Keith Richards First Law of Delinquency

Die Episode um einen jugendlichen „Youth Crime Commissioner“ im britischen Kent, der dann wegen inkriminierter Tweets zurücktreten mußte, ist an und für sich unerheblich. Die 17jährige ist dabei aber in die Mühlen des Erregungsjournalismus geraten, der regelmäßig neue Opfer braucht. Man kann nur hoffen, daß dieses kurze nationale Gewitter sie nicht aus der Bahn wirft.

Rafael Behr hat im britischen linken Traditionsblatt „Observer“ daraus ironisch-korrekte Schlüsse gezogen, die er „The Rules“ nennt, wie z.B. „Keith Richards First Law of Delinquency“:

Teenage behaviour is publicly acceptable in anyone apart from teenagers. […] Indulgence of youth increases in inverse proportion to the youth of the indulged.

Oder „Lydon’s Paradox“:

It is better to have flirted with riot and survived than to have avoided it altogether. Hence, there are more respectable ex-punks today than there were ever actual punks.

Siehe auch den „Bullingdon Point“:

The admissible adult limit of youthful misdemeanour is mild recreational drug use with bouts of drunken disorder up to and including minor acts of criminal damage. These must have occurred long enough ago to now seem victimless. […] Given sufficient time, acts that would be condemned in today’s youth can be filed away with an indulgent smile alongside embarrassing old record purchases.

Es gibt noch mehr zu entdecken. Durchaus amüsant, auch wenn man politisch anderer Meinung ist, und wohl in Österreich ebenso zutreffend,

Margaret Thatcher

Mit Lady Margaret Thatcher ist eine der wirklich großen Politiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von uns gegangen. Nach der Dauerkrise der 1970er-Jahre konnte sie das Vereinigte Königreich wieder zu Wohlstand führen, den Menschen mehr Freiheit ermöglichen, und das Land zu einen verlässlichen Verbündeten der Demokratie gegen die Sowjetunion machen.

Dabei hat sie sich nicht von Umfragen beherrschen lassen – was letztlich nach elf Jahren und drei gewonnenen Wahlen auch zum Ende ihre Regierungszeit geführt hat. Damit war sie immerhin der längstdienende Premierminister seit Lord Salisbury. Thatcher hat dabei ihr Programm vor den Wahlen konkret vorgestellt, und dieses Programm nach erfolgreicher Bestätigung auch konsequent durchgezogen. Keine Roßtäuscherei.

Diese Konsequenz hat aus der Tochter eines Greißlers eine Chemikerin gemacht, zu einer Zeit, als von MINT-Programmen noch keine Rede war, noch dazu mit Diplom in Oxford, die dann noch einen Abschluß in Steuerrecht machte, und als Mutter zweier sechsjähriger Kinder 1959 als Abgeordnete für Finchley ins britische Unterhaus gewählt wurde. Diese Konsequenz machte sie zur Oppositionsführerin nach der Niederlage der Konservativen 1974, und zu dieser Zeit erhielt sie auch den Spitznamen „Eiserne Lady“ – von einer sowjetischen Zeitung als Reaktion auf eine sowjetkritische Rede Thatchers. Als Beleidigung war es als gemeint, doch als Zeichen der Bewunderung blieb es haften.

Ihr Durchbruch an die Regierungsspitze wurde ihr von der Labour-Regierung mitermöglicht. So war nach dem „winter of discontent“ 1978/79 der Unmut über die Macht der britischen Gewerkschaften im öffentlichen Bereich und im (komplett verstaatlichten) Kohlebergbau groß geworden. Damals wurde in zahllosen Streiks beispielsweise der Müll wochenlang nicht entsorgt, Leichen nicht beerdigt, und so weiter. Streikposten sorgten dafür, daß „Streikbrecher“ kein zweites Mal gewagt hätten, zu arbeiten.

