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Ungeübte US-Beobachter in der „Presse“

Ein kleines Beispiel dafür, wie wenig die österreichische Berichterstattung über andere Länder ernstzunehmen ist, lieferte vor kurzem wieder einmal die „Presse“, die einfach Klischees aus den Wahlkampftexten der Demokraten aneinanderreiht, um damit einen Artikel zu füllen. Alleine die Vermutung, daß Romneys Haltung zur Abtreibung – die in den Vorwahlen der Republikaner immer wieder als möglicherweise zu lasch hinterfragt wurde – automatisch zu einem Problem mit weiblichen Wählern führen würde, entspringt im wesentlichen Wunschvorstellungen demokratischer Strategen. In den USA ist die Ablehnung bzw. Zustimmung zur Abtreibung bei Männern und Frauen etwa gleich, und das Thema ist bei Menschen, die von der Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens ausgehen, grosso modo bei der Wahlentscheidung bedeutender als bei Befürwortern der Abtreibung. Außerdem gibt es keine monolithische Männer- oder Frauenwählerschaft; dazu sind die Interessen der so von Politstrategen zusammengefaßten Gruppen einfach zu vielschichtig.

Wie wenig Zeit der „Presse“-Journalist in die Recherche gesteckt hat, beweist folgender Absatz:

 Romney tritt immer wieder in Fettnäpfchen, die ihn bei Frauen unbeliebt machen. So erklärte er zuletzt stolz, die staatliche Organisation „Planned Parenthood”, die sich um die Gesundheitsvorsorge bei Frauen kümmert, „werden wir los.” Die Reaktion empörter Mitarbeiterinnen: „Damit vernichtet er eine Organisation, die jährlich drei Millionen Menschen auf Krebs untersucht und bei Verhütung berät.” Auf der Website der Einrichtung wurde der Politiker sogar als „Trottel” beschimpft.

Auf die unsinnige Annahme, die dem ersten Satz zu Grunde liegt, bin ich schon eingegangen. Dann erklärt der Redakteur „Planned Parenthood“ zu einer staatlichen Einrichtung, was so eindeutig falsch ist, daß es schon wieder zum Schmunzeln ist. Die Organisation beschäftigt sich auch nur am Rande mit Gesundheitsvorsorge, sondern mit der Durchführung von Abtreibungen während aller Stadien der Schwangerschaft. So war es auch die Intention der Gründerin Margaret Sanger, die damit vor allem erreichen wollte, daß weniger Kinder der „Untauglichen“ und mehr genetisch gut ausgestattete Kinder auf die Welt kämen. Und untergriffige Beschimpfungen sind in den USA im politischen Diskurs üblich. Von „sogar als Trottel“ kann daher für den geübten USA-Beobachter keine Rede sein. Geübter US-Beobachter – das ist der ungenannte Presse-Redakteur jedenfalls nicht.

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6 thoughts on “Ungeübte US-Beobachter in der „Presse“

  1. Zitat: Die Organisation beschäftigt sich auch nur am Rande mit Gesundheitsvorsorge, sondern mit der Durchführung von Abtreibungen während aller Stadien der Schwangerschaft./Zitat

    Ein ganz klein wenig Recherche (eintippen einer Suchanfrage und zwei Klicks) hätten Sie davor bewahrt obigen, völlig falschen Satz zu veröffentlichen. Im englischsprachigen Wiki, das ja auch von den selbst ernannten Lebensschützern im Auge behalten wird, steht folgendes zu lesen:

    In 2009, Planned Parenthood provided 4,009,549 contraceptive services (35% of total), 3,955,926 sexually transmitted disease services (35% of total), 1,830,811 cancer related services (16% of total), 1,178,369 pregnancy/prenatal/midlife services (10% of total), 332,278 abortion services (3% of total), and 76,977 other services (1% of total), for a total of 11,383,900 services.[7][35][37][38][39][40] The organization also said its doctors and nurses annually conduct 1 million screenings for cervical cancer and 830,000 breast exams.

