Der ganze Bienenschwarm in Aufregung

Man spricht heute gerne von der Schwarmintelligenz, doch in Sachen Neonicotinoide würde ich von etwas anderem sprechen. Kaum jemand wußte über das Thema vor der Abstimmung im Ministerrat bescheid. Kaum jemand berichtete über die Vorschläge und Gegenvorschläge. Auch die erste Abstimmung am 18. März schlug keine Wellen. Jetzt, post facto, sind alle Experten, wissen, was den Bienen fehlt – und daß die Phalanx der Gegner eines Neonicotinoid-Verbots – Finnland, Großbritannien, Litauen, Slowakei, Spanien, Tschechien und Österreich – Schergen der chemischen Industrie sind. title=”Bonuspunkte für die Worte „Konzerne“, „Agrochemie“ und „Agrarindustrie“.” target=”_blank” Freilich bleiben Neonicotinoide weiter im Einsatz und in der Umwelt, denn erstens betrifft das Verbot nur bestimmte Mittel mit Neonicotinoiden, und zweitens werden die Nikotin-verwandten Stoffe auch in Produkten wie etwa Flohhalsbändern verwendet, die vom Verbot nicht betroffen sind.

Nun ist es natürlich zum ersten einmal kein Wunder, daß ein Insektizid genau das tut, was sein Name verspricht: Insekten töten. Insofern ist die publizierte Erregung etwa von Stefan Mandl hanebüchen. In der Landwirtschaft ist der vorbeugende Einsatz von Pestiziden heutzutage gang und gäbe. Das betrifft nicht nur die konventionelle, sondern auch die sogenannte biologische Landwirtschaft, die z.B. mit Kupfer gegen Pilzbefall spritzt oder verschiedene Gifte einsetzt.

Ob Neonicotinoide nun Bienen mehr schädigen als alternative Pestizide es tun würden, ist tatsächlich umstritten. Ob der Zusammenbruch der Bienenvölker darauf zurückzuführen ist, im Großen und Ganzen ebenfalls. Es gibt einige Fälle, bei denen ein überschießender Einsatz von Neonicotinoiden mit dem Sterben von Bienenvölkern in Verbindung gebracht wird. Eine Testreihe britischer Forscher mit Hummeln konnte allerdings die Hypothese nicht falsifizieren, daß die Nähe von mit Neonicotinoiden behandeltem Saatgut keine signifikanten Effekte auf die Gesundheit der Völker hätte. Anders gesagt: Sie fanden keinen Zusammenhang zwischen Hummelpopulation und Neonicotinoiden. Allerdings ist im Test wohl von einem sachgerechten Umgang mit Clothianidin und Imidacloprid, so die Namen der Insektizide, auszugehen.

Ebenso hat die US-Umweltbehörde in einer Studie über den Rückgang der Bienenvölker festgestellt, daß Pyrethroide die gefährlichsten Pestizide für Bienen sind; sie werden in Österreich anscheinend aber weitaus weniger eingesetzt als in den USA. Diese Studie hat aber sehr wohl Wechselwirkungen zwischen Neonikotinoiden und anderen Faktoren gefunden, die ingesamt abträglich für die Bienengesundheit sind. Die größte Gefahr bleibt aber die Varroa-Milbe, die von den Imkern wiederum mit Insektizid-Einsatz bekämpft wird, durch die Verbauung der Landschaft und das Fehlen der früheren Ackerraine werden die möglichen Futterplätze der Bienen immer weiter beschränkt. Darüber hinaus sind viele Mikroben, die Bienen befallen, mittlerweile gegen Antibiotika resistent. Es gibt zwar Bienenvölker, die durch Verhaltensanpassung gegen die Varroa-Milbe resistent sind, doch haben sie geringe Popularität – ich vermute einmal wegen geringeren Ertrags. Stattdessen werden ganz andere Merkmale gefördert, wie Eberhard Höfer im „Standard“ etwas überspitzt beschreibt, wie sogar ein schönes Muster der Bienenkönigin.

