Steuertrends und ORF-Trends

Der Steuertrendbericht von Eurostat wurde in zahlreichen Medien verarbeitet. Es blieb aber wieder dem ORF vorbehalten, als „objektives öffentlich-rechtliches Medium“ dabei Werbung für eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes zu machen. Bereits die Überschrift verrät die manipulative Absicht: „Gegen EU-Trend: Steuerlast für Topverdiener unverändert.“

Der Vergleich von gesetzlichen Spitzensteuersätzen ist dabei für sich ohnehin ziemlich sinnlos, wenn man nicht weiß, wann er einsetzt, ob er alle Einkommensabgaben beeinhaltet oder noch weitere Abzüge bestehen und ob der gelistete mit dem effektiven Tarif übereinstimmt. Ein Beispiel: In Dänemark gibt es keine gesonderten Sozialversicherungsbeiträge; die erforderlichen Mittel werden mit der Einkommensteuer eingehoben. In Österreich dagegen handelt es sich um getrennte Abzüge. Dafür gibt es in Österreich mit der Sechstelbegünstigung bzw. dem Gewinnfreibetrag ein Instrument, mit dem der Spitzensteuersatz de facto nicht schon mit den tarifierten 60.000 Euro greift, sondern erst später.

Der Bericht „Taxation Trends in the European Union“ selbst enthält einen Grundriß des Steuersystems jeden EU-Lands und für Island und Norwegen. Wer immer sich für Vergleiche der Steuersysteme in kompakter Form interessiert, findet hier einmal einen guten Anfang.

Schulze-Delitzsch: Hilfe zur Selbsthilfe

Der Morgenländer, der glücklicherweise das Bloggen wieder aufgenommen hat, erinnert an den Todestag von Hermann Schulze-Delitzsch (*1808 † 1883), einen der Begründer des modernen Genossenschaftswesens. Die Volksbanken, in Österreich durch die ÖVAG-Krise momentan ins Strudeln geraten, sind ursprünglich ebenso von seiner Idee geprägt wie etwa die Frastanzer Brauerei-Genossenschaft oder die ADEG Einkaufsgenossenschaft der Kaufleute, um nur einige Beispiele zu nennen.

Kommunen-Romantik könnte bei manchen den Eindruck erwecken, Genossenschaften seien ein ursprünglich „linkes“ Anliegen. Doch das Gegenteil ist der Fall; denn sie gehen von einem anderen Menschenbild aus, wie sich etwa in den Grundsätzen des Österreichischen Genossenschaftsverbandes (Schulze-Delitsch) ausdrückt:

Die Genossenschaften und der ÖGV fordern den Staat auf, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die dem Einzelnen die Freiheit im Gebrauch seiner Kräfte sichern. […] Eines der wesentlichsten Prinzipien der Genossenschaften und des ÖGV ist die gemeinschaftliche Selbsthilfe. Der Genossenschafter […] fühlt sich für seine Existenz selbst verantwortlich. Die Genossenschaften und der ÖGV bekennen sich zum Grundsatz, daß Freiheit und Verantwortung untrennbar verbunden sind. Wer die Verantwortung von sich weist, weist auch die Freiheit von sich.

Schulze-Delitsch hat erkannt, daß sich der einzelne durch Zusammenschlüsse einige Vorteile des Großbetriebs sichern kann. Heute würde man sagen: Positive Skalenerträge erzielen kann. So können sich auch Kleingewerbetreibende, Freiberufler etc. behaupten, Arbeiter die Kaufkraft ihres Lohns etwa durch Konsumgenossenschaften erhöhen. Die damals befürchtete Konzentration des Wirtschaftslebens auf einige Großkapitalisten sei nicht zwangsläufig.

