Ein digitaler Lesesaal

Die Österreichische Nationalbibliothek hat gemeinsam mit Google bislang 100.000 Bücher digitalisiert und online verfügbar gemacht. Weitere 500.000 sind in der Warteschlange, darunter die kostbaren Werke aus dem Prunksaal am Wiener Josefsplatz.

Ereignisse wie der Brand der der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar oder der Einsturz des Kölner Stadtarchivs machen bewußt, wie flüchtig und vergänglich die überlieferten Bücher sind. Doch nur ein Teil davon ist als Faksimile oder Nachdruck verfügbar, manches nicht einmal aufgearbeitet. Durch die Digitalisierung – und hoffentlich folgende Abspeicherung durch viele interessierte Leser – werden die Chancen vergrößert, daß ein Werk auch kommenden Generationen verfügbar bleibt.

Die Österreichische Nationalbibliothek ist eine der führenden Bibliotheken bei der Digitalisierung, und stellt beispielsweise zahlreiche alte Tageszeitungen online unter anno.onb.ac.at zur Verfügung, darunter viele Blätter des 19. Jahrhunderts, oder Reichsgesetzblätter und andere Rechtstexte aus der Monarchie und danach unter alex.onb.ac.at. Mehr Links kann man im Digitalen Lesesaal finden.

Außerdem arbeitet die Nationalbibliothek bei der Plattform europeana mit, in der sich zahlreiche Institutionen zusammengeschlossen haben, um verschiedenste Werke digitalisiert zur Verfügung zu stellen. So habe ich schon einige alte Drucke gefunden und im Original lesen können, für dich ich früher wohl eine größere Reise hätte unternehmen müssen – und sie folglich gar nicht gelesen hätte.

Die digitale Revolution ist als Mittel, um historische Werke zugänglich zu machen, ja sogar überhaupt zu erhalten, nicht zu unterschätzen. Gut, daß die Nationalbibliothek unter Johanna Rachinger da in vorderster Reihe mitmacht.

Schulze-Delitzsch: Hilfe zur Selbsthilfe

Der Morgenländer, der glücklicherweise das Bloggen wieder aufgenommen hat, erinnert an den Todestag von Hermann Schulze-Delitzsch (*1808 † 1883), einen der Begründer des modernen Genossenschaftswesens. Die Volksbanken, in Österreich durch die ÖVAG-Krise momentan ins Strudeln geraten, sind ursprünglich ebenso von seiner Idee geprägt wie etwa die Frastanzer Brauerei-Genossenschaft oder die ADEG Einkaufsgenossenschaft der Kaufleute, um nur einige Beispiele zu nennen.

Kommunen-Romantik könnte bei manchen den Eindruck erwecken, Genossenschaften seien ein ursprünglich „linkes“ Anliegen. Doch das Gegenteil ist der Fall; denn sie gehen von einem anderen Menschenbild aus, wie sich etwa in den Grundsätzen des Österreichischen Genossenschaftsverbandes (Schulze-Delitsch) ausdrückt:

Die Genossenschaften und der ÖGV fordern den Staat auf, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, die dem Einzelnen die Freiheit im Gebrauch seiner Kräfte sichern. […] Eines der wesentlichsten Prinzipien der Genossenschaften und des ÖGV ist die gemeinschaftliche Selbsthilfe. Der Genossenschafter […] fühlt sich für seine Existenz selbst verantwortlich. Die Genossenschaften und der ÖGV bekennen sich zum Grundsatz, daß Freiheit und Verantwortung untrennbar verbunden sind. Wer die Verantwortung von sich weist, weist auch die Freiheit von sich.

Schulze-Delitsch hat erkannt, daß sich der einzelne durch Zusammenschlüsse einige Vorteile des Großbetriebs sichern kann. Heute würde man sagen: Positive Skalenerträge erzielen kann. So können sich auch Kleingewerbetreibende, Freiberufler etc. behaupten, Arbeiter die Kaufkraft ihres Lohns etwa durch Konsumgenossenschaften erhöhen. Die damals befürchtete Konzentration des Wirtschaftslebens auf einige Großkapitalisten sei nicht zwangsläufig.

