Spanien: Zurück zur Greenwich Mean Time?

Wer in Spanien auf Urlaub war oder mehr noch, wer beruflich dort zu tun hatte, wird der etwas andere Zeitrhythmus aufgefallen sein. Das Mittagessen wird oft zwischen 14 und 16 Uhr eingenommen, das Abendessen erst um 21 Uhr oder später. Das „Hauptabendprogramm“ im Fernsehen beginnt überhaupt erst um 22 Uhr; das ist auch die Zeit, wo man weggeht. Wenn dann zu lesen ist, die gemeinsame Abendrunde könne sich auch in der Familie bis weit nach Mitternacht ziehen, führt das aber etwas in die Irre.

Denn Spanien verwendet seit 1942 die Mitteleuropäische Zeit, für die das Land eigentlich zu weit westlich liegt. So geht am heutigen 24. Jänner die Sonne in Santiago de Compostela um 8:15 auf, und um 19:18 unter, in Barcelona immerhin um 7:31 auf und um 18:37 unter. In Graz lauten diese Zeiten 6:44 und 17:37. Zu Barcelona beträgt der Unterschied also eine Dreiviertelstunde, zu Santiago de Compostela sogar eineinhalb Stunden. In Graz ist der Sonnenhöchststand kurz nach 12 Uhr erreicht, in Santiago de Compostela eher Richtung Dreiviertel Zwei. In der Sommerzeit entfernt sich der Sonnenhöchststand noch einmal eine Stunde von der 12-Uhr-Marke.

Mit der Umstellung folgte Spanien damals Frankreich, das seit der NS-Okkupation die Mitteleuropäische Zeit verwendet. Da schien es naheliegend, die Zeit des wichtigen Handelspartners und Nachbarn zu übernehmen. Doch die Arbeitszeiten synchronisierten sich nicht, wie vielleicht erwartet worden war.

Stattdessen entwickelte sich ein spezifisch spanischer Rhythmus: Die Spanier fangen wohl zu ähnlichen Uhrzeiten zu arbeiten an wie etwa ihre französischen Kollegen, haben ihre (lange) Mittagspause dann aber deutlich später — oft fängst sie erst um 14 Uhr an –, beginnen dann zwischen 15 Uhr und 16 Uhr wieder zu arbeiten, was sich wiederum ohne weiteres bis 20 Uhr ziehen kann, und schlafen dann eine Stunde weniger als es dem europäischen Durchschnitt entspricht. In Folge dessen sind die Spanier auch weniger produktiv, wie Berichte der Comisión Nacional Para La Racionalización de los Horarios Españoles anführen.

Ein Vorschlag ist daher, wieder die gleiche Zeitzone wie Großbritannien anzunehmen und in einer konzertierten Aktion gleichzeitig damit z.B. die Programmierung der Fernsehkanäle etc. so zu ändern, dass die Hauptabendzeit nach vor verlegt wird. Außerdem soll die lange spanische Mittagspause gekürzt werden, damit die Menschen früher nach Hause können und noch Zeit für das Familienleben bleibt.

Hinter diesem Vorschlag stehen mittlerweile auch zahlreiche Politiker und Gewerkschaften. Die lange Mittagspause ist sinnvoll, wo die brennende Nachmittagssonne jedes Arbeiten unmöglich macht. In der Landwirtschaft oder am Bau wird sie auch weiterhin notwendig sein. In vollklimatisierten Büros und Geschäften wohl weniger.

Schweden 1650. Erstheiratsalter der Frauen: 26,7 Jahre. Warum? Darum.

Durch den Schwarzen Tod, die Große Pest, die im 14. Jahrhundert Europa verwüstete und einen bedeutenden Teil der Bevölkerung das Leben kostete, erfuhr Europa tiefgreifende Veränderungen.

Kultivierbares Land ist plötzlich im Überfluß vorhanden — mehr, als die Verbliebenen intensiv bewirtschaften können. Daher nimmt die extensive Weidewirtschaft zu, was wiederum auch den Speiseplan der Europäer verändert. Weniger Kohlenhydrate, mehr Eiweiß.