Durch die Vorschuss- und Kreditvereine schuf er die Grundlage dafür, daß auch Kleinbetriebe Investitionskredite zu vernünftigen Konditionen bekommen konnten. Er löste damit gleichzeitig ein Informations- und Skalenproblem, denn die kleine Volksbank-Genossenschaft vor Ort kannte die Risken ihrer Kreditnehmer sehr gut, da aber auch ihre Einleger vor Ort zu Hause waren und sogar Eigentümer der Bank, war sie doch nicht übermäßig risikobereit. Einkaufsgenossenschaften ermöglichten es auch kleinen Handwerkern, zu günstigen Konditionen Roh- und Betriebsstoffe einzukaufen. Produktionsgenossenschaften veredeln Produkte der Mitglieder und vermarkten sie gemeinsam. Schulze-Delitzsch befürwortete auch Produktivgenossenschaften, doch konnte sich dieses Modell nicht durchsetzen.

Daß der preußische Jurist Hermann Schulze-Delitzsch mit seinem Programm der „Hilfe durch Selbsthilfe“ Erfolg hatte, ist dabei vor allem seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Es galt, für die ersten Genossenschaften eine funktionierende Ordnung zu finden, in der Folge schließlich sichere rechtliche Grundlagen zu schaffen und dafür parlamentarische Mehrheiten zu finden. Das gelang ihm gegen den Widerstand verschiedenster Gruppierungen von links bis rechts. Das Genossenschaftsgesetz, das er für Deutschland erreichte, wurde übrigens kurz darauf (1873) bereits in Österreich eingeführt.

Hier bei Wikisource findet man eine Zusammenstellung von Internet-Quellen, bei denen man Schriften von Schulze-Delitzsch lesen kann. Er hat durchaus einiges verfaßt, und sich dabei auch immer wieder ausdrücklich an die Arbeiter gewandt, deren Fortbildung ihm ein großes Anliegen war. Er hoffte, seine Genossenschaftsidee könnte auch einen Schlüssel zur Lösung der sogenannten „sozialen Frage“ liefern. Und in gewisser Weise hat sie ihren Beitrag dazu geleistet.

Reinhart, Rogoff und HAP: Was bleibt übrig?

Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff können auf ein großes Oeuvre als Ökonomen auf dem Gebiet von Finanzkrisen, Politischer Ökonomie, Zahlungsbilanzprobleme und verwandter Themen. Gemeinsam haben sie für ihr Buch „This Times Is Different“ (deutsch: „Dieses Mal ist alles anders“) umfangreiche Daten über Finanzkrisen der letzten achthundert Jahre gesammelt und auch publiziert. Ihre Arbeit wurde geschätzt, ihr Buch war erfolgreich.

Doch dann haben sie aus selbst kompilierten Daten auch eine Studie über den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum publiziert. Erst nur ein paar Seiten, wie nebenher in den American Economic Review eingestreut, dann eine umfangreichere Publikation im gleichen Journal, 2012 schließlich eine ausführliche Darstellung gemeinsam mit Vincent Reinhart im Journal of Economic Perspectives.

Dabei stellen sie bekanntlich fest, daß ab einer Staatsverschuldung von über 90% des Bruttoinlandsprodukts die Wachstumsdynamik eines Landes abnimmt. Ebenso bekanntlich wurde dieses Ergebnis von Herndon, Ash und Pollin in einem Working Paper kritisiert. Unter der Überschrift, es sei ein bloßer Excel-Fehler gewesen, fand diese Kritik auch ihren Weg in die Massenmedien. Und wurde dabei ordentlich verzerrt, was wohl auch daran liegt, daß die Frage der Staatsverschuldung politisch hochbrisant ist.

So ändert der vielzitierte „Excel-Fehler“ am Gesamtergebnis nichts, am Zahlenergebnis nur wenig, und ist entsprechend ein untergeordneter Kritikpunkt von Herndon, Ash und Pollin. Entscheidend sind für sie drei andere Punkte: (1) Im ursprünglichen Paper (nicht aber in Folgepublikationen von Reinhart und Rogoff) seien Lücken im Datenbestand vorhanden, deren Auffüllung das Ergebnis geändert hätte. (2) Die Methode, mit der die einzelnen Länder gewichtet wurden, hätten sie nicht gewählt. (3) Das Paper sei zur Rechtfertigung von Austeritätspolitik herangezogen worden, Kritik daran müsse also zwangsläufig zu einer Neubewertung der Austerität führen.

