Algerien: Kann man mit Fanatikern verhandeln?

Die Geiselnahme in Algerien hat wieder einmal die Verwundbarkeit der Zivilisation gegenüber Terroristen aufgezeigt, aber auch, wie sehr wir in der modernen Medienwelt zu schnellen Schlüssen ohne Information neigen.

Zuerst wurde bei uns ja nur über die nicht-algerischen Geiseln berichtet, die von den Islamisten genannten Opferzahlen übernommen, unterschwellig der algerischen Armee die Schuld an Todesopfern untergeschoben. Nun erfährt man, daß in der Gasförderanlage in In Amenas rund 700 Menschen gearbeitet haben, davon der Großteil Algerier. Von diesen konnte die überwältigende Mehrheit befreit werden, ebenso ein großer Teil der ausländischen Geiseln.

Die Überlegungen der algerischen Regierung sind jedenfalls nach deren langjährigen Erfahrungen mit Islamisten nachvollziehbar: Wenn sie mit den Geiselnehmern verhandeln würden, so gäben sie ihnen die öffentliche Bühne, die diese wünschen. Damit würde es sich auch in Zukunft für Islamisten lohnen, ähnliche Aktionen durchzuführen, für die es im riesigen, rohstoffreichen und menschenarmen Wüstenteil Algeriens genügend Ziele geben dürfte. Darüberhinaus haben die Islamisten nicht den Ruf, sich an Vereinbarungen zu halten, und gehen mit Geiseln äußerst brutal um. Das liegt daran, daß ihre Verhandlungspartner in ihren Augen ohnehin nur „ungläubige Hunde“ sind (auch wenn es sich dabei um Moslems handelt!), und daher keine moralische Verpflichtung auf Pakttreue bestünde. Es hätte also wahrscheinlich auch keinen besonderen Sinn, mit ihnen zu verhandeln, weil das „Verhandlungsergebnis“ nichts wert wäre.

Symptomatisch dafür ist ja, daß die Forderungen der Geiselnehmer durch Algerien gar nicht erfüllt werden konnten: Nämlich ein Ende der Unterstützung Frankreichs für die Regierung in Mali gegen die islamistischen Rebellen. Tragfähigen Frieden mit den Islamisten der al-Kaida-nahen Gruppierungen gibt es nur bei deren Sieg oder deren Marginalisierung, da ihre pseudognostische Ideologie pragmatischen Überlegungen nicht zugänglich ist.

Nebenbei seltsam, wie viele Leserkommentare im Zusammenhang mit der Terroraktion in Algerien Frankreich dafür geißeln, daß es in Mali auf einen Hilferuf der Regierung hin gegen eine hauptsächlich ausländische Rebellentruppe vorgeht. Einen legitimeren Fall ausländischer Hilfe kann es nicht geben. Ebenso seltsam, warum viele westliche Länder in Syrien den Vormarsch islamistischer Gruppen mit Wohlwollen betrachten, die grausame Verbrechen an Christen, Alawiten, Kurden und moderaten Sunniten verüben und immer mehr die anderen Rebellengruppen an den Rand drängen.

Mali-Einsatz: Richtig, aber inkonsequent

So schnell kann sich die Meinung eines Politikers ändern. Im Wahlkampf war François Hollande noch fest überzeugt, daß Frankreich sich nicht in die Angelegenheiten seiner ehemaligen Kolonien einmischen solle. Er präsentierte sich viel mehr als strammer Antiimperialist, und warb etwa für einen Rückzug Frankreichs aus Afghanistan, das man, so die indirekte Botschaft, besser den Taliban überlassen sollte.

Als Präsident hat er den Rückzug aus Afghanistan, in dem Frankreich tatsächlich kaum geopolitische Interessen verfolgt, tatsächlich durchgeführt. Die Unabhängigkeit Azawads oder sogar den Sturz der jetzigen Regierung Malis dagegen, beides im tiefen Widerspruch zu den Interessen Frankreichs, konnte er doch nicht zulassen. Sein Zögern, für das er auch innenpolitisch bekannt ist, sorgte für eine Entscheidung in gleichsam letzter Minute, aber immerhin.

