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Medizinethik oder: Warum soll das Baby leben?

Alberto Giubilini und Francesca Minerva haben den notwendigen nächsten Schritt in der Diskussion um die Ethik der Abtreibung nachvollzogen und fragen im „Journal of Medical Ethics”, warum ein neugeborenes Kind eigentlich leben darf. Wenn Kinder bis zur Geburt getötet werden dürfen, wie es in vielen Ländern der Fall ist, warum dann nicht auch nach der Geburt? Deswegen lehnen sie für die Tötung geborener Menschen auch den Begriff des Kindermordes ab und wollen ihn „nachgeburtliche Abtreibung” nennen. Die Zusammenfassung gibt einen Einblick in ihre Argumentation:

Abortion is largely accepted even for reasons that do not have anything to do with the fetus’ health. By showing that (1) both fetuses and newborns do not have the same moral status as actual persons, (2) the fact that both are potential persons is morally irrelevant and (3) adoption is not always in the best interest of actual people, the authors argue that what we call ‘after-birth abortion’ (killing a newborn) should be permissible in all the cases where abortion is, including cases where the newborn is not disabled.

Giubilini und Minerva brauchen für ihre These natürlich das passende Gerüst, und daher bauen sie auf einer utilitaristischen Moralvorstellung auf, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen Grundlage allgemeiner Regeln sein soll. In der Ökonomie geht man davon aus, daß Nutzen nur subjektiv sein kann und interpersonal nicht vergleichbar ist. Die Handlungen einer Person als Ausdruck ihres Nutzenkalküls gewähren einen bloß indirekten Einblick, der durch andere Einflußfaktoren, mehr aber noch durch die Unmöglichkeit, die Motive des anderen genau zu kennen, sehr getrübt ist. Aus diesem subjektiven Nutzenkalkül kann man logisch keine allgemeinen Regeln gewinnen. Der eng an ökonomische Vorstellungen anknüpfende Utilitarismus Giubilinis und Minervas hat diese erst hundert Jahre alte Erkenntnis noch nicht so richtig verarbeitet.

Das Problem drückt sich gleich in ihrer Definition des Rechts auf Leben aus. Ein Recht auf Leben hat für Giubilini und Minerva im Gefolge von Peter Singer nur ein solche Existenz, die ihrem eigenen Leben einen Wert beizumessen in der Lage ist, so daß das Ende ihrer Existenz einen bewußten Nutzenverlust für sie bedeuten würde. Eine Regel, die auch verallgemeinert keineswegs axiomatisch ist, auch wenn die Autoren sich bemühen, es so darzustellen: Eine notwendige Bedingung dafür, daß das Wesen Y ein Recht auf X habe, sei, so der Artikel, dass der Verlust von X für Y einen bewußten Nutzenverlust darstellen würde.

Ein Beispiel dafür wäre etwa: Wenn ich jemanden ein Gut Z stehle, ohne daß er es bemerkt, hat er keinen bewußten Nutzenverlust, also hat er auch kein Recht auf Z. Ergo war mein Diebstahl kein Eingriff in seine Rechte. Oder: Jemand, der sein Leben lang eingesperrt worden ist, so dass er ein anderes Leben gar nicht kennt und seine Freiheitsberaubung nicht als bewußten Nutzenverlust wahrnimmt, hat auch kein Recht auf diese Freiheit. Oder, noch kurioser: Wenn jemand daran glaubt, daß mit dem Tod alles aus ist, so bedeutet der Tod für ihn wohl vor seinem Eintritt einen potentiellen Nutzenverlust; glaubt jemand aber an ein Leben nach dem Tod, so wird der Tod möglicherweise als potentieller Nutzengewinn gesehen. Ein solcher Mensch, der in positiver Erwartung der Ewigkeit lebt, hat nach dieser Regel kein Recht auf Leben, da er das Ende seines Lebens nicht als bewußten Nutzenverlust empfinden würde. Woher die Exekutoren dieser Regel wissen, welches Nutzenkalklül ihre Opfer aufstellen oder aufstellen können, bleibt ein Rätsel. Es genügt anscheinend, dass die übrigen, von der Existenz des Wesens betroffenen, diese Existenz als Belastungen ihres eigenen Wohlergehens begreifen, und schließen, daß ihr Opfer wohl ohnehin keinen bewußten Nutzenverlust wahrnehme. Obwohl: In einer materialistischen Weltsicht kann der Tod ohnehin nicht als Nutzenverlust erfahren werden; ist der Tod da, ist die Existenz zu Ende; existiert man noch, ist man nicht tot. Selbst innerhalb ihres Systems ergibt also ihre „moralische Regel“ keinen Sinn.

