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Die Notwendigkeit der Metaphysik

Über Metaphysik redet man heute zwar oft, aber nicht unter diesem Namen. Daher war ich selbst überrascht, als ich durch meinen Blogeintrag zum Tode des scharfzüngigen Journalisten Christopher Hitchens mit Muriel in eine richtige Debatte über Metaphysik geraten bin, weil ich meinte, er hätte an den „metaphysischen Kategorien eines absoluten Guten und Bösen“ festgehalten.

I.

Nun, meine Ausdrucksweise war nicht korrekt. Zwar sind Aussagen darüber, ob es ein absolut Gutes oder Böses gibt, notwendigerweise auch metaphysischen Charakters, aber man kann streng genommen nicht von „metaphysischen Kategorien“ sprechen. Aber die Frage, die sich entsponn, ist: Kann man überhaupt über die Welt ohne Metaphysik reden?

Nach dem „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler (1873-1926) wird Metaphysik so definiert:

Metaphysik (»metaphysica«, meta ta physika) ist die Wissenschaft von den Grundbegriffen (Principien) des Erkennens und der Einzelwissenschaften in ihrem letzten für uns erreichbaren Sinne und in ihrem Zusammenhange untereinander und mit den Forderungen des nach Einheit und Geschlossenheit (Harmonie) der Weltanschauung strebenden Denkens. Die Metaphysik ist keine Sonderwissenschaft geheimnisvoller Art, sondern die (relativ) abschließende, auch nach dem Sinn und der Bedeutung der Welt fragende, in diesem Sinne speculative Verarbeitung der Voraussetzungen und Ergebnisse der Einzelwissenschaft mit Hilfe der Erkenntniskritik und schließlich auch der künstlerisch gestaltenden Phantasie und der Intuition.

Eislers Definition muß man nicht teilen, aber sie berührt ein Problem, dem sich auch der Wiener Kreis später stellen mußte: Voraussetzungslose, bedingungslose Erkenntnis aus Sinnenerfahrungen gibt es nicht. Auch die empirischen Wissenschaften sind in der Metaphysik verankert, in der die Bedingungen und Möglichkeiten unserer Erkenntnis und die Ordnung der Welt ausgelotet werden.

So hat der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger bei einer Veranstaltung, bei der ich zuhören durfte, gemeint, daß die Naturwissenschaften auch gänzlich anders aufgebaut sein könnten, die Phänomene der Welt auch anders fassen könnten; die Sinneserfahrungen alleine zwingen nicht zu einer bestimmten Struktur. Ihm ist vielleicht dabei auch vorgeschwebt, daß selbst heute noch streng genommen falsche (oder zumindest grob vereinfachte) Modelle für Berechnungen und Vorhersagen verwendet werden, wo sie brauchbare Resultate liefern. Oder anders: Man konnte Mond- und Sonnenfinsternisse schon gut vorhersagen, als das zu Grunde liegende Modell wohl kaum der Wirklichkeit entsprach. Empirische Bestätigungen für Theorien lassen diese brauchbar erscheinen, sagen aber wenig darüber, ob sie eine annähernde Beschreibung der Wirklichkeit sind. Die naturwissenschaftlichen Modelle sind Produkte der menschlichen Vorstellungskraft, unseres Versuches, die Welt zu beschreiben, eine Welt, die weit über unsere Sinneserfahrungen hinausgeht.

II.

Zurück zu Hitchens. Mein Gedankengang hinter der Zuschreibung metaphysischer Gedanken war folgender:

Hitchens gefiel sich in der Rolle des kämpferischen Atheisten, Positivisten und Materialisten. Gleichzeitig hatte er Zeit seines Lebens tiefe Überzeugungen darüber, was die Menschen zu tun hätten und was nicht. Zuerst war er Sozialist marxistischer Prägung, wie er selbst bekannte, der die russische Oktoberrevolution würdigte, wurde aber immer mehr zum Neo-Con, der Freiheit und Demokratie durch den Islamismus bedroht sah. Seine Artikel und Schriften machen deutlich, daß er diese Überzeugungen nicht nur für sich persönlich für richtig hielt, sondern für An- und Einsichten, die allgemein geteilt werden sollten. Hitchens war kein Relativist, der richtig und falsch für kontextabhängig hielt.

Nun kann man aber aus reiner Erfahrung ohne zusätzliche, nichtempirische Bedingungen keine Ethik entwickeln, die als allgemeine Handlungsanweisung wirkt. Es gibt verschiedene Versuche, diese Hürde zu umgehen, doch letztlich landet jeder bei einigen Axiomen, die eben nicht nur empirisch fundiert sind.

Der wissenschaftliche Sozialismus, dem Hitchens in seiner Jugend anhing, ist einer der übelsten Vorhaben auf diesem Gebiet; eine „Pseudowissenschaft“, wie Karl Popper bemerkte, voller nicht-empirischer Annahmen, angefangen vom Menschenbild über die Sicht der Arbeit bis zum Idealziel, dem die Gesellschaft (die materialistisch gesehen nur ein Konstrukt sein kann) zustreben soll.

Hitchens glühendes Eintreten für persönliche Freiheit und Demokratie als universelle Ideale verraten ebenso wie seine Haltung zum Marxismus, daß er eben kein vollkommener Empirizist und Materialist war, ohne sich dieser Spannung bewußt zu sein. Er hat über die Welt vielmehr auch in metaphysischer Weise nachgedacht, auch wenn er den Begriff abgelehnt hätte.

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2 Gedanken zu “Die Notwendigkeit der Metaphysik

  1. Nett, dass du an mich gedacht hast. Hoffentlich bist du nicht enttäuscht, wenn ich trotzdem nicht in die Diskussion einsteige. Ich verschwende meine Zeit gerade schon anderweitig….

    • Ehrlich gesagt: Nicht enttäuscht, weil es mir umgekehrt oft genauso geht. Ich hätte gerne auf Deine Kommentare schneller und fundierter geantwortet, aber der Tag hat eben nur vierundzwanzig Stunden. Und in einer Blogdiskussion kann man ohnehin selten jemanden überzeugen, sondern in der Regel nur dem anderen zeigen, daß der eigene Standpunkt nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Danke jedenfalls für die letzte Diskussion.

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