Die islamistischen Angreifer sind tatsächlich nicht zu unterschätzen: Eine dank des Zerfalls Libyens gut ausgerüstete Truppe, ideologisch hochmotiviert, und Profiteure der jahrzehntelangen Unterdrückung der Tuareg im Norden Malis, die daher Verbündete für ihren Kampf gegen die Regierung gebraucht haben. Tuareg und Islamisten haben sich zwar mittlerweile getrennt, doch haben die Islamisten die Oberhand. Sie sind auch die „modernere“ Kraft: Analog zu den Progressiven Europas verwerfen sie die gewachsene Tradition und wollen einen neuen Menschen in einer vollkommenen Gesellschaft schaffen. Allerdings ist ihr Bauplan dafür eine spezifische Auslegung des Korans, die mit einem strengen Salafismus zusammenhängt.

Es ist wohl auch richtig, daß ein islamistisch beherrschtes Land wiederum Trainingsort für Terroristen und destabilisierend für die ganze Region wäre, da die Islamisten von ihrer Lehre her nach der Herrschaft in den benachbarten Ländern streben müssen. Der Einsatz Frankreichs war daher notwendig, um schlimmeres zu verhindern. Wenn nun der „Standard“ allerdings behauptet, der Einsatz sei konsequent gewesen, dann weiß ich nicht, von welchem François Hollande sie sprechen.

Nebenbei: Westerwelles Rede davon, daß eine militärische Lösung nicht allein bestehen könne, trifft zwar oft zu, aber gerade im Falle Malis hätte er sie sich schenken können. Mit Islamisten vom Schlage Ansar Dines kann man nicht verhandeln, weil sie keine regionalen Interessen vertreten, denen man entgegenkommen könnte, sondern von einer Art Weltherrschaft träumen. Mit Pinky und dem Brain sollte man bekanntlich auch nicht verhandeln.

Am Kreuz in Mogadischu

Ein BBC-Bericht aus Mogadischu – und doch viel mehr. Eine Erzählung über das Böse unter der Sonne und seinen Kampf gegen den Christus, über Leid und Hoffnung, den Himmel, der sich über den Menschen öffnet.

Eine mutige Reporterin hat sich in die größte Stadt des früheren Somalia begeben, um aus dem „failed state“ zu berichten. Eine Kostprobe:

It was Ramadan in Mogadishu – the holy Muslim month and we were inside the remains of what had once been one of the grandest Catholic cathedrals in the whole of Africa, built by Italian colonialists in the 1920s. Its last bishop, Salvatore Colombo, was murdered there in 1989 as he was giving mass.

Der ganze Artikel regt zum Nachdenken an.

Azawad: Ein neuer Staat entsteht

Offenbar wird in Afrika gerade ein neuer Staat geboren: In Mali haben sich die islamistischen Krieger von Ansar al Din, übersetzt die „Verteidiger des Glaubens“,  und die Tuareg des Mouvement national de libération de L’Azawad (MNLA) zur Nationalarmee von Azawad zusammengeschlossen, um im Norden des Landes eine neue Entität namens Azawad zu schaffen, möglicherweise mit dem sagenumwobenen Timbuktu als Hauptstadt.

Ohne den von Strategen klug durchdachten und geplanten Krieg in Libyen wäre diese Machtstellung in Nordmali gar nicht möglich gewesen. Die Islamisten haben sich mit schweren Waffen aus den libyischen Arsenalen aufgerüstet; und die Bewegung MNLA soll von Tuareg gegründet worden sein, die in der libyischen Armee gedient haben. Ihre Anfangserfolge führten zu einem Putsch in Mali, der wiederum den Vormarsch nur beschleunigte und die Armee Malis neutralisierte, da sie vor allem mit der Absicherung der Macht der Putschisten in der Hauptstadt Bamako beschäftigt ist.