Das Verständnis der übrigen Bevölkerung dafür war aber mitten in der anhaltenden Krise der Siebziger Jahre mäßig. Thatcher versprach, dieser Praxis ein Ende zu bereiten – unter anderem mit der simplen Vorschrift, daß Gewerkschaften ihre Mitglieder über Streiks abstimmen lassen müssen. Die endgültige Wende im Ringen mit den Gewerkschaften im staatsnahen Bereich kam mit dem großen Streik der Kohlearbeiter 1984/85, bei dem sogar ein Taxichauffeur, David Wilkie, der einen Streikbrecher zur Arbeit brachte, von Streikenden getötet wurde. Die Regierung ging vor den Forderungen der Arbeiter in den staatlichen Kohlengruben nicht in die Knie, und befreite damit das Land von der drückenden Last, die die Kohlesubventionen für die übrige Bevölkerung bedeuteten.

Bis dahin waren weite Teile der britischen Wirtschaft verstaatlicht, wenig effizient, Wohlstandsräuber und Pfründe für Regierungspolitiker. Thatcher privatisierte von der Luftfahrt über Gasunternehmen bis zu Stahlwerken und Kohlegruben zahlreiche Unternehmen, die sich in der Folge erfolgreich am Markt behaupteten. Der Erfolg ihrer Öffnung und Liberalisierung war so stark, daß Stephanie Flanders für BBC resümieren kann:

I doubt you would find many critics of modern capitalism who would want to turn the clock back to 1979.

Certainly, none of the Labour politicians who have been making their condolences this afternoon would consider it for a single second.

Ich könnte noch viel über sie schreiben, von der Falklandkrise bis zu ihrer Rolle in der Beendigung des Kalten Kriegs, von ihrer für die europäischen Partner nicht immer leichten Europapolitik bis zu ihrem Kampf gegen Antisemitismus. Dagegen verweise ich auf eine Übersichtsseite des Daily Telegraph, die zahlreiche Reaktionen auf den Tod Thatchers unter der etwas bizarren Link Margaret-Thatcher-dies-live.html zeigt. Und auf die Margaret Thatcher Foundation, die zahlreiche Dokumente aus ihrem Leben im Internet verfügbar macht.

Most of our people never had it so good

Tim Harford ist ein Populärwissenschafter im besten Sinn des Wortes: Er verpackt ökonomisches Wissen in anschauliche, alltagstaugliche Beispiele, bildet unterhaltend die Öffentlichkeit, ohne durch allzugroße Vereinfachung seine Leser zu verbilden oder durch allzu abgehobene Sprache zu verachten.

Nun hat er für die BBC einen interessanten Kurzbeitrag zur Entwicklung des Lebensstandard der Briten heute in der Wirtschaftskrise und im langjährigen Vergleich der letzten fünfzig Jahre gedreht.

Aufhänger dafür ist der berühmte Spruch des früheren britischen Premiers Harold Macmillan aus dem Jahr 1957: „Most of our people never had it so good.“ Angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs der Fünfziger Jahre eine verständliche und durchaus richtige Aussage.

Die Entwicklung der Einkommensperzentilen, die Harford kurz thematisiert, ist freilich ebenfalls nicht die ganze Geschichte, denn der Großteil der Menschen wandert im Laufe ihres Erwerbslebens durch verschiedene Einkommensperzentilen. Ein Beispiel: Der Student mit Nebenjob oder der Lehrling bewegt sich in einer unteren Perzentile, derselbe Mensch ist Jahre später als fertiger Akademiker oder erfahrener Meister in einer weitaus höheren Perzentile anzutreffen. Für die Entwicklung der persönlichen Lebensverdienstsumme — oder, noch wichtiger: der Lebenskonsummöglichkeiten — sagt die Entwicklung dieser einzelnen Perzentilen also nur beschränkt etwas aus.

Eine widerliche Affäre mit vielen ebensolchen Personen

Ich will zu der widerlichen Affäre um die zwei australischen Radiomoderatoren, die mit ihrem Scherzanruf beim Spital, in dem die Herzogin von Cambridge behandelt wurde, eine Krankenschwester in den Tod getrieben haben, gar nicht viel sagen.

