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Bad Religion


Ross Douthat, u.a. Kolumnist und Blogger in der New York Times, hat vor kurzem ein interessantes Buch veröffentlicht: „Bad Religion“. Eigentlich ist es ein zutiefst amerikanisches Buch, das sich mit der schwindenden Kraft der christlichen Hauptströmungen in den USA und dem Aufstieg des evangelikalen Fundamentalismus einerseits und eines deformierten, Zeitgeist-orientierten Lebenshilfe-Glaubens andererseits beschäftigt, die sich beide christlich nennen, nicht zu vergessen das „Evangelium des Reichtums“, das in den USA ebenfalls populär geworden ist. Die Gesellschaft der USA ist christlich geprägt, christlicher wohl als Deutschland oder Österreich, aber es sind dabei Spielarten christlichen Glaubens dominant, die vom christlichen Kern – den Douthat ökumenisch-inklusiv definiert – weit entfernt sind, so die These seines Buches. Dadurch würde der moralische Kompass nicht mehr funktionieren, der innere Zusammenhalt im Land schwinden.

Diese Analyse hat aber auch für Österreich und Deutschland einige Berechtigung. Der innere, von Spitzenfunktionären geradezu betriebene Zerfall der großen Kirchen, das Aufstreben selbstgestrickter Glaubenssysteme, die unter dem Schirm eines vorgeschützten Relativismus gedeihen, die Verinselung der Gesellschaft: Das gibt es wohl auch bei uns. Nur läuft der moderne Ersatzglaube in Österreich nicht unbedingt unter dem Begriff „christlich“, auch wenn die verwendeten Wertvorstellungen christlich geprägt sind. Das macht die Situation umso fragiler, weil die viel beschworenen Werte eigentlich ohne Begründung auskommen müssen. Ross Douthat hat ähnliches für den säkularen Progessivismus amerikanischer Prägung festgestellt, wie er in einem Eintrag bei Slate ausführt:

But when I look at your secular liberalism, I see a system of thought that looks rather like a Christian heresy, and not necessarily a particularly coherent one at that. In Bad Religion, I describe heresy as a form of belief that tends to emphasize certain elements of the Christian synthesis while downgrading or dismissing other aspects of that whole. And it isn’t surprising that liberalism, which after all developed in a Christian civilization, does exactly that, drawing implicitly on the Christian intellectual inheritance to ground its liberty-equality-fraternity ideals.

Indeed, it’s completely obvious that absent the Christian faith, there would be no liberalism at all. No ideal of universal human rights without Jesus’ radical upending of social hierarchies (including his death alongside common criminals on the cross). No separation of church and state without the gospels’ “render unto Caesar” and St. Augustine’s two cities. No liberal confidence about the march of historical progress without the Judeo-Christian interpretation of history as an unfolding story rather than an endlessly repeating wheel. […]

Say what you will about the prosperity gospel and the cult of the God Within and the other theologies I criticize in Bad Religion, but at least they have a metaphysically coherent picture of the universe to justify their claims. Whereas much of today’s liberalism expects me to respect its moral fervor even as it denies the revelation that once justified that fervor in the first place. It insists that it is a purely secular and scientific enterprise even as it grounds its politics in metaphysical claims. (You will not find the principle of absolute human equality in evolutionary theory, or universal human rights anywhere in physics.) It complains that Christian teachings on homosexuality do violence to gay people’s equal dignity—but if the world is just matter in motion, whence comes this dignity? What justifies and sustains it? Why should I grant it such intense, almost supernatural respect?

Das ist eine Debatte, die bei uns allerdings kaum stattfindet, währenddessen Politiker und andere Protagonisten die Begründung durch das Beschworen gemeinsamer europäischer Werte und andere Luftschlösser ersetzen wollen. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob wir diese Debatte offen führen können, weil sie leicht in Richtung eines schrankenlosen Utilitarismus münden könnte.

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