Die Entscheidung von EU-Kommissar Tonio Borg beruht übrigens offiziell auf dieser Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, die längst nicht so klar ist, wie man nach der Zeitungslektüre glauben müsste. Allerdings macht sie deutlich, daß bestimmte Formen des Säens gebeizten Saatsguts durch dabei eintretende Verwehung ein höheres Risiko entstehen lassen.

Besonders für den Raps- und Kukuruz-Anbau werden Folgen durch den Wegfall befürchtet. Ich teile die Befürchtung insofern nicht, als ja die Neonicotionoide in Neunziger Jahren eingeführt wurden, um für den Menschen gefährlichere Stoffe abzulösen. Ein Rückgriff auf gefährlichere Substanzen wird wohl der Ausweg sein, den die meisten wählen werden.

Das Kommunikationsmanagement des österreichischen Landwirtschaftsministern Niki Berlakovich war aber jedenfalls verbesserungswürdig, um es milde zu sagen. Warum erfahre ich nur über große Umwege, daß Österreich einen Kompromißvorschlag auf wissenschaftlicher Basis unterstützt hat? Oder daß es hier tatsächlich stark divergierende Ansichten in der Fachwelt gibt? Daß hier möglicherweise verschiedene Lobbyinginteressen zusammenprallen, denn es stehen wohl schon andere Unternehmen Gewehr bei Fuß, um Ersatz-Insektizide – und damit wieder Bienenkiller – als Ersatz bereit zu stellen? Berlakovich hätte sich wohl eine Scheibe von der deutschen Amtskollegin Ilse Aigner abschneiden können: Sie wollte Borgs Vorschlag durch Erweiterungen zu Fall bringen, als da aber nichts fruchtete und die Niederlage absehbar war, schlug sie sich in der endgültigen Abstimmung auf die Seite des Verbots.

Reinhart, Rogoff und HAP: Was bleibt übrig?

Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff können auf ein großes Oeuvre als Ökonomen auf dem Gebiet von Finanzkrisen, Politischer Ökonomie, Zahlungsbilanzprobleme und verwandter Themen. Gemeinsam haben sie für ihr Buch „This Times Is Different“ (deutsch: „Dieses Mal ist alles anders“) umfangreiche Daten über Finanzkrisen der letzten achthundert Jahre gesammelt und auch publiziert. Ihre Arbeit wurde geschätzt, ihr Buch war erfolgreich.

Doch dann haben sie aus selbst kompilierten Daten auch eine Studie über den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum publiziert. Erst nur ein paar Seiten, wie nebenher in den American Economic Review eingestreut, dann eine umfangreichere Publikation im gleichen Journal, 2012 schließlich eine ausführliche Darstellung gemeinsam mit Vincent Reinhart im Journal of Economic Perspectives.

Dabei stellen sie bekanntlich fest, daß ab einer Staatsverschuldung von über 90% des Bruttoinlandsprodukts die Wachstumsdynamik eines Landes abnimmt. Ebenso bekanntlich wurde dieses Ergebnis von Herndon, Ash und Pollin in einem Working Paper kritisiert. Unter der Überschrift, es sei ein bloßer Excel-Fehler gewesen, fand diese Kritik auch ihren Weg in die Massenmedien. Und wurde dabei ordentlich verzerrt, was wohl auch daran liegt, daß die Frage der Staatsverschuldung politisch hochbrisant ist.

So ändert der vielzitierte „Excel-Fehler“ am Gesamtergebnis nichts, am Zahlenergebnis nur wenig, und ist entsprechend ein untergeordneter Kritikpunkt von Herndon, Ash und Pollin. Entscheidend sind für sie drei andere Punkte: (1) Im ursprünglichen Paper (nicht aber in Folgepublikationen von Reinhart und Rogoff) seien Lücken im Datenbestand vorhanden, deren Auffüllung das Ergebnis geändert hätte. (2) Die Methode, mit der die einzelnen Länder gewichtet wurden, hätten sie nicht gewählt. (3) Das Paper sei zur Rechtfertigung von Austeritätspolitik herangezogen worden, Kritik daran müsse also zwangsläufig zu einer Neubewertung der Austerität führen.

