Zypern: Das Gegenteil von gut ist …

In der „Presse“ fragt sich Josef Urschitz angesichts des „Zypern-Pakets“ in Anlehnung an einen „El-Pais-Kommentar“: „Gibt es intelligentes Leben in der Eurozone?“ Vieles von dem, was er schreibt, hätte ich gerne selbst geschrieben – aber wozu den Aufwand, wenn es schon jemand anderer getan hat? Ein richtiges Bankensanierungspaket, das schreibt Urschitz richtig, hätte übrigens wohl eher so ausgehen:

Zuerst bluten die Aktionäre der betroffenen Banken. Sie haben schließlich bewusst das Unternehmerrisiko übernommen, und sie sind es auch, die in guten Zeiten die Gewinne abschöpfen. Sollte das nicht reichen, werden die Zeichner der Bankenanleihen, die den Instituten direkt Geld geborgt haben, herangezogen. Und zuallerletzt wird dann auf große Einlagen zurückgegriffen. Die auch in Zypern garantierten 100.000 Euro sind aber tabu.

Gemacht hat man das Gegenteil.

Dafür jede Menge Vertrauen verspielt und die Sparer in Spanien, Italien und Portugal verunsichert. Auch der Rest des Artikels ist durchaus lesenwert.

Der Pixelökonom argumentiert, warum dieser Eingriff trotzdem zu begrüßen ist: Genau weil er Paniksignale aussendet, damit das Risiko des Wirtschaftens bewußt macht. Ich möchte dem insofern widersprechen, als einige Gruppen, die um das Risiko eher Bescheid wußten (z.B. Eigentümer, Anleiheninvestoren, Interbankenmarkt) ganz oder ziemlich ungeschoren davonkommen, während Sparer, die gar keine realistische Ausweichmöglichkeit hatten, mitgetroffen werden sollten. Ich weiß nicht, wieviele Friseure, Restaurantbesitzer oder Verkäufer ihre Ersparnisse auf irgendwelche ausländischen Banken legen bzw. de facto legen können. Grundsätzlich spricht er aber etwas Wichtiges an: Die zahlreichen „Rettungspakete“ haben erfolgreich das Eingehen des Risikos vom Tragen des Risikos separiert. Das gilt leider auf für das zypriotische Paket. Er schreibt daher:

Der Preis, den wir zahlen werden, wird so lange steigen, bis wir Risiko und Haftung wieder in die selben Hände legen.

Seltsamerweise  gibt es beim entsprechenden EU-weiten Bankeninsolvenzrecht, das dabei helfen soll, seit längerem kaum Fortschritte.

Kurz zu Zypern

Das „Zypern-Paket“, mit dem zum ersten Mal im Euroraum Sparer und andere Besitzer von Einlagen bei Banken auf einen Teil ihrer Sparguthaben verzichten sollen und die Einlagensicherung ausgehebelt wird, wird politisch mit „russischen Oligarchen“ argumentiert, die „zur Kassen gebeten werden sollen“. Abgesehen davon, daß diese Argumentation ziemlich chauvinistisch ist, trifft sie nicht zu: Den Hauptteil der Last werden ganz andere tragen, wie man hier bei André Kühnlenz (früher bei der Financial Times Deutschland), unterstützt von einer informativen Graphik über Quellen zypriotischer Einlagen, erfahren kann. Bei ihm finden sich auch viele weiterführende Links, die einen Überblick über die Einschätzung des Pakets geben.

Wie es weitergeht, werden wir bald wissen. In Zypern gibt es anscheinend heftigen Widerstand; doch selbst, wenn das zypriotische Parlament das Paket nicht beschließen sollte, wäre das Vertrauen in den Finanzplatz Zypern zerstört, was wohl in gewisser Weise auch eine der beabsichtigten Effekte der Maßnahme war. Offensichtlich ist aber, daß der ganze Rettungsmechanismus bedenklich undemokratische Züge trägt. Italien wurde von außen eine nicht-gewählte Regierung aufgedrängt, in Zypern ist demokratische Mitsprache für den Plan der Geberländer nur störend, zum Mechanismus und die Kommunikation der Griechenland-Rettung auf Geber- wie Nehmerseite brauche ich wohl nicht mehr zu sagen.