Fehler können passieren. In Fachzeitschriften finden sich öfter Korrekturen – und leider noch mehr Artikel, bei denen auf eine Korrektur vergessen wird Greg Mankiw schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er darauf hinweist, daß Fehler zwar unangenehm sind, aber nicht unehrenhaft: Das Finden und Korrigieren von Fehlern gehört zur wissenschaftlichen Praxis. Entsprechend diesem Grundsatz haben ja auch Reinhart und Rogoff ihre Unterlagen den Herndon, Ash und Pollin zur Verfügung gestellt.

Reinhart und Rogoff haben eine längere Antwort auf die Kritik verfaßt, in der sie darauf hinweisen, daß selbst die Berechnung von Herndon, Ash und Pollin (HAP) niedrigere Wachstumsraten bei hoher Staatsverschuldung aufweist. Wie ähnlich das Mittelwert-Ergebnis trotz unterschiedlicher Kalkulation ist, kann man hier bei Cyconomics graphisch gut erkennen. Leider haben zwar Reinhart und Rogoff, nicht aber Herndon, Ash und Pollin den Median ausgerechnet, der hier wohl aussagekräftiger als ein arithmetischer Mittelwert ist, der durch besondere Depressionen und Aufholphasen verzerrt
werden könnte. So weist Österreich 1948/49 extrem hohes Realwachstum aus – was übrigens HAP für einen Datenfehler halten, Kenner der österreichischen Geschichte aber wohl eher als Ausdruck des Wiederaufbaus erkennen. Interessanterweise sind die Medianwerte von Reinhart und Rogoff und die Mittelwerte bei HAP jedenfalls sehr ähnlich. Die Grundaussage bleibt damit bestehen.

Die methodische Frage der Gewichtung ist die wissenschaftlich wichtigste, aber wohl auch diejenige, die kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen würde. Reinhart und Rogoff gruppieren die Wachstumsdaten nach jeweiligem Grad der Staatsverschuldung, berechnen dann einen Durchschnitt für die Jahres eines Landes in einer Verschuldungskohorte, und dann ein neuer Durchschnitt über alle Länder berechnet. HAP plädieren dafür, jedes Land mit all seinen Jahren als getrennte Beobachtungen eingehen zu lassen. Gegen beide Methoden gibt es gewichtige Einwände, beide Methoden haben auch Vorzüge. Am Gesamtergebnis – niedrigeres Wachstum bei sehr hoher Staatsverschuldung – ändert das nichts.

Was bleibt in Wahrheit übrig? Das eine akademische Debatte sensationslüstern aufgebauscht wurde, und dabei die Reputation beteiligter Personen schwer beschädigt wurde, weil es politisch gepaßt hat.

Expertenwissen

Eine Sache, die Experten wissen, und Nicht-Experten nicht, ist, daß sie weniger wissen als die Nicht-Experten glauben. […]

Unsere ökonomische Fachkompetenz ist in grundsätzlicher Weise beschränkt. Nehmen wir Geld- und Fiskalpolitik. Trotz Jahrzehnten sorgfältiger Datensammlung und mathematischer bzw. statistischer Forschung verwenden wir für viele große Fragen wenig mehr als Daumenregeln.