Dafür will ich auf Andreas Unterberger verweisen, der zu Recht darauf hinweist, daß in Österreich sich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk der zweifelhaften Methode bedient, durch Lächerlichmachen und Verhöhnung von Menschen und Mißachtung der Privatsphäre Programm zu machen.

Außerdem darf ich auf Le Penseur hinweisen. Er kommentiert zum ebenfalls widerlichen Spektakel der beiden Radiomoderatoren, die sich nun öffentlich zerknirscht geben, weil dem Sender die Inserenten abspringen:

Man muß es realistisch sehen: in einer Gesellschaft wie der unseren, die ihren Anstand, ihre Werte und Haltungen bewußt vernachlässigt, ja eigentlich längst hinter sich geworfen hat, gibt es keine Mittel und Wege, derlei Vorkommnisse zu verhindern. Neben der Familie jener aus dem Leben geschiedenen Krankenschwester, die natürlich unser Mitgefühl verdient, will mir allerdings einer in diesen Stunden nicht aus dem Kopf: Prinz William. Er, dessen Mutter, von den Paparazzi gejagt, seinerzeit einem Autounfall erlag, wird derlei Scherze nicht so locker nehmen können. Weshalb eigentlich der Anstand gebietet, derlei Scherze in diesem Fall eher zu unterlassen. Haben die beiden Radioansager daran gedacht? Wenn man sie so ansieht: vermutlich nicht. Nein: mit Sicherheit nicht. Und ich glaube: dieses »nicht-einmal-daran-denken«, ob etwas der Anstand gebietet (oder eben verbietet), ist das eigentliche Problem unserer Zeit.

Wobei er auch auf die Medienkonsumenten hinweist: Wenn sie solche Sendungen nicht anhören oder ansehen würden, gäbe es wohl auch nicht so viele solcher Formate. Und die Rolle der Kollegen der Opfer, die darüber mitentscheiden, ob jemand durch so einen schlechten Scherz zugrundegerichtet wird oder nicht.

Meine Vorhersage: So etwas wird bald wieder passieren, weil der Eindruck und die Auswirkung solcher Aktionen heute viel größer als früher ist, sie viel schneller und weiter bekannt werden. Und diesem Druck standzuhalten ist für einen auf sich gestellten Menschen ziemlich schwer.

Waren der Wolf, die drei kleinen Schweinchen oder doch die Regierung schuld?

Das englische Märchen von den drei kleinen Schweinchen und dem bösen Wolf ist wohl nicht zuletzt dank Walt Disney auch hierzulande wohlbekannt. Aber wir würde sich die Geschichte heuzutage abspielen? Was würden die Twitterati dazu sagen? Würde die Sympathie den drei kleinen Schweinchen gehören, oder wäre nicht doch der Wolf das eigentliche Opfer? Diese Fragen und noch einige mehr werden in einem preisgekrönten Werbevideo des britischen „Guardian“ beantwortet. Nicht mehr ganz taufrisch, aber gut gemacht:

Ob absichtlich oder unabsichtlich wirft der Spot auch ein Licht auf die grassierende Hysterie in den sozialen Netzwerken, wo sich viele schnell eine Meinung bilden, aus Vermutungen schnell Tatsachen werden und aus kleinen Ereignissen große Katastrophen werden.

(über Freakonomics)

Szenen einer britisch-russischen Beziehung

Es ist ungewöhnlich, wenn die Botschaft einer Großmacht so lang und ausführlich auf Zeitungsberichte reagiert, wie es die russische Botschaft im Vereinigten Königreich getan hat. Und, das muß man ihnen lassen, mit der richtigen Mischung aus dem Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten und Angriffen auf die Gegenseite. Die ist in diesem Fall der linksliberale Guardian, der aus einem Empfang einer russisch-britischen Freundschaftsgesellschaft einen Skandal der Konservativen konstruieren will. Das ist natürlich auch insofern ironisch, als im Kalten Krieg viele, sagen wir einmal: Guardian-affine Personen mehr oder weniger mit der Sowjetunion kollaboriert haben. Der russische Staatsender „Voice of Russia“ hat dem Guardian eine Geschichte für das „anti-russische Medium der Woche“ gewidmet und hält den Journalisten für einen paranoiden Verschwörungstheoretiker, der sein Wissen aus Agentenromanen habe.