Tyler Cowen schreibt völlig richtig:

The broadest lesson of them all concerns the dangers of framing when you play the same game over and over again (attn: U.S. fiscal policymakers).  German policymakers/voters have felt backed into a corner by repeated bailouts and that is when stupid choices start being made.  This could go down as a blunder of historic proportions.  It also shows that EU governance already is a disaster and profoundly anti-democratic in the worst sense of that term.

Zum Abschluß noch ein FAZ-Zitat aus einem Bailout-kritischen Artikel, daß meine Stimmung auf den Punkt bringt:

Nun sieht in Zypern jeder Euro-Bankkunde, wie ihn die Eurogruppe enteignen kann, wann immer es ihr beliebt. Für den Euro-Anleger gibt es keine Sicherheit mehr für sein Sparguthaben. Seit in der Währungsunion der Bailout ein Gewohnheitsrecht ist, gelten keine Regeln und gibt es kein Vertrauen mehr.

13. März 1938

Der 75. Jahrestag des sogenannten „Anschluß“, der Besetzung Österreichs durch das Deutsche Reich, wurde wieder von zahlreichen Reden begleitet, in denen unter dem Vorwand der Geschichtsbetrachtung die Gegenwart abgehandelt wurde. Unter diesem Aspekt ist wohl auch die sogenannte Opfer-/Täterfrage zu sehen, zu der ich zum Schluß noch etwas schreiben werde.

Doch auf einem ökonomisch angehauchten Blog beschäftigt mich zum Anschluß eher die Frage, in welcher wirtschaftlichen Situation sich Österreich und Deutschland damals befanden. Und die war höchst unterschiedlich: Österreich war in der Zwischenkriegszeit zweimal quasi bankrott gegangen, das erste Mal durch die Folgen des Ersten Weltkriegs, das zweite Mal im Gefolge der Weltwirtschaftskrise durch den Zusammenbruch der Creditanstalt, die vom Staat aufgefangen werden mußte. Allerdings war der Staat am Zusammenbruch nicht unbeteiligt, hatte er der Creditanstalt ja zuvor die marode Bodencreditanstalt aufgezwungen. Beidemale konnten die Staatsfinanzen nur durch eine Völkerbundanleihe gerettet werden, die mit drakonischen Sparmaßnahmen und Auflagen verbunden und innenpolitisch jedesmal heftig umstritten war.

Die zweite Anleihe war mit dem Lausanner Abkommen 1932 bereits von der neuen Regierung Engelbert Dollfuß’ ausverhandelt worden, wäre aber im Nationalrat am Widerstand der Sozialdemokraten und Großdeutschen fast gescheitert, die einen Staatsbankrott aus parteitaktischen Gründen anscheinend vorzogen. Das Abkommen zog eine Beaufsichtigung der österreichischen Fiskalpolitik durch einen ausländischen Kommissar nach sich, die bis 1936 andauerte. Trotz der Weltwirtschaftskrise mit wachsender Arbeitslosigkeit hielt Österreich daher an einer Hartwährungspolitik und einer rigiden Austeritätspolitik fest – mußte an ihr festhalten, um die Bedingungen der Völkerbundanleihe zu erfüllen und nicht wieder in die Gefahr eines Staatsbankrotts zu geraten. Man versuchte zwar, Mittel für Investitionsprogramme aufzustellen, konnte dies aber nur in engen Grenzen tun. Trotzdem konnten Projekte wie die Großglockner-Hochalpenstraße und die Höhenstraße in Wien unternommen werden.

