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Über Leichenberge zur Vollkommenheit

So ist es eigentlich immer: Für eine bessere Zukunft – für die Freiheit oder für den Sozialismus – müssen Opfer gebracht werden; es muss gestorben werden; die Menschheit klettert über Leichenberge auf den Gipfel irdischer Vollkommenheit.

Besser, als ich das jemals gekonnt hätte, illustriert der Morgenländer in einem quellenreichen Artikel, warum Gewalt zu den totalitären Heilsbewegungen wie dem Stalinismus als notwendiges Übel auf dem Weg zur perfekten Gesellschaft dazugehört, eine Einstellung, die schon am Vorabend der französischen Revolution von führenden Intellektuellen geteilt wurde. Selbst ein Kant war vor solchen Phantasien nicht gefeit, wie Morgenländers Text zeigt.

Das führt mich wiederum dazu zurück, warum man das stalinistische Blutbad nicht mit Machismo abtun kann, wie es neuerdings Jörg Barberowski tut.

Dostojewki hat in „Schuld und Sühne“ das Denken der russischen Radikalen in Gestalt des Raskolnikow typisiert zusammengefaßt, und, wie Bryan Caplan ausführt, damit ein anschauliches Beispiel für den Proto-Leninismus des 19. Jahrhundert verfaßt, wie er uns in den Schriften der russischen Radikalen auch tatsächlich begegnet. Dort wird regelmäßig die Notwendigkeit begründet oder als selbstverständlich angesehen, daß die Avantgarde zur Erreichung selbstdefinierter Ziele den Tod anderer Menschen in Kauf nimmt. Der einzelne Mensch wird, sofern er nicht der Avantgarde angehört, gering geschätzt, eine besondere Berücksichtigung seiner subjektiven oder objektiven Interessen, seiner Würde usw. ist nicht erforderlich. Die Folge solcher Überlegungen liegt auf der Hand:

When men like this gained power in Russia, they did precisely what you’d expect: treat mass murder like a panacea. This is the banality of Leninism.

One thought on “Über Leichenberge zur Vollkommenheit

  1. Lieber Hollerbusch,

    vielen Dank für die freundlichen Worte und die Verlinkung!

    Ihr Hinweis auf Dostojewski, der ja wirklich klarer als sonst jemand im 19. Jahrhundert gesehen hat, wohin die Reise ging, lädt zum Weiterdenken ein.

    Ich erinnere mich an eine sehr lesenswerte Studie von George Steiner, “Tolstoy or Dostoevsky: An Essay in Contrast”(1960), in der dieser Dostojewski als Denker der Freiheit darstellt und zeigt, dass dieses Denken seine Wurzeln in einem auf Christus zentrierten Glauben hat, während Tolstoi zum Propheten einer Selbsterlösung des Menschen wurde.

    Es kommt also wohl nicht von ungefähr, dass die Leninisten versuchten, Tolstois Werk zu vereinnahmen, während sie Dostojewski durch und durch feindselig gegenüberstanden.

    Herzliche Grüße
    Morgenländer

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