Wie die russische Botschaft ihre Presseaussendung bis zum Krimkrieg zurückreichen lässt und der britischen Presse eine indirekte Mitschuld am 1. Weltkrieg umhängt, ist jedenfalls großes Kino. Oder so ähnlich. Jedenfalls sehr interessant.

EU: Budgetkritik nicht mehr erlaubt?

Eine seltsame Debatte: Wie jedesmal, wenn um das EU-Budget gerungen wird, gibt es ein Raunen über ein Scheitern der Verhandlungen, hagelt es Veto-Drohungen, und den Briten wird der Austritt nahegelegt. So auch diesmal. Immerhin geht es um eine Menge Geld, die zu einem bedeutenden Teil aus den nationalen Haushalten finanziert wird. In Großbritannien, wo die Regierung zumindest rhetorisch einen Sparkurs eingeschlagen hat, hat das Parlament mit den Stimmen der Sozialdemokraten (Labour) und einiger konservativer Abgeordneten seiner Meinung den Ausdruck verliehen, daß angesichts der Sparbemühungen in allen Ländern auch das EU-Budget getrimmt werden müsse. Gegenüber dem generösen Vorschlag der Kommission, der ein Budget von insgesamt 1.083 Mrd. Euro in sieben Jahren – mit einer spürbaren Steigerung gegenüber der Vorperiode – sind übrigens viele Länder, angefangen von Deutschland, Schweden bis zu den Niederlanden und eben Großbritannien, äußerst skeptisch und verlangen Kürzungen. Zypern hat als Vorsitzland einen Gegenvorschlag erstellt, der ebenfalls bescheidener ausgefallen wäre, aber von der Kommission rundweg abgelehnt wurde.

Doch natürlich trifft die Briten der Zorn des EU-Budgetkommissars, denen er quasi empfiehlt, entweder den Vorschlag der Kommission anzunehmen oder auszutreten. Alexandra Föderl-Schmied übernimmt im „Standard“ unkritisch diese Erzählung des Budgetkommissars, die ohnehin politisch gesehen nur dem Aufbau eines psychologischen Drucks auf die britische Regierung dient. Wobei es zuweilen skurril wird, wenn Föderl-Schmied plötzlich den längst vergangenen Irakkrieg als Ausschlußgrund hervorkramt, oder andeutet, ein Ja zu mehr Europa bedeute automatisch eine Unterstützung für die Politik, die von der Kommission vorgeschlagen wird. So, als ob man nur dann ein guter Österreicher sein könne, wenn man die Bundesregierung gutfinde. So, also ob man jedenfalls ein schlechter Österreicher wäre, wenn man Budgetkürzungen im Bund vorschlagen würde. Oder, anders gesagt: Wenn ein Tiroler Landeshauptmann meint, daß der Bund zuviel Geld ausgibt – muß dann Tirol der Austritt aus Österreich nahegelegt werden?

Besonders realitätsfremd aber folgender Satz:

Es gibt nur die Wahl zwischen einer Rückkehr zum Nationalismus und einer Transferunion.

Wer die Debatte in Spanien erlebt, wo durchaus intelligente Leute in alte nationalistische Muster verfallen, die seit langem brüchige Situation in Belgien, wer die Stimmung in anderen Ländern mitverfolgt, wird bemerken, daß gerade die Krise und laufende institutionalisierte Transfers dem Nationalismus zu neuer Blüte verhelfen. Nicht nur aus ökonomischem Kalkül, sondern auch aus tiefsitzenden, identitätsstiftenden Überzeugungen über das Wir und die Anderen. Eine Transferunion ist geradezu das Rezept für ein Wiedererstarken des Nationalismus auf beiden Seiten, bei Gebern und Nehmern. Siehe nur unter Griechenland, Eurokrise.