Durch die Vorschuss- und Kreditvereine schuf er die Grundlage dafür, daß auch Kleinbetriebe Investitionskredite zu vernünftigen Konditionen bekommen konnten. Er löste damit gleichzeitig ein Informations- und Skalenproblem, denn die kleine Volksbank-Genossenschaft vor Ort kannte die Risken ihrer Kreditnehmer sehr gut, da aber auch ihre Einleger vor Ort zu Hause waren und sogar Eigentümer der Bank, war sie doch nicht übermäßig risikobereit. Einkaufsgenossenschaften ermöglichten es auch kleinen Handwerkern, zu günstigen Konditionen Roh- und Betriebsstoffe einzukaufen. Produktionsgenossenschaften veredeln Produkte der Mitglieder und vermarkten sie gemeinsam. Schulze-Delitzsch befürwortete auch Produktivgenossenschaften, doch konnte sich dieses Modell nicht durchsetzen.

Daß der preußische Jurist Hermann Schulze-Delitzsch mit seinem Programm der „Hilfe durch Selbsthilfe“ Erfolg hatte, ist dabei vor allem seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Es galt, für die ersten Genossenschaften eine funktionierende Ordnung zu finden, in der Folge schließlich sichere rechtliche Grundlagen zu schaffen und dafür parlamentarische Mehrheiten zu finden. Das gelang ihm gegen den Widerstand verschiedenster Gruppierungen von links bis rechts. Das Genossenschaftsgesetz, das er für Deutschland erreichte, wurde übrigens kurz darauf (1873) bereits in Österreich eingeführt.

Hier bei Wikisource findet man eine Zusammenstellung von Internet-Quellen, bei denen man Schriften von Schulze-Delitzsch lesen kann. Er hat durchaus einiges verfaßt, und sich dabei auch immer wieder ausdrücklich an die Arbeiter gewandt, deren Fortbildung ihm ein großes Anliegen war. Er hoffte, seine Genossenschaftsidee könnte auch einen Schlüssel zur Lösung der sogenannten „sozialen Frage“ liefern. Und in gewisser Weise hat sie ihren Beitrag dazu geleistet.

Margaret Thatchers Österreich-Verbindung

Es spricht Bände, daß die direkteste Verbindung Margaret Thatchers mit Österreich in den heimischen Medien keinen Niederschlag gefunden hat, zumindest nach den Suchmaschinen im Netz.

Anläßlich ihres Begräbnisses ist diese Geschichte aber Wert, erzählt zu werden.

Die ältere Schwester von Margaret Roberts, so der Mädchenname der „Eisernen Lady“, Muriel, hatte eine Brieffreundin in Österreich. Eine siebzehnjährige jüdische Wienerin namens Edith Mühlbauer. Als der Ständestaat zusammenbrach und die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, schlug über die Juden eine Welle der Gewalt und Unterdrückung zusammen. Edith schrieb von ihrer Angst, deportiert zu werden.

Muriel (17) und Margaret (12) beschlossen, ihr zu helfen und das Geld für die Ausreise zu organisieren. Ihre eigene Familie hatte nicht das nötige Geld dafür, doch der Vater war Mitglied bei den Rotariern, und dort konnten die beiden Mädchen die nötige Hilfe finden. Sie konnten nicht nur die notwendigen Geldmittel aufbringen, sondern auch eine (wechselnde) Unterkunft bereitstellen: Von 1938 bis 1940 war Edith Mühlbauer bei den Roberts und einigen anderen Rotarier-Familien untergebracht, so daß sich die finanzielle und zeitliche Belastung aufteilte. Dann konnte sie nach Südamerika weiterreisen.

So erfuhr die junge Thatcher auch davon, wie die Juden nach dem Anschluß schikaniert und mißhandelt wurden — für sie prägende Erzählungen. Später bezeichnete sie die Rettung von Edith Mühlbauer als eine der Leistungen, auf die sie am ehesten stolz sei. Edith Mühlbauer ist 2005 gestorben, doch ihre Tochter Betina Nokleby ist extra nach London gereist, um Margaret Thatcher beim Begräbnis die letzte Ehre zu erweisen.

(Siehe auch den Bericht bei tachles.ch, der die gleiche Geschichte erzählt.)