– Kaushik Basu

Der Mann mit dem exotischen Namen ist Chefökonom der Weltbank, stammt aus Indien und hat oben genannte Sätze in einer Kolumne auf Project Syndicate veröffentlicht. Diese Dosis Skepsis wäre auch in anderen Diskussionen angebracht; leider gibt es wenige „Experten“, die dazu bereit sind. Basu verteilt im Anschluß jede Menge Expertenratschläge zur Geldpolitik – wohl um zu sagen: Das denke ich nach bestem Wissen und Gewissen, aber trotzdem bitte cum grano salis nehmen. Trotzdem (oder deswegen) ist seine Kolumne anregend und lesenswert. U.a. will er die Geldpolitik der großen Wirtschaftsräume besser koordiniert sehen.

(Hinweis über Dani Rodrik)

Lieber Teilzeit oder Glasdecke? Ein Vergleich USA-Schweden.

In der Politik, Medien und Lobbying-Verbänden wird seit Jahren diskutiert, wie man den Anteil von Frauen in Spitzenpositionen erhöhen könnte (bzw. im Umkehrschluß den Anteil der Männer verringern.) Gleichzeitig wird lange diskutiert, wie man die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ verbessern könnte.

Doch kann man beide Ziele gleichzeitig erreichen? Das ist die Frage, die sich einem nach Lektüre dieses Aufsatzes von Christina Hoff Sommers stellt, die für das American Enterprise Institute Schweden und die USA in bezug auf Frauen am Arbeitsmarkt vergleicht.

In Schweden ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein leeres Wort. Das Modell ähnelt dabei sehr dem österreichischen. Es gibt eine bis zu sechzehn Monate dauernde Karenz mit tw. einkommensabhängigem Karenzgeld, einem Recht Elternteilzeit bis zum siebenten Geburtstag des Kindes und staatlich subventionierte Kinderbetreuungseinrichtungen von Kinderkrippen bis zum Hort. In den USa gibt es nur einen kurzen Mutterschutz (manchmal auch bezahlt), für manche Arbeitnehmer und alle Selbständigen überhaupt keine öffentliche Absicherung. Und dieser Unterschied macht sich auch bemerkbar: Die Erwerbsquote der Frauen[1] lag laut Weltbank 2010 bei 77%, damit nur 5 Prozentpunkte niedriger als die Erwerbsquote der Männer. In den USA ist die Erwerbsquote der Frauen mit 67% niedriger, der Abstand mit 11 Prozentpunkten zu den Männern deutlich höher. Österreich liegt mit einer Frauenerwerbsquote von 69% und einem Abstand von 12 Prozentpunkten etwa auf US-Niveau.

Der große Unterschied zwischen Schweden und den USA besteht dann aber in der Art der Erwerbstätigkeit der Frauen. In Schweden (und übrigens noch mehr in Österreich) arbeiten viele Frauen Teilzeit. (Hier gibt es übrigens eine Diskrepanz zwischen Weltbank und schwedischer Statistik) In den USA ist das seltener der Fall – weil es zu wenige Teilzeitstellen gibt. Viele Frauen und auch einige Männer würden nämlich nach Befragungen gerne Teilzeit arbeiten, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. So ein Job findet sich aber gar nicht so leicht.

Umgekehrt gibt es in den USA viel mehr Frauen in höheren Positionen, viel mehr Frauen in qualifizierten Berufen, die typischerweise von Männern ausgeübt werden. Die USA haben die geringste Lücke zwischen dem Anteil weiblicher Arbeitnehmer, die in Führungspositionen sind, und männlicher Arbeitnehmer in eben diesen.

Der Grund ist simpel: In den USA wird man quasi gezwungen, sich auf den Beruf zu konzentrieren und die Familie zu vernachlässigen. Das reduziert natürlich Brüche in der Erwerbsbiographie. Umgekehrt: Wenn die notwendige Kinderbetreuung praktisch so viel kostet wie der Job bringt, dann bleibt ein Elternteil lieber gleich ganz zu Hause. Da gibt es dann gar keine Erwerbsbiographie mehr.

Der Sukkus: Das schwedische Modell schafft eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und kommt damit den Wünschen des Großteils der Menschen entgegen. Das amerikanische Modell dagegen kommt denen entgegen, für die Karriere, wirtschaftlicher Erfolg im Vordergrund stehen. Trotz dieser Unterschiede sind aber beide Länder wirtschaftlich erfolgreich.