In der Folge kommt es zu einem überraschenden Effekt: Das Heiratsalter verschiebt sich nach oben und verringert damit auch die Kinderzahl. In Deutschland liegt im 17. Jahrhundert das Erstheiratsalter für Frauen bei über 26 Jahren, in Schweden detto. Gerade in einer Situation, die zu einer höheren Fruchtbarkeit führen sollte, tritt das Gegenteil ein. Warum? Und warum tritt dieser Effekt in West-, Mittel- und Nordeuropa auf, aber nicht in Osteuropa und den östlichen Teilen Mitteleuropas?

Nach dem Soziologen Hajnal ist die sogenannte Hajnal-Linie benannt, die etwa von Triest Richtung Nordosten nach St. Petersburg verläuft und die beiden Regionen trennt, die entweder dem „Europäischen Heiratsmuster“ eines hohen Heiratsalters und eines relativ hohen Anteils Unverheirateter folgen oder eben östlich davon nicht. Niederösterreich und die Steiermark folgen beispielsweise noch dem europäischen Heiratsmuster, Ungarn schon nicht mehr.

Nico Voigtländer und Hans Voth haben nun eine mögliche Erklärung untersucht. Sie gehen davon aus, dass das Europäische Heiratsmuster dort stark ausgeprägt ist, wo die Große Pest des 14. Jahrhunderts besonders gewütet hat.

Denn dort verändert sich durch die Pest, wie geschildert, das Verhältnis von Arbeitskraft und Land: Die Arbeitskraft ist relativ knapper und damit wertvoller geworden, das Land dagegen relativ reichlicher und wertloser. Damit stiegen die Opportunitätskosten bei einer Hochzeit. Frauen waren in der Landwirtschaft nicht so sehr im Ackerbau, sondern in der Weidewirtschaft oder im Gartenbau tätig. Als Mägde waren sie meistens unverheiratet; es war in vielen Ländern gesellschaftlicher Konsens, dass mit einer Hochzeit das Dienstverhältnis der Magd beendet wäre.

Frauen, die mit Kindererziehung und der Arbeit im Haus und zu Hause beschäftigt waren, hätten nicht mehr die zeitliche Verfügbarkeit gehabt, um als Mägde etc. zu arbeiten. Die übliche Aufnahme zu Kost und Logis für eine ganze Familie wäre außerdem natürlich weitaus teurer gewesen wäre als für eine unverheiratete Magd.

In späteren Jahrhunderten sinkt das Erstheiratsalter wieder: Frauen hätten durch das sich ausweitende Verlagssystem auch Möglichkeiten vorgefunden, als Verheiratete bezahlte Arbeit zu finden. Je nach Erholung der Bevölkerungszahl kehrt sich auch das Faktorverhältnis wieder um: Das Land bleibt gleich, doch die Arbeitskraft nimmt zu. Steigende Getreidepreise führten zu einer Verdrängung der Weidewirtschaft durch Ackerbau, in dem weibliche Arbeitskraft statistisch gesehen einen komparativen Wettbewerbsnachteil hat.

Es gibt übrigens nach Voth und Voigtländer neben zwei besondere Faktoren, die eine Ausbildung des „Europäischen Heiratsmusters“ in bestimmten Gegenden verhindert haben sollen: Entweder eine hohe Produktivität des Ackerbaus, oder eine weit ausgreifende Wander-Weidewirtschaft. Letztere ist in Europa eher mit männlichen Hirten verbunden. In der stationären Weidewirtschaft waren dagegen bereits im 14./15. Jahrhundert oft Frauen tätig.

Effekt des Europäischen Heiratsmusters ist jedenfalls für eine Jahrhunderte ein gestiegender Wohlstand, der schließlich durch bessere Ernährung etc. zum Motor für weitere Verbesserungen wird. Als die Bevölkerungszahlen wieder hoch sind, sorgen in der Zwischenzeit erfolgte technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovationen dafür, dass der Wohlstand in Europa auch pro Kopf 1750 deutlich über dem vor der Großen Pest liegt. Freilich gibt es für die Innovationen selbst einige interessante Erklärungen, die den Rahmen dieses Beitrags spengen würden.