Altes Gemälde trifft auf moderne Ideale

Die Schönheitsideale, die wir aus Fernsehen, Filmen und Hochglanzmagazinen kennen, sind wir mittlerweile fest gewohnt. Doch bekanntlich haben sich diese Ideale im Laufe der Jahrhunderte kräftig gewandelt, und werden sich wohl auch wieder wandeln. Denn im Grunde geht es immer um das Signal des Besonderen, Besseren, und das Besondere von gestern ist das Ordinäre von heute.

Nazareno Crea hat 2009 das Projekt unternommen, mehrere klassische Bilder mit Photoshop so nachzubearbeiten, daß die abgebildeten Damen den Idealen der Modewelt entsprechen würden. „Alpha Beauties“ nannte er das, und die 45 Retuschen wurde seither etwa im Royal College of Arts oder auf der Biennale in Venedig ausgestellt.

Man kann die bearbeiteten Bilder auch kaufen – passenderweise mit dem unbeschränkten Recht, sie selbst zu bearbeiten und danach zu verwenden.

Hier ein kleines Beispiel an Hand der Bocca Baciata (1859) von Dante Gabriel Rossetti, gedacht als Darstellung der Sinnlichkeit und Lust. Links das Original, rechts die Bearbeitung, die auch vor den Fingern und dem Hals (der geradezu grotesk aussieht) nicht halt gemacht hat. Wer sich einmal die Fotos in Modezeitschriften angesehen hat, wird dort allerdings einige solche groteske Momente entdecken,wie sie Crea in seinen Bildbearbeitungen imitiert hat.

Bocca Baciata: Links von Dante Gabriel Rossetti, rechts in der Bearbeitung von Nazareno Crea.

(über kottke.org)

Margaret Thatcher

Mit Lady Margaret Thatcher ist eine der wirklich großen Politiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von uns gegangen. Nach der Dauerkrise der 1970er-Jahre konnte sie das Vereinigte Königreich wieder zu Wohlstand führen, den Menschen mehr Freiheit ermöglichen, und das Land zu einen verlässlichen Verbündeten der Demokratie gegen die Sowjetunion machen.

Dabei hat sie sich nicht von Umfragen beherrschen lassen – was letztlich nach elf Jahren und drei gewonnenen Wahlen auch zum Ende ihre Regierungszeit geführt hat. Damit war sie immerhin der längstdienende Premierminister seit Lord Salisbury. Thatcher hat dabei ihr Programm vor den Wahlen konkret vorgestellt, und dieses Programm nach erfolgreicher Bestätigung auch konsequent durchgezogen. Keine Roßtäuscherei.

Diese Konsequenz hat aus der Tochter eines Greißlers eine Chemikerin gemacht, zu einer Zeit, als von MINT-Programmen noch keine Rede war, noch dazu mit Diplom in Oxford, die dann noch einen Abschluß in Steuerrecht machte, und als Mutter zweier sechsjähriger Kinder 1959 als Abgeordnete für Finchley ins britische Unterhaus gewählt wurde. Diese Konsequenz machte sie zur Oppositionsführerin nach der Niederlage der Konservativen 1974, und zu dieser Zeit erhielt sie auch den Spitznamen „Eiserne Lady“ – von einer sowjetischen Zeitung als Reaktion auf eine sowjetkritische Rede Thatchers. Als Beleidigung war es als gemeint, doch als Zeichen der Bewunderung blieb es haften.

Ihr Durchbruch an die Regierungsspitze wurde ihr von der Labour-Regierung mitermöglicht. So war nach dem „winter of discontent“ 1978/79 der Unmut über die Macht der britischen Gewerkschaften im öffentlichen Bereich und im (komplett verstaatlichten) Kohlebergbau groß geworden. Damals wurde in zahllosen Streiks beispielsweise der Müll wochenlang nicht entsorgt, Leichen nicht beerdigt, und so weiter. Streikposten sorgten dafür, daß „Streikbrecher“ kein zweites Mal gewagt hätten, zu arbeiten.