[1] Die Erwerbsquote lt. Weltbank ist die Zahl der Personen im Alter zwischen 15 und 64, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Nicht erfaßt sind daher Personen in Ausbildung oder Personen, deren Tätigkeit nicht bezahlt wird, wie z.B. häusliche Erziehungsarbeit.

Thatcher, Champagnerflaschen und Wachstumsraten

Angesichts dessen, daß manche, die sonst gerne von Respekt und Toleranz reden, nun Parties auf den Tod Margaret Thatchers feiern, und auch sonst möglichst viel Bosheit über sie ergießen – Motto: De mortuis nil nisi male –, ist die schelmische Frage von Harry Mount nicht unberechtigt, ob Konservative in solchen besonderen Situationen grundsätzlich „nicer“ sind. Natürlich gibt es überall solche und solche, aber so ganz ist seine These nicht von der Hand zu weisen:

Das Wissen, daß ihre pragmatische, wirtschaftliche Vernunft oft als herzlos wahrgenommen wird, macht Konservative eher zurückhaltend, tiefstapelnd und apologetisch […] Es ist genau umgekehrt für die Linke. Weil sie immer Milch und Honig für die Unterdrückten befürworten – sogar dann, wenn diese Milch und dieser Honig wirtschaftlich unleistbar oder unmöglich zu bekommen ist – sind sie von einem Kraftfeld angekündigter Nettheit geschützt. Ist ihre öffentliche Güte einmal eingeführt, können sie sich selbst alle persönliche Gift und Galle spucken, die sie wollen – z.B. durch das Öffnen einer Champagnerflasche zum Tode einer gebrechlichen, 87jährigen alten Frau. [Übersetzung meinerseits]

Natürlich war Thatcher selbst nicht unbedingt zurückhaltend und tiefstapelnd – aber gerade in solchen schweren Momenten hat sie sich immer korrekt und menschlich verhalten.

Wie klar der Erfolg von Thatchers wirtschaftlichen Reformen auszumachen ist, war mir bis vor kurzem übrigens nicht klar. So habe ich mir in der Datenbank der St. Louis Fed ein paar Datenreihen angesehen (und war dabei nicht der einzige). Die untenstehende Graphik zeigt die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts zu verketteten Preisen in Kaufkraftparitäten. Das heißt inflations- und warenkorbbereinigt, soweit das statistisch eben möglich ist. Es zeigt am deutlichsten, ob sich die Menschen tatsächlich mehr leisten können oder nicht. Man sieht deutlich, daß Großbritannien in den Achtziger Jahren nach Überwindung der Volcker-Rezession die Wirtschaft schneller wuchs als im vergleichbaren Frankreich. Die ERM-Krise traf Großbritannien mehr als andere, doch danach erholte sich das Land wieder.

FRED: Veränderung BIP/Kopf in verketten Preisen und Kaufkraftparitäten

FRED: Veränderung BIP/Kopf in verketten Preisen und Kaufkraftparitäten

Deutlicher noch ein Vergleich der Entwicklung Großbritanniens und Frankreichs in Absolutwerten des BIP pro Kopf (wieder zu verketteten Preisen und Kaufkraftparitäten). 1979 war der durchschnittliche Brite deutlich ärmer als sein französischer Kollege. Ende der Neunziger herrschte Gleichstand, und seither hat Großbritannien Frankreich überholt. Besonders deutlich der Aufholprozeß während der Thatcher-Jahre:

FRED: BIP/Kopf in verketten Preisen und Kaufkraftparitäten

FRED: BIP/Kopf in verketten Preisen und Kaufkraftparitäten

Zum Bankgeheimnis in Österreich

In Österreich wird immer wieder das bereits stark erodierte Bankgeheimnis von der chattering class als übles Relikt altere Zeiten abgetan, das nur finsteren Mafiosi und parsitären Steuerhinterziehen nutzen würde. Siehe hier Wifo-Chef Aiginger im Kurier, oder Viktor Hermann in den Salzburger Nachrichten. Nun lebt diese Debatte natürlich davon, daß kaum jemand die gesetzlichen Bestimmungen zum Bankgeheimnis kennt, obwohl sie im Rechtsinformationsystem des Bundes frei verfügbar sind. Im § 38 BWG wird normiert, daß die Bank, ihre Gesellschafter, Beschäftigten etc. ihnen ausschließlich auf Grund der Geschäftsverbindung mit Kunden anvertraute oder zugänglich gemacht gewordene Informationen, nicht offenbaren oder verwerten dürfen; ausgenommen sind freilich (eingeleitete) Strafverfahren, Geldwäschereiverdacht und bei bestimmten zwischenstaatlichen Auskunftspflichten in Steuerangelegenheiten.

Es ist seit dem Beschluß des Amtshilfedurchführungsgesetzes 2009 eine bewußte Falschinformation oder Zeichen eigener Desinformation, das Bankgeheimnis als Schutz von Steuerhinterziehern zu bezeichnen. Wenn die ausländische Steuerbehörde entsprechende Auskünfte benötigt, erhält sie diese auch. Es gibt allerdings keinen automatischen Austausch von Kontoinformationen mit allen Steuerverwaltungen der Welt – und das ist auch gut so. Das würde ein Vertrauen in alle Partnerländer voraussetzen, das keineswegs gerechtfertigt ist. In vielen Ländern besteht kein adäquater Datenschutz, oder werden solche Daten für politische Zwecke mißbraucht. Und das betrifft auch EU-Mitgliedstaaten.

Darüber hinaus sind gerade Finanzgeschäfte Vertrauensgeschäfte. Man hat als Kunde ein Recht darauf, daß diese sensiblen Daten eben nicht an Konkurrenten etc. weitergegeben werden. Auch davor schützt das Bankgeheimnis. Es ist nichts anderes als Datenschutz.

Im Endeffekt geht es aber doch um etwas simples: Die politische Linie ist in Europa und anderswo aus verständlichen Gründen sehr etatistisch. Die Idee, daß ein Bürger sich nicht gegenüber den Mächtigen im Staat völlig entblößen will, wird nach dem Motto „Wer nichts zu verbergen hat, brauch sich auch nicht fürchten“ für abstrus erklärt, vielmehr unter dem Motto „Transparenz“ die Ausweitung der staatlichen Machtzone gefordert. Die Gegenposition hat ein Poster im Standard sarkastisch so auf den Punkt gebracht:

bevor ich das Geld unseren unbedarften Politikern und Beamten anvertraue würde ich es auch lieber in einer Steueroase parken. Sehe darin neine [!] Art “Notwehr” und nicht unbedingt ein Verbrechen.

Wie wäre die Meinung der meisten, wenn man die Frage des „Bankgeheimnisses“ so stellt:  „Sind Sie dafür, daß die Finanzverwaltung uneingeschränkten Zugriff auf ihre Finanzinformationen erhält?“ Wahrscheinlich nicht so „Bankgeheimnis“-kritisch, wie es die Zeitungen sind. Man denke nur an das „anonyme Sparbuch“, das viele Österreicher aus Sorge vor dem Fiskus jahrzehntelang gehegt und gepflegt haben, von Kleinstpensionisten bis zu Großverdienern.

Zahlt sich eine Vollzeitstelle aus?

