Wos waas i?

„Wos waas i?“ antwortet der Wiener gerne, wenn er keine Antwort weiß. Wenn ich es genau betrachte, ist es oft schmerzlich, wie wenig ich weiß, bei wievielen Bereichen das, was ich Wissen nenne, eigentlich Vertrauen auf andere ist. Wenn ich meinen dürftigen Bestand an Informationen über Flugzeugtechnik hervorhole, oder etwas über die Fidschiinseln wiedergebe, so beruht das jeweils auf Quellen, denen ich vertraue. Ich kann es selbst nur mit unverhältnismäßig großen Mühen nachprüfen. Wie der Fall um die Insel Sandy vor einigen Wochen wieder gezeigt hat, sind auch zig Referenzen im Internet und in Büchern kein Grund dafür, von der Existenz oder Wahrheit des Behaupteten auszugehen.

Die bekannte „Bielefeldverschwörung“ spielt mit dieser Unsicherheit. Sie deckt zwar keine Verschwörung, aber unseren eigenen lockeren Umgang mit dem Begriff „Wissen“ auf. Es gibt wohl Millionen Menschen, die aus eigener Anschauung Bielefeld kennen; doch noch viel mehr Millionen Menschen, deren „Wissen“ auf dem Vertrauen auf die Richtigkeit Aussagen anderer, gedruckter Atlanten etc. beruht.

Mir ist schon bewußt, daß nach meinen Informationen das alles nichts Neues ist. Unser Wissen ist auf Morast gebaut. Und doch: Wenn wir jedesmal alle Unwägbarkeiten berücksichtigen, wenn wir keiner Quelle Vertrauen schenken würden, so würden wir uns kaum von der Stelle bewegen können. Es schadet aber nichts, wenn man sich ab und zu klar ist, daß man viel weniger weiß, als man glaubt.

Zum Durchdenken 11

All of our arguments are rationalizations to some degree, because once we reach the point of sophistication and nuance, we have too much invested in the framework to back down easily. None of us are objective truth-seekers, and if one believes he is, then his biases are most dangerous and his ignorance is profound. Our biases are important to understand ourselves and our own intellectual weakness, but what is most relevant is the truth and error contained in our arguments.

Übersetzung: Alle unsere Argumente sind zu einem gewissen Grad Rationalisierungen, denn wenn wir einmal den Punkt denkerischer Gewandheit und feiner Nuancierung erreicht haben, haben wir schon zu viel in unser Gedankengebäude investiert, um einfach so einen Rückzieher zu machen. Niemand von uns sucht objektiv die Wahrheit, und wenn es jemand von sich glaubt, dann ist seine tendenziöse Betrachtung besonders gefährlich und seine Ignoranz abgrundtief. Wie tendenziös wir sind ist wichtig, um uns selbst und unsere eigene intellektuelle Schwäche zu verstehen, aber was am bedeutendsten ist: Die Wahrheit und den Irrtum zu verstehen, die in unseren Argumenten enthalten sind.

— Ein Leser namens Dan Carroll auf dem Wirtschaftsblog von Bryan Caplan.

Anlaß ist ein ein Beispiel in Caplans Blog, das nur in beschränktem Rahmen Überzeugungskraft besitzt und dadurch vor allem seine eigenen Tendenzen und Vorurteile entlarvt.

Ich weiß, daß ich nicht sehr viel weiß

Der griechische Philosoph Sokrates soll das, was alle gemeinhin für ihr Wissen gehalten haben, radikal hinterfragt haben.Wir hätten zu vielem eine Meinung, vertrauten auf vieles, was wir gehört haben. Aber wirklich wissen täten wir nur wenig. Verkürzt wurde daraus das geflügelte Wort: „Ich weiß, daß ich nichts weiß.“ Sokrates ist vielen ein Begriff – auch wenn wir tatsächlich in jeder Hinsicht nur sehr wenig über ihn wissen – , doch sein neugieriger Zweifel ist es weniger. Umso mehr freut es mich, schon wieder auf den Morgenländer hinweisen zu dürfen, der kurz und bündig darüber nachdenkt, daß wir alle im Grunde nur sehr wenig wissen und sehr viel vertrauen:

Menschen [agieren] in einer Welt […], die sie nur zu einem sehr kleinen Teil selbst wahrgenommen haben. Der größere Teil der Welt kommt uns durch Zeugnisse anderer ins Haus: Berichte von Freunden und Nachbarn, Bücher, Film und Fernsehen. Und es könnte einen ins Grübeln bringen, wenn man einmal überlegt, wie wenig Welt wir aus ‘erster Hand’ kennen. Ich weiß, dass Goethe am 22. März 1832 in Weimar gestorben ist. Woher ich das weiß? Ich habe es vor Jahr und Tag in der Schule gelernt. Mein Deutschlehrer seinerseits wird dies an der Universität gelernt oder in einer Literaturgeschichte gelesen haben. Wem Zweifel an der Information kommen, mag in Wikipedia nachschauen – oder im Brockhaus. Und wenn beide Lexika das gleiche sagen, wird es wohl stimmen. Aber sind es denn von einander unabhängige Zeugnisse oder haben die Wikipedia-Autoren Goethes Todestag nicht vielleicht selbst im Brockhaus nachgeschlagen? Man wird lange nachforschen müssen, bis man auf jemanden trifft, der die Sterbeurkunde selbst in Augenschein genommen hat. Tatsächlich vertraut man stattdessen den Zeugnissen Dritter, weil man sie selbst für vertrauenswürdig hält. Und man vergisst gern, dass dieser Mechanismus überall greift: Homo sapiens ist auch ein homo credulus.

In der Folge geht es dann mehr um die Frage der kritischen Medienwahrnehmung, ein Punkt, der auch mir sehr wichtig ist, wie regelmäßige Leser dieses Blogs wissen. Allerdings stellt für mich die Diskussion über den Grad unseres Wissens auch den Punkt dar, an dem sich jede Diskussion über den angeblichen Gegensatz von „Glauben“ und „Wissen“  in einer Singularität wiederfindet. Der überwältigende Teil dessen, was man landläufig so als „Wissen“ bezeichnet, wird tatsächlich geglaubt: im Vertrauen auf die Seriosität und Richtigkeit der Informationsquelle erworben. Umgekehrt gibt es auch bei dem, was gemeinhin als „Glauben“ bezeichnet wird, einen Kern eigener Erfahrungen und vernunftgemäßer Überlegungen, ein persönliches Wissen, um die sich herum Überliefertes, Anvertrautes gruppiert. (Im Falle des Christentums kommt hinzu, daß der Dreh- und Angelpunkt unseres Glaubens historische Begebenheiten und ihre Wahrnehmung und Interpretation durch Menschen sind, daß er auf der Weitergabe eigener Erfahrungen mit Gott und ihre Bestätigung durch die Jahrhunderte beruht.)

Diese Erkenntnis ist nicht neu. So trennt Thomas von Aquin ratio und fides nicht entlang der Linien von Naturwissenschaften und Religion, wie es heute so gerne getan wird, sondern hält fest, daß es religiöse Erkenntnis gibt, die auf dem Vernunftwege erschlossen wird. Umgekehrt war ihm bewußt, daß der Mensch eine bloß beschränkte Fähigkeit hat, die Wahrheit zu erkennen und etwas tatsächlich zu wissen. Dennoch lehnte er Skeptizismus ab und ging davon aus, daß der Mensch zumindest grundsätzlich in der Lage sei, die Wahrheit zu erkennen, zu kennen und damit zu wissen, weil die Welt so geordnet sei. Hier ergeben sich übrigens interessante Brücken zur Evolutionären Erkenntnistheorie.

Wir wissen also nicht viel, aber zumindest soviel, daß durchaus gesunder Zweifel an dem angebracht ist, was wir zu wissen glauben.