Das Verständnis der übrigen Bevölkerung dafür war aber mitten in der anhaltenden Krise der Siebziger Jahre mäßig. Thatcher versprach, dieser Praxis ein Ende zu bereiten – unter anderem mit der simplen Vorschrift, daß Gewerkschaften ihre Mitglieder über Streiks abstimmen lassen müssen. Die endgültige Wende im Ringen mit den Gewerkschaften im staatsnahen Bereich kam mit dem großen Streik der Kohlearbeiter 1984/85, bei dem sogar ein Taxichauffeur, David Wilkie, der einen Streikbrecher zur Arbeit brachte, von Streikenden getötet wurde. Die Regierung ging vor den Forderungen der Arbeiter in den staatlichen Kohlengruben nicht in die Knie, und befreite damit das Land von der drückenden Last, die die Kohlesubventionen für die übrige Bevölkerung bedeuteten.

Bis dahin waren weite Teile der britischen Wirtschaft verstaatlicht, wenig effizient, Wohlstandsräuber und Pfründe für Regierungspolitiker. Thatcher privatisierte von der Luftfahrt über Gasunternehmen bis zu Stahlwerken und Kohlegruben zahlreiche Unternehmen, die sich in der Folge erfolgreich am Markt behaupteten. Der Erfolg ihrer Öffnung und Liberalisierung war so stark, daß Stephanie Flanders für BBC resümieren kann:

I doubt you would find many critics of modern capitalism who would want to turn the clock back to 1979.

Certainly, none of the Labour politicians who have been making their condolences this afternoon would consider it for a single second.

Ich könnte noch viel über sie schreiben, von der Falklandkrise bis zu ihrer Rolle in der Beendigung des Kalten Kriegs, von ihrer für die europäischen Partner nicht immer leichten Europapolitik bis zu ihrem Kampf gegen Antisemitismus. Dagegen verweise ich auf eine Übersichtsseite des Daily Telegraph, die zahlreiche Reaktionen auf den Tod Thatchers unter der etwas bizarren Link Margaret-Thatcher-dies-live.html zeigt. Und auf die Margaret Thatcher Foundation, die zahlreiche Dokumente aus ihrem Leben im Internet verfügbar macht.

Stöckelschuhe für den Sonnenkönig

Heute fehlt mir die Zeit zum Bloggen, daher nur eine kurze Rutsche auf einen Artikel, der nach den bedeutungsvollen Ereignissen der letzten Tage ein wenig von der leichteren Seite kommt:

„Warum tragen Männer keine Stöckelschule mehr?“, fragt die BBC. Denn im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert waren Schuhe mit hohen Absätzen — von den Plateauschuhen, die schon früher aus praktischen Gründen allgemein verbreitet waren, zu unterscheiden – ein von hochstehenden Männern wie König Ludwig XIV. gern getragenes Accessoire. Spätestens mit der Französischen Revolution verschwanden sie aber aus den Schuhschränken der Männer.

Freilich ist die Geschichte mit den persischen Wurzeln der Stöckelschuhe, wie der BBC-Bericht sie erzählt, nur eine von vielen Varianten. Auch ein französischer Ursprung ist z.B. möglich. Wer spätmittelalterliches Schuhwerk aus Europa (Plateauschuhe mit türkischem Einfluß) gesehen hat, wird erkennen, daß es jedenfalls nicht viel gebraucht hat, um daraus Stöckelschuhe zu entwickeln.

Wie aus dem Symbol einflußreicher Männer ein Symbol weiblicher Erotik geworden ist, liest sich spannend und hält ein paar Überraschungen parat. Hier gibt es übrigens eine umfassendere Geschichte der Stöckelschuhe, die auch die weibliche Seite nicht vernachlässigt.

13. März 1938

Der 75. Jahrestag des sogenannten „Anschluß“, der Besetzung Österreichs durch das Deutsche Reich, wurde wieder von zahlreichen Reden begleitet, in denen unter dem Vorwand der Geschichtsbetrachtung die Gegenwart abgehandelt wurde. Unter diesem Aspekt ist wohl auch die sogenannte Opfer-/Täterfrage zu sehen, zu der ich zum Schluß noch etwas schreiben werde.

