Ein digitaler Lesesaal

Die Österreichische Nationalbibliothek hat gemeinsam mit Google bislang 100.000 Bücher digitalisiert und online verfügbar gemacht. Weitere 500.000 sind in der Warteschlange, darunter die kostbaren Werke aus dem Prunksaal am Wiener Josefsplatz.

Ereignisse wie der Brand der der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar oder der Einsturz des Kölner Stadtarchivs machen bewußt, wie flüchtig und vergänglich die überlieferten Bücher sind. Doch nur ein Teil davon ist als Faksimile oder Nachdruck verfügbar, manches nicht einmal aufgearbeitet. Durch die Digitalisierung – und hoffentlich folgende Abspeicherung durch viele interessierte Leser – werden die Chancen vergrößert, daß ein Werk auch kommenden Generationen verfügbar bleibt.

Die Österreichische Nationalbibliothek ist eine der führenden Bibliotheken bei der Digitalisierung, und stellt beispielsweise zahlreiche alte Tageszeitungen online unter anno.onb.ac.at zur Verfügung, darunter viele Blätter des 19. Jahrhunderts, oder Reichsgesetzblätter und andere Rechtstexte aus der Monarchie und danach unter alex.onb.ac.at. Mehr Links kann man im Digitalen Lesesaal finden.

Außerdem arbeitet die Nationalbibliothek bei der Plattform europeana mit, in der sich zahlreiche Institutionen zusammengeschlossen haben, um verschiedenste Werke digitalisiert zur Verfügung zu stellen. So habe ich schon einige alte Drucke gefunden und im Original lesen können, für dich ich früher wohl eine größere Reise hätte unternehmen müssen – und sie folglich gar nicht gelesen hätte.

Die digitale Revolution ist als Mittel, um historische Werke zugänglich zu machen, ja sogar überhaupt zu erhalten, nicht zu unterschätzen. Gut, daß die Nationalbibliothek unter Johanna Rachinger da in vorderster Reihe mitmacht.

Gruß dem Kränzchen

Der 1. Mai war ein wunderschöner Tag, und so bin ich in der richtigen Stimmung für ein Naturgedicht, das zwar nicht ganz zum Mai paßt, aber mir eben untergekommen ist:

Es hegt ein blühender Garten
Viel zarte Blümelein;
Der Herr tut ihrer warten
Mit Tau und Sonnenschein.

Und all’ die blühenden Kronen
Umzieht ein grüner Hag,
Drin Nachtigallen wohnen
Mit süßem Sang und Schlag.

Auch sind sie treuen Händen
Zur Pflege anvertraut;
Mit schützenden Geländen
Sind milde sie umbaut.

Jüngst weht’ aus weiter Ferne
Ein herbstlich Blatt der Wind
Recht zwischen die blühenden Sterne
Und dreht’s im Kreise lind.

Da singen die Nachtigallen
Und duften die Blümelein;
Wohl muß es dem Blatte gefallen:
Es sieht ja den Lenz sich erneun.

Aus Blumenkelchen leise
Ein Lied nun aufwärts schwebt,
Das ist – ach! dieselbe Weise,
Die es gerauscht, gebebt,

Als noch das Nest der Taube
Gedeckt sein junges Grün
Und lieblich durch die Laube
Ihm Maiensonne schien. –

Doch daß es weiter reise,
Trägt es ein Hauch hinweg,
Und Tränen perlen leise
Auf seinen einsamen Steg.

Und nimmer wird’s vergessen
Das Kränzlein, in das es einst fiel,
Bis dort an den Cypressen
Ihm winkt sein Reiseziel.

