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Der Erbsen-Blindtest und die Entwicklungszusammenarbeit

„Randomisierte kontrollierte Studien“ sind komplizierte, aber höchst wirkungsvolle Tests, ob Medikamente, Düngemittel oder auch eine Verwaltungsreform funktionieren kann. Dabei wird in einer Gruppe die zu beobachtende Intervention durchgeführt, in der einer anderen nicht, oder eine bereits bekannte Intervention. Wo aber welche Intervention durchgeführt wird, bestimmt der Zufall, um Selektionseffekte zu vermeiden.

Früher wurde diese Technik vor allem in der Medizin verwendet, um die Wirksamkeit von Medikamenten zu testen. Heutzutage verwendet man das aber auch für ökonomische Fragestellungen, z.B. in der Entwicklungshilfe, wie die „Zeit“ vor einigen Monaten berichten konnte. So konnte man auf diesen Weg Mittel finden, um die Durchimpfungsrate in indischen Dörfern zu erhöhen, oder welche von vier Maßnahmen zur Polizeireform in Rajastan am wirkungsvollsten ist. Freilich muß man dabei auf der Hut sein, da man ja nur bereits vorgefertigte Interventionen testen kann, und die Ergebnisse gerade im Bereich der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in einem komplexen sozialen System erzielt werden, das möglicherweise zu Ergebnissen führt, deren wahre Ursachen nicht verstanden werden.

Ein überraschendes Ergebnis erzielte nun eine Studie über Saatgut in Tansania: Es gibt bei solchen „Randomisierten kontrollierten Studien“ nicht nur bei Medikamenten eine Art Placebo-Effekt. Schließlich wissen die beteiligten Menschen zumindest, daß sie an einer Studie teilnehmen. Im vorliegenden Fall wurde entweder normales oder spezielles Saatgut für Erbsen an Bauern ausgegeben. Zuerst wurde die Studie so durchgeführt, daß die Bauern erfuhren, welches Saatgut sie erhalten. Und – voilà! Das spezielle Saatgut brachte 20% mehr Ertrag. Was aber, wenn man allen Bauern erzählte, sie hätten das spezielle Saatgut erhalten? Dann steigt auch bei der Kontrollgruppe mit traditionellem, aber vermeintlich speziellem Saatgut die Ernte beträchtlich. Wie Angus zusammenfaßt:

In other words, the significant effect found in the traditional RCT was not due to better seeds, it was due to actions taken by the farmers who thought they were getting better seeds (they planted them in larger plots with more space between the plants on better quality land). These farmers’ expectations were wrong (in post experiment surveys, over 60% of them said they were disappointed in the yields), and the significant effect in the traditional RCT would not survive over time because the farmers, having adjusted their expectations downward would stop taking the actions that produced the “success”.

Solche Blindstudien sind halt in anderen Zusammenhängen ethisch durchaus bedenklich. Aber sie zeigen auch, daß manche Annahmen paternalistischer Entscheidungsträger einfach auf falschen Analysen beruhen, und wären auch in Europa interessant. Die Anreizstruktur für Politiker deutet aber eher in eine andere Richtung als Blindtests von Reformschritten.

(Dank Hinweis auf Marginal Revolution)

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