Doch auf einem ökonomisch angehauchten Blog beschäftigt mich zum Anschluß eher die Frage, in welcher wirtschaftlichen Situation sich Österreich und Deutschland damals befanden. Und die war höchst unterschiedlich: Österreich war in der Zwischenkriegszeit zweimal quasi bankrott gegangen, das erste Mal durch die Folgen des Ersten Weltkriegs, das zweite Mal im Gefolge der Weltwirtschaftskrise durch den Zusammenbruch der Creditanstalt, die vom Staat aufgefangen werden mußte. Allerdings war der Staat am Zusammenbruch nicht unbeteiligt, hatte er der Creditanstalt ja zuvor die marode Bodencreditanstalt aufgezwungen. Beidemale konnten die Staatsfinanzen nur durch eine Völkerbundanleihe gerettet werden, die mit drakonischen Sparmaßnahmen und Auflagen verbunden und innenpolitisch jedesmal heftig umstritten war.

Die zweite Anleihe war mit dem Lausanner Abkommen 1932 bereits von der neuen Regierung Engelbert Dollfuß’ ausverhandelt worden, wäre aber im Nationalrat am Widerstand der Sozialdemokraten und Großdeutschen fast gescheitert, die einen Staatsbankrott aus parteitaktischen Gründen anscheinend vorzogen. Das Abkommen zog eine Beaufsichtigung der österreichischen Fiskalpolitik durch einen ausländischen Kommissar nach sich, die bis 1936 andauerte. Trotz der Weltwirtschaftskrise mit wachsender Arbeitslosigkeit hielt Österreich daher an einer Hartwährungspolitik und einer rigiden Austeritätspolitik fest – mußte an ihr festhalten, um die Bedingungen der Völkerbundanleihe zu erfüllen und nicht wieder in die Gefahr eines Staatsbankrotts zu geraten. Man versuchte zwar, Mittel für Investitionsprogramme aufzustellen, konnte dies aber nur in engen Grenzen tun. Trotzdem konnten Projekte wie die Großglockner-Hochalpenstraße und die Höhenstraße in Wien unternommen werden.

Seitdem im Deutschen Reich aber die Nationalsozialisten an der Macht waren, kamen als zusätzlicher Faktor wirtschaftliche Sanktionen des NS-Regimes wie die sogenannte „Tausend-Mark-Sperre“ hinzu, die Österreich wirtschaftlich weiter unter Druck setzten. 1933 waren in Österreich etwa 557.000 Personen im Jahresdurchschnitt arbeitslos, eine Arbeitslosenrate von 26%; 1929 waren es noch 8,8% gewesen. 1937 waren es immer noch 464.000 (21,7%). Etwa 230.000 davon erhielten keine Arbeitslosenunterstützung – die sogenannten „Ausgesteuerten“. Die langsame Erholung erfuhr 1936 durch den Zusammenbruch der Phönix-Versicherungsgesellschaft einen neuen Dämpfer. Wieder mußte eine Auffanggesellschaft gegründet werden.

Die Hartwährungspolitik führte allerdings zu einer emotionalen Erfolgsgeschichte: Der Schilling wurde zum geliebten Alpendollar. Die Österreichische Nationalbank hatte 1938 als Folge ihrer strikten Geldpolitik auch höhere Gold- und Devisenreserven als die Deutsche Reichsbank, weswegen der Anschluß für die deutsche Regierung wirtschaftlich durchaus lohnend war.

Die NS-Wirtschaftspolitik war gänzlich anders. Durch massive Beschäftigungs- und Rüstungsprogramme auf Pump, die ein Grund für die geringen Reserven der Deutschen Reichsbank waren, konnte die Arbeitslosigkeit von 5,56 Millionen 1932 auf 0,9 Millionen 1937 gesenkt werden. Die Wirtschaft wurde dabei in weitaus stärkerem Ausmaß als in Österreich staatlich gelenkt. Durch umfangreiche Enteignungen politischer Gegner, „Arisierung“ und Devisenbewirtschaftung konnte die Expansion finanziert werden. Viele der zusätzlichen Ausgaben waren allerdings keine Investitionen, die den langfristigen Wohlstand mehren sollten, sondern flossen in die Rüstungsindustrie oder Propagandaprojekte. Resultat: 1939 war das Deutsche Reich de facto hoch verschuldet und seine Devisenbestände erschöpft.

