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Die Vorwahlen in Iowa und der Blick aus Europa


Die ersten Vorwahlen in den USA geschlagen, und verraten viel darüber, wie die USA in Europa wahrgenommen werden.

So titelt der ORF: „Unentschieden in Iowa: Religiöser Außenseiter Santorum holt auf“. Nun ist das technisch gesehen nicht falsch; Rick Santorum betont stets die Rolle des katholischen Glaubens für seine Weltanschauung, und wurde bei den Wahlen bislang als Außenseiter behandelt. Doch die Wortzusammenstellung will natürlich etwas anderes suggerieren: Ein religiöser Fanatiker vom extremen Rand greift nach der Macht. Dabei wurde Santorum im den Demokraten zuneigenden Pennsylvania zwei Mal zum Senator gewählt, und verlor seine neuerliche Wiederwahl in einem Jahr, das allgemein schlecht für seine Partei war. Im Senat gehörte er zur republikanischen Führung. So weit kann Santorum nicht von der Mehrheit entfernt sein, und doch betitelt ihn die Süddeutsche als „erzkonservativ“, was in diesem Blatt selten als Kompliment gedacht ist. Der Stern schreibt über „Müde Witze und Gottes Schubkraft“, ein gewissermaßen selbstreferentieller Titel, und bemüht darin die Klischees von den antiwissenschaftlichen Hinterwäldlern.

Andere Medien haben durchaus sachlich berichtet, das soll keine Medienschelte sein. Doch die Artikel zeigen, daß die Erzählung über die USA fest in der Hand der amerikanischen „Liberalen“ liegt, also eines Teils der Demokraten, die auch in den US-Massenmedien immer noch tonangebend sind. Deutschsprachige Artikel spiegeln meist das wider, was man auf demokratischen Wahlkampfblogs oder Kommentaren lesen kann. In dieser Hinsicht war die New York Times jetzt besonders offen, deren Leitartikel nach den Vorwahlen ein giftiger Angriff auf die republikanische Kritik an Obama war, die einfach „lachhaft“ wäre. Dieses Blatt ist ja immer noch eine der wichtigsten Quellen für Europäer, wenn sie sich über die USA informieren – und so wird der Inhalt dieses Leitartikels in der einen oder anderen Form auch seinen Weg in Kommentare bei uns finden.

Nun kommen da natürlich noch die traditionellen Animositäten dazu, die gegen die USA gehegt werden, und nach ein paar Bier überall gerne ausgeplaudert werden. Die fangen an mit Sagern wie „Dahin sind ja nur die Versager ausgewandert“ und enden bei „Das sind ja alles nur Bibel-schwingende Irre“, gespickt mit Verschwörungstheorien und Anspielungen auf die „Ostküste“. Diese Vorurteile wollen natürlich bedient werden, und nichts ist besser, als ein Artikel, der eben diese Vorurteile bestätigt.

Übrigens: In den USA gibt es ein umgekehrtes Phänomen gegenüber Europa – aber die Fehlsicht der anderen reduziert nicht meine eigene Dioptrie-Zahl.

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