Fehler können passieren. In Fachzeitschriften finden sich öfter Korrekturen – und leider noch mehr Artikel, bei denen auf eine Korrektur vergessen wird Greg Mankiw schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er darauf hinweist, daß Fehler zwar unangenehm sind, aber nicht unehrenhaft: Das Finden und Korrigieren von Fehlern gehört zur wissenschaftlichen Praxis. Entsprechend diesem Grundsatz haben ja auch Reinhart und Rogoff ihre Unterlagen den Herndon, Ash und Pollin zur Verfügung gestellt.

Reinhart und Rogoff haben eine längere Antwort auf die Kritik verfaßt, in der sie darauf hinweisen, daß selbst die Berechnung von Herndon, Ash und Pollin (HAP) niedrigere Wachstumsraten bei hoher Staatsverschuldung aufweist. Wie ähnlich das Mittelwert-Ergebnis trotz unterschiedlicher Kalkulation ist, kann man hier bei Cyconomics graphisch gut erkennen. Leider haben zwar Reinhart und Rogoff, nicht aber Herndon, Ash und Pollin den Median ausgerechnet, der hier wohl aussagekräftiger als ein arithmetischer Mittelwert ist, der durch besondere Depressionen und Aufholphasen verzerrt
werden könnte. So weist Österreich 1948/49 extrem hohes Realwachstum aus – was übrigens HAP für einen Datenfehler halten, Kenner der österreichischen Geschichte aber wohl eher als Ausdruck des Wiederaufbaus erkennen. Interessanterweise sind die Medianwerte von Reinhart und Rogoff und die Mittelwerte bei HAP jedenfalls sehr ähnlich. Die Grundaussage bleibt damit bestehen.

Die methodische Frage der Gewichtung ist die wissenschaftlich wichtigste, aber wohl auch diejenige, die kaum mediale Aufmerksamkeit bekommen würde. Reinhart und Rogoff gruppieren die Wachstumsdaten nach jeweiligem Grad der Staatsverschuldung, berechnen dann einen Durchschnitt für die Jahres eines Landes in einer Verschuldungskohorte, und dann ein neuer Durchschnitt über alle Länder berechnet. HAP plädieren dafür, jedes Land mit all seinen Jahren als getrennte Beobachtungen eingehen zu lassen. Gegen beide Methoden gibt es gewichtige Einwände, beide Methoden haben auch Vorzüge. Am Gesamtergebnis – niedrigeres Wachstum bei sehr hoher Staatsverschuldung – ändert das nichts.

Was bleibt in Wahrheit übrig? Das eine akademische Debatte sensationslüstern aufgebauscht wurde, und dabei die Reputation beteiligter Personen schwer beschädigt wurde, weil es politisch gepaßt hat.

Expertenwissen

Eine Sache, die Experten wissen, und Nicht-Experten nicht, ist, daß sie weniger wissen als die Nicht-Experten glauben. […]

Unsere ökonomische Fachkompetenz ist in grundsätzlicher Weise beschränkt. Nehmen wir Geld- und Fiskalpolitik. Trotz Jahrzehnten sorgfältiger Datensammlung und mathematischer bzw. statistischer Forschung verwenden wir für viele große Fragen wenig mehr als Daumenregeln.