– Louise Hensel
(Quelle: Zeno.org)

Louise Hensel (*1798 † 1876) ist eine namentlich wenig bekannte Dichterin, obwohl ihr Nachtgebet „Müde bin ich, geh zu Ruh’“ auch heute noch weit verbreitet ist. Hensel war eine Wahrheitssucherin, und ließ sich dabei von den Konventionen ihrer Zeit nicht zurückhalten. Ebenso war sie eine begeisterte und begeisternde Dichterin, die im Laufe ihres Lebens viele kurze und längere Gedichte hauptsächlich religiösen Inhalts verfaßte. Clemens Brentano war ebenso in sie verliebt wie später Wilhelm Müller, sie selbst wiederum war dem preußischen Politikers Ernst Ludwig von Gerlach verbunden. Übrigens sorgte Brentanos Liebe zu ihr dafür, daß er sich intensiv mit dem Glauben beschäftigte, wie es sich dann in seinen späteren Werken niederschlug. Mit 20 Jahren trat sie zum katholischen Glauben über, war später mit der Mystikern Anna Katharina Emmerick befreundet – die 2004 selig gesprochen wurde – und arbeitete als Lehrerin und in karitativen Projekten, wie man heute wohl sagen würde.

In eigener Sache

In den letzten Wochen und Monaten hat es hier ein recht hohes Blog-Tempo gegeben. Das hat zwar einerseits dafür gesorgt, das die Vielfalt an Beiträgen hoch war – und dadurch vielleicht auch für mehr Menschen etwas Interessantes dabei – , hat aber dafür auch Kraft und Zeit gekostet. Kraft und Zeit, die ich in den […]

Keith Richards First Law of Delinquency

Die Episode um einen jugendlichen „Youth Crime Commissioner“ im britischen Kent, der dann wegen inkriminierter Tweets zurücktreten mußte, ist an und für sich unerheblich. Die 17jährige ist dabei aber in die Mühlen des Erregungsjournalismus geraten, der regelmäßig neue Opfer braucht. Man kann nur hoffen, daß dieses kurze nationale Gewitter sie nicht aus der Bahn wirft.

Rafael Behr hat im britischen linken Traditionsblatt „Observer“ daraus ironisch-korrekte Schlüsse gezogen, die er „The Rules“ nennt, wie z.B. „Keith Richards First Law of Delinquency“:

Teenage behaviour is publicly acceptable in anyone apart from teenagers. […] Indulgence of youth increases in inverse proportion to the youth of the indulged.

Oder „Lydon’s Paradox“:

It is better to have flirted with riot and survived than to have avoided it altogether. Hence, there are more respectable ex-punks today than there were ever actual punks.

Siehe auch den „Bullingdon Point“:

The admissible adult limit of youthful misdemeanour is mild recreational drug use with bouts of drunken disorder up to and including minor acts of criminal damage. These must have occurred long enough ago to now seem victimless. […] Given sufficient time, acts that would be condemned in today’s youth can be filed away with an indulgent smile alongside embarrassing old record purchases.

Es gibt noch mehr zu entdecken. Durchaus amüsant, auch wenn man politisch anderer Meinung ist, und wohl in Österreich ebenso zutreffend,

Altes Gemälde trifft auf moderne Ideale

Die Schönheitsideale, die wir aus Fernsehen, Filmen und Hochglanzmagazinen kennen, sind wir mittlerweile fest gewohnt. Doch bekanntlich haben sich diese Ideale im Laufe der Jahrhunderte kräftig gewandelt, und werden sich wohl auch wieder wandeln. Denn im Grunde geht es immer um das Signal des Besonderen, Besseren, und das Besondere von gestern ist das Ordinäre von heute.

Nazareno Crea hat 2009 das Projekt unternommen, mehrere klassische Bilder mit Photoshop so nachzubearbeiten, daß die abgebildeten Damen den Idealen der Modewelt entsprechen würden. „Alpha Beauties“ nannte er das, und die 45 Retuschen wurde seither etwa im Royal College of Arts oder auf der Biennale in Venedig ausgestellt.

Man kann die bearbeiteten Bilder auch kaufen – passenderweise mit dem unbeschränkten Recht, sie selbst zu bearbeiten und danach zu verwenden.