Seitdem im Deutschen Reich aber die Nationalsozialisten an der Macht waren, kamen als zusätzlicher Faktor wirtschaftliche Sanktionen des NS-Regimes wie die sogenannte „Tausend-Mark-Sperre“ hinzu, die Österreich wirtschaftlich weiter unter Druck setzten. 1933 waren in Österreich etwa 557.000 Personen im Jahresdurchschnitt arbeitslos, eine Arbeitslosenrate von 26%; 1929 waren es noch 8,8% gewesen. 1937 waren es immer noch 464.000 (21,7%). Etwa 230.000 davon erhielten keine Arbeitslosenunterstützung – die sogenannten „Ausgesteuerten“. Die langsame Erholung erfuhr 1936 durch den Zusammenbruch der Phönix-Versicherungsgesellschaft einen neuen Dämpfer. Wieder mußte eine Auffanggesellschaft gegründet werden.

Die Hartwährungspolitik führte allerdings zu einer emotionalen Erfolgsgeschichte: Der Schilling wurde zum geliebten Alpendollar. Die Österreichische Nationalbank hatte 1938 als Folge ihrer strikten Geldpolitik auch höhere Gold- und Devisenreserven als die Deutsche Reichsbank, weswegen der Anschluß für die deutsche Regierung wirtschaftlich durchaus lohnend war.

Die NS-Wirtschaftspolitik war gänzlich anders. Durch massive Beschäftigungs- und Rüstungsprogramme auf Pump, die ein Grund für die geringen Reserven der Deutschen Reichsbank waren, konnte die Arbeitslosigkeit von 5,56 Millionen 1932 auf 0,9 Millionen 1937 gesenkt werden. Die Wirtschaft wurde dabei in weitaus stärkerem Ausmaß als in Österreich staatlich gelenkt. Durch umfangreiche Enteignungen politischer Gegner, „Arisierung“ und Devisenbewirtschaftung konnte die Expansion finanziert werden. Viele der zusätzlichen Ausgaben waren allerdings keine Investitionen, die den langfristigen Wohlstand mehren sollten, sondern flossen in die Rüstungsindustrie oder Propagandaprojekte. Resultat: 1939 war das Deutsche Reich de facto hoch verschuldet und seine Devisenbestände erschöpft.

Die österreichische Wirtschaftspolitik war zwar nachhaltiger, die deutsche aber lockte mir ihren kurzfristigen Erfolgen, deren hoher – auch menschlicher – Preis geschickt verschleiert wurde. Man kann getrost annehmen: Hätte Österreich 1938 noch die Verfassung von 1920/1929 gehabt, so hätte sich Hitler den Einmarsch sparen können, da eine bei Parlamentswahlen erfolgreiche NSDAP den Anschluß aus freien Stücken vollzogen hätte. Die Innsbrucker Gemeinderatswahlen 1933, bei denen die NSDAP 41,1% der gültigen Stimmen (36,1% der Wahlberechtigten) errang und sich damit verdreizehnfachte, sprechen eine deutliche Sprache. –

Die oben erwähnte Opfer-/Täterfrage, in Österreich heutzutage plakativ als „Opfermythos“ diskutiert, ist für sich betrachtet ja nur sinnvoll ist, wenn man einmal vom Konstrukt der Kollektivschuld ausgeht. Daher ist für mich diese Diskussion im Umkehrschluß sinnlos. Österreich wurde auf rechtswidrigem Weg und unter der Anwendung von Gewalt dem Deutschen Reich einverleibt, daran besteht kein Zweifel, und so sind auch die Worte der Moskauer Deklaration zu verstehen. Daß viele Menschen, die 1938 österreichische Staatsbürger waren, sich sowohl unter den Opfern befunden haben, als auch Helfer des Regimes und Täter aktiv waren, ist wohl mittlerweile ebenso klar. Freilich war nach dem Krieg die Herstellung gesellschaftlichen Friedens vorrangig, und so hat man in Österreich den zweifelsfreien Opferstatus des Staates auf die Bevölkerung als solche ausgedehnt. Damit war man freilich nicht allein. Die Franzosen haben sich bspw. erst mit großer Verspätung damit auseinandergesetzt, daß die deutsche Besatzung nur dank vieler französischer Mithelfer funktionieren konnte, Mithelfer, unter denen sich etwa Frankreichs späterer Staatspräsident François Mitterand befinden sollte. Leider hat man sich vielerorts weniger mit der Aufarbeitung der Geschichte als mit dem Kampf um die Deutungshoheit beschäftigt, wovon meines Erachtens die Arbeit vieler zeitgenössischer österreichischer Historiker ein beredtes Zeugnis ablegt.