– Kaushik Basu

Der Mann mit dem exotischen Namen ist Chefökonom der Weltbank, stammt aus Indien und hat oben genannte Sätze in einer Kolumne auf Project Syndicate veröffentlicht. Diese Dosis Skepsis wäre auch in anderen Diskussionen angebracht; leider gibt es wenige „Experten“, die dazu bereit sind. Basu verteilt im Anschluß jede Menge Expertenratschläge zur Geldpolitik – wohl um zu sagen: Das denke ich nach bestem Wissen und Gewissen, aber trotzdem bitte cum grano salis nehmen. Trotzdem (oder deswegen) ist seine Kolumne anregend und lesenswert. U.a. will er die Geldpolitik der großen Wirtschaftsräume besser koordiniert sehen.

(Hinweis über Dani Rodrik)

Taktgefühl für Seelöwen

Mir ist das nicht ganz unbekannt: Ich kann eine Melodie nicht nachsingen, aber ich hab sie im Kopf. Und wenigstens den Rhythmus mache ich dann doch nach. Zumindest in unbeobachteten Momenten. Manchmal konnte man Tiere per Dressur schon dazu bringen, Melodien zu imitieren. Gibt es aber auch Tiere, die Musik empfinden, ohne sie selbst nachahmen zu können? Zumindest eines:

Forschern der Universität von Santa Cruz (USA) ist es gelungen, die Seelöwin Ronan soweit zu bringen, den Rhythmus von Liedern zu imitieren. Bis dahin war dieses Rhythmusgefühl hauptsächlich bei Papageien und anderen lernfähigen Vögeln beobachtet worden, die selbst melodiöse Töne hervorbringen können. Daher war die Theorie entstanden, daß zwischen der Fähigkeit, Melodien zu imitieren, und dem musikalischen Rhythmusgefühl ein evolutionärer notwendiger Zusammenhang besteht – das eine wäre einfach eine Nebenleistung des anderen. Die Seelöwin Ronan widerlegt diese Annahme – wobei das Team (Peter Cook, Andrew Rouse, Margaret Wilson, Colleen Reichmuth) aber konzediert, daß Ronan ein außergewöhnlich lernfähiges Exemplar ihrer Spezies sei.

Hier der ausführliche Artikel im Journal of Comparative Psychology dazu. Und passend dazu ein Artikel von Science Daily zu einer Studie darüber, ob Rhesusaffen eine regelmäßige Schlagfolge aus einem Musikstück herausfiltern können – können sie übrigens nicht.

Wein-„Terroir“: Ein Marketingschmäh?

Für den Geschmack des Weins spielen neben der Rebsorte der Boden, die Höhe, Sonnenstunden, Niederschlagsmenge und vieles mehr eine Rolle. So ist es nur natürlich, daß Weine aus bestimmten Lagen, in denen sich diese Eigenschaften hervorragend kombinieren, traditionell einen besonders guten Preis erzielen können.

In Frankreich hat man mit dem „Terroir“-Marketing da eine Vorreiterrolle eingenommen und einige Top-Lagen als Inbegriff guten Weins etablieren können. Daher hält dieses Wort auch Einzug im Marketing anderer Ländern; hier wird es bspw. vom österreichischen Weinmarketing beschrieben.

Vier Ökonomen – zwei in den USA, einer in Brüssel, einer in Frankreich – wollten die Aussagekraft des „Terroir“-Begriffs wissenschaftlich testen. Zwei von ihnen, Orley Ashenfelter und Karl Storchmann, haben mit dem Journalisten George Taber renommierte Wein-Connaisseure zu einer Blindverkostung eingeladen: Acht allgemein für gut befundene französische Weine und zwölf Weine aus New Jersey [!], je die Hälfte Rot und Weiß. Tatsächlich gewannen zwei französische Weine – Clos des Mouches 2010 bei den Weißweinen, Château Mouton-Rothschild 2004 bei den Rotweinen –, doch nur der Clos des Mouches wurde auch statistisch signifikant für besser befunden, während die anderen Weißweine im Prinzip innerhalb der Schwankungsbreite beisammenlagen. Bei den Rotweinen war ein Vertreter aus New Jersey signifikant schlechter, doch die andere Weine wurden allesamt ähnlich gut beurteilt, Terroir hin oder her.

