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Von guten und schlechten Fischen

Die Reise Papst Benedikt XVI. in sein Heimatland hat an ihrem ersten Tag bereits drei große Ansprachen beinhaltet: Eine Ansprache im Schloß Bellevue, dem Sitz des deutschen Bundespräsidenten, eine Rede vor dem Deutschen Bundestag, und die Predigt bei der Hl. Messe im Berliner Olympiastadion. Ich beneide den Heiligen Vater und die Kurie nicht, die für das dichte Programm der Reise eine solche Fülle gehaltvoller Texte vorzubereiten hatten.

Berlin war als Ort der Messfeier interessant gewählt, weil die Katholiken in Berlin bloß eine kleine Diaspora-Gemeinde darstellen, drittgrößte Religionsgemeinschaft in einer ohnehin nicht sehr religiösen Stadt. Doch gerade dort beginnt eine Reise, in der Papst Benedikt XVI. vor allem von Gott reden will, wie er selbst sagt. Gerade dort ist der richtige Ort, um die Rolle der Kirche wieder zu erklären, denn Menschen, die ohne Kirche aufgewachsen sind, hören vielleicht wieder eher zu. Ein Freund hat zu mir einmal gesagt: „Das größte Problem in Österreich ist, dass viele Leute glauben, sie wüssten, was Christsein bedeutet, aber eigentlich ist ihr Glaubenswissen verdunstet.“ Ob es das größte Problem ist, weiß ich nicht. Aber da ist schon etwas dran.

So darf ich einen Ausschnitt aus der Predigt zitieren (die man hier zur Gänze nachlesen kann), die auf dem Gleichnis vom Weinstock aufbaut:

Jesus sagt im Gleichnis: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer” (Joh 15,1), und er führt aus, dass der Winzer zum Messer greift, die dürren Reben abschneidet und die fruchttragenden reinigt, so dass sie mehr Frucht bringen. Gott will – um es mit dem Bild des Propheten Ezechiel zu sagen, das wir in der ersten Lesung gehört haben – das tote, steinerne Herz aus unserer Brust nehmen, um uns ein lebendiges Herz aus Fleisch zu geben (vgl. Ez 36,26). Er will uns neues, kraftvolles Leben schenken. Christus ist gekommen, die Sünder zu rufen. Sie brauchen den Arzt, nicht die Gesunden (vgl. Lk 5,31f). Und so ist, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, die Kirche das „universale Heilssakrament” (Lumen Gentium 48), das für die Sünder da ist, um ihnen den Weg der Umkehr, der Heilung und des Lebens zu eröffnen. Das ist die eigentliche und große Sendung der Kirche, die ihr von Christus übertragen ist.

Manche bleiben mit ihrem Blick auf die Kirche an ihrer äußeren Gestalt hängen. Dann erscheint die Kirche nur mehr als eine der vielen Organisationen innerhalb einer demokratischen Gesellschaft, nach deren Maßstäben und Gesetzen dann auch die so sperrige Größe „Kirche” zu beurteilen und zu behandeln ist. Wenn dann auch noch die leidvolle Erfahrung dazukommt, daß es in der Kirche gute und schlechte Fische, Weizen und Unkraut gibt, und der Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann erschließt sich das große und tiefe Mysterium der Kirche nicht mehr.

Dann kommt auch keine Freude mehr über die Zugehörigkeit zu diesem Weinstock „Kirche” auf. Es verbreiten sich Unzufriedenheit und Missvergnügen, wenn man die eigenen oberflächlichen und fehlerhaften Vorstellungen von „Kirche”, die eigenen „Kirchenträume” nicht verwirklicht sieht! Da verstummt dann auch das frohe „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad’ in seine Kirch’ berufen hat”, das Generationen von Katholiken mit Überzeugung gesungen haben.

Weiter fährt der Herr in seiner Rede fort: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt, … denn getrennt von mir – wir könnten auch übersetzen: außerhalb von mir – könnt ihr nichts vollbringen” (Joh 15,4f).

Vor diese Entscheidung ist jeder von uns gestellt. Wie ernst sie ist, sagt uns der Herr wiederum in seinem Gleichnis: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen” (Joh 15,6) Dazu meint der heilige Augustinus: „Eines von beiden kommt der Rebe zu, entweder der Weinstock oder das Feuer; wenn sie nicht im Weinstock ist, wird sie im Feuer sein; damit sie also nicht im Feuer sei, möge sie im Weinstock sein” (In Ioan. Ev. tract. 81,3 [PL 35, 1842]).

Die hier geforderte Wahl macht uns eindringlich die existentielle Bedeutung unserer Lebensentscheidung bewußt. Zugleich ist das Bild vom Weinstock ein Zeichen der Hoffnung und Zuversicht. Christus selbst ist durch seine Menschwerdung in diese Welt gekommen, um unser Wurzelgrund zu sein. In aller Not und Dürre ist er die Quelle, die das Wasser des Lebens schenkt, die uns nährt und stärkt. Er selbst nimmt alle Sünde, Angst und Leid auf sich und reinigt und verwandelt uns schließlich geheimnisvoll in guten Wein. Manchmal fühlen wir uns in solchen Stunden der Not wie in die Kelter geraten, wie Trauben, die völlig ausgepreßt werden. Aber wir wissen, mit Christus verbunden werden wir zu reifem Wein. Auch das Schwere und Bedrückende unseres Lebens weiß Gott in Liebe zu verwandeln. Wichtig ist, daß wir am Weinstock, bei Christus „bleiben”.

In klaren Worten erinnert Benedikt XVI. daran, dass die Kirche, die Gemeinschaft der dem Herren zugehörigen, wie das Wort eigentlich zu übersetzen ist, nicht eine Organisation ist, sondern ein Zustand (das könnte man jetzt zugegebenermaßen ironisch verstehen). Ob man zu dieser Gemeinschaft gehört, hängt von der Beantwortung existentieller Fragen ab, davon, ob wir uns mit Christus verbinden oder nicht. Wenn wir uns auf Christus einlassen wollen, so werden wir per definitionem Teil der Gemeinschaft der Kirche, die wie jede Gemeinschaft dann auch eine Struktur und Organisation braucht. Aber das kommt danach, und nicht zuerst, wie nicht nur extern, sondern auch intern – Stichwort Helmut Schüller – anscheinend von manchen geglaubt wird.

Noch zur Reise: Auf der offiziellen Website des Vatikan gibt es einen Überblick über die Ansprachen, die Papst Benedikt XVI. auf seiner Deutschlandreise hält, einen Zeitplan und sogar ein PDF mit den liturgischen Texten. Die Deutsche Bischofskonferenz hat eine eigene Website zum Papstbesuch im Netz. Nicht zu vergessen gibt es noch das Nachrichtenportal des Vatikan, news.va, mit Beiträgen auf Englisch, und natürlich Radio Vatikan.

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