Vier Kontinente, eine kleine Getränkedose

Wenn man kurz innehält und die kleinen, selbstverständlichen Dinge des Alltags wieder einmal betrachtet, dann merkt man bald, daß sie eigentlich nicht so selbstverständlich sind. Da kann man auch wieder in das Staunen des kleinen Kindes über die wunderbare Welt verfallen.

So etwa bei einem Gebräu, daß mir persönlich zwar nicht besonders schmeckt, aber viele Millionen Fans auf der ganzen Welt hat. Und um deren Durst zu löschen, sind eine ganze Menge Leute auf mehreren Kontinenten beschäftigt, wie Kevin Ashton an Hand einer einzigen Dose US-amerikanischen Coca-Colas (das sich vom europäischen übrigens unterscheidet) in seinem Supermarkt zu berichten weiß.

(Link über kottke.org)

Die „Süddeutsche“ und das Elend der Eliten

Wer wissen will, warum so viele Länder von ihren eigenen Eliten in den Abgrund gefahren werden, der braucht nur einen Blick in die „Süddeutsche“ werfen. Dieses moderat-linke Blatt gibt in etwa das wieder, was in der „chattering class“ als salonfähig gilt, wacht über politische Korrektheit und ein klares Weltbild für seine Leser, ist innerhalb dieser Parameter aber durchaus bemüht.

Diese „Süddeutsche“ leitet einen Artikel über Spanien mit folgendem Text ein:

Spanien lebte fast 40 Jahre unter der Franco-Diktatur. Nun macht sich die Diktatur der Märkte breit. Manche Spanier fragen sich, was schlimmer ist. Tatsächlich wurzelt die Ursache für die heutigen Probleme tief in der Vergangenheit.

Dieser Absatz geht so an den Problemen und Problemursachen Spaniens vorbei, daß man nur hoffen kann, daß niemand diesen Text zu ernst nimmt. SZ-Journalist Sebastian Schoepp wagt dabei einen besonderen Kunstgriff: Er lobt die linke Gesellschaftspolitik in Spanien („Es entstand eines der sozial dynamischsten Gemeinwesen Europas, führend bei Reformen wie Homo-Ehe oder Geschlechtergerechtigkeit.“), während für die soziale Sicherheit und die strikten Arbeitsmarktgesetze nun allein Francisco Franco verantwortlich sein soll.

Das hätte Franco wohl nie zu hoffen gewagt: Er wird aus linker Perspektive für ein Zuviel an sozialer Gesetzgebung kritisiert! Interessant.

Die Lockerung dieser Gesetze ist dem Autor aber übrigens auch wieder nicht recht, sie erzeuge nur „prekäre Arbeitsverhältnisse“. Schuld sei aber vor allem, daß Spanien „erzkatholisch“ und nicht „nordisch-protestantisch“ sei, wie es im Kapitalismus notwendig sei. Dieser Humbug, der zwar auf Max Weber zurückgeht, aber deswegen auch nicht richtiger wird, ist mittlerweile von Davide Cantoni sogar ökonometrisch widerlegt worden.

Es geht auch ohne Ökonometrie: Für die Weber’sche These muß man im Prinzip nur die richtigen Beispiele herauspicken. Umgekehrt geht es freilich genauso. Einer wissenschaftlichen Untersuchung hält dieses Rosinen-Picken für die eigene Linie aber nicht stand.

Die Diktion der „Diktatur des Marktes“ ist seltsam und bleibt unerklärt. Zuerst werden rigide staatliche Regelungen als Problem identifiziert – und gleichzeitig Unbehagen mit der Marktwirtschaft ausgedrückt, ohne genau zu benennen, was denn jetzt eigentlich stattdessen geschehen soll.