Die beiden europäischen Partner, Oliver Gergaud und Victor Ginsburgh, haben schon vor Jahren in einem Paper festgestellt, daß die Qualitätsurteile der Weinexperten und Konsumenten weniger durch die Einzellage als durch die verwendeten Techniken und Prozesse des Weinbaus und der Vinifizierung erklärt werden können. Andererseits ist bekannt, daß Menschen bereit sind, für einen bestimmten Terroir mehr zu zahlen.

Die Lösung scheint sich so anzubieten: Die Landschaft und das Klima beeinflussen natürlich den Geschmack; doch die Unterschiede zwischen zwei Einzellagen ähnlicher Art, die beide von einem guten, versierten Winzer gepflegt worden sind, sind für den menschlichen Geschmackssinn nicht mehr feststellbar. Das macht aber nichts, denn zum „Gesamterlebnis Wein“ gehört für viele eben auch die Flasche, das Etikett, der Preis, etc. Es ist bekannt, daß Weine den Menschen tendenziell besser schmecken, wenn sie erfahren haben, daß es sich um einen hochpreisigen Tropfen handelt. Insofern gehört ein wenig „Terroir“-Selbstbetrug zur Weinerfahrung heutzutage einfach dazu.

Arbeiten wie im Mittelalter

Die Tageszeitung „Die Presse“ hat seit 2010 eine interessante wirtschaftliche Kolumne mit Bildungsauftrag, den „Hobbyökonomen“. Dabei werden immer wieder aktuelle, aber auch Episoden aus der Wirtschaftsgeschichte behandelt, die oft relevanter für die Gegenwart sind, als man annehmen würde.

So auch diesmal, und zwar unter der durchaus provokanten Überschrift: „Im Mittelalter wurde weniger gearbeitet als heute”. Heutzutage wird ja im öffentlichen Diskurs unter „Arbeit“ immer nur „Erwerbsarbeit“ verstanden, während Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Bügeln oder Reparaturen nur dann als Arbeit anerkannt werden, wenn es jemand anderer gegen Bezahlung übernimmt. Vor diesem Hintergrund wird die „Arbeitszeit“ im Spätmittelalter von Historikern nicht allzu hoch angesetzt.

Der Arbeitstag war bis zur Industrialisierung weitgehend von den Jahreszeiten und vom natürlichen Licht bestimmt. Da viele Arbeiten körperlich sehr anstrengend waren, sowohl in der Landwirtschaft oder im Handwerk, waren häufige Pausen üblich und auch notwendig. Dazwischen wurden auch andere wichtige Arbeiten der privaten Sphäre erledigt. Auch der Jahreskreis war darauf ausgelegt, durch Zeiten des Feierns und häufige kirchliche Feiertage Erholungspausen zu ermöglichen. Das kirchliche Sonntagsgebot hat so auch eine soziale Dimension, die schon dem jüdischen Sabbatgebot ausdrücklich innewohnt.

Auch waren bis zur Industrialisierung die „Erwerbsarbeit“ und das Privatleben bei weitem nicht so getrennt wie heute. Vielfach kann man eine Familie damals als eine Art „Kleinbetrieb“ verstehen, die alle möglichen Aufgaben zur Erhaltung auf seine Mitglieder arbeitsteilig aufteilt, die aber örtlich so nahe beieinander tätig sind, daß eine gegenseitige Hilfestellung leicht möglich war.

Das ist keineswegs eine idyllische Zeit gewesen; es war anstrengend und aufreibend, den Lebenserhalt zu sichern. Aber nicht so anstrengend und aufreibend, wie es in den ersten Jahrzehnten der industriellen Revolution für viele Menschen werden sollte. Denn die familiäre Einheit wurde durch die Fabriksarbeit aufgesprengt – vor diesem Hintergrund ergibt auch Marxens Diktum von der Entfremdung einen wenn auch nicht intendierten Sinn –, die Arbeitszeiten auf bis zu 80 Stunden nahezu pausenloser Arbeit massiv ausgeweitet, ohne daß die nötige Zeit für andere Aufgaben zum Erhalt der Familie geschrumpft wäre.