Hier ein kleines Beispiel an Hand der Bocca Baciata (1859) von Dante Gabriel Rossetti, gedacht als Darstellung der Sinnlichkeit und Lust. Links das Original, rechts die Bearbeitung, die auch vor den Fingern und dem Hals (der geradezu grotesk aussieht) nicht halt gemacht hat. Wer sich einmal die Fotos in Modezeitschriften angesehen hat, wird dort allerdings einige solche groteske Momente entdecken,wie sie Crea in seinen Bildbearbeitungen imitiert hat.

Bocca Baciata: Links von Dante Gabriel Rossetti, rechts in der Bearbeitung von Nazareno Crea.

(über kottke.org)

Egozentriker in Lissabon

Gerade habe ich den Film „Nachtzug nach Lissabon“ gesehen, der von der Kritik ziemlich verrissen worden ist. Dabei hat das Werk unter der Regie von Bille August gegenüber dem Buch von Pascal Mercier einen bedeutenden Vorteil: Durch die notwendige Verdichtung des Stoffes treten einige Eigenschaften der handelnden Personen schärfer hervor. Vor allem, daß es sich zum Großteil um Egozentriker handelt, deren Unglück im Zusammenprall mit anderen ihrer Art besteht. Angefangen von Prado selbst, dessen maßlose Selbstüberschätzung im Film noch besser zur Geltung kommt, bis zum Lehrer Gregorius selbst, der den titelgebenden Zug besteigt. Diese Figuren dennoch so zu zeichnen, daß man mit ihnen mitfühlt, gelingt freilich im Buch besser.

Schluß mit der Zeitumstellung!

Ausgerechnet zu Ostern wird in der ganzen EU wieder auf Sommerzeit umgestellt. Diese Umstellung ist nicht ganz unproblematisch. So sorgt sie bei vielen Menschen für Schlafstörungen, bis man sich an den neuen Rhythmus gewöhnt hat. Manche Menschen erleben die Frühlingsumstellung auch als Stressmoment. Die versprochenen Energieeinsparungen, die im englischen Namen „Daylight Saving Time“ zum Ausdruck kommen, haben sich ohnenhin nicht materialisiert. Die Kosten, die jedes Jahr durch die Umstellung selbst entstehen, und die umständlichen Planungen etwa bei Verkehrsbetrieben, die etwa Züge sinnlos herumwarten lassen müssen, sind jedoch Realität.

Der „Kurier“ berichtet von deshalb wachsendem Widerstand gegen die Umstellung, der sich aus der Hoffnung speist, vor der nächsten Kundmachung der EU-Sommerzeit diese aushebeln zu können. Die länderweise unterschiedlichen Sommerzeit-Regelungen wurden 1980 sinnvollerweise in der ganzen EU vereinheitlicht; seitdem wurden die entsprechenden Bestimmungen immer wieder verlängert. Seit 2001 ist keine Verlängerung mehr notwendig und die Kommission zur Kundmachung der Umstellungstage ermächtigt, die allerdings durch die Richtlinie selbst bereits determiniert sind.

Allzu große Hoffnung auf ein Ende des Umstellungsunsinns sollte man sich aber nicht machen. 2007 wurde die Sommerzeit von der EU-Kommission evaluiert, und der mit Allgemeinplätzen gespickte Bericht schließt mit folgendem Fazit:

Die der Kommission zur Vorbereitung dieses Berichts zur Verfügung stehenden Angaben erlauben den Schluss, dass das im Richtlinienvorschlag erläuterte Fazit nach wie vor gilt. Abgesehen von der Begünstigung unterschiedlichster Freizeitaktivitäten und der Erzielung geringfügiger Energieeinsparungen fallen die Auswirkungen der Sommerzeit kaum ins Gewicht. Auch werden in den Mitgliedstaaten der EU hinsichtlich der gegenwärtigen Regelung keine Bedenken geäußert.