So erklärten die Tuareg am 6. April die Unabhängigkeit Azawads. Nach Kämpfen zwischen Islamisten und Tuareg, die regelmäßig von den Islamisten gewonnen worden waren, kam es nun zur Fusion der beiden. Der neue Staat soll „Islamische Republik Azawad“ heißen und strikt an der Scharia orientiert sein. Die westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion Ecowas will mit der Gruppe jedenfalls ins Gespräch kommen.

Der Erbsen-Blindtest und die Entwicklungszusammenarbeit

„Randomisierte kontrollierte Studien“ sind komplizierte, aber höchst wirkungsvolle Tests, ob Medikamente, Düngemittel oder auch eine Verwaltungsreform funktionieren kann. Dabei wird in einer Gruppe die zu beobachtende Intervention durchgeführt, in der einer anderen nicht, oder eine bereits bekannte Intervention. Wo aber welche Intervention durchgeführt wird, bestimmt der Zufall, um Selektionseffekte zu vermeiden.

Früher wurde diese Technik vor allem in der Medizin verwendet, um die Wirksamkeit von Medikamenten zu testen. Heutzutage verwendet man das aber auch für ökonomische Fragestellungen, z.B. in der Entwicklungshilfe, wie die „Zeit“ vor einigen Monaten berichten konnte. So konnte man auf diesen Weg Mittel finden, um die Durchimpfungsrate in indischen Dörfern zu erhöhen, oder welche von vier Maßnahmen zur Polizeireform in Rajastan am wirkungsvollsten ist. Freilich muß man dabei auf der Hut sein, da man ja nur bereits vorgefertigte Interventionen testen kann, und die Ergebnisse gerade im Bereich der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in einem komplexen sozialen System erzielt werden, das möglicherweise zu Ergebnissen führt, deren wahre Ursachen nicht verstanden werden.

Ein überraschendes Ergebnis erzielte nun eine Studie über Saatgut in Tansania: Es gibt bei solchen „Randomisierten kontrollierten Studien“ nicht nur bei Medikamenten eine Art Placebo-Effekt. Schließlich wissen die beteiligten Menschen zumindest, daß sie an einer Studie teilnehmen. Im vorliegenden Fall wurde entweder normales oder spezielles Saatgut für Erbsen an Bauern ausgegeben. Zuerst wurde die Studie so durchgeführt, daß die Bauern erfuhren, welches Saatgut sie erhalten. Und – voilà! Das spezielle Saatgut brachte 20% mehr Ertrag. Was aber, wenn man allen Bauern erzählte, sie hätten das spezielle Saatgut erhalten? Dann steigt auch bei der Kontrollgruppe mit traditionellem, aber vermeintlich speziellem Saatgut die Ernte beträchtlich. Wie Angus zusammenfaßt:

In other words, the significant effect found in the traditional RCT was not due to better seeds, it was due to actions taken by the farmers who thought they were getting better seeds (they planted them in larger plots with more space between the plants on better quality land). These farmers’ expectations were wrong (in post experiment surveys, over 60% of them said they were disappointed in the yields), and the significant effect in the traditional RCT would not survive over time because the farmers, having adjusted their expectations downward would stop taking the actions that produced the “success”.

Solche Blindstudien sind halt in anderen Zusammenhängen ethisch durchaus bedenklich. Aber sie zeigen auch, daß manche Annahmen paternalistischer Entscheidungsträger einfach auf falschen Analysen beruhen, und wären auch in Europa interessant. Die Anreizstruktur für Politiker deutet aber eher in eine andere Richtung als Blindtests von Reformschritten.

(Dank Hinweis auf Marginal Revolution)

Libyen zum Jahrestag des Aufstands

Vor etwa einem Jahr begann in Libyen der Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi, der einige Monate und viele Tote später mit der Machtübernahme eines Übergangsrates und der Tötung des früheren Machthabers und eines Teils seiner Familie zu Ende gegangen schien. Seither beherrschen bekanntlich Milizen die Städte, es kommt regelmäßig zu Gefechten und Menschen verschwinden spurlos. An tatsächlichen oder vermeintlichen Gadaffi-Anhängern wird blutige Rache geübt, wodurch sich etwa die Gerüchte um den Tod einer Fernsehmoderatorin erklären lassen, die als Staatsfeind behandelt wird.