Erst Jahrzehnte später sollte die gestiegene Produktivität auch in den ärmeren Schichten zu einem Wohlstandsgewinn führen, der sich in kürzeren Wochenarbeitszeiten bei ausreichendem Lohn einerseits, in erschwinglichen Hilfen zur Erleichterung der Arbeiten in der privaten Sphäre andererseits (wie die Erfindung des Suppenwürfels …) ausdrückten.

Der Mindestlohn – eine unökonomische Debatte

In den USA tobt eine Diskussion um die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns von $7,25 auf $9 (€ 6,80), was bei einer 40-Stunden-Woche etwa einem Mindest-Monatsgehalt von 1560 US$ (€ 1180) entsprechen würde. Auslöser war ein entsprechender Vorschlag des US-Präsidenten Barack Obama. In einem Land, in dem Millionen von Menschen illegal leben und arbeiten von der Rechtsdurchsetzung her schon kurios.

Auch in Deutschland wogt seit einiger Zeit die Mindestlohndebatte, wobei sie weniger von den Betroffenen auszugehen scheint als von gut situierten Personen, die ihr „soziales Profil“ schärfen wollen. So hat Jürgen Trittin in der „Rheinischen Post“ vor kurzem wieder einen gesetzlichen Mindestlohn gefordert. In Österreich gibt es übrigens keinen gesetzlichen Mindestlohn, dafür flächendeckende Kollektivverträge mit Mindestentgelten, die man anders als in Deutschland wesentlich schwieriger umgehen kann.

Nun stehen sich in der Frage des Mindestlohns zwei grundverschiedene Gedankenwelten gegenüber, wie sie etwa in der Frage von Textilien aus Ostasien ebenso aufeinanderprallen. Die einen halten Löhne unter einer gewissen Höhe einfach für unmoralisch; besser sei es, wenn einzelne Menschen arbeitslos auf Kosten der Allgemeinheit lebten, als dass jemand für solche Löhne arbeiten würde, freiwillig hin oder her. Die anderen meinen gerade umgekehrt, es sei unmoralisch, Menschen in die Abhängigkeit vom Staat zu zwingen oder – im Falle der Textilarbeiter – in existentielle Not zu bringen, wenn sie sich doch freiwillig etwas dazuverdienen würden. Sie zu zwingen, nur noch zu Löhnen arbeiten zu dürfen, die eben niemand für sie zahlen würde, sei geradezu menschenverachtend.

Der ökonomische Sachverstand dagegen wird in der Mindestlohndebatte selten gebraucht, weil es eben nur in engen Grenzen um Ökonomie geht. In den USA geht es um ein Thema für die Demokraten, um die Republikaner als herzlose Plutokraten darzustellen, wie der Atlantic wohlwollend schreibt. In den USA treiben SPD und Grüne ähnliche Kalküle, und CDU/CSU wollen durch ein eigenes Vorpreschen in Sachen Mindestlohn die Wahlstrategie von Rot-Grün durchkreuzen.

Dabei begehen viele den Kategorienfehler, niedrige Löhne automatisch mit Armut gleichzusetzen. Viele der Niedriglohnjobs in den USA werden werden von Studenten oder anderen Personen ausgefüllt, die grundsätzlich bereits durch das Einkommen anderer Familienmitglieder (Eltern, Ehepartner, etc.) erhalten werden. Wenn ich tatsächlich arme Haushalte unterstützen will, wie es Obama als Begründung genannt hat, wären Direkttransfers wohl die effizientere Lösung.