Die österreichische Wirtschaftspolitik war zwar nachhaltiger, die deutsche aber lockte mir ihren kurzfristigen Erfolgen, deren hoher – auch menschlicher – Preis geschickt verschleiert wurde. Man kann getrost annehmen: Hätte Österreich 1938 noch die Verfassung von 1920/1929 gehabt, so hätte sich Hitler den Einmarsch sparen können, da eine bei Parlamentswahlen erfolgreiche NSDAP den Anschluß aus freien Stücken vollzogen hätte. Die Innsbrucker Gemeinderatswahlen 1933, bei denen die NSDAP 41,1% der gültigen Stimmen (36,1% der Wahlberechtigten) errang und sich damit verdreizehnfachte, sprechen eine deutliche Sprache. –

Die oben erwähnte Opfer-/Täterfrage, in Österreich heutzutage plakativ als „Opfermythos“ diskutiert, ist für sich betrachtet ja nur sinnvoll ist, wenn man einmal vom Konstrukt der Kollektivschuld ausgeht. Daher ist für mich diese Diskussion im Umkehrschluß sinnlos. Österreich wurde auf rechtswidrigem Weg und unter der Anwendung von Gewalt dem Deutschen Reich einverleibt, daran besteht kein Zweifel, und so sind auch die Worte der Moskauer Deklaration zu verstehen. Daß viele Menschen, die 1938 österreichische Staatsbürger waren, sich sowohl unter den Opfern befunden haben, als auch Helfer des Regimes und Täter aktiv waren, ist wohl mittlerweile ebenso klar. Freilich war nach dem Krieg die Herstellung gesellschaftlichen Friedens vorrangig, und so hat man in Österreich den zweifelsfreien Opferstatus des Staates auf die Bevölkerung als solche ausgedehnt. Damit war man freilich nicht allein. Die Franzosen haben sich bspw. erst mit großer Verspätung damit auseinandergesetzt, daß die deutsche Besatzung nur dank vieler französischer Mithelfer funktionieren konnte, Mithelfer, unter denen sich etwa Frankreichs späterer Staatspräsident François Mitterand befinden sollte. Leider hat man sich vielerorts weniger mit der Aufarbeitung der Geschichte als mit dem Kampf um die Deutungshoheit beschäftigt, wovon meines Erachtens die Arbeit vieler zeitgenössischer österreichischer Historiker ein beredtes Zeugnis ablegt.

Die „Süddeutsche“ und das Elend der Eliten

Wer wissen will, warum so viele Länder von ihren eigenen Eliten in den Abgrund gefahren werden, der braucht nur einen Blick in die „Süddeutsche“ werfen. Dieses moderat-linke Blatt gibt in etwa das wieder, was in der „chattering class“ als salonfähig gilt, wacht über politische Korrektheit und ein klares Weltbild für seine Leser, ist innerhalb dieser Parameter aber durchaus bemüht.

Diese „Süddeutsche“ leitet einen Artikel über Spanien mit folgendem Text ein:

Spanien lebte fast 40 Jahre unter der Franco-Diktatur. Nun macht sich die Diktatur der Märkte breit. Manche Spanier fragen sich, was schlimmer ist. Tatsächlich wurzelt die Ursache für die heutigen Probleme tief in der Vergangenheit.

Dieser Absatz geht so an den Problemen und Problemursachen Spaniens vorbei, daß man nur hoffen kann, daß niemand diesen Text zu ernst nimmt. SZ-Journalist Sebastian Schoepp wagt dabei einen besonderen Kunstgriff: Er lobt die linke Gesellschaftspolitik in Spanien („Es entstand eines der sozial dynamischsten Gemeinwesen Europas, führend bei Reformen wie Homo-Ehe oder Geschlechtergerechtigkeit.“), während für die soziale Sicherheit und die strikten Arbeitsmarktgesetze nun allein Francisco Franco verantwortlich sein soll.

Das hätte Franco wohl nie zu hoffen gewagt: Er wird aus linker Perspektive für ein Zuviel an sozialer Gesetzgebung kritisiert! Interessant.

Die Lockerung dieser Gesetze ist dem Autor aber übrigens auch wieder nicht recht, sie erzeuge nur „prekäre Arbeitsverhältnisse“. Schuld sei aber vor allem, daß Spanien „erzkatholisch“ und nicht „nordisch-protestantisch“ sei, wie es im Kapitalismus notwendig sei. Dieser Humbug, der zwar auf Max Weber zurückgeht, aber deswegen auch nicht richtiger wird, ist mittlerweile von Davide Cantoni sogar ökonometrisch widerlegt worden.