Nach Angaben von Human Rights Watch wurde offensichtlich auch der frühere libysche Botschafter in Frankreich, Omar Brebesch, vor seiner Ermordung durch eine Miliz auch noch grausam gefoltert. Erschreckend auch der Bericht über den Ort Tawergha, der, wie andere Ortschaften auch, von den Freiheitskämpfern aus Misrata plattgewalzt wurde und dessen Einwohner getötet oder verschleppt worden sind. Die Kämpfer brüsten sich damit, die Verschleppten eher noch zu ermorden, als sie freizulassen. Wie es in dem Artikel auch heißt:

Die medizinische Hilfsorganisation MFS stellte im Januar ihre Arbeit in der Hafenstadt [Misrata] ein, weil die Helfer oft gerufen wurden, um Folteropfer in einen gesundheitlichen Zustand zu versetzen, der es den Folterknechten erlaubte, sie weiter zu quälen.

Die Folterungen haben System, die Häftlinge werden dafür aus dem Gefängnis in spezielle Verhörzentren gebracht[…]

Amnesty International berichtet, dass Folterungen und willkürliche Festnahmen in Libyen weit verbreitet sind. „Die Milizen in Libyen sind weitgehend außer Kontrolle und können völlig ungestraft machen, was sie wollen“, heißt es im jüngsten ai-Bericht.

Soviel zu Libyen.

Was man in Den Haag besser weiß als in Nairobi

Eines meiner Lieblingsziele ist der Internationale Strafgerichtshof. Nicht umsonst. In Libyen hat er lediglich dazu beigetragen, daß sich das Gadaffi-Regime noch fester eingeigelt hat. Für die Rebellen war der Strafgerichtshof interessant, solange sie eben noch Rebellen waren. Nun hat sich ihre Position um 180 Grad gewendet. Die neuen libyschen Machthaber zeigen jedenfalls keine Anstalten, Muammar Gaddafis Sohn Saif al-Islam Gaddafi dem Strafgerichtshof zu übergeben, sondern wollen ihn in Libyen vor Gericht stellen und hinrichten.

Nun schlägt der Gerichtshof ein noch groteskeres Kapitel auf und will zwei kenyanische Präsidentschaftskandidaten wegen der Unruhen nach der Wahl 2007 vor Gericht stellen. Nun waren diese Unruhen für das Land tatsächlich verheerend, aber es ist mehr als fraglich, ob der Strafgerichtshof die Berechtigung hat, einzugreifen, und darüber hinaus, ob es tatsächlich Zufall ist, daß sich der Gerichtshof in die Innenpolitik und kommenden Präsidentschaftswahlen dieses Landes einmischt.

Außerdem gehören Länder wie Kenya dem Vertrag von Rom, der den Internationalen Strafgerichtshof begründet hat, bekanntlich nicht aus freien Stücken an, sondern weil etwa die EU Hilfsgelder und andere Benefizien davon abhängig macht. Ein Abhängigkeitsverhältnis, das der Gerichtshof weidlich ausnützt, und wohl ein Grund mehr, warum er fast ausschließlich in Afrika tätig wird.

Der Fall in Kenya ist besonders brisant, denn nicht der UN-Sicherheitsrat hat den Fall an den Gerichtshof verwiesen, vielmehr hat ihn der Gerichtshof an sich gezogen, weil die Verfolgung der Verantwortlichen für die Unruhen seiner Meinung nach ungenügend gewesen ist. Kenya ist zwar nicht unbedingt eine mustergültige Demokratie, aber auch keine Unrechtsstaat. Wenn sich die politischen Parteien darauf geeinigt haben, die Sache nach dem Waki-Bericht im wesentlichen auf sich beruhen zu lassen, dann ist das angesichts des fragilen Friedens zwischen den Volksgruppen eine nachvollziehbare Entscheidung gewesen, die durch den Strafgerichtshof konterkariert wird, der noch dazu durch seine Tätigkeit unterstreicht, daß der Internationale Strafgerichtshof Kenya für ein Land ohne jegliche Ansätze eines Rechtsstaates hält. Kein Wunder, daß das pluralistische Parlament des Landes dafür gestimmt hat, den Austritt Kenyas aus dem Vertrag von Rom anzustreben, um sich nicht mehr aus Den Haag vorschreiben zu lassen, wer in Kenya zu bestrafen ist.