Das, was Schoepp schreibt, glauben in ähnlicher Form tatsächlich eine Menge Leute in Medien und Politik – und das ist durchaus gefährlich. Krude Konzepte in Wirtschaft und Anthropologie, sehr selektive historische Wahrnehmung und eine einwandfreie politische Einäugigkeit [Man bedenke: „dynamisch“ und „führend“ kann für Schoepp nur links heißen, während Spanien zu „stockkonservativ“ für die Moderne sei.] sind keine guten Rezepte für die Lösung der Probleme Spaniens und anderer Länder.

Die „Abzocker“-Initiative und die Neidgenossenschaft

Vor lauter Diskussion um die Landtagswahlen in Niederösterreich und Kärnten ist mir die Schweizer „Minder-Intiative“ zuerst völlig entgangen, besser als „Eidgenössische Volksinitiative gegen die Abzockerei“ bekannt. Meine erste Reaktion war: Auch die Schweizer sind zuerst einmal Neidgenossen, wie die meisten Menschen eben. Neid ist ein mächtiges Gefühl, das unsere Wahrnehmung verdunkelt – nicht umsonst eine der sieben Todsünden. Wir sind insbesondere dann neidig, wenn wir meinen, uns mit der anderen Person vergleichen zu müssen. Wir verdienen nur so und so viel, der Manager aber so und so viel, dabei leistet der doch überhaupt nichts, was ich nicht auch könnte – so ungefähr lautet die Argumentation, die interessanterweise bei Fußballern oder Popstars nicht zu greifen scheint. Schon der Titel der „Abzocker“-Initiative verrät ja, daß es hier vor allem um Emotion geht, denn die wenigstens Stimmbürger konnten behaupten, wirklich durch hohe Managergehälter geschädigt worden zu sein.

Vordergründig geht es ja um eine Stärkung der Aktionärsdemokratie, die man durchaus argumentieren kann: In großen Publikumsgesellschaften ist der Vorstand und manchmal auch der Aufsichtsrat oft mehr oder weniger ein selbstverwaltendes Gremium, die nur bei gröbsten Verfehlungen Probleme zu befürchten haben. Ihr Hauptaugenmerk gilt daher in so einer Situation nicht dem Wohl der Aktionäre. In Aktiengesellschaften mit einheitlicher Leitung ohne Aufsichtsrat – wie z.B. in den USA üblich – ist dieses Problem besonders ausgeprägt.

Daran ändert aber die „Intiative“ wenig, fast im Gegenteil, wie der Schweizer Urs Bichler festgestellt hat:

  • Das Kernproblem der Unternehmungskontrolle liegt im Informationsvorsprung der Geschäftsleitung gegenüber dem Verwaltungsrat. Dadurch kontrolliert bei vielen Unternehmen die Geschäftsleitung den Verwaltungsrat, anstatt umgekehrt. Dieses Problem löst auch die Abzockerinitiative nicht. Der Verwaltungsrat wird kaum gestärkt, wenn er unter dem Damoklesschwert der jährlichen (Ab-)Wahl durch die Aktionäre arbeiten muss.

  • Die Gefahr der jährlichen Abwahl kann nur denen egal sein, die keinen Ruf zu verlieren haben oder die sich selber überschätzen.

Aber es geht eben in Wirklichkeit nicht um Aktionärsdemokratie, davon zeugen die zahlreichen „Bonus-Beschränkungen“, wie sie in der EU auf Betreiben der etatistischen Kontinentaleuropäer beschlossen werden, oder die Initiativen für eine maximale Lohnspreizung im Betrieb. Und das Mittel der Beschränkung der Vertragsfreiheit ist ein grobes; der Zusatznutzen dieser Beschränkung ist aber nur mangelhaft argumentiert. Und für solche Argumente wird nicht einmal eine Notwendigkeit gesehen.

Im Effekt eine implizite Steuer von 100%, die wahrscheinlich mehr Nutzen stiften würde, wenn sie etwas niedriger und dafür explizit wäre. (Warum haben die Schweizer nicht stattdessen einen Spitzensatz von, sagen wir, 60% für Gehaltsteile über 5 Mio. Franken eingeführt? Senkt die Nettoeinnahmen der inkriminierten Gruppe ebenfalls, nutzt aber dem Fiskus, und ist trotz aller Problemer liberaler als die „Abzockerinitiative“.) Dabei ist schon lange klar, dass solche Beschränkungen alles mögliche tun, aber sich jedenfalls negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken. Na, offensichtlich geht es der Schweiz noch zu gut.

