Better together?

Jetzt haben die schottischen Wahlberechtigten also entschieden, und ein klares Votum für ein Vereinigtes, aber wohl auch bundesstaatlicheres Königreich abgegeben. Nur 45% haben für die Unabhängigkeit gestimmt. Der Abstand zwischen „Ja“ und „Nein“ ist mit 10 Prozentpunkten recht deutlich.

Dabei hatte der schottische Premier Alex Salmond dank etlicher taktischer Fehler David Camerons mehrere Trümpfe in der Hand. Da war einmal das psychologische Moment: Ein positives „Ja“ für die Unabhängigkeit vermittelt ein besseres Gefühl. Die Kampagne für die Unabhängigkeit hieß simpel „Yes Scotland“. Salmond hatte in der Hand, die Wahlberechtigten für das Referendum zu definieren und eine einmalige Wahlaltersenkung durchzusetzen, weil er sich unter den Jugendlichen mehr Unterstützung für die Trennung erhofft hatte. Die zuweilen tolpatschige britische Regierung ist nicht sehr populär; auf sie könnte wohl mancher Schotte leicht verzichten.

Bessere Bedingungen hätte man für so ein Referendum nicht vorfinden können. Aber Salmond hat es mit seinen Einschüchterungsversuchen, von denen in den letzten Tagen immer mehr bekannt wurden, seiner unverschämten Nutzung des schottischen Staatsapparates und offensichtlich unerfüllbaren Versprechen offenbar verbockt. Dafür sollte er eigentlich den Hut nehmen.

Jetzt bahnt sich dafür in Großbritannien eine konstitutionelle Revolution an, wie die BBC beschreibt. Die Rechte von Wales, Nordirland und Schottland sollen gestärkt werden; England soll zwar kein eigenes Parlament bekommen, aber in den Rechtsgebieten, die in den devolvierten Landesteilen autonom geregelt werden können, sollen in Westminster Beschlüsse nur noch durch die englischen Abgeordneten getroffen werden. So zumindest der Vorschlag der Konservativen. Das ist zwar eine etwas ungeschickte Lösung, die dazu führen wird, dass es gegensätzliche Mehrheiten im Gesamtparlament und im englischen Rumpf geben wird; aber es ist ein erster Schritt.

Die Schwierigkeiten, die man in Großbritannien mit dem Konzept eines Bundesstaates hat, sind mir ja nicht ganz verständlich. Hätte man im Zuge der Devolution eine komplette Föderalisierung nach deutschem Vorbild gewählt — bei der man England vielleicht in mehrere „Länder“ wie etwa Greater London (8 Millionen Einwohner!) aufteilen könnte –, so wäre die Debatte in Schottland vielleicht ohnehin ganz anders verlaufen.

Denn es ist ja zweifellos so, dass es Gebiete gibt, wie Verteidigung oder das Privatrecht, in denen eine größere Einheit viele Vorteile bietet und Kosten senkt; und andere, in denen unterschiedliche regionale Bedürfnisse regionale Lösungen erfordern. Nur, wenn diese Kompetenzaufteilung sinnvoll erfolgt, ist man wirklich „better together“.

[Update] Salmond ist mittlerweile tatsächlich zurückgetreten. Respekt! Dass er allerdings auswählen lässt, welche Journalisten überhaupt zu seiner Abschiedspressekonferenz kommen dürfen: Kein Respekt.

Französische Kolonie — schlechte Schulbildung?

„Wer nicht weiß, woher er kommt, kann auch nicht wissen, wohin er geht, weil er nicht weiß, wo er steht.“
— Otto von Habsburg

Die vorangegangenen Jahrhunderte formen und bestimmen die Gegenwart viel stärker, als man in unserer jetzt-verliebten Zeit gerne annimmt. Ein Beispiel dafür erleben wir jetzt in der Ukraine. Ein anderes haben Denis Cogneau und Alexander Moradi für Afrika erforscht: Wie die Entscheidung, ob ein Land britisch oder französisch kolonialisiert wurde, bis heute auf die Schulbildung der Bevölkerung wirkt.

Die britische Kolonialverwaltung hat den Aufbau von Schulen außerhalb traditionell islamischer Gebiete weitgehend christlichen Missionsgesellschaften überlassen, die in der Volksschule den Unterricht in einheimischen Sprachen abhielten. Die französische Kolonialverwaltung dagegen sah Bildung als integralen Motor der Identifikation der Kolonialbevölkerung mit Frankreich, setzte Französisch als einzige Unterrichtssprache fest und versuchte schon auf Grund des in Frankreich propagierten Laizismus, ein Netz staatlicher Schulen zu errichten.