Das Vorgehen in der Elfenbeinküste, wo sich Ankläger Luis Ocampo nur für Laurent Gbagbo, nicht aber für die Schergen des Siegers im Bürgerkrieg, Ouattara, interessiert, obwohl beide Seiten nachweislich in Verbrechen verstrickt waren, vervollkommnet nur das Bild einer Institution, die vor allem der Durchsetzung politischer Interessen dient, aber kein Gerichtshof im eigentlichen Sinn ist.

Chaos in Tripolis?

In Libyen scheint sich einiges zu tun: Ölkonzessionen sollen an die Unterstützer des Umsturzes vergeben, inbesondere an Frankreich. Die neue Regierung hat auch die Sanktionen gegen die Schweiz mit einiger Verzögerung offiziell beendet, die der frühere Revolutionsführer Muammar Gaddafi verhängt hatte. Auch die Nordafrikareise des deutschen Bundesaußenministers Guido Westerwelle hinterläßt positive Eindrücke; Westerwelle stellte deutsche Unterstützung etwa in der Gesundheitsversorgung in Aussicht. Doch im Artikel zum Libyen-Besuch Westerwelles stehen lapidar auch folgende Sätze:

Waffenbestände müssten gesichert werden, die Milizen in die reguläre Armee integriert und rechtsstaatliche Strukturen müssten aufgebaut werden. Die Bundesregierung hilft den libyschen Behörden bereits bei der Sicherstellung und Vernichtung von Waffen und Munition.

In einem Bericht in der Washington Post vom 5. Jänner klingt das schon etwas dramatischer: Libyen riskiere es, in einen Bürgerkrieg zu schlittern, wenn es nicht hart gegen die rivalisierenden Milizen vorgehe, die das durch den Stutz Muammar Gaddafis hinterlassene Vakuum ausfüllten. So die Worte von Mustafa Abdel Dschalil, des Vorsitzenden des Übergangsrates. Doch, so der Bericht weiter, Die Hauptstadt Tripolis sei ein unruhiger Fleckerlteppich verschiedener Feudalherrschaften, die von zumindest fünf verschiedenen Gruppen kontrolliert werden. Die kaum vorhandene Polizei und Armee nicht eingerechnet. Es ist also fraglich, ob es überhaupt jemanden gibt, der „durchgreifen“ könnte. Abgesehen davon, daß man wohl manche Milizenführer u.U. in eine neue Struktur einbinden könnte.

Frankreich und Großbritannien waren am Umsturz in Libyen maßgeblich beteiligt; es stünde ihnen und ihren Koalitionspartnern gut zu Gesicht, wenn sie nun die neue Regierung bei der Durchsetzung der Landeseinheit intellektuell, logistisch und materiell unterstützen. Aus purem Eigeninteresse: Denn wenn Libyen tatsächlich im Chaos und Stammeskrieg versinkt, wirkt dieses Chaos auf die ganze Region, und die anschwellenden Flüchtlingsströme und versiegenden Ölströme werden dann die Länder der EU mit voller Wucht treffen. Das sollte auch jenen einleuchten, die von humanitären Gründen nicht zu bewegen sind.

Boko Haram: Sie wollen doch eigentlich nur …

In Nigeria wurden schon wieder Dutzende Menschen von den Islamisten der Gruppe „Dschama’atul Alhis Sunnah Lidda ’awati wal-dschihad“ getötet, in der Regel Christen, da die Islamisten Nordnigeria „christenfrei“ machen wollen. Das ist nur eine Fortsetzung einer Welle von Bombenanschlägen und Überfällen, die seit November bereits hunderte Nigerianer zum Opfer der Islamisten werden ließ.