Ökonomisch bedeutet ein Mindestlohn in der Regel die Verteuerung von Arbeit, und damit den Wegfall marginaler Arbeitsplätze. Manche werden tatsächlich mehr verdienen, andere weniger Stunden arbeiten, so daß die unproduktivsten Zeiten gestrichen werden, andere in den Schwarzmarkt ausweichen, andere ganz einfach keinen Job mehr finden. Der Nettoeffekt ist dabei nicht immer leicht zu bestimmen; die Tendenz, Menschen aus dem Arbeitsmarkt hinauszupreisen, ist aber klar. Die negativen Beschäftigungseffekte werden durch Inflation und je nach Einsatz verschieden langen Umrüstungszeiten gemildert, z.B. werden in manchen Branchen geplante Investitionen, um zu teuer gewordene Arbeitskräfte einzusparen, durch die Geldentwertung wieder gegenstandslos. Obamas Vorschlag wäre daher schlimmer als die bisherigen, weil er den Mindestlohn indexieren will.

Eine Ausnahme von diesen negativen Effekten bestünde freilich, wenn gewisse Unternehmen übermäßige Marktmacht am Arbeitsmarkt besäßen, ein Monopsonist wären. Das ist das Gegenteil des Monopols: Nicht ein einziger Anbieter, sondern ein einziger Nachfrager, der wiederum durch seine Stellung Renten abschöpfen kann. Dann sind Mindestlöhne ähnlich einer Preisregulierung für Monopolisten sogar geboten. Doch das wird weder für Deutschland noch für die USA, ja nicht einmal von Verfechtern des Mindestlohns behauptet.

Zu Nikolaus Kopernikus

Google-Doodle: Nikolaus Kopernikus

Google-Doodle: Nikolaus Kopernikus

Google feiert heute Nikolaus Kopernikus 540. Geburtstag mit einem gelungenen „Doodle“ (siehe Bild). 540 ist zwar kein besonders runder Geburstag, aber bis zum 600. muß man ja nicht mit der Würdigung warten.

Kopernikus war bekanntlich Domherr am Frauenburger Dom in Ostpreußen, Bediensteter des Fürstbischof des Ermlandes und später sogar mehrfach Kanzler des Domkapitels, ausgebildeter Jurist, nicht ausgebildeter, aber praktizierender Arzt, auch Landvermesser und mehr in Personalunion. 1537 wurde er gar selbst zum Bischof vorgeschlagen. Das er schließlich doch nicht zum Bischof ernannt wurde, ist insofern ein Glücksfall, als er dadurch die Zeit hatte, seine Hypothesen zum Umlauf der Erde um die Sonne zu verfeinern und zu veröffentlichen.

Daß die Erde eine Kugel ist, war unter den Gelehrten Europas seit Jahrhunderten Konsens, wie schon ein Blick in die Schriften des angelsächsischen Mönches Beda Venerabilis lehrt. Die bis dahin möglichen Beobachtungen und Berechnungen legten aber nahe, daß sich Sonne, Monde, Planeten und Fixsterne um die Erde drehen würden. Man konnte Mondfinsternisse berechnen, Planetenbahnen: Die Vorhersagekraft des geozentrischen Weltbildes war so groß, daß man sie positivistisch durchaus als Verifikation werten hätte können. Und man wußte, daß bei einer sich bewegenden Erde sich ein Stern in unmittelbarer Nähe im Verhältnis zum Hintergrund scheinbar schneller bewegen sollte, was mit den damaligen Mitteln aber nicht zu sehen war.

Warum also die – nach heutigem Stand ebenfalls falsche – Idee des Heliozentrismus? Die Berechnungen der Astronomen der Zeit Kopernikus’ waren sehr kompliziert. Denn sie gingen von perfekten Kreisbahnen aus, mußten dann aber für scheinbare Planetenschleifen kompensieren, bei der ein Planet von der Erde aus gesehen kurz die Richtung wechselt. Dafür und für andere Abweichungen wurden die Epizyklen und der sogenannte Äquant eingeführt, ein scheinbarer Mittelpunkt der Kreisbewegung. Im Mittelalter wurden die Berechnungen weiter verfeinert und erreichten so zwar hohe Präzision, aber um den Preis weiterer Komplikationen.