„Wozu mehr arbeiten?“, fragt Jeannine Hierländer in der „Presse“ nur halb rhetorisch. In Österreich ist die Steuerprogression besonders stark und früh ausgeprägt. Während niedrige Einkommen steuerfrei sind, erreicht man sehr früh eine Art Flat Tax aus Sozialversicherung und Lohnsteuer von etwa 44%. Betrachtet man die Einkommensteuer allein, so ist die Bemessungsgrundlage (aus der die Sozialversicherungsbeiträge bereits ausgeschieden worden sind) bis 11.000 Euro steuerfrei, dann beginnt bereits ein Grenzsteuersatz von 36,5% zu wirken. Bereits bei einem Jahreseinkommen ab 60.000 Euro hat man die höchte Besteuerungsstufe (50%) erreicht. Diese Graphik der Arbeiterkammer, die allerdings mit dem für ökonomische Entscheidungen weniger relevanten Gesamtanteil von Steuern und Sozialversicheurng am Einkommen operiert, unterstreicht das Problem.

Hierländer schreibt daher: „Wer von Voll- auf Teilzeit umsteigt, arbeitet in vielen Fällen um die Hälfte weniger und verliert dabei nur ein Drittel seines Nettoeinkommens.“

Ein Beispiel, gerechnet mit dem Brutto-Netto-Rechner des BMF: Ein alleinstehender Dienstnehmer ohne Pendlerpauschale erhält ein Bruttoeinkommen von 2.500 Euro monatlich. Das entspricht einem Brutto-Jahreseinkommen von 35.000 Euro, abzüglich von Sozialversicherung, Lohnsteuer etc. nur 23.972,62.  Den Dienstgeber hat er aber insgesamt sogar 45.916,00 Euro gekostet. Nun reduziert der Dienstnehmer seinen Vertrag auf 25 Stunden, also 1.562,50 monatlich. Das Brutto-Jahreseinkommen beträgt nun 21.875, netto bleiben 16.658,10. Der Dienstgeber muß insgesamt 28.697,54 aufwenden. Die Arbeitszeit wurde um 37,5% reduziert, das Nettoeinkommen sank aber nur um 30,5%. Die Gesamtabgabenbelastung des Mehrverdienstes betrug übrigens 44,27%. Ohne 13./14. wäre der Unterschied eklatanter, ebenso in Bereichen mit höheren Stundenlöhnen. Tatsächlich gibt es Branchen, in denen die Rechnung Hierländers die Realität approximiert. A propos: Der Grenzertrag der 40. Wochenstunde liegt für den beispielhaften Dienstnehmer bei 487,68 Euro netto, aber 875 Euro brutto im Jahr. In gewissen Bereichen (so z.B. beim Sprung von 1.490 Euro auf 1.500 Euro brutto/Monat) führt ein höheres Bruttoeinkommen sogar zu einem niedrigeren Nettoeinkommen.

Wer also sein Leben auch mit dem geringerem Einkommen aus Teilzeit bestreiten kann, was insbesondere für Menschen zutrifft, die nicht alleine wohnen (Ehepartner, bei den Eltern, auch Wohngemeinschaften etc.), könnte auf Grund des rapide abnehmenden Grenzertrags der Mehrarbeit leicht den Schluß ziehen, daß sich eine Vollarbeitsstelle nicht auszahlt. Umso mehr, wenn die so gewonnene Zeit für Tätigkeiten genutzt werden kann, denen man selbst eine hohe Priorität einräumt. Ökonomisch gesprochen: Aus deren Ausweitung man einen hohen persönlichen Grenznutzen zieht. Wer sich aus gesellschaftspolitischen Gründen über die hohe Teilzeitquote bei Frauen beschwert, würde hier einen Puzzlestein finden.

Nebenbei: Interessant, daß die Arbeiterkammer und Gewerkschaft den Anstieg an Teilzeit-Verträgen immer scharf kritisieren und als Armutsfalle geißeln, aber selbst immer wieder Vorstöße für eine Verkürzung der Arbeitszeit vornehmen. Allgemeine Teilzeit sozusagen. Siehe übrigens diesen „Presse“-Artikel von Wolfgang Scherf, warum eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung die Versprechen ihrer Proponenten rein technisch nicht einlösen kann.