Die Ehe als Aufstiegshilfe

In den USA wird schon lange beobachtet, dass Alleinerzieherhaushalte vor allem ein Phänomen der ärmeren Schichten sind, die auch eine kürzere Ausbildung genossen haben. Da es in den USA anders als bei uns bis zum Maturaalter im Prinzip lediglich eine Gesamtschule gibt, ist das für diejenigen, die nicht einmal diese abschliessen konnten, tatsächlich ein Problem. Menschen mit höherem Einkommen und höheren Bildungsabschlüssen tendieren eher zur Heirat und weisen auch niedrigere Scheidungsraten auf. Diese stabilere Beziehung färbt auch auf die Kinder ab: Kinder aus stabilen Familien weisen signifikant bessere Bildungsergebnisse und Einkommen auf und haben ein deutlich geringeres Risiko, straffällig zu werden.

Dieser Trend hat dazu geführt, dass etwa 2008 unter den Dreißigjährigen erstmals bei den College-Absolventen ein höherer Anteil verheiratet war als unter den Nicht-College-Absolventen, obwohl erstere durch die längere Ausbildungszeit tendenziell auch später heiraten.

Nun kann das zu einer Teufelsspirale werden: Gerade Menschen aus ärmeren Schichten würden von den sozialen und ökonomischen Vorteilen der Ehe besonders profitieren. Stattdessen ist aber dort die Rate der unehelichen Kinder besonders hoch. Die gesellschaftliche Kluft zwischen den Schichten steigt dadurch, obwohl empirisch gesehen für Menschen aus ärmeren Schichten die Ehe geradezu eine Aufstiegshilfe wäre.

Interessanterweise glauben manche wie etwa Isabel Sawhill am Brookings Institut, durch einen stärkeren Fokus auf Verhütung und eine Verlagerung der Zeugung von Kindern nach hinten dem entgegenwirken zu können. Das scheinen aber eher technokratische Maßnahmen zu sein. Stattdessen ginge es wohl eher um die Struktur des Beziehungsmarkts selbst, der je nach Bildungssituation und sozialer Schicht unterschiedlich funktioniert. Und um ein Phänomen, dass Ross Douthat so beschreibt:

a world where the short-term rational self-interest of both sexes — the understandable female desire to have children without taking on the burden of husbands who are often basically children themselves, and the understandable male desire not to take a steady but low-paying job when they can work part-time, goof off on the XBox, and still find willing sexual partners — conspires to keep some of the crucial ingredients of long-term happiness out of reach for a larger and larger share of the population.

Der eigentliche Schlüssel scheint in Impulskontrolle, Reflektion und der Fähigkeit zur langfristigen Perspektive zu liegen. Das sind halt ähnliche Eigenschaften, die auch für die positive Absolvierung langer Bildungswege von Vorteil sind.

Zur Schweizer „Masseneinwanderungsinitiative“

In abstrakten ökonomischen Modellen gibt es keinen Unterschied zwischen Freihandel und unbeschränkter Immigration. Im ersten Fall werden die Produktionsfaktoren im Ausland in Waren verwandelt und hertransportiert; im anderen Fall wandern die Produktionsfaktoren selbst. Berücksichtigt man unterschiedliche Kapitalausstattungen der Länder und Skalenerträge — dass etwa eine Brotfabrik deutlicher effizienter arbeitet als wenn jeder selbst sein Brot bäckt –, kann diese Freiwanderung sogar erhebliche Wohlstandsgewinne für die Wandernden bedeuten.

Das ist einer der Gründe, warum manche Ökonomen große Freunde der unbeschränkten Niederlassungsfreiheit sind. Die Abstimmung in der Schweiz, in der sich die Stimmbürger mehrheitlich für eine gezügelte Einwanderung aus den EU-Ländern ausgesprochen haben, beweist einmal mehr, dass im Konkreten zwischen Freihandel und unbeschränkter Immigration eben doch große Unterschiede bestehen. Denn die Schweizer haben in Abstimmungen mehrmals mit deutlicher Mehrheit eine handelspolitische Öffnung des Landes befürwortet; angesichts eines Ausländeranteils von knapp 25% und dem vielzitierten „Dichtestress“ sehen sie den weiteren Zuzug aber kritisch.

