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Die Parallelwelt der 35-Stunden-Woche

Wenn man gar nicht mehr weiß, wie man reagieren soll, fällt man in alte, bewährte Verhaltensmuster zurück, auch wenn sie in der Situation keinen Sinn ergeben. So ähnlich scheint es der SPÖ zu gehen, die nun wieder über eine gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden diskutiert, wobei auch ein Verbot von Überstunden von einzelnen Funktionären gefordert wird. Das wenig erfolgreiche Beispiel Frankreichs ist kaum abschreckend, siehe den Einleitungssatz. Wie grotesk diese Forderung für jemanden ist, der gleichzeitig gegen Teilzeitarbeit kampagnisiert, also gegen eine freiwillige Arbeitszeitverkürzung, sei nur nebenbei erwähnt.

Der erste Fehler, der dahinter steckt, ist die einfache Expolation eines Trends der Vergangenheit in die Zukunft. Freilich eines Trends, der erst im 19. Jahrhundert so richtig beginnt, denn vorher schwankte bei weiten Teilen der Bevölkerung in Europa die Arbeitszeit jahreszeitbedingt, und eine Vielzahl religiöser Feste ermöglichte etwas, was man heute „work-life-balance“ nennen würde. Mit der industriellen Revolution und der Aufklärung änderte sich das. Die Fabrik funktionierte das ganze Jahr, und die religiösen Festtage wurden nicht mehr beachtet, hielten sie doch den vernünftigen Menschen nur unnötig von der Arbeit ab. Oder so ähnlich. Kombiniert mit einem Arbeitskräfteüberschuß durch Umwälzungen in der Landwirtschaft, Gesundheitspflege und Bildung konnte der Unternehmer die Arbeitsbedingungen relativ frei definieren. 60 oder 70 Arbeitsstunden pro Woche waren damals in Fabriken durchaus möglich, andernorts arbeitete man auch weniger.

Das Konzept der Effizienzlöhne war damals noch nicht bekannt, aber manche Unternehmer erkannten, daß ausgeruhte und relativ besser bezahlte Arbeiter produktiver und loyaler sind. Andere erkannten das nicht, und einige Berichte über Arbeitsbedingungen in den schlimmsten Fabriken jener Zeit stellen alles weit in den Schatten, was man heutzutage so über Arbeitsbedingungen in China oder Thailand liest.  Doch das änderte sich bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts, als sich die Machtpositionen verschoben hatten, die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer indirekt über ihren Einfluß auf die Politik, direkt durch eine Veränderung des Arbeitsmarkts stieg. In fast allen industrialisierten Ländern sanken die faktischen Wochenarbeitszeiten auf etwa 50 Stunden, und dann im Laufe des 20. Jahrhunderts auf etwa 40 Stunden. Dieser letzte Übergang war in der Regel von der Einführung einer Fünf-Tage-Arbeitswoche begleitet, so daß die Tagesarbeitszeit gleich blieb. Dabei war es in vielen Ländern so, daß die überwiegende Zahl der Betriebe bereits faktisch auf die niedrigere Stunden-Woche umgestellt hatte, bevor eine gesetzliche Regelung erfolgt war. So ein Generaltrend zu weiter kürzeren Arbeitszeiten ist aber in den letzten Jahren nicht mehr festzustellen.

Der zweite Fehler: Doch das Konzept der starren Arbeitswochen in Betrieben, die strikt vom Privatleben getrennt sind, dieses Konzept, das erst mit der industriellen Revolution entstanden ist, löst sich zunehmends auf. Menschen wollen vermehrt verschiedene Teilzeitmodelle, Blockarbeitszeiten verbreiten sich, und Gleitzeit ist in vielen Branchen Standard geworden. Manche leisten viele Überstunden in der Hoffnung auf Karriere oder weil sie ganz einfach das Geld brauchen; andere  schalten zurück, nehmen sich ein Sabbatical. Teleworking hat seine lichten und dunklen Seiten, aber es breitet sich aus, ebenso andere Formen der Arbeit von zu Hause oder jedenfalls von einem anderen Ort als dem Betrieb, und das nicht nur in der Privatwirtschaft, sondern auch im öffentlichen Dienst. Mit dieser Zerfaserung der früher starreren Verhältnisse – wenngleich sie nie so starr waren, wie man im Rückblick meint –, scheint so eine Diskussion an der Lebenswirklichkeit einfach vorbeizulaufen, in irgendeiner Parallelwelt stattzufinden.

A propos Parallelwelt: Der leitende ÖGB-Sekretär Bernhard Achitz will zuerst Überstunden verteuern, um gleich danach festzustellen, daß ein Viertel aller geleisteten Überstunden unbezahlt sei. Was wird also wohl bei teureren Überstunden passieren? Hm.

Der dritte Fehler: Oft steckt hinter der Forderung eine simple Mathematik, á la „Es gibt so viele Arbeitsstunden, dividieren wir die durch weniger Stunden pro Arbeitskraft kommen mehr Beschäftigte heraus.“ Aber so einfach lässt sich die Arbeit einer Person eben nicht umverteilen. Da geht es um Know-How, um Vertrauen, um Auslastung, aber auch um die notwendige Größe. Selbst ein größerer Betrieb wird nicht statt zwei drei Lohnverrechner beschäftigen können, oder statt drei vier Schlosser, weil die Arbeitszeit offiziell verkürzt wurde. Was tatsächlich geschieht, konnte man z.B. in Frankreich beobachten: Es werden mehr Überstunden gemacht; das wurde dort sogar als Erfolg verkauft, weil Überstunden steuerlich begünstigt sind.

Damit hängt auch der vierte Fehler zusammen, der Glaube, daß die Arbeitszeitverkürzung die Wirtschaft stimulieren würde. Am besten bei „vollem Lohnausgleich“, was gar keinen Ausgleich meint, sondern eine Erhöhung des Stundenlohns. In einer Volkswirtschaft mit eigener Währung kein Thema, durch lohninduzierte Inflation wird der angebliche „Lohnausgleich“ bald hinweggerafft. In einer Währungsunion allerdings absurd, da die Produktivität durch eine Arbeitszeitverkürzung meistens kurzfristig steigt – weil unproduktivere Tätigkeiten eliminiert werden –, aber nicht so stark wie der Lohnausgleich. Die Arbeitsplätze werden im Durchschnitt also zu teuer, die Produktion gegenüber anderen Ländern nicht mehr wettbewerbsfähig. Ein Befürworter der 35-Stunden-Woche, Andrew Wyatt, konstatiert für Frankreich, daß man eine Mischung aus höherer Produktivität, niedriger Produktion und höherer Beschäftigung (im  Vergleich zum Trend) sehen könne. Er muß aber selbst zugeben, daß der Beschäftigungsschub nur temporär war, und Frankreich bald darauf hinter den Durchschnitt der EU-15 zurückfiel, Hand in Hand mit der relativ gesunkenen Gesamtproduktion.

Und trotzdem taucht das Gespenst der 35-Stunden-Woche verläßlich wieder auf, wenn wieder ein scheinbar soziales Thema gesucht wird. Besser wird es davon aber nicht.

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