    Am Rande, so wie Sie das behaupten, beschäftigt sich PP mit Abtreibungen (3%). Die grosse Masse der Dienste sind Gesundheitsleistungen, vor allem für vom heiligen Kapitalismus ausgegrenzte Arme, die sich in “gods own country” noch nicht einmal eine ordentliche Krebsvorsorge leisten können, geschweige denn eine wirksame Krebstherapie.

    • Die Statistik ist bekannt, aber kreativ. Wenn jemand wegen einer möglichen Abtreibung zu Planned Parenthood kommt, wird jeder Schritt vor der eigentlichen Abtreibung als eigene Leistung gewertet, von der Untersuchung des Mutterleibs bis zum Test auf Geschlechtskrankheiten. Selbst bei dieser kreativen Buchführung bleibt es aber nicht verborgen, daß Planned Parenthood zwei Fünftel der Einnahmen seiner Kliniken aus Abtreibungen schöpft (die Zahl findet sich im Wikipedia-Artikel, dort aber dann prozentuell auf die Gesamteinnahmen umgelegt), und trotz schrumpfenden Markts (die Zahl der Abtreibungen geht in den USA zurück) durch aggressive Geschäftspolitik steigende Fallzahlen verzeichnen kann. Zur aggressiven Geschäftspolitik gehört z.B. auch absolute Vertraulichkeit auch in Fällen, in denen eine gesetzliche Anzeigepflicht z.B. wegen des Verdachts auf Vergewaltigung bestünde. So wurden Fälle bekannt, in denen minderjährige Mädchen Opfer sexueller Gewalt wurden, und ihr Peiniger dann eine Abtreibung angeordnet und bezahlt hat – von Planned Parenthood ohne Fragen durchgeführt. 2009 endete jedenfalls die Behandlung von 97,6% aller schwangeren Frauen, die zu PP kamen, mit einer Abtreibung; nur 2,4% erhielten vorgeburtliche Pflege und/oder wurden an Adoptionsdienste weiterverwiesen.

      Ein anderer Trick, um die Fallzahlen zu erhöhen, wurde im Zuge der Kontroverse um die Susan G. Komen-Stiftung bekannt. Planned Parenthood wirbt um politische Unterstützung mit ihrer Brustkrebsvorsorge. Dumm nur, daß sie selbst gar keine Mammographien vornehmen, sondern bloß Überweisungen ausstellen. Jede natürlich eine eigene Leistung.

      Wenn sie sich mit dem US-Gesundheitssystem näher beschäftigen, werden sie auch merken, daß die Armen mittels Medicaid aufgefangen werden, und zusätzlich zahlreiche Wohlfahrtsverbände sich um diese kümmern. Probleme mit der Finanzierung ihrer Gesundheitsversorgung haben vor allem die Menschen, die eben nicht mehr arm sind, denen aber eine echte Gesundheitsversicherung vergleichsweise teuer kommt. Warum Obamacare daran wenig zum Positiven ändert, ist aber ein Thema für ein anderes mal.

  2. Die Statistik ist bekannt, aber kreativ…

    … und warum sollte dann irgendjemand an Ihre Zahlen glauben? Sie beschreiben ja sogar Ihre eigene Kreativität bei der Auslegung der Zahlen.

    Um einen berühmten Deutschen zu zitieren: No! I am not convinced!

    Aber es geht Ihnen ja gar nicht darum andere zu überzeugen. Es geht um Propaganda. Angeblich “für das Leben”. In Wahrheit gegen Frauen. Macht nix. Frauen waren noch nie auf so gutem und sicheren Weg der Gesundheitsvorsorge wie heute (Stichwort perinatale Sterblichkeit) und sie werden sich das von den alten Männern im Vatikan und anderswo nicht wegnehmen lassen.
    Der bittere Witz an der Sache ist, dass die ganzen Lebensschützern, die auf Teufel komm raus Leben schützen wollen, dabei so kontraproduktiv sind, dass sie mehr Schaden als Nutzen bringen. Leben schützen geht nur MIT den Frauen. Leben schützen gegen den Willen der Frauen, das hat schon Nicolae Ceaușescu mit seiner Brutalo-Inquisition des Dekret 770 nicht geschafft.