Dabei geht es weniger um die „Modernisierungsverlierer“, wie sie gerne abschätzig genannt werden, die sich sozial und kulturell durch niedrigqualifizierte Zuwanderung bedroht und ausgegrenzt fühlen. Es geht durchaus um die breite Mitte, die den Druck auf dem Wohnungsmarkt, die steigenden Verkehrslasten, die Belastung öffentlicher Infrastruktur und Leistungen durch die rasant steigende Bevölkerungszahl spürt. Roger Köppel, Chefredaktor der Schweizer Weltwoche, führt es in einem Gastkommentar in der FAZ deutlich aus:

Die Regierung prognostizierte [bei Einführung der Personenfreizügigkeit] eine fast unmerkliche Nettozuwanderung von 8000 bis 10.000 Menschen jährlich, um die Skepsis zu zerstreuen. Tastsächlich kamen seit Einführung der Personenfreizügigkeit 2007 rund zehnmal mehr, pro Jahr immer mindestens 70.000 Menschen. Zuletzt waren es 85.000 Personen netto, Tendenz anhaltend. Die Schweiz wächst dank der Personenfreizügigkeit jährlich im Umfang einer größeren Stadt wie Luzern oder St. Gallen – mit allen Folgekosten und Auswirkungen auf Verkehrsdichte, Häuserpreise, Lohndruck und Mieten.

Wäre bei der Abstimmung nicht auf Seiten der Gegner der Initiative so stark betont worden, dass eine Beschränkung der Zuwanderung ein Anschlag auf den Wohlstand wäre — wegen der verbundenen EU-Verträge — und irgendwie auch unmoralisch, so wären wohl deutlich mehr Stimmen für die Beschränkung ausgefallen. An den Reaktionen kann man indes ablesen, dass sowohl Wirtschaftsvertreter als auch in weiten Teilen der Medienlandschaft die Idee irgendeiner Einwanderungsbeschränkung absurd scheint und daher das Ergebnis als äußerst dramatisch wahrgenommen wird, das ja in Wahrheit ein recht weiches Ziel hat.

Diese ideologische Verengung — die genauso eine Verengung ist wie eine xenophone „Das Boot ist voll“-Ansagen — verstellt den Blick. In einer Gesellschaft mit umfangreichen öffentlichen Leistungen, von Bildung bis Arbeitsmarkt, und einer ausgeprägten regionalen Kultur und Demokratie ist es wichtig, eine gewisse Mindestkohärenz der Gemeinschaft zu sichern. Wenn wesentliche Teile der Gemeinschaft diese Mindestkohärenz in Gefahr sehen, so ist das gerade für einen Demokraten ernst zu nehmen und nicht einfach als Verirrung abzutun. Denn sonst gerät die Gesellschaft selbst in existentielle Gefahr.

Ach ja: Hier der Initiativetext, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann.

370.000 Arbeitslose

Dass im Winter die Arbeitslosigkeit steigt, ist keine Überraschung. Dass sie heuer auch im Jahresvergleich steigen wird, war angesichts schwacher Konjunkturdaten — so stagnierte der private Konsum 2013 — zu erwarten. Zudem war der österreichische Arbeitsmarkt im europäischen Vergleich bislang überraschend robust.

Trotzdem: Dass das Arbeitsministerium einen Anstieg der Personen in Arbeitslosigkeit oder Schulung um 9,5% meldet — 39.000 Menschen –, war doch ein deutliches Signal, dass auch in Österreich etwas zu tun ist. Freilich, für die bei uns so beliebte Katastrophenstimmung gibt es keinen Grund, wie die Zahlen des AMS zeigen. Die Zahl der unselbständig Beschäftigten steigt im Jahresvergleich, allerdings langsamer als das Arbeitskräfteangebot. Von den 370.000 Arbeitslosen haben nur etwa 8.700 eine Vormerkdauer über ein Jahr, deren Vermittelbarkeit deutlich schwieriger ist.