Aus diesem Grund geht die Kommission davon aus, dass die Sommerzeitregelung, wie sie mit der Richtlinie eingeführt wurde, nach wie vor angemessen ist. Kein Mitgliedstaat hat die Absicht geäußert, die Sommerzeit abzuschaffen oder die Bestimmungen der geltenden Richtlinie zu ändern. Wichtig ist es jedoch, den Kalender aufeinander abzustimmen, um das wichtigste Ziel der Richtlinie, ein reibungsloses Funktionieren des Binnenmarkts, sicherzustellen.

Nun ist darin aber das wichtigste angesprochen: Es waren die Mitgliedstaaten, die diese Regelung eingebrockt haben, und daher liegt es auch an diesen, sie wieder zu ändern.

Dabei gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die Zeitumstellung zu beenden: Sich wieder an die alte Regel zu orientieren, daß der Höchststand der Sonne gegen 12 Uhr sein sollte – also durchgängig Normalzeit –, oder die moderne Entkopplung von Sonnenlauf und menschlichem Leben zu akzeptieren und durchgängig Sommerzeit einzuführen. Rußland hat es vorgemacht, vielleicht machen wir es ja einmal nach.

Stöckelschuhe für den Sonnenkönig

Heute fehlt mir die Zeit zum Bloggen, daher nur eine kurze Rutsche auf einen Artikel, der nach den bedeutungsvollen Ereignissen der letzten Tage ein wenig von der leichteren Seite kommt:

„Warum tragen Männer keine Stöckelschule mehr?“, fragt die BBC. Denn im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert waren Schuhe mit hohen Absätzen — von den Plateauschuhen, die schon früher aus praktischen Gründen allgemein verbreitet waren, zu unterscheiden – ein von hochstehenden Männern wie König Ludwig XIV. gern getragenes Accessoire. Spätestens mit der Französischen Revolution verschwanden sie aber aus den Schuhschränken der Männer.

Freilich ist die Geschichte mit den persischen Wurzeln der Stöckelschuhe, wie der BBC-Bericht sie erzählt, nur eine von vielen Varianten. Auch ein französischer Ursprung ist z.B. möglich. Wer spätmittelalterliches Schuhwerk aus Europa (Plateauschuhe mit türkischem Einfluß) gesehen hat, wird erkennen, daß es jedenfalls nicht viel gebraucht hat, um daraus Stöckelschuhe zu entwickeln.

Wie aus dem Symbol einflußreicher Männer ein Symbol weiblicher Erotik geworden ist, liest sich spannend und hält ein paar Überraschungen parat. Hier gibt es übrigens eine umfassendere Geschichte der Stöckelschuhe, die auch die weibliche Seite nicht vernachlässigt.

In eigener Sache

Wie diejenigen Leser, die mein Blog nicht per RSS-Feed oder E-Mail-Abo lesen, vielleicht schon bemerkt haben, hat mein Blog nun ein neues Design verpaßt bekommen: „My Life“, ein meiner Ansicht nach gut lesbares und schlankes Layout. Einige Artikel (vor allem solche mit eingebauten Photos) könnten allerdings noch eine Weile ein wenig komisch aussehen, bis ich die notwendigen Umbauarbeiten abgeschlossen habe. Ein paar Fehler werde ich wahrscheinlich ohnehin nie bemerken …

Hauptgrund war, daß mein bisheriges Design „Vigilance“ schon auf der WordPress-Abschußliste steht („deprecated“), und dieses „Thema“ zumindest auf meinen Geräten halbwegs gut aussieht. Wer andere Erfahrungen gemacht hat oder Probleme mit dem neuen Design hat, bitte einfach hier einen Kommentar hinterlassen. Danke!

Kurze Zwischenfrage

Meine Blogstatistik zeigt mir, daß in den letzten Tagen ziemliche viele Zugriffe nach einer Suche des Suchbegriffs „Stephanie Merckens“ erfolgt sind. Nun verfolge ich ihre Arbeit nicht so eng, daß mir bekannt wäre, warum gerade jetzt ein solches Interesse an ihrer Person herrscht, daß davon ein Teil sogar auf mein Blog, das ja nicht unbedingt zu den populärsten gehört, findet. Weiß jemand näheres?