keinen guten Dienst.

Die dritte falsche Annahme war, dass ein „historischer Wechsel“ der katholischen Lehre der Art wie er fälschlicherweise berichtet worden ist, in einem Interview angekündigt würde. Es ist jetzt vielleicht ein Schlag fürs Selbstbewusssein des vierten Standes, eine elementare Tatsache des katholischen Lebens zu begreifen, aber in Wahrheit würde kein Papst bei halbwegs gutem Verstand ein Interview mit einem Journalisten als Vehikel nutzen, um eine neue Intiative zu diskutieren, ein pastorales Programm vorzulegen oder die Entwicklung der Lehre zu erklären. […]

Was die Medienobsession betrifft, besteht sie natürlich in der Vorstellung der Erlösung durch Latex. Kurz nach der Papstreise nach Afrika, wo er von der Presse für angebliche Insensibilität gegenüber AIDS-Kranken wegen seiner Wiederholung der katholischen Sexualethik geprügelt wurde, veröffentlichte ein renommierter Experte in diesen Angelegenheiten, Dr. Edward Green, einen Kommentar in der Washington Post mit dem bemerkenswerten Titel „The Pope May Be Right.“ Green, der kein Katholik ist, argumentierte eindrucksvoll, dass Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe und Treue in der Ehe empirisch gesehen die wirklichen AIDS-Verhinderer sind. Er hatte recht, folgt man jeder gründlichen Studie zu dieser schrecklichen Krankheit. Aber man würde das nicht glauben, folgt man der Berichterstattung über Katholiken und Kondome — so wie man wahrscheinlich nie lernen würde, dass die Katholische Kirche als weltweite Einrichtung mehr AIDS-Kranke unterstützt als jede andere ähnlich gelagerte Gemeinschaft.

Übrigens sind die Überlegungen des Papstes so neu und brandaktuell, dass sie 2006 in der Tagesschau besprochen wurden, wie wiederum Stanislaus (siehe oben) recherchiert hat. Der damalige Artikel der Tagesschau ist übrigens nicht wirklich fundierter als diejenigen, die heute geschrieben werden. So, und damit habe ich genug zu diesem Thema geschrieben.

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