Der Name der Gruppe soll, so die BBC, „Menschen, die der Verbreitung der Lehren des Propheten [Mohammed] und dem Dschihad verpflichtet sind“, bedeuten. Mangels eigener Arabisch-Kenntnisse lasse ich das einmal so stehen. In der Sprache der Hausa werden sie aber „Boko Haram“ genannt, etwa „Unislamische Bildung ist Sünde“.

Die Absichten der Gruppe, die eigener Sicht zufolge nichts anderes macht, als endlich der Lehre Mohammeds die Bahn frei zu machen, werden gerne relativiert, so beim amerikanischen Council of Foreign Relations, der folgendes über sie schreibt:

Yusuf [der Gründer der Gruppe] criticized northern Muslims for participating in what he saw as an illegitimate, non-Islamic state and preached a doctrine of withdrawal. But violence between Christians and Muslims (al-Jazeera) and harsh government treatment, including pervasive police brutality, encouraged the group’s radicalization. […] Boko Haram followers, also called Yusuffiya, consist largely of hundreds of impoverished northern Islamic students and clerics as well as university students and professionals, many of whom are unemployed. Some followers may also be members of Nigeria’s elite.

Obwohl einige Bundesstaaten Nigeria die Scharia zum Maßstab der Rechtsprechung gemacht haben, lehnte Yusuf also den nigerianischen Staat radikal ab: Er sei eben nicht islamisch genug. Seine Anhänger sind, wie es auch sonst bei Islamisten oft der Fall ist, aus der Oberschicht rekrutiert. Denn das muß einem klar sein: In einem Land wie Nigeria ist es materiell armen Menschen nicht möglich, zu studieren. Das „impoverished“ kann wohl nur relativ gemeint sein: Sie sehen sich benachteiligt, obwohl sie eigentlich bevorzugt sind. Trotzdem glaubt der CFR, die Gruppe hätte „legitimate grievances“, berechtigte Beschwerden, weil die Sicherheitskräfte die erste große Gewaltwelle der Sekte 2009 ebenso beantwortet haben und den Führer der Gruppe wohl in Überschreitung ihrer Kompetenzen getötet haben. Ob freilich in einem Krieg – und Boko Haram führen einen Krieg gegen den Staat und alle andersdenkenden und -gläubigen Nigerianer – solche Maßstäbe tatsächlich gelten, ist eine Frage, die etwa für die USA Präsident Obama in den letzten Monaten mit Nein beantwortet hat.

Wer eine im Rückblick besonders seltsame Relativierung lesen will, kann das hier beim „Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst“ – bei dem es durchaus viele interessante Artikel zu lesen gibt – nachlesen, der im Juli 2011 die Relevanz von Boko Haram bezweifelte; die Gruppe sei auch eher im Kontext antikolonialistischer Bewegungen zu sehen, und es sei der Islamophobie zuzuordnen, wenn man sich im deutschsprachigen Raum überhaupt mit dieser Gruppierung beschäftige. Außerdem wird eine Äquivalenz der Gewalt zwischen den verschiedenen Gruppen suggeriert, die in der Praxis weder in Motiv noch in der Dimension besteht. [Update: REMID hat den Artikel aktualisiert, und, so verstehe ich es, meine Interpretation scheint überschießend gewesen zu sein.]

Wer von gerechtfertigen Beschwerden spricht oder von Verhandlungen schwadroniert, übersieht: Mit Gruppen wie Boko Haram gibt es keine Verhandlungslösung. Für sie ist nur ein islamischer Staat wie unter den Taliban, die auch ihre Vorbilder sind, denkbar, alles andere ist Verrat am Propheten. Da gibt es keinen langfristig haltbaren Kompromiß. Das bedeutet natürlich auch, daß auch viele Moslems auf den Abschußlisten der Gruppe stehen, da sie aus Sicht der Dschihadisten der Verwirklichung dieses Zieles im Wege stehen. Was möglich ist: Den Dschihadisten zumindest die Unterstützung in der Bevölkerung verwehren. Aber auch das geht nicht von Heute auf Morgen.