„Herr, was ist der Mensch, dass du dich um ihn kümmerst, / des Menschen Kind, dass du es beachtest? Der Mensch gleicht einem Hauch, / seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.“ So heißt es in Psalm 144 bzw. 143 (Septuaginta). Der Ansatz Giubilinis und Minervas ist grundsätzlich verkehrt. Das Gebot des Lebens ergibt sich nicht aus besonderen Eigenschaften derjenigen Menschen, die sich ein „Recht auf Leben“ verdient haben. Es ist geradezu umgekehrt: Niemand hat sein Leben verdient; wir alle gleichen einem flüchtigen Windhauch; und genau deswegen steht es niemandem zu, anderen ihr Leben zu verweigern. Jeder, der anderen ihr Lebensrecht abspricht, muß sich fragen, warum gerade er selbst eines haben soll. Es ist die Grundlage menschlichen Zusammenseins in Freiheit, daß wir die grundlegendste Freiheit respektieren: Daß der andere leben darf. Und es zeigt sich im Umgang mit dem Leben derjenigen, die sich am wenigsten wehren können, der Kinder, der Greise, der Behinderten, der Kranken, wie frei, wie zivilisiert eine Gesellschaft ist. Jonah Goldberg kommentiert im National Review zu Recht:

„For a liberal society that loses its capacity to be disgusted by cold-blooded arguments for infanticide has lost its ability to sustain and nurture freedom itself.“

Mit einem haben die Autoren freilich recht: Worin der Unterschied zwischen dem Lebensrecht eine Stunde vor der Geburt und eine Stunde nachher bestehen soll, ist logisch kaum erklärbar. Allerdings ist genau das einer der Gründe, warum in vielen Ländern eine Abtreibung ohne medizinische Indikation eben auch nur am Beginn der Schwangerschaft möglich ist. Mir ist zwar die Verfügbarkeit über menschliches Leben, die hinter diesen Gesetzen steckt, zuwider. Doch nicht alle Befürworter einer grundsätzlichen Möglichkeit zur Abtreibung stehen vor der moralischen Frage, die sich Giubilini und Minerva stellen, befürworten eine rein ökonomische Abwägung zwischen dem Leben eines Ungeborenen und seiner Mutter etc.

Im angelsächsischen Raum wurde über diesen Artikel schon berichtet, und viele Menschen haben die Überlegungen der Autoren als abstoßend empfunden. Die Verteidigung des Herausgebers kommt dann sehr weinerlich daher. Da publiziert man einen Artikel, der bestimmten Menschen ihr Lebensrecht abspricht, und wundert sich, dass diese grundlegende Angriff auf die Humanität Widerspruch hervorruft. Demnächst wird das Journal of Medical Ethics wohl einen Artikel publizieren, warum man auch erwachsene Menschen mit Behinderung moralisch gerechtfertigt töten können soll, und sich dann aufregen, warum sich „intolerante Behindertenverbände” darüber beschweren.

[Update 4. März 2012, 11:22] Josef Bordat hat sich mit dem Thema satirisch befaßt – soweit das bei diesem Thema eben überhaupt geht …

[Update 4. März 2012, 21:43] Claudia Sperlich hat auf ihrem Blog einige tiefgehende Überlegungen zum Artikel von Giubilini und Minerva angestellt, wobei sich herausstellt, daß ich im Feuereifer einen Standpunkt der Autoren falsch interpretiert habe. Das Beispiel mit dem nicht bemerkten Diebstahl gibt ihre Position nicht wieder. Und warum? Das (und interessante Überlegungen zum Schadensbegriff) kann man bei Claudia Sperlich nachlesen.

8 thoughts on “Medizinethik oder: Warum soll das Baby leben?

  1. In der Tat zitiert die weinerliche Verteidigung auch wirklich abstoßende Kommentare (etwa den, daß einer der Autoren “aussieht wie ein Muslim” und daher seine Abtreibung richtig gewesen wäre – eine Behauptung, die sich moralisch genau auf dem gleichen Niveau befindet wie die These der beiden Wissenschaftler selbst). Solche Kommentare sind Wasser auf die Mühlen derer, die Abtreibungsgegner pauschal für Kliniken sprengende bigotte Dolme halten.
    Aber das sollte nicht ablenken. Tatsächlich ist der Artikel im Journal of Medical Ethics von keiner Sachkenntnis über die Folgen der Abtreibung bei der Mutter getrübt. Es wird behauptet, eine Abtreibung und auch der Mord an einem schon geborenen Kind sei “no harm”.
    Nun ist eine Abtreibung zunächst einmal ein erheblicher Eingriff. Selbst wenn die Mutter seelisch überhaupt nicht davon berührt würde, wäre die Operation für sie schmerzhaft und belastend. (Wer es nicht glaubt, möge sich ausmalen, daß man in seinem Unterleib mit einem Scharfen Löffel herumwühlt.)
    Dazu kommt die seelische Belastung der Mutter; sie besteht fast immer und in aller Regel für sehr lange Zeit, selbst wenn die Mutter aus eigenem Willen und nach Überlegung zugestimmt hat. Hiervon sprechen die beiden Wissenschaftler gar nicht.