    Ich weiß, ich rede in den Wind, weils ohne Strafe im Katholizismus nicht geht, aber wenn jemandem wirklich an der Senkung der Zehl der Schwangerschaftsabbrüche liegt, dann sollte er Organisationen wie PP oder pro familia unterstützen und nicht bekämpfen. Die schaffen nämlich Sicherheit für Frauen und NUR, wenn Frauen sicher sind, sind auch Kinder sicher. Egal ob im Bauch oder an der Hand der Mutter. Aber dann sind sie für Lebensschützer ja uninteressant. Dann gehts ja nicht mehr um die Frauen. Schade eigentlich.

    • Schade eigentlich, daß sie der Propaganda aufsitzen, Abtreibung wäre “Gesundheitsvorsorge” und im “Interesse der Frauen”. Und zu Sätzen wie “weils ohne Strafe im Katholizismus nicht geht” kann ich nur den Kopf schütteln. Klischee pur, und hier mehr ein rhetorischer Ausfallschritt, der vom Thema ablenken soll. Warum Abtreibungen Sicherheit für Frauen schaffen (ich würde eher verstehen, wenn sie Sicherheit für Männer postulierten), und dadurch Sicherheit für Kinder, deren Lebensende ja der Sinn der Abtreibung ist, kann ich nicht ganz verstehen. Außer, sie sind so zynisch und meinen die Sicherheit der Kinder, eben nicht mehr zu leben.

  3. Schade eigentlich dass Sie der Propaganda aufsitzen, man könnte Schwangerschaftsabbrüche einfach so verringern, indem man Organisatonen wie PP oder pro familia bei der Arbeit hindert, oder sie gar unmöglich macht.
    Auf dem gleichen Fehlschluss beruht die Annahme, dass vernünftiger, nämlich frühzeitiger und umfassender Sexualkundeunterricht Kinder und Jugendliche verderben würde, oder gar zu mehr Abbrüchen führen würden.
    Die Amerikaner mussten mit ihren “abstinence only!” Programmen (das krasse Gegenteil von Sexualkundeunterricht!) der Ära Bush da bittere Erfahrungen machen, weil genau diese Programme Teenagerschwangerschaften in die Höhe schnellen ließen.
    Wie gesagt, indem sie Sicherheit für Frauen schaffen, verringern diese Organisationen die Anzahl von Frühschwangerschaften und Abbrüchen. In den frömmsten Ländern gibts die meisten Teeniemütter. Und Abbrüche. Sollten Sie mal drüber nachdenken.

    Und dass die Katholische Kirche eine Änderung des Strafrechtsparagrafen 218 entsprechende fordert sollten doch sogar Sie wissen. Oder haben Sie noch nie eine Predigt zu dem Thema gehört, zum Beispiel von Laun?

    • Danke, daß sie dargelegt haben, was sie mit ihrem Satz im vorigen Kommentar gemeint haben, auch wenn ich ihren Prämissen nicht zustimme. Ihre unfundierten persönlichen Anwürfe im ersten Satz und ihre ausführliche Diskussion des Sexualkundeunterrichts tragen zwar nichts mehr zur Frage bei, ob der Presse-Artikel korrekt recherchiert war; ich möchte aber doch kurz antworten: Thema meines Artikels war weder pro familia (es ging doch um die USA, nicht Dtld) noch eines der anderen Themen, zu denen sie schreiben. In den USA geht es im politischen Diskurs um die Frage, ob die private Einrichtung PP Steuergelder erhalten soll und, damit zusammenhängend, ob sie korrekt handeln. Ob tatsächlich die Frau und ihr Kind im Mittelpunkt stehen, oder das finanzielle Interesse von PP. Die Zahlen der letzten Jahre sprechen da doch eine deutliche Sprache.

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