Jede Statistik wird gerne in Frage gestellt. Das soll man auch ruhig, weil es ipso facto keine perfekte Statistik geben kann. Trotzdem hat sie ihren Wert; man sollte sie nicht leichtfertig abkanzeln, wie Andreas Sator gut darstellt.

Was gibt es kurzfristig zu tun? Das Schlagwort von der „Entfesselung der Wirtschaft“ hat durchaus etwas richtiges. Und es geht gar nicht um große Umbrüche, sondern um Kleinigkeiten. Z.B. die Abschaffung der Auflösungsabgabe. Die wird ohnehin gerade in missbrauchsanfälligen Branchen (Bau!) gar nicht angewandt und erschwert Kündigungen unnötig. Die Lockerung des Kündigungsschutzes etwa für Menschen mit Behinderung oder der „sozial ungerechtfertigten“ Kündigung würde den Arbeitsmarkt ebenfalls Impulse geben. Denn, so paradox es klingt: Umso leichter man Menschen kündigen kann, umso eher stellt man sie auch ein. Das ist empirisch gut belegt. Wie überall gibt es auch hier eine Grenze. Die ist in Österreich auch angesichts unseres sozialen Netzes meines Erachtens aber nicht erreicht.

Würde man den Banken mehr Zeit für die Erreichung der höheren Eigenkapitalquoten geben und die Risikovorschriften in Richtung der Erleichterung von Krediten für Investitionen adaptieren, so könnte daraus eine Lockerung der Kreditklemme resultieren. Das kann Österreich leider nicht im Alleingang beschließen. Zumindest könnte die FMA in ihren Richtlinien eine rechtlich gedeckte großzügigere Interpretation der Vorgaben vornehmen.

Zuletzt: Steuererhöhungen müssen gerade bei gedämpfter Konjunktur wohl überlegt und klug strukturiert sein, will man die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt nicht schädigen.

Ein Inflations- und ein Zinsziel sind ein und dasselbe

Die EZB verfolgt das Ziel einer stabilen Inflationsrate von knapp unter 2% — und zu den wesentlichen Mitteln der Notenbank gehört dabei die Zinssatzpolitik. Damit ist die EZB in bester Gesellschaft: Eine auf ein Inflationsziel gerichtete Geldpolitik ist momentan Standard, Zinsänderungen das Mittel der Wahl.

Wenn man sich der Fischer-Gleichung bedient — Realzins = Nominalzins – Inflation –, so scheint aber ein Inflationsziel in gewisser Weise auf ein Zinsziel hinauszulaufen. Geld als Zahlungsmittel hat in der Regel einen Nominalzins von 0 (Bargeld) oder nahe 0 (täglich verfügbares Geld). Dann ist der Realzins darauf nichts anderes als die Inflation mit negativem Vorzeichen.

Nun steht die Zentralbank aber vor zwei Problemen:

  1. Der Zins ist Signalträger für ganz verschiedene Phänomene: Risikoannahmen, Wachstumsaussichten, Angebot und Nachfrage leihbarer Mittel, Zeitpräferenzen, Inflationserwartungen … . Mit ihrer Zinspolitik vernebelt die Zentralbank dieses Signal und verzerrt damit die Realwirtschaft.
  2. Die Zinsstruktur selbst ist veränderlich und wirkt wiederum über Rückkopplung auf das Inflationsziel der Zentralbank. Vor Quantitative Easing hatten die Zentralbanken kaum Mittel, um diese Zinsstruktur direkt zu beeinflussen. Wenn die Zentralbank nun diese Struktur beeinflussen kann, verstärkt sie wiederum nur das Problem in Nr. 1.