Es geht auch ohne Ökonometrie: Für die Weber’sche These muß man im Prinzip nur die richtigen Beispiele herauspicken. Umgekehrt geht es freilich genauso. Einer wissenschaftlichen Untersuchung hält dieses Rosinen-Picken für die eigene Linie aber nicht stand.

Die Diktion der „Diktatur des Marktes“ ist seltsam und bleibt unerklärt. Zuerst werden rigide staatliche Regelungen als Problem identifiziert – und gleichzeitig Unbehagen mit der Marktwirtschaft ausgedrückt, ohne genau zu benennen, was denn jetzt eigentlich stattdessen geschehen soll.

Das, was Schoepp schreibt, glauben in ähnlicher Form tatsächlich eine Menge Leute in Medien und Politik – und das ist durchaus gefährlich. Krude Konzepte in Wirtschaft und Anthropologie, sehr selektive historische Wahrnehmung und eine einwandfreie politische Einäugigkeit [Man bedenke: „dynamisch“ und „führend“ kann für Schoepp nur links heißen, während Spanien zu „stockkonservativ“ für die Moderne sei.] sind keine guten Rezepte für die Lösung der Probleme Spaniens und anderer Länder.

Arbeiten wie im Mittelalter

Die Tageszeitung „Die Presse“ hat seit 2010 eine interessante wirtschaftliche Kolumne mit Bildungsauftrag, den „Hobbyökonomen“. Dabei werden immer wieder aktuelle, aber auch Episoden aus der Wirtschaftsgeschichte behandelt, die oft relevanter für die Gegenwart sind, als man annehmen würde.

So auch diesmal, und zwar unter der durchaus provokanten Überschrift: „Im Mittelalter wurde weniger gearbeitet als heute”. Heutzutage wird ja im öffentlichen Diskurs unter „Arbeit“ immer nur „Erwerbsarbeit“ verstanden, während Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Bügeln oder Reparaturen nur dann als Arbeit anerkannt werden, wenn es jemand anderer gegen Bezahlung übernimmt. Vor diesem Hintergrund wird die „Arbeitszeit“ im Spätmittelalter von Historikern nicht allzu hoch angesetzt.

Der Arbeitstag war bis zur Industrialisierung weitgehend von den Jahreszeiten und vom natürlichen Licht bestimmt. Da viele Arbeiten körperlich sehr anstrengend waren, sowohl in der Landwirtschaft oder im Handwerk, waren häufige Pausen üblich und auch notwendig. Dazwischen wurden auch andere wichtige Arbeiten der privaten Sphäre erledigt. Auch der Jahreskreis war darauf ausgelegt, durch Zeiten des Feierns und häufige kirchliche Feiertage Erholungspausen zu ermöglichen. Das kirchliche Sonntagsgebot hat so auch eine soziale Dimension, die schon dem jüdischen Sabbatgebot ausdrücklich innewohnt.

Auch waren bis zur Industrialisierung die „Erwerbsarbeit“ und das Privatleben bei weitem nicht so getrennt wie heute. Vielfach kann man eine Familie damals als eine Art „Kleinbetrieb“ verstehen, die alle möglichen Aufgaben zur Erhaltung auf seine Mitglieder arbeitsteilig aufteilt, die aber örtlich so nahe beieinander tätig sind, daß eine gegenseitige Hilfestellung leicht möglich war.

Das ist keineswegs eine idyllische Zeit gewesen; es war anstrengend und aufreibend, den Lebenserhalt zu sichern. Aber nicht so anstrengend und aufreibend, wie es in den ersten Jahrzehnten der industriellen Revolution für viele Menschen werden sollte. Denn die familiäre Einheit wurde durch die Fabriksarbeit aufgesprengt – vor diesem Hintergrund ergibt auch Marxens Diktum von der Entfremdung einen wenn auch nicht intendierten Sinn –, die Arbeitszeiten auf bis zu 80 Stunden nahezu pausenloser Arbeit massiv ausgeweitet, ohne daß die nötige Zeit für andere Aufgaben zum Erhalt der Familie geschrumpft wäre.