Wein-„Terroir“: Ein Marketingschmäh?

Für den Geschmack des Weins spielen neben der Rebsorte der Boden, die Höhe, Sonnenstunden, Niederschlagsmenge und vieles mehr eine Rolle. So ist es nur natürlich, daß Weine aus bestimmten Lagen, in denen sich diese Eigenschaften hervorragend kombinieren, traditionell einen besonders guten Preis erzielen können.

In Frankreich hat man mit dem „Terroir“-Marketing da eine Vorreiterrolle eingenommen und einige Top-Lagen als Inbegriff guten Weins etablieren können. Daher hält dieses Wort auch Einzug im Marketing anderer Ländern; hier wird es bspw. vom österreichischen Weinmarketing beschrieben.

Vier Ökonomen – zwei in den USA, einer in Brüssel, einer in Frankreich – wollten die Aussagekraft des „Terroir“-Begriffs wissenschaftlich testen. Zwei von ihnen, Orley Ashenfelter und Karl Storchmann, haben mit dem Journalisten George Taber renommierte Wein-Connaisseure zu einer Blindverkostung eingeladen: Acht allgemein für gut befundene französische Weine und zwölf Weine aus New Jersey [!], je die Hälfte Rot und Weiß. Tatsächlich gewannen zwei französische Weine – Clos des Mouches 2010 bei den Weißweinen, Château Mouton-Rothschild 2004 bei den Rotweinen –, doch nur der Clos des Mouches wurde auch statistisch signifikant für besser befunden, während die anderen Weißweine im Prinzip innerhalb der Schwankungsbreite beisammenlagen. Bei den Rotweinen war ein Vertreter aus New Jersey signifikant schlechter, doch die andere Weine wurden allesamt ähnlich gut beurteilt, Terroir hin oder her.

Die beiden europäischen Partner, Oliver Gergaud und Victor Ginsburgh, haben schon vor Jahren in einem Paper festgestellt, daß die Qualitätsurteile der Weinexperten und Konsumenten weniger durch die Einzellage als durch die verwendeten Techniken und Prozesse des Weinbaus und der Vinifizierung erklärt werden können. Andererseits ist bekannt, daß Menschen bereit sind, für einen bestimmten Terroir mehr zu zahlen.

Die Lösung scheint sich so anzubieten: Die Landschaft und das Klima beeinflussen natürlich den Geschmack; doch die Unterschiede zwischen zwei Einzellagen ähnlicher Art, die beide von einem guten, versierten Winzer gepflegt worden sind, sind für den menschlichen Geschmackssinn nicht mehr feststellbar. Das macht aber nichts, denn zum „Gesamterlebnis Wein“ gehört für viele eben auch die Flasche, das Etikett, der Preis, etc. Es ist bekannt, daß Weine den Menschen tendenziell besser schmecken, wenn sie erfahren haben, daß es sich um einen hochpreisigen Tropfen handelt. Insofern gehört ein wenig „Terroir“-Selbstbetrug zur Weinerfahrung heutzutage einfach dazu.

Arbeiten wie im Mittelalter

Die Tageszeitung „Die Presse“ hat seit 2010 eine interessante wirtschaftliche Kolumne mit Bildungsauftrag, den „Hobbyökonomen“. Dabei werden immer wieder aktuelle, aber auch Episoden aus der Wirtschaftsgeschichte behandelt, die oft relevanter für die Gegenwart sind, als man annehmen würde.

So auch diesmal, und zwar unter der durchaus provokanten Überschrift: „Im Mittelalter wurde weniger gearbeitet als heute”. Heutzutage wird ja im öffentlichen Diskurs unter „Arbeit“ immer nur „Erwerbsarbeit“ verstanden, während Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Bügeln oder Reparaturen nur dann als Arbeit anerkannt werden, wenn es jemand anderer gegen Bezahlung übernimmt. Vor diesem Hintergrund wird die „Arbeitszeit“ im Spätmittelalter von Historikern nicht allzu hoch angesetzt.