Der kanadische Ökonom Nick Row überlegt in zwei Posts nun laut, ob das Inflationsziel — oder Realzinsziel — der Notenbank nicht hauptverantwortlich für die große Bedeutung der Finanzwirtschaft in makroökonomischen Krisen sei. Denn die Notenbankpolitik könne auch als Zinsdifferentialpolitik dargestellt werden; und bei einem Zinsdifferentialschock (Finanzkrise) gerate daher die ganze Geldpolitik und in der Folge die Realwirtschaft in Unordnung.

Ob sein Rezept eines anderen geldpolitischen Zieles — der Summe aus Wirtschafts- und Preisniveauwachstum — dagegen hilft? Denn im Grunde geht es um die simple Tatsache: Wenn die Notenbank irgendeinen Wert anvisiert, irgendetwas als Wertanker verwendet, so können Schocks auf diesen Wertanker zu Verwerfungen führen. Ein Auseinanderklaffen von Realwirtschaft und Edelmetall hat im 16. Jahrhundert die spanische Wirtschaft in Inflation gestürzt, im frühen 20. Jahrhundert Deflation hervorgerufen. Ein Anvisieren eines stabilen Geldmengenwachstums hat zu Spannungen zwischen doch vorhandenem Preis- und Mengenziel geführt. Das Inflations- bzw. Realzinsziel scheint die Rückkopplung von Finanzkrisen in die Realwirtschaft zu begünstigen. Doch ohne Wertanker geht es eben nicht, selbst wenn er bloß implizit wäre. Sonst ist Geld eben wertlos.

Soll man die Körperschaftsteuer abschaffen?

In Österreich wird außerhalb der Wirtschaftskreise eher moniert, dass die Unternehmenssteuern zu niedrig sein. Gruppenbesteuerung, die Befreiung von Beteiligungserträgen, der Körperschaftsteuersatz von 25% usw. usf. sind ständige Anlässe für Kritik, vornehmlich aus der Arbeiterkammer, Gewerkschaft und der SPÖ.

Doch ist es vielleich umgekehrt? Sind Körperschaftsteuern vielleicht sogar fiskalisch eine schlechte Idee? In diese Richtung argumentiert Lawrence Kotlikoff. Ein Grund dafür ist die Steuerinzidenz, wer also eine Steuer wirklich trägt. Die Körperschaftsteuer wird nicht bloß durch niedrigere Gewinnausschüttungen vom Eigentümer getragen, sondern etwa auch durch niedrigere Gehälter und höhere Preise überwälzt.

Kotlikoffs positive Ergebnisse zur Abschaffung der US-Körperschaftsteuer kommen auch daher, dass er Verlagerungen von Unternehmen in die USA einkalkuliert. Eine andere Variante wäre, die ausgeschütteten Gewinne zumindest ähnlich Erwerbseinkommen zu besteuern, verbunden mit strikten steuerlichen Folgen für verdeckte Ausschüttungen, z.B. wenn ein Eigentümer eine Firmenwohnung verwenden darf. Die kombinierte Steuer auf ausgeschüttete Gewinne beträgt in Österreich momentan 43,75 Prozent (25% Körperschaftsteuer, auf Ausschüttungen weitere 25% Kapitalertragsteuer), ist also der Besteuerung auf Erwerbseinkommen nahe. In Abwandlung von Kotlikoffs Modell würden dann wohl diese 43,75 Prozent direkt von den Dividenden einbehalten, während nicht ausgeschüttete Gewinne steuerfrei blieben.

Diese deutliche Bevorzugung reinvestierter Gewinne würde freilich zu stärkeren Investitionen und damit einem Wachstum des Kapitalstocks führen, eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Gerade in der Übergangszeit, bevor die positiven Effekte auf das langfristige Wirtschafts- und Lohnwachstum eintreten, wäre aber mit einem Einnahmenausfall zu rechnen, den sich momentan wohl kein Land leisten will. Auch Missbrauch von Unternehmen als Hülle für aufgestaute Gewinne wäre zu befürchten. Also keine Sorge: Die Körperschaftsteuer wird es noch länger geben.

Irland: Austerität ist hier das falsche Thema

Irland gilt als der Musterschüler unter den Krisenländern der Eurozone. Es konnte nach großen Sparanstrengungen den Rettungsschirm als erstes Land verlassen. Anders als etwa in Portugal oder Griechenland gab es über die prinzipielle Notwendigkeit der Sparpolitik auch einen weitgehenden nationalen Konsens.