Im Regen und im Trockenen

Links ist Regen, rechts ist Regen, vorne ist Regen, hinten ist Regen, man hat keinen Schirm und bleibt trotzdem trocken. Geht das?

Es geht in der Londoner Kunsthalle Barbican Centre, wo die Künstlergruppe rAndom International genau das möglich gemacht hat. In einem hundert Quadratmeter großen Raum regnet es unaufhörlich von der Decke. Mit Hilfe einer Reihe von Sensoren wird dann festgestellt, ob und wo sich ein Objekt im Raum befindet, und an den passenden Stellen des Düsengitters der Wasserauslaß gestoppt.

Das ist ein Kunstwerk, das nur in der Interaktion mit dem Besucher existieren kann. Denn der Weg, den man durch den Regen sucht, die Erfahrung des Regens, den man scheinbar steuern kann, oder dann auch wieder nicht – man kann die Sensoren auch ein wenig austricken –, ist selbst Teil des Regenraums.

Die sechs Personen von rAndom International, Stuart Wood, Florian Ortkrass, Hannes Koch, Heloise Reynolds, Peter Dalton und Dev Joshi, haben schon einige Projekte hinter sich, in denen die Beziehung zwischen Objekt und Betrachter im Mittelpunkt steht, wie etwa den Lichtschwarm Swarm Study III oder die „Temporary Printing Machine“. In einem Guardian-Artikel zum Regenraum verrät Ortkrass:

Das beste daran ist sich anzuschauen, was die Leute machen. Es ist entweder völlig verrückt oder total banal, aber niemals das, was wir erwarten.

Auch die Beobachtung der anderen Beobachter gehört zum Projekt, ebenso wie die Meta-Beobachtung durch die nicht zu beobachtenden Künstler. So kooperieren sie mit dem Kognitionswissenschafter Philip J. Barnard zur Analyse der menschlichen Reaktionen auf ihre Arbeit. Nebenbei würde die Äußerung Ortkrass’ – zweifellos eine Übertreibung – bedeuten, daß die Künstler ein äußerst realitätsfremdes Bild ihrer Mitmenschen haben …

Da verständlicherweise die Zahl der Besucher beschränkt ist – sonst stehen alle nur im Trockenen –, muß man beim Besuch mit 90 Minuten Wartezeit und mehr rechnen. Man hat allerdings noch bis 3. März 2013 Zeit.

(via kottke.org)

Austerität? Welche Austerität?

Eine gängige Analyse der Wahlen in Frankreich, Griechenland und Italien war, daß die Wähler genug von den harten Ausgabenkürzungen hätten, die auch massiv zur wirtschaftlichen Malaise der Euroländer beitrügen. Aber: Hat es überhaupt harte Ausgabenkürzungen in der Eurozone gegeben? Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach.

Veronique de Rugy hat die Staatsausgaben mehrerer Euroländer zu laufenden Preisen verglichen, die gewöhnlich mit Einsparungen in Verbindung gebracht werden: Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien und Spanien. Dabei zeigt sie, daß im wesentlichen nur Griechenland seine Ausgaben deutlich reduziert hat, bei den meisten Euroländern davon aber keine Rede sein kann. Wo keine Ausgabenkürzung, da auch keine kontraktive Wirkung einer solchen.

Diese Interpretation ruft natürlich Widerspruch hervor. So argumentiert Ryan Avent im „Economist“ mit der Veränderung der Budgetsalden und der Staatsausgaben in Prozent der Wirtschaftsleistung, bei denen sich z.T. deutliche Veränderungen zeigen. Warum das für eine kurzfristige Betrachtung möglicherweise irreführend ist, illustriert wiederum Tyler Cowen. Denn die Staatsausgaben in % des BIP hängen ja auch von der Entwicklung des BIP ab; verändert sich das BIP bei konstanten Staatsausgaben, so suggeriert die Angabe der Höhe in % des BIP eine Änderung, die es gar nicht gegeben hat. Außerdem hängt die Wirkung der Staatsausgaben kurzfristig von der Entwicklung zu laufenden Preisen ab, nicht von Umrechnungen zu verketteten Preisen etc. Wie Cowen schreibt:

[…W]hen judging whether fiscal policy is contractionary or expansionary in macroeconomic terms, we do not automatically adjust for percentage of gdp and inflation. Start instead by looking at nominal government spending, and then perhaps take a glance at nominal gdp or related measures. The theory, after all, is about nominal values, most of all in the short run.

