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Holunderblüte

Zum heutigen Gedenktag darf ich aus dem Gedicht „Holunderblüte“ von Johannes Bobrowski zitieren:

Leute, ihr redet: Vergessen -
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht der Holunder
sterben
an eurer Vergeßlichkeit.

Das vollständige Gedicht findet sich hier.

Johannes Bobrowski wurde 1917 im ostpreußischen Tilsit geboren und besuchte in Königsberg das Gymnasium. Bobrowskis Familie wandte sich 1936 der „Bekennenden Kirche“ zu, zu der u.a Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer zählen. Nach der Matura 1937 wird er zum Wehrdienst eingezogen, und ist vom Beginn des Polenfeldzugs bis zur Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai, mit einer kurzen Unterbrechung, als Soldat im Krieg eingesetzt. Die Mitgliedschaft in der NSDAP, die ihm ein zweites Studiensemester ermöglicht hätte, lehnt er ab. 1945 gerät er in Sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1949 entlassen wird. In der Folge arbeitet er als Lektor bei verschiedenen Verlagen, verfaßt Gedichte und Erzählungen und einen Roman, „Litauische Claviere“, der aber erst posthum erscheint. 1965 stirbt er an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs.

Bobrowski, der die Schrecken des Krieges sechs lange Jahre miterlebt hat, verschreibt sich nicht dem Lärmen der Krieger, sondern den Beobachtungen, den Situationen, die still und klein beginnen, und sich zu großer Bedeutung entfalten.

So beginnt das Gedicht „Holunderblüte“ mit der Formulierung: „Es kommt / Babel, Isaak“. Babel, ein Schlüsselwort für das Verderben, das Exil, den menschlichen Hochmut, doch ein Verweis auf scheinbar Fernes. In der dritten Zeile fällt das Wort „Pogrom“, immer noch ein distanziertes Fremdwort. Doch die letzte Zeile der ersten Strophe verdeutlicht, was geschieht und wie unmittelbar es das tut: „riß man den Kopf ab“.

Die zweite Strophe führt dann fast in eine Idylle, die sich in der letzten Zeile ins Gegenteil verkehrt. Mit wenigen Worten weist Bobrowski auf das Grauen hin, aber auch darauf, daß es eigentlich unsagbar bleibt. Und trotzdem, oder gerade deswegen: „Leute, es möcht der Holunder / sterben / an eurer Vergeßlichkeit.“

2 Gedanken zu “Holunderblüte

  1. Der frühe Tod Bobrowskis, er war noch nicht einmal fünfzig, war ein großer Verlust für die deutsche Literatur. Nicht nur seine Gedichte, auch seine eindringliche und nachdenkliche Prosa lohnt eine Lektüre.

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