Die Steuerschraube dreht sich weiter

In Österreich ist trotz hoher Steuerquote schon seit langem die einzige Frage, wie die Staatseinnahmen weiter erhöht werden können, was meist unter dem Codewort „Steuergerechtigkeit“ läuft. Weil Steuern anscheinend immer gerechter werden, je höher sie sind.

Auch in Deutschland ist trotz relativ guter Budgetlage die Diskussion um Steuererhöhungen voll im Gange. SPD und Grüne sind in voller Fahrt, in der CDU mehren sich die Stimmen, wie etwa die der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, die weitere Steuererhöhungen verlangen. Nun ist es natürlich eine gute Frage, welche Leistungen die öffentliche Hand erbringen soll und wie diese bezahlt werden. Aber momentan wird der Eindruck erweckt, es gehe um die Erhöhung an sich, quasi als Befriedigung möglicher Neidkomplexe, selbst, wenn es einem selbst indirekt schaden sollte.

Berthold Köhler schreibt in der FAZ entsprechend süffisant:

Wie war es da nur möglich, dass SPD und Grüne unter Schröder den Steuersatz senkten? Wohin hat das nur geführt? Zu Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum und Rekordsteuereinnahmen. Nicht nur das kleine Saarland, eine ganz große Koalition arbeitet jetzt daran, diesen historischen Fehler zu korrigieren.

Genauso haben in Österreich die  Steuerreformen 1989, 1994/95 und 2004/05 wesentliche Wachstumsimpulse gebracht, in der Regel durch eine Vereinfachung und Absenkung des Tarifs verbunden mit einer Verbreiterung der Steuerbasis. Damit wurde durch den Abbau von Ausnahmen zudem das System gerechter, weil weniger Personen durch dubiose Konstrukte aus der Steuer entkommen konnten. Freilich hat man es immer wieder geschafft, die Erfolge dieser Reformen durch komplizierteste Neuregelungen in den Folgejahren zu konterkarieren.

Wenn die Höhe der Steuereinnahmen das Hauptproblem wäre, würde ich ja die ständigen Vorstöße oder Konstrukte wie die österreichische Solidarsteuer auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld vielleicht verstehen. Doch davon kann wohl in Österreich keine Rede sein. Und in Deutschland, Frankreich etc. genauso wenig.

Most of our people never had it so good

Tim Harford ist ein Populärwissenschafter im besten Sinn des Wortes: Er verpackt ökonomisches Wissen in anschauliche, alltagstaugliche Beispiele, bildet unterhaltend die Öffentlichkeit, ohne durch allzugroße Vereinfachung seine Leser zu verbilden oder durch allzu abgehobene Sprache zu verachten.

Nun hat er für die BBC einen interessanten Kurzbeitrag zur Entwicklung des Lebensstandard der Briten heute in der Wirtschaftskrise und im langjährigen Vergleich der letzten fünfzig Jahre gedreht.

Aufhänger dafür ist der berühmte Spruch des früheren britischen Premiers Harold Macmillan aus dem Jahr 1957: „Most of our people never had it so good.“ Angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs der Fünfziger Jahre eine verständliche und durchaus richtige Aussage.

Die Entwicklung der Einkommensperzentilen, die Harford kurz thematisiert, ist freilich ebenfalls nicht die ganze Geschichte, denn der Großteil der Menschen wandert im Laufe ihres Erwerbslebens durch verschiedene Einkommensperzentilen. Ein Beispiel: Der Student mit Nebenjob oder der Lehrling bewegt sich in einer unteren Perzentile, derselbe Mensch ist Jahre später als fertiger Akademiker oder erfahrener Meister in einer weitaus höheren Perzentile anzutreffen. Für die Entwicklung der persönlichen Lebensverdienstsumme — oder, noch wichtiger: der Lebenskonsummöglichkeiten — sagt die Entwicklung dieser einzelnen Perzentilen also nur beschränkt etwas aus.