Occupy Wall Street und der Heroismus der reinen Tat
„Occupy Wall Street“, die „Indignados“ und andere Demonstranten werden gerne in einen großen Zusammenhang gestellt; der Kurier behauptete zum Beispiel, eine Generation „Es reicht“ würde sich endlich Gehör verschaffen. Das ist natürlich der Kern des Mythos, den sich die Demonstranten gestrickt haben. Sie wären ein Sprachrohr einer großen Zahl an Personen, die für ein „neues System“ stehen würden und gegen das „alte System“ rebellierten, das ihre Generation zu einer „verlorenen Generation“ machen würde.
In Spanien zeigte sich schon bei den Regional- und Kommunalwahlen im Mai des Jahres, dass die Parteien und Gruppierungen, die mit den „Indignados“ sympathisieren, eine kleine Minderheit darstellen; die Volkspartei, die sich klar von den Demonstranten abgrenzte, fuhr dagegen einen beachtlichen Wahlsieg ein. Es zeigte sich auch bald, dass die sogenannten „Indignados“ sich überwiegend aus linken Kreisen rekrutierten, die entweder über die Regierung der spanischen Sozialisten unter Zapatero enttäuscht waren, oder grundsätzlich Teil der Linksopposition gegen Zapatero waren. Man hatte ein Thema gefunden, um Anhänger zu mobilisieren, und einen Mythos, der die Gruppe eint und eine gute Erzählung abgibt. Aber man war weit davon entfernt, die reale gesellschaftliche Aussagekraft zu besitzen, die man sich zuschrieb.
In den USA steigerte sich die Absurdität der Proteste. Die Ziele und Forderungen blieben diffus, dafür verschoben sich die Feindbilder von den Politikern hin zu Geschäftsführern, leitenden Angestellten und Unternehmern hin. Dessen ungeachtet drücken millionenschwere Prominente ihre Unterstützung aus, wie Russell Simmons und George Soros, und der Präsident der USA Barack Obama, also die Spitze des „Systems“, erklärt sich mit den Protestierern solidarisch. Welches gemeinsame Ziel hat er? Welche ihrer Forderungen will er umsetzen oder zum Inhalt seiner Wahlkampagne machen? Hm — keine. Geht auch gar nicht, denn, wie Charles P. Pierce im Esquire schreibt:
If the primary criticism of the ongoing demonstrations is that they seem to lack, as a hundred media reports have put it, “a cohesive public message,” that is also one of their great strengths. This is a very loud and clear yawp against the irresponsible use of power by unaccountable institutions, including, increasingly, the government itself. The protests here are omni-directional. They appear inchoate because their target is so diffuse — an accelerating sense in the country that there is no pea under any of the shells, that the red Jack is not in the deck, that the wealth of the country is being swindled and gambled and frittered away by so many people in so many ways that to sharpen the focus on one of the long cons is to let a dozen others reach fruition.
Ich muss hier besonders an zwei Personen denken: An Georges Sorel und Gustav Landauer. Sorel betont einerseits die Bedeutung von Mythen für jede Bewegung, die wichtiger seien als vernünftige Argumente, und andererseits die Heldenhaftigkeit der reinen Tat, denn die Wirklichkeit werde durch die Tat bestimmt. Es kommt also nicht auf besondere Denkgebäude und Überlegungen an, sondern auf entschiedenes Handeln, das Wirklichkeit schafft. Daher brauchten die „Empörten“ kein Modell der Welt, wie sie ist, oder wie sie sein soll, sondern lediglich ein Modell der Tat. Daher brauchen sie auch die Mythen, die sie aus Feindbildern (und deren Entmenschlichung) und dem Anspruch, repräsentativ zu sein, speisen.
Gustav Landauer wiederum, ein Vertreter des sogenannten sozialen Anarchismus um 1900, trat für die „Propaganda der Tat“ ein, aber nicht im Sinne des Terrorismus, wie sie andere Anarchisten seiner Zeit umsetzten, sondern als tatsächliches Vorleben, denn so werde Stück für Stück der wahre, soziale Anarchismus verwirklicht. So ergeben die „basidemokratischen Sitzungen“ einen Sinn, die doch nach den Erkenntnissen der Soziologie über Gruppendynamik und der Ausfaltung der Spieltheorie ihres Anspruchs der allgemeinen Vertretung der Beteiligten längst entkleidet sind. Doch damit wird der Anspruch erhoben, eine Umorganisation der Gesellschaft zu beginnen.
Ich bin mir sicher, dass kaum jemand bei Occupy Wall Street, den Indignados und wie sie sich alle nennen Sorel oder Landauer kennt, oder eine Menge andere Personen der Zeit um 1900, die ähnliche Gedanken hatten. Doch man soll die Wirkmächtigkeit der Ideen dieser Herren nicht unterschätzen.


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