Jetzt wird mancherort angeführt, die irische Erfahrung beweise, dass der Rettungsschirm und eine konsequente Sparpolitik funktioniere. Andernorts wird mit Verve das Gegenteil behauptet. Angesichts der irischen Zahlen sind beide Interpretationen möglich.

Nur ein paar Daten von Eurostat: Der öffentliche Schuldenstand Irlands ist von 24,9% des BIPs im Jahr 2007 in drei Jahren auf 104,1% des BIPs gestiegen und hat 2012 bereits 117,4% betragen. Das Defizit soll heuer aber bereits Maastricht-konform sein. Die Zahl der Beschäftigten ist von 1,77 Millionen im 1. Quartal 2008 auf 1,51 Mio. im 1. Quartal 2013 gesunken. Im gleichen Teitraum ist der durchschnittliche Bruttowochenlohn von 704 auf 676 Euro zurückgegangen. Typisches Zeichen einer „realen Abwertung“. Der Anteil der Arbeitslosen 15-24jährigen an ihrer Alterskohorte hat sich auf 12,3% mehr als verdoppelt. Der private Schuldenstand ist dank schrumpfender Wirtschaftsleistung und dem Versuch, Einkommensausfälle zu glätten, von 218,6% im Jahr 2007 auf über 300% des BIP gestiegen.

US-Ökonom Tyler Cowen hält die jetzige Debatte über den Erfolg der Austerität aber für einen schweren logischen Fehler: Denn das auslösende Moment der irischen Krise sei ja die unbegrenzte Garantie von Schulden irischer Banken durch den Staat gewesen. Sobald sich der Staat zur Übernahme dieser Verpflichtungen bereiterklärt hat, war eine einschneidende Sparpolitik die einzig logische Folge. Selbst die Frage, wie rasch man einsparen sollte, beantwortete sich angesichts steigender Refinanzierungskosten des Staates dann von selbst.

Cowen hat meiner Meinung nach völlig recht: Anders als bei über Jahre wachsenden Staatsschulden war es hier im wesentlichen eine einzige politische Entscheidung, die Irland tief verschuldet hat und eine rigide Sparpolitik notwendig gemacht hat. Daher ist eine Debatte, ob die irische Sparpolitik erfolgreich war oder nicht, verfehlt, die nicht das singuläre Ereignis berücksichtigt, ohne die es diese Politik nicht gegeben hätte. Sie war insofern erfolgreich, als Irland es geschafft hat, die gewaltige Verpflichtung, die es eingegangen ist, irgendwie zu stemmen, und damit ihr Hauptziel auch erreicht. Über Sinn und Unsinn fiskalpolitischer Vorsicht und einer Austeritätspolitik sagt es aber wenig.

Erben: „Familienwerte“ gegen „Chancengleichheit“?

Seinen Kindern etwas weitergeben zu wollen, sie zu unterstützen, dass ist etwas ziemlich Böses. Wer ihnen außerdem noch etwas vererben will, begeht etwas, das schon an eine schwere Straftat grenzt. Zumindest im Artikel „Reich bleiben in Österreich“ von Pirmin Fessler und Martin Schürz in der Arbeiterkammer-Zeitschrift „Wirtschaft und Gesellschaft“.

Darin geißeln sie die Erbschaftsteuerpläne der SPÖ als ungerecht („können ihre Gerechtigkeitsperspektive nicht konsistent argumentieren“), weil der „leistungsfreie Vermögenszuwachs“ — sofern er nicht durch Staatstransfers erzeugt wurde — an und für sich mindestens so hoch wie übriges Einkommen zu besteuern sei. Der Verweis auf die fragwürdige Studie von Piketty und Saez zeigt, dass die Autoren aber weitaus höhere Steuersätze für angemessen halten.