Doch von den perfekten Kreisbahnen war so nicht mehr viel übrig geblieben. Kopernikus beschäftigte die Frage: Wie konnte man das System der Gestirne auf elegante, einfache Weise beschreiben? Er konnte die Überlegenheit seines Ansatzes nicht empirisch stützen, sondern nur mathematisch-philosophisch argumentieren, doch schien ihm das zeitgenössische Theoriegebäude gemäß Ockhams Rasiermesser als zu komplex, um den wahren Sachverhalt abzubilden. Er hätte sich auch leicht irren können, und sein eigener Vorschlag war nicht perfekt und z.T. ebenfalls überkomplex, besonders, weil er die perfekte Kreisbahn retten wollte. Doch als viele Jahre später die Instrumente der Astronomie ausgereift genug waren, konnte die Idee der Bewegung der Erde schließlich auch empirisch untermauert werden.

Das Beispiel des Kopernikus lehrt uns aber auch ein wenig Demut, denn die fest untermauerte Gewißheit der Gegenwart kann bald schallend verlacht werden.

Einige Schriften des ostpreußischen Domherrn kann man hier bei Wikisource nachlesen.

Zum Durchdenken 14

„Dicebat Bernardus Carnotensis nos esse quasi nanos gigantum umeris insidentes, ut possimus plura eis et remotiora videre, non utique proprii visus acumine, aut eminentia corporis, sed quia in altum subvehimur et extollimur magnitudine gigantea“
Joannis Salisberiensis (*~1115, †1176)

„Es sagte Bernhard von Chartres, daß wir sozusagen Zwerge seien, die auf Schultern von Riesen sitzen, damit wir mehr als diese und Entfernteres sehen könnten, jedenfalls nicht durch die Schärfe unseres eigenen Blicks, oder eine Besonderheit des Körpers, sondern weil wir durch die Größe der Riesen bewegt und emporgehoben werden.“
— Johannes von Salisbury (*~1115, †1176)

„If I have seen further it is by standing on the shoulders of Giants.“
— Isaac Newton (*1642, †1727)

„Wenn ich weiter gesehen habe, dann, weil ich auf den Schultern von Riesen gestanden bin.“
— Isaac Newton (*1642, †1727)

„[E]in Riese ruft dem anderen durch die öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch mutwilliges lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das hohe Geistergespräch fort.“
— Friedrich Nietzsche (*1844, †1900)

Bernhard von Chartres, der sich selbst als bescheidener Zwerg auf Schultern von Riesen sieht, oder Friedrich Nietzsche, der sich frank selbst zur Geistesgröße erklärt – meine Sympathie ist klar, doch die Spannung bleibt.

Hyperinflation im Jenseits

Ich blogge gerne über Wirtschaftsthemen und gerne über den Glauben, da darf dieses Cross-Over des US-Ökonomen und Kabarettisten Yoram Bauman nicht fehlen:

Leidet das Jenseits – die in einer sehr pessimistischen Sicht der Dinge von Bauman immer mit der Hölle und Unterwelt gleichgesetzt wird – unter einer Hyperinflation? Warum das so sein könnte, erklärt Bauman selbst in derselben Art, in der sonst neue wirtschaftswissenschaftliche Paper diskutiert werden.

Wer mehr vom „Stand-Up-Ökonomen“ sehen will, wird hier auf seinem Youtube-Channel fündig oder besucht seine Homepage standupeconomist.com. Bauman hat auch eine Comics-Einführung in die Ökonomie gemeinsam mit Grady Klein verfaßt, dessen erster Band mittlerweile sogar auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht wird man damit ja wirklich „mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen“, wie es der deutsche Buchtitel verspricht (der englische ist weniger hochtrabend).

(via Greg Mankiw)