Gibt es also gar keine „Sparpolitik“? In Griechenland, Irland oder Portugal gibt es sie ohne Zweifel; diese Länder sind aber für die Performance der europäischen Wirtschaft nur von untergeordneter Bedeutung. In den anderen Ländern nimmt Defizitreduktion aber vor allem die Form von Steuererhöhungen an. Die wirken schneller als strukturelle Maßnahmen und sind wegen der Logik gemeinsamen Handelns bis zu einem gewissen Grad auch leichter durchzusetzen. Doch sind sie empirisch belegbar nicht so nachhaltig wie Einsparungen und – außer für Jünger des Haavelmo-Theorems – mindestens ebenso kontraktiv. Besonders die in der EU beliebten Mehrwertsteuererhöhungen wirken konjunkturdämpfend und verstärken die wirtschaftliche Wirkung tatsächlicher Kürzungen.

In der Debatte spielt interessanterweise die Definition des Wortes „Austerität“ eine große Rolle, und ob schon eine gebremste Dynamik der Ausgaben als Maßnahme gilt, die das Wirtschaftswachstum belastet. Die Rolle der Erwartungen wird dagegen kaum thematisiert, obwohl das für Verfechter der These, daß schon zu viel der Austerität herrscht, eine elegante Verteidigungslinie wäre.

Salonfähig diskriminieren in Großbritannien

Wie salonfähig Diskriminierungen gegen Juden in manchen „progressiven“ Kreisen geworden ist, zeigt dieser Kommentar im „Guardian“, in dem es u.a. heißt:

An NHS conference on conflict resolution for managers and union representatives has turned into a sobering lesson in how conflicts are decidedly not resolved. The guest lecturer at the conference, organised by the Manchester Mental Health and Social Care Trust, was to be Moty Cristal. an expert in negotiation theory and mediation. But under pressure from one of the participating unions, Unison, his invitation was unceremoniously withdrawn. The reason? He is an Israeli.

Ironischerweise behauptet nämliche Unison, eine britische Beamtengewerkschaft, daß die Bekämpfung jeder Diskriminierung das Herzstück ihrer Politik ausmache. Wer jetzt übrigens einwendet, es gehe ja nicht um Juden, sondern Israelis, entgegne ich zweierlei: Eine sachlich nicht zwingende Diskriminierung wegen der Staatsangehörigkeit ist ebenso verwerflich; und israelische Araber sind vom Boykott nicht umfaßt. Der oben geschilderte Fall ist nicht der einzige:

This is not the first time a supposedly political boycott has seamlessly morphed into bigotry and prejudice. When two Israeli academics were “unappointed” from the editorial boards of journals at Manchester University, – again purely on the grounds of their citizenship – one of them, Gideon Toury, observed wryly: “I was appointed as a scholar and unappointed as an Israeli.”

In Großbritannien ist diese intellektuelle Engführung, die Beschneidung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung und Kollektivdiskriminierung zumindest in „progressiven“ Kreisen bereits weitgehend akzeptiert, und wer sich dagegen ausspricht, wolle nach Interpretation besagter Kreise die Andersdenkenden einschüchtern, während die Diskriminierung selbst freilich keine Einschüchterung sei, sondern mutiges Aufstehen. So argumentierte etwa die britische Professorin Mona Baker, die für die erwähnte Kündigung von Toury und Shlesinger verantwortlich war.

So viel Zynismus, Bigotterie und unverhohlener Illiberalismus macht sprachlos. Und traurig.