Der Arbeitstag war bis zur Industrialisierung weitgehend von den Jahreszeiten und vom natürlichen Licht bestimmt. Da viele Arbeiten körperlich sehr anstrengend waren, sowohl in der Landwirtschaft oder im Handwerk, waren häufige Pausen üblich und auch notwendig. Dazwischen wurden auch andere wichtige Arbeiten der privaten Sphäre erledigt. Auch der Jahreskreis war darauf ausgelegt, durch Zeiten des Feierns und häufige kirchliche Feiertage Erholungspausen zu ermöglichen. Das kirchliche Sonntagsgebot hat so auch eine soziale Dimension, die schon dem jüdischen Sabbatgebot ausdrücklich innewohnt.

Auch waren bis zur Industrialisierung die „Erwerbsarbeit“ und das Privatleben bei weitem nicht so getrennt wie heute. Vielfach kann man eine Familie damals als eine Art „Kleinbetrieb“ verstehen, die alle möglichen Aufgaben zur Erhaltung auf seine Mitglieder arbeitsteilig aufteilt, die aber örtlich so nahe beieinander tätig sind, daß eine gegenseitige Hilfestellung leicht möglich war.

Das ist keineswegs eine idyllische Zeit gewesen; es war anstrengend und aufreibend, den Lebenserhalt zu sichern. Aber nicht so anstrengend und aufreibend, wie es in den ersten Jahrzehnten der industriellen Revolution für viele Menschen werden sollte. Denn die familiäre Einheit wurde durch die Fabriksarbeit aufgesprengt – vor diesem Hintergrund ergibt auch Marxens Diktum von der Entfremdung einen wenn auch nicht intendierten Sinn –, die Arbeitszeiten auf bis zu 80 Stunden nahezu pausenloser Arbeit massiv ausgeweitet, ohne daß die nötige Zeit für andere Aufgaben zum Erhalt der Familie geschrumpft wäre.

Erst Jahrzehnte später sollte die gestiegene Produktivität auch in den ärmeren Schichten zu einem Wohlstandsgewinn führen, der sich in kürzeren Wochenarbeitszeiten bei ausreichendem Lohn einerseits, in erschwinglichen Hilfen zur Erleichterung der Arbeiten in der privaten Sphäre andererseits (wie die Erfindung des Suppenwürfels …) ausdrückten.

Der Mindestlohn – eine unökonomische Debatte

In den USA tobt eine Diskussion um die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns von $7,25 auf $9 (€ 6,80), was bei einer 40-Stunden-Woche etwa einem Mindest-Monatsgehalt von 1560 US$ (€ 1180) entsprechen würde. Auslöser war ein entsprechender Vorschlag des US-Präsidenten Barack Obama. In einem Land, in dem Millionen von Menschen illegal leben und arbeiten von der Rechtsdurchsetzung her schon kurios.

Auch in Deutschland wogt seit einiger Zeit die Mindestlohndebatte, wobei sie weniger von den Betroffenen auszugehen scheint als von gut situierten Personen, die ihr „soziales Profil“ schärfen wollen. So hat Jürgen Trittin in der „Rheinischen Post“ vor kurzem wieder einen gesetzlichen Mindestlohn gefordert. In Österreich gibt es übrigens keinen gesetzlichen Mindestlohn, dafür flächendeckende Kollektivverträge mit Mindestentgelten, die man anders als in Deutschland wesentlich schwieriger umgehen kann.

Nun stehen sich in der Frage des Mindestlohns zwei grundverschiedene Gedankenwelten gegenüber, wie sie etwa in der Frage von Textilien aus Ostasien ebenso aufeinanderprallen. Die einen halten Löhne unter einer gewissen Höhe einfach für unmoralisch; besser sei es, wenn einzelne Menschen arbeitslos auf Kosten der Allgemeinheit lebten, als dass jemand für solche Löhne arbeiten würde, freiwillig hin oder her. Die anderen meinen gerade umgekehrt, es sei unmoralisch, Menschen in die Abhängigkeit vom Staat zu zwingen oder – im Falle der Textilarbeiter – in existentielle Not zu bringen, wenn sie sich doch freiwillig etwas dazuverdienen würden. Sie zu zwingen, nur noch zu Löhnen arbeiten zu dürfen, die eben niemand für sie zahlen würde, sei geradezu menschenverachtend.