Wer also jemanden etwas zu Lebzeiten oder von Todes wegen schenkt, der soll den größeren Teil davon der wohlmeinenden Politik überlassen, die bekanntlich besser weiß als man selbst, was mit dem Erwirtschafteten zu geschehen hat.

Der Vergleich der Erbschaft mit Arbeitseinkommen ist ohnehin ein Kategorienfehler, der einem Ökonomen nicht passieren sollte. Erbschaften und Schenkungen stammen ja letzten Endes aus Einkommensteilen, die angespart wurden und schon einmal versteuert wurden. Die Erträge aus diesen Vermögen werden systemrichtig besteuert, die Vermögensstämme selbst aber nicht.

Warum es aber wirklich geht, beschreibt folgender Abschnitt:

Wer Erbschaftsteuervorhaben primär unter dem Gesichtspunkt von Freibeträgen thematisiert, kann sich nur noch auf eine Schwundvariante von Gerechtigkeit beziehen — auf die Frage: „Wie viel Erbe ist gerecht?“ Doch dies unterstelt, das Erben an sich gerecht ist, exzessive Erbschaften aber einen gesellschaftlichen Beitrag leisten sollen. […] So wie individueller Nutzen innerfamiliär mit einem familiären Ausgleich (zwischen Geschwistern) kollidieren kann, kollidiert auch familiärer Nutzen mit gesellschatlichen Gleichheitsvorstellungen. […] Die Idee, dass die Kinder es einmal besser haben sollen, basiert eben auf Familienwerten und muss daher in einem Spannungsverhältnis zu gesellschaftlichen Überlegungen von Chancengleichheit stehen.

Provokant gefragt: Wozu sollen Menschen Kinder in die Welt setzen, deren Förderung und Unterstützung ihnen offenbar ideologisch strikt untersagt ist? Denen sie sich wohl nicht einmal liebevoll zuwenden dürfen, denn das könnte bereits eine Bevorzugung gegenüber jeden Kindern sein, die ohne diese Zuwendung aufwachsen? Allein der Gedanke, dass es die eigenen Kinder einmal gut haben sollen, wird unter dem Primat der „Chancengleichheit“ bereits zum Sakrileg.

Deflationsgefahr in der Eurozone?

Im deutschsprachigen Raum, soweit er sich mit der Eurozone überschneidet, überwiegt in der Bevölkerung die Angst, dass die Geldpolitik der EZB zu einer enormen Geldentwertung führen könnte. Das ist nach den Erfahrungen der Vergangenheit, von der Hyperinflation der Zwanziger Jahre zum Wertverlust der Vierziger Jahre bis zur Staglation der Siebziger Jahre verständlich. Doch die Realität scheint eine andere zu sein, wie man etwa dem Deflationsmonitor der Danske Bank, der größten Bank Dänemarks, glauben darf.

Dieser Index ist ein gewichteter Durchschnitt verschiedener Inflationsmaße, wie sie von Eurostat berechnet werden, des Geschäftsklimaindexes PMI, der Veränderung der Lücke zwischen tatsächlichem und potentiellen BIP, der Lücke zwischen tatsächlicher und inflationsneutraler Arbeitslosenrate und des Lohnwachstums. Nur für Deutschland wird weist der Index auf Inflationsrisken hin, während er für Griechenland und Spanien hohe Deflationsrisken sieht.  Frankreich, Portugal, Irland und Italien weisen ebenfalls hohe Indexwerte auf.

Danske Bank: Deflation Index

Danske Bank: Deflation Index

Eine Deflation muss nicht immer schlecht sein: Wenn sie auf Produktivitätszuwächsen beruht, sei es durch technologische Verbesserungen oder organisatorische, wegen denen die Gesamtproduktion steigt und daher bei gleichbleibender Geldmenge die Preise fallen, kann sie auch positiv gesehen werden, wie George Selgin argumentiert. Doch in der Eurozone ist davon keine Rede, eher die Gefahr der negativen Deflation vorhanden, die über eine Spirale von sinkender Nachfrage, schrumpfender Beschäftigung, weiterer Verschiebung von Konsum und Investitionen den betroffenen Ländern eher düstere Zukunftsaussichten beschert.

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