In Nigeria wurden schon wieder Dutzende Menschen von den Islamisten der Gruppe „Dschama’atul Alhis Sunnah Lidda ’awati wal-dschihad“ getötet, in der Regel Christen, da die Islamisten Nordnigeria „christenfrei“ machen wollen. Das ist nur eine Fortsetzung einer Welle von Bombenanschlägen und Überfällen, die seit November bereits hunderte Nigerianer zum Opfer der Islamisten werden ließ.
Der Name der Gruppe soll, so die BBC, „Menschen, die der Verbreitung der Lehren des Propheten [Mohammed] und dem Dschihad verpflichtet sind“, bedeuten. Mangels eigener Arabisch-Kenntnisse lasse ich das einmal so stehen. In der Sprache der Hausa werden sie aber „Boko Haram“ genannt, etwa „Unislamische Bildung ist Sünde“.
Die Absichten der Gruppe, die eigener Sicht zufolge nichts anderes macht, als endlich der Lehre Mohammeds die Bahn frei zu machen, werden gerne relativiert, so beim amerikanischen Council of Foreign Relations, der folgendes über sie schreibt:
Yusuf [der Gründer der Gruppe] criticized northern Muslims for participating in what he saw as an illegitimate, non-Islamic state and preached a doctrine of withdrawal. But violence between Christians and Muslims (al-Jazeera) and harsh government treatment, including pervasive police brutality, encouraged the group’s radicalization. […] Boko Haram followers, also called Yusuffiya, consist largely of hundreds of impoverished northern Islamic students and clerics as well as university students and professionals, many of whom are unemployed. Some followers may also be members of Nigeria’s elite.
Obwohl einige Bundesstaaten Nigeria die Scharia zum Maßstab der Rechtsprechung gemacht haben, lehnte Yusuf also den nigerianischen Staat radikal ab: Er sei eben nicht islamisch genug. Seine Anhänger sind, wie es auch sonst bei Islamisten oft der Fall ist, aus der Oberschicht rekrutiert. Denn das muß einem klar sein: In einem Land wie Nigeria ist es materiell armen Menschen nicht möglich, zu studieren. Das „impoverished“ kann wohl nur relativ gemeint sein: Sie sehen sich benachteiligt, obwohl sie eigentlich bevorzugt sind. Trotzdem glaubt der CFR, die Gruppe hätte „legitimate grievances“, berechtigte Beschwerden, weil die Sicherheitskräfte die erste große Gewaltwelle der Sekte 2009 ebenso beantwortet haben und den Führer der Gruppe wohl in Überschreitung ihrer Kompetenzen getötet haben. Ob freilich in einem Krieg – und Boko Haram führen einen Krieg gegen den Staat und alle andersdenkenden und -gläubigen Nigerianer – solche Maßstäbe tatsächlich gelten, ist eine Frage, die etwa für die USA Präsident Obama in den letzten Monaten mit Nein beantwortet hat.
Wer eine im Rückblick besonders seltsame Relativierung lesen will, kann das hier beim „Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst“ – bei dem es durchaus viele interessante Artikel zu lesen gibt – nachlesen, der im Juli 2011 die Relevanz von Boko Haram bezweifelte; die Gruppe sei auch eher im Kontext antikolonialistischer Bewegungen zu sehen, und es sei der Islamophobie zuzuordnen, wenn man sich im deutschsprachigen Raum überhaupt mit dieser Gruppierung beschäftige. Außerdem wird eine Äquivalenz der Gewalt zwischen den verschiedenen Gruppen suggeriert, die in der Praxis weder in Motiv noch in der Dimension besteht. [Update: REMID hat den Artikel aktualisiert, und, so verstehe ich es, meine Interpretation scheint überschießend gewesen zu sein.]
Wer von gerechtfertigen Beschwerden spricht oder von Verhandlungen schwadroniert, übersieht: Mit Gruppen wie Boko Haram gibt es keine Verhandlungslösung. Für sie ist nur ein islamischer Staat wie unter den Taliban, die auch ihre Vorbilder sind, denkbar, alles andere ist Verrat am Propheten. Da gibt es keinen langfristig haltbaren Kompromiß. Das bedeutet natürlich auch, daß auch viele Moslems auf den Abschußlisten der Gruppe stehen, da sie aus Sicht der Dschihadisten der Verwirklichung dieses Zieles im Wege stehen. Was möglich ist: Den Dschihadisten zumindest die Unterstützung in der Bevölkerung verwehren. Aber auch das geht nicht von Heute auf Morgen.
Der nigeranische Präsident Goodluck E. Jonathan versucht zwar, die Korruption zu bekämpfen, nd hat eben die drastische Kürzung der Gehältern von Politikern und Spitzenbeamten verkündet, die in keinem Verhältnis zum nigerianischen Normalverdienst stehen, und will durch Investitionen in Bildung und Infrastruktur, das Land nach vorne zu bringen. Doch um das Geld dafür aufzutreiben, will er unter anderem die massive Subvention auf Treibstoffpreise aufheben, was zwar ökonomisch und ökologisch korrekt, aber politisch äußerst problematisch ist. Das Lob des UN-Beraters Jeffrey Sachs und der EU wird ihm innenpolitisch wenig helfen. Stattdessen haben die Gewerkschaften unverhüllt selbst mit Gewalttaten und Terrorakten gedroht, und wollen lieber Staatsgelder weiterhin für Treibstoffsubventionen verschwenden. Solche Kontroversen stürzen den Staat nur noch mehr ins Chaos, und helfen Terroristen wie Boko Haram bei ihren Zielen. Ich möchte aber hier den Präsidenten nicht übermäßig in Schutz nehmen, dafür weiß ich über die nigeranische Politik zu wenig.
Angesichts des massiven Versagens des korrupten Staatsapparats nimmt es jedenfalls kein Wunder, daß Angehöriger christlicher Völker in Nigeria angekündigt haben, sich gegen weitere Übergriffe selbst wehren zu wollen. Es muß ja möglich sein, herauszufinden, wer die Täter und Unterstützer von Boko Haram sind, wenn es auch die Polizei anscheinend nicht kann oder nicht will. Manche vermuten ja, daß einige Politiker im Norden mit dem Feuer spielen und die Destabilisierung durch Boko Haram zumindest dulden, um sie für ihre eigenen Zwecke nutzen zu können.
Was auch immer dahintersteckt: Es bleibt zu hoffen, daß den Gewalttätern von Boko Haram bald das Handwerk gelegt wird.
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