Der ökonomische Sachverstand dagegen wird in der Mindestlohndebatte selten gebraucht, weil es eben nur in engen Grenzen um Ökonomie geht. In den USA geht es um ein Thema für die Demokraten, um die Republikaner als herzlose Plutokraten darzustellen, wie der Atlantic wohlwollend schreibt. In den USA treiben SPD und Grüne ähnliche Kalküle, und CDU/CSU wollen durch ein eigenes Vorpreschen in Sachen Mindestlohn die Wahlstrategie von Rot-Grün durchkreuzen.

Dabei begehen viele den Kategorienfehler, niedrige Löhne automatisch mit Armut gleichzusetzen. Viele der Niedriglohnjobs in den USA werden werden von Studenten oder anderen Personen ausgefüllt, die grundsätzlich bereits durch das Einkommen anderer Familienmitglieder (Eltern, Ehepartner, etc.) erhalten werden. Wenn ich tatsächlich arme Haushalte unterstützen will, wie es Obama als Begründung genannt hat, wären Direkttransfers wohl die effizientere Lösung.

Ökonomisch bedeutet ein Mindestlohn in der Regel die Verteuerung von Arbeit, und damit den Wegfall marginaler Arbeitsplätze. Manche werden tatsächlich mehr verdienen, andere weniger Stunden arbeiten, so daß die unproduktivsten Zeiten gestrichen werden, andere in den Schwarzmarkt ausweichen, andere ganz einfach keinen Job mehr finden. Der Nettoeffekt ist dabei nicht immer leicht zu bestimmen; die Tendenz, Menschen aus dem Arbeitsmarkt hinauszupreisen, ist aber klar. Die negativen Beschäftigungseffekte werden durch Inflation und je nach Einsatz verschieden langen Umrüstungszeiten gemildert, z.B. werden in manchen Branchen geplante Investitionen, um zu teuer gewordene Arbeitskräfte einzusparen, durch die Geldentwertung wieder gegenstandslos. Obamas Vorschlag wäre daher schlimmer als die bisherigen, weil er den Mindestlohn indexieren will.

Eine Ausnahme von diesen negativen Effekten bestünde freilich, wenn gewisse Unternehmen übermäßige Marktmacht am Arbeitsmarkt besäßen, ein Monopsonist wären. Das ist das Gegenteil des Monopols: Nicht ein einziger Anbieter, sondern ein einziger Nachfrager, der wiederum durch seine Stellung Renten abschöpfen kann. Dann sind Mindestlöhne ähnlich einer Preisregulierung für Monopolisten sogar geboten. Doch das wird weder für Deutschland noch für die USA, ja nicht einmal von Verfechtern des Mindestlohns behauptet.

Hyperinflation im Jenseits

Ich blogge gerne über Wirtschaftsthemen und gerne über den Glauben, da darf dieses Cross-Over des US-Ökonomen und Kabarettisten Yoram Bauman nicht fehlen:

Leidet das Jenseits – die in einer sehr pessimistischen Sicht der Dinge von Bauman immer mit der Hölle und Unterwelt gleichgesetzt wird – unter einer Hyperinflation? Warum das so sein könnte, erklärt Bauman selbst in derselben Art, in der sonst neue wirtschaftswissenschaftliche Paper diskutiert werden.

Wer mehr vom „Stand-Up-Ökonomen“ sehen will, wird hier auf seinem Youtube-Channel fündig oder besucht seine Homepage standupeconomist.com. Bauman hat auch eine Comics-Einführung in die Ökonomie gemeinsam mit Grady Klein verfaßt, dessen erster Band mittlerweile sogar auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht wird man damit ja wirklich „mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen“, wie es der deutsche Buchtitel verspricht (der englische ist weniger hochtrabend).

(via Greg Mankiw)