Erst Jahrzehnte später sollte die gestiegene Produktivität auch in den ärmeren Schichten zu einem Wohlstandsgewinn führen, der sich in kürzeren Wochenarbeitszeiten bei ausreichendem Lohn einerseits, in erschwinglichen Hilfen zur Erleichterung der Arbeiten in der privaten Sphäre andererseits (wie die Erfindung des Suppenwürfels …) ausdrückten.

Zu Nikolaus Kopernikus

Google-Doodle: Nikolaus Kopernikus

Google-Doodle: Nikolaus Kopernikus

Google feiert heute Nikolaus Kopernikus 540. Geburtstag mit einem gelungenen „Doodle“ (siehe Bild). 540 ist zwar kein besonders runder Geburstag, aber bis zum 600. muß man ja nicht mit der Würdigung warten.

Kopernikus war bekanntlich Domherr am Frauenburger Dom in Ostpreußen, Bediensteter des Fürstbischof des Ermlandes und später sogar mehrfach Kanzler des Domkapitels, ausgebildeter Jurist, nicht ausgebildeter, aber praktizierender Arzt, auch Landvermesser und mehr in Personalunion. 1537 wurde er gar selbst zum Bischof vorgeschlagen. Das er schließlich doch nicht zum Bischof ernannt wurde, ist insofern ein Glücksfall, als er dadurch die Zeit hatte, seine Hypothesen zum Umlauf der Erde um die Sonne zu verfeinern und zu veröffentlichen.

Daß die Erde eine Kugel ist, war unter den Gelehrten Europas seit Jahrhunderten Konsens, wie schon ein Blick in die Schriften des angelsächsischen Mönches Beda Venerabilis lehrt. Die bis dahin möglichen Beobachtungen und Berechnungen legten aber nahe, daß sich Sonne, Monde, Planeten und Fixsterne um die Erde drehen würden. Man konnte Mondfinsternisse berechnen, Planetenbahnen: Die Vorhersagekraft des geozentrischen Weltbildes war so groß, daß man sie positivistisch durchaus als Verifikation werten hätte können. Und man wußte, daß bei einer sich bewegenden Erde sich ein Stern in unmittelbarer Nähe im Verhältnis zum Hintergrund scheinbar schneller bewegen sollte, was mit den damaligen Mitteln aber nicht zu sehen war.

Warum also die – nach heutigem Stand ebenfalls falsche – Idee des Heliozentrismus? Die Berechnungen der Astronomen der Zeit Kopernikus’ waren sehr kompliziert. Denn sie gingen von perfekten Kreisbahnen aus, mußten dann aber für scheinbare Planetenschleifen kompensieren, bei der ein Planet von der Erde aus gesehen kurz die Richtung wechselt. Dafür und für andere Abweichungen wurden die Epizyklen und der sogenannte Äquant eingeführt, ein scheinbarer Mittelpunkt der Kreisbewegung. Im Mittelalter wurden die Berechnungen weiter verfeinert und erreichten so zwar hohe Präzision, aber um den Preis weiterer Komplikationen.

Doch von den perfekten Kreisbahnen war so nicht mehr viel übrig geblieben. Kopernikus beschäftigte die Frage: Wie konnte man das System der Gestirne auf elegante, einfache Weise beschreiben? Er konnte die Überlegenheit seines Ansatzes nicht empirisch stützen, sondern nur mathematisch-philosophisch argumentieren, doch schien ihm das zeitgenössische Theoriegebäude gemäß Ockhams Rasiermesser als zu komplex, um den wahren Sachverhalt abzubilden. Er hätte sich auch leicht irren können, und sein eigener Vorschlag war nicht perfekt und z.T. ebenfalls überkomplex, besonders, weil er die perfekte Kreisbahn retten wollte. Doch als viele Jahre später die Instrumente der Astronomie ausgereift genug waren, konnte die Idee der Bewegung der Erde schließlich auch empirisch untermauert werden.

Das Beispiel des Kopernikus lehrt uns aber auch ein wenig Demut, denn die fest untermauerte Gewißheit der Gegenwart kann bald schallend verlacht werden.

Einige Schriften des ostpreußischen Domherrn kann man hier bei Wikisource nachlesen.