Der nigeranische Präsident Goodluck E. Jonathan versucht zwar, die Korruption zu bekämpfen, nd hat eben die drastische Kürzung der Gehältern von Politikern und Spitzenbeamten verkündet, die in keinem Verhältnis zum nigerianischen Normalverdienst stehen, und will durch Investitionen in Bildung und Infrastruktur, das Land nach vorne zu bringen. Doch um das Geld dafür aufzutreiben, will er unter anderem die massive Subvention auf Treibstoffpreise aufheben, was zwar ökonomisch und ökologisch korrekt, aber politisch äußerst problematisch ist. Das Lob des UN-Beraters Jeffrey Sachs und der EU wird ihm innenpolitisch wenig helfen. Stattdessen haben die Gewerkschaften unverhüllt selbst mit Gewalttaten und Terrorakten gedroht, und wollen lieber Staatsgelder weiterhin für Treibstoffsubventionen verschwenden. Solche Kontroversen stürzen den Staat nur noch mehr ins Chaos, und helfen Terroristen wie Boko Haram bei ihren Zielen. Ich möchte aber hier den Präsidenten nicht übermäßig in Schutz nehmen, dafür weiß ich über die nigeranische Politik zu wenig.

Angesichts des massiven Versagens des korrupten Staatsapparats nimmt es jedenfalls kein Wunder, daß Angehöriger christlicher Völker in Nigeria angekündigt haben, sich gegen weitere Übergriffe selbst wehren zu wollen. Es muß ja möglich sein, herauszufinden, wer die Täter und Unterstützer von Boko Haram sind, wenn es auch die Polizei anscheinend nicht kann oder nicht will. Manche vermuten ja, daß einige Politiker im Norden mit dem Feuer spielen und die Destabilisierung durch Boko Haram zumindest dulden, um sie für ihre eigenen Zwecke nutzen zu können.

Was auch immer dahintersteckt: Es bleibt zu hoffen, daß den Gewalttätern von Boko Haram bald das Handwerk gelegt wird.

Heuschreckenkapitalismus, Marke Uganda

Bei uns ist „Heuschreckenkapitalismus“ ein Kampfbegriff, der bestimmte Menschen dämonisieren soll. In Uganda sind dagegen Heuschrecken ein ein positiv besetzter Begriff im Wirtschaftsleben, stellen doch die gebratene Insekten in dem afrikanischen Land eine begehrte Delikatesse dar – und zwar aus gutem Grund: Sie bereichern die Nahrung um wertvolle Eiweiße, und werden als herzhaft-knackiger Snack genossen. Zuviele Heuschrecken wären außerdem eine Plage für die Landwirtschaft, so daß mit dem Fangen der Tiere durchaus zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden.

Das größte Problem der Heuschreckenfänger ist Staatsversagen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. Das Land hat jahrelang nichts in Stromerzeugung und -verteilung investiert, sodaß das Land zur Überbrückung von Versorgungsengpässen auf Dieselgeneratoren zurückgreifen muß. Durch die hohen Treibstoffpreise kann die Regierung aber den Betrieb der Generatoren nicht durchgehend finanzieren. Es kommt oft zu Stromausfällen, was sowohl die Wirtschaft allgemein trifft, und damit die Einkommen der Menschen im Land, und die Heuschreckenfänger im besonderen, die mit strombetriebenen Lichtfallen arbeiten. Denen drohen trotz gestiegener Heuschreckenpreise also massive Einkommensverluste. In einem Land wie Uganda ist das durchaus existenzbedrohend.

Nun wurden in den letzten Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit große Infrastrukturprojekte gemieden. Einerseits wegen schlechter Ergebnisse von Projekten, die mehr aus Prestige verfolgt wurden, andererseits, weil man lieber kleine, lokale Initiativen fördern wollte, um einem „bottom-up“ als „top-down“-Prozeß zu verfolgen. Aber Geschichten wie jene aus Uganda zeigen, wie wichtig Infrastrukturprojekte sind: Schlechte Infrastruktur ist ein Flaschenhals, der den Wohlstand aller betroffenen Menschen zurückhält.

(über Marginal Revolution)