    Und schließlich: Wo soll die Grenze sein? Dürfen Hirnverletzte, bei denen eine Wiederherstellung zweifelhaft ist, beseitigt werden? Oder körperlich und geistig gebrechliche Alte? Einstweilen noch nicht, aber der Weg wird wohl schon bereitet.

    • Die Art der widerwärtigen Kommentare, die zitiert werden, sind zwar leider im Internet gang und gäbe, aber trotzdem nicht zu verteidigen. Insofern beklagt sich Savulescu zurecht. Allerdings: Ob jemand, der trocken anderen Menschen ihr Lebensrecht abspricht, der richtige ist, um sich über diese im Vergleich dazu geringeren Rechtseingriffe seiner Kritiker aufzuregen, ist hinterfragbar. Und es wäre wohl noch bedenklicher, wenn die Menschen einfach mit den Schultern zuckten, wenn jemand Infantizid propagiert.

      Und ich kann nur rechtgeben: Der Artikel zeigt nur einen Denkschritt in einer Kette von Schritten, in denen das Lebensrecht nach Nutzenkalkülen umdefiniert und eingeschränkt werden soll. Peter Singer ist ja diese Schritte schon gegangen und hat etwa gemeint, Menschen wie seine demente Mutter seien nur noch eine “ehemalige Person”. Wenn das Lebensrecht freier Definition zugänglich ist, kann man ja jede beliebige Gruppe davon ausschließen.

  2. Wie Sie zu Recht schreiben, lieber Hollerbusch, kann man aus subjektiven Nutzenkalkülen keine allgemeinen Regeln gewinnen. Das haben seinerzeit bereits die britischen Idealisten T.H. Green und F.H. Bradley in ihrer Diskussion des Utilitarismus gezeigt.

    Instruktiv ist auch das Werk ihres Schülers R.G. Collingwoods, der (etwa in “The New Leviathan”) plausibel erklärt, weshalb der Utilitarismus die Wahrheit menschlichen Handelns verfehlt: weil er nämlich nur in Kategorien von Mitteln und Zwecken denken kann, aber weder regelgeleitetes noch pflichtgemäßes Handeln denken kann.

    Da er kein Absolutes kennt, das nicht Mittel-Zweck-Erwägungen unterworfen werden könnte, bewegt sich der Utilitarismus auf einer abschüssigen Bahn, wie der von Ihnen kommentierte Artikel nur allzu deutlich zeigt.

    • Danke für den Kommentar. Collingwood sollte ich jetzt endlich einmal studieren. Das habe ich mir schon einmal nach einem hochinteressanten Eintrag in Ihrem Notizbuch vorgenommen, in dem Sie Collingwood näher vorgestellt haben. Aber seither ist viel Wasser die Flüsse heruntergekommen. Was wäre da ein guter Einstieg? Gleich “New Leviathan”?

      • Der “New Leviathan” ist schon ein sehr guter Zugang zu Collingwoods Denken, allerdings – bedingt wohl durch Collingwoods schwere Krankheit und durch die Kriegssituation – azerbischer ausgefallen, als man dies von philosophischen Werken erwartet.

        Ins Politische gewendet legt er seine Kritik am Utilitarismus auch in den “Essays on Political Philosophy” dar, Darin findet sich übrigens auch eine (damals noch sehr seltene) lesenswerte philosophische Analyse ökonomischen Denkens.

        Mein persönlicher Favorit unter Collingwoods Büchern hat ein ganz anderes Thema, die 1938 erschienenen “Prnciples of Art”.

        Dringend abraten möchte ich von den Vorlesungsnachschriften, insbesondere von “The Idea of History”, Diese sind ermüdend repetetiv und weit weniger originell als die oben genannten Bücher.

  3. Danke für die wesentlich intellektuellere Behandlung dieses Artikel, als sie mir gelungen wäre…ich bin diesem absurden Ansatz eher mit Bauchgefühlen begegnet :-)

  4. Pingback: Savulescu: Die moralische Verpflichtung zur Tötung des unperfekten Kindes « Aus dem Hollerbusch

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