Heute wird am Oktavtag von Maria Himmelfahrt in der Kirche das Fest „Maria Königin“ begangen — ein äußerst junges Fest, hat es doch Papst Pius XII. erst 1954 im Marianischen Jahr für die weltweite Kirche eingeführt, damals für das Ende des Marienmonats Mai. Erstmals wurde Maria Königin 1955 begangen, um 1969 im Zuge der Reform des liturgischen Kalenders auf den 22. August verlegt zu werden.
Der Festinhalt ist freilich bedeutend älter, und schöpft einerseits aus der Bestätigung Mariens als Gottesmutter beim Konzil von Ephesus, andererseits aus der Würdigung Mariens durch Elisabeth im Lukas-Evangelium – „Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ –, dem lukanischen Magnifikat und der Identifikation der Frau, die in Kapitel 12 der Offenbarung des Johannes genannt wird, mit Maria. Dort heißt es bekanntlich:
Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.
In der Enzyklika „Ad Caeli Reginam“ Papst Pius’ XII. werden eine ganze Reihe frühchristlicher Autoren erwähnt, die aus der besonderen Rolle Mariens als Mutter des Herrn ihre Ehrung als Königin oder Herrscherin ableiten, wie Origines, Ephrem der Syrer, Gregor von Nazianz; der Text zitiert auch päpstliche Zeugnisse ab Papst Martin I. (600-655), die den Königstitel verwenden. Hier auf Kathtube gibt es übrigens eine inoffizielle deutsche Fassung der Enzyklika als Word-Dokument.
In den Liturgien des Ostens wie des Westens ist ihr Königstitel schon seit Jahrhunderten in Gebrauch, und die Gebete des „Salve Regina“ (aus dem 11. Jahrhundert) und des „Regina Coeli“ zeugen von der weiten Verbreitung des Ehrentitels Mariens unter den Gläubigen; ebenso die zahlreichen Darstellungen von der Krönung Mariens in Altären und Gemälden, die bis in die Frühgotik zurückreichen.
Papst Pius XII. betont in der Enzyklika freilich, daß das Königtum Mariens ein abgeleitetes ist. Wie man sich vor einer Herabwürdigung der Gottesmutter hüten sollte, so sollte man es auch vor einer Überhöhung tun. So heißt es in Kapitel 39:
Es ist sicher, daß Jesus Christus als alleiniger Gott und Mensch im vollen, eigentlichen und absoluten Sinn König ist; dennoch nimmt auch Maria an seiner königlichen Würde teil, obschon in einer begrenzten und analogen Weise, da sie die Mutter Christi war, der Gott ist, und weil sie dem Werke des göttlichen Erlösers beigegeben ist in seinem Kampf gegen die Feinde und in seinem Triumph, den er über sie alle davontrug. Wahrlich erreicht sie durch diese Vereinigung mit Christus, dem König, eine so erhabene Würde, dass sie den Rang aller geschaffenen Dinge überragt; aus dieser gleichen Vereinigung mit Christus fließt jene königliche Vollmacht, die Schätze des Reiches des göttlichen Erlösers auszuteilen; diese gleiche Vereinigung mit Christus ist schließlich die Quelle der unausschöpflichen Wirksamkeit ihrer mütterlichen Fürsprache beim Sohne und beim Vater.
Auch das II. Vatikanum betont in „Lumen Gentium“ das Königtum Mariens:
59. Da es aber Gott gefiel, das Sakrament des menschlichen Heils nicht eher feierlich zu verkünden, als bis er den verheißenen Heiligen Geist ausgegossen hatte, sehen wir die Apostel vor dem Pfingsttag „einmütig in Gebet verharren mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern“ (Apg 1,14) und Maria mit ihren Gebeten die Gabe des Geistes erflehen, der sie schon bei der Verkündigung überschattet hatte. Schließlich wurde die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt, nach Vollendung des irdischen Lebenslaufs mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht, um vollkommener ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein, dem Herrn der Herren (vgl. Offb 19,16) und dem Sieger über Sünde und Tod.
Aber auch die rechte Sicht auf Maria wird herausgearbeitet:
60. Ein einziger ist unser Mittler nach dem Wort des Apostels: „Es gibt nämlich nur einen Gott und nur einen Mittler Gottes und der Menschen, den Menschen Christus Jesus, der sich selbst als Erlösung für alle gegeben hat“ (1 Tim 2,5-6). Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen aber verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft. Jeglicher heilsame Einfluß der seligen Jungfrau auf die Menschen kommt nämlich nicht aus irgendeiner sachlichen Notwendigkeit, sondern aus dem Wohlgefallen Gottes und fließt aus dem Überfluß der Verdienste Christi, stützt sich auf seine Mittlerschaft, hängt von ihr vollständig ab und schöpft aus ihr seine ganze Wirkkraft. Die unmittelbare Vereinigung der Glaubenden mit Christus wird dadurch aber in keiner Weise gehindert, sondern vielmehr gefördert. [ … ]
66. Maria wird, durch Gottes Gnade nach Christus, aber vor allen Engeln und Menschen erhöht, mit Recht, da sie ja die heilige Mutter Gottes ist und in die Mysterien Christi einbezogen war, von der Kirche in einem Kult eigener Art geehrt. Schon seit ältester Zeit wird die selige Jungfrau unter dem Titel der „Gottesgebärerin“ verehrt, unter deren Schutz die Gläubigen in allen Gefahren und Nöten bittend Zuflucht nehmen. Vor allem seit der Synode von Ephesus ist die Verehrung des Gottesvolkes gegenüber Maria wunderbar gewachsen in Verehrung und Liebe, in Anrufung und Nachahmung, gemäß ihren eigenen prophetischen Worten: „Selig werden mich preisen alle Geschlechter, da mir Großes getan hat, der da mächtig ist“ (Lk 1,48). Dieser Kult, wie er immer in der Kirche bestand, ist zwar durchaus einzigartig, unterscheidet sich aber wesentlich vom Kult der Anbetung, der dem menschgewordenen Wort gleich wie dem Vater und dem Heiligen
Geist dargebracht wird, und er fördert diesen gar sehr. Die verschiedenen Formen der Verehrung der Gottesmutter, die die Kirche im Rahmen der gesunden und rechtgläubigen Lehre je nach den Verhältnissen der Zeiten und Orte und je nach Eigenart und Veranlagung der Gläubigen anerkannt hat, bewirken, daß in der Ehrung der Mutter der Sohn, um dessentwillen alles ist (vgl. Kol 1,15-16) und in dem nach dem Wohlgefallen des ewigen Vaters die ganze Fülle wohnt (Kol 1,19), richtig erkannt, geliebt, verherrlicht wird und seine Gebote beobachtet werden.
So dürfen wir an diesem Fest an die große Gnade Gottes denken, die an Maria unseren Verstand übersteigendes gewirkt hat, an die krönende Erfüllung der Hingabe Mariens an Gott, und daran, daß uns Maria einen Weg zu ihrem Sohn eröffnet.