Das Ergebnis ist angesichts beschränkter staatlicher Ressourcen allerdings anders ausgefallen, als es die Franzosen gedacht haben. Das flexible britische Modell führte schon zu Kolonialzeiten zu höherer Schuldichte und stärkerem Schulbesuch als das französische, und dieser Effekt wirkt bis heute nach. Nun könnte man einwenden, dass für die Unterschiede weniger der Kolonialherr als andere Umstände (z.B. Klima, Kultur, …) verantwortlich wären. Das lässt sich an Hand des Falles Togo allerdings gut untersuchen. Denn die deutsche Kolonie Togo wurde im Ersten Weltkrieg in einen französischen und einen britischen Teil gespalten, in denen sich die Unterschiede im Bildungssystem bald manifestierten: Viele Missionsschulen im südlichen Teil der britischen Kolonie, wenige staatliche Schulen im französischen Togo, die dafür übers ganze Land verteilt waren.

Iran: Verzögerte Aufrüstung als Abrüstungserfolg

Thomas Vieregge bringt in der in der „Presse“ das Problem mit dem Iran-Deal unabsichtlich auf den Punkt: „Israel schwebte für den Iran ein Modell à la Libyen und nicht à la Nordkorea vor – die komplette Aufgabe des Atomprogramms, wie sie Muammar al-Gaddafi vor zehn Jahren vorexerziert hatte. Barack Obama muss nun mit Engelszungen auf Benjamin Netanjahu, seinen ungeliebten Partner auf israelischer Seite, einreden, um dessen Misstrauen zu überwinden. Worte allein werden den aufgebrachten Premier nicht von der wundersamen Wandlung des Regimes überzeugen, das Israel seit jeher mit Auslöschung droht.“

Das Modell á la Nordkorea endete bekanntlich mit dem Aufstieg des Landes zur Atomwaffenmacht und machte das dortige Regime unangreifbar. Ähnlich sieht der Iran die Atombombe wohl als Rückversicherung. Und hier rächt sich auch die Libyen-Politik USA, Großbritanniens und Frankreichs: Denn Gaddafis Entgegenkommen in Sachen Atomwaffen machte seine Absetzung leichter, wurde im Endergebnis nicht honoriert und hat sich damit als schwerer Fehler des Diktators erwiesen. Die Iraner haben sich das sicher gut gemerkt und wissen: Wer wirklich abrüstet, ist selbst schuld.

Mit der Genfer Einigung wird wohl das regionale Wettrüsten weitergetrieben. Schon will sich auch Saudi-Arabien Atombomben verschaffen, in dem sie im Falle des Falles einfach aus Pakistan angekauft werden. Mit dieser Information haben wiederum die Iraner noch einen Anreiz weniger, auf ihr eigenens Programm zu verzichten.

Faktum ist: Umso mehr Länder Atombomben besitzen, umso größer die Gefahr, dass sie auch eingesetzt werden. Die jetzige Einigung scheint nach bisherigen Erfahrungen de facto eine reine Verzögerung, keine Verhinderung der Atomwaffenfähigkeit des Iran zu bedeuten. Und ist daher ein Signal an die andere Mächte der Region, dass sie ein eigenes Atomwaffenarsenal aufbauen oder ausbauen sollten. Was gibt es schöneres als einen Nahen Osten voller Atombomben?

Für einen differenzierten Blick sei auch der Kommentar von Andreas Ross in der FAZ empfohlen.

C.S. Lewis: Zum 50. Todestag

Am 22. November 1963 starb der Schriftsteller C.S. Lewis, dessen Werke bis heute im englischsprachigen Raum gerne gelesen werden und bei uns in den letzten Jahren wieder größere Verbreitung finden.

Dazu trägt der anhaltende Zauber seiner „Narnia“-Reihe bei, die charmante Bosheit der „Dienstanweisung an einen Unterteufel“ oder die anhaltende Kraft seiner Glaubensschriften, wie „Christentum schlechthin“.

Interessanterweise stammen alle literarischen Texte von Lewis’, die heute noch gerne gelesen werden, aus der Zeit nach seiner Konversion zum christlichen Glauben. Und der Glaube ist auch in vielen thematisch eingewoben, wird wiederholt allegorisch verarbeitet. Was Lewis übrigens in Konflikt mit seinem Kollegen J.R.R. Tolkien brachte, der die Verwendung von Allegorien ablehnte.

Tolkien und er waren in mehrfacher Hinsicht Kollegen. Lewis arbeitete als Literaturwissenschafter am Magdalen College (Oxford) und erhielt 1954 einen Lehrstuhl für Literatur des Mittelalters und der Renaissance in Cambridge. Tolkien war seit 1925 Professor für Angelsächsisch am St. John’s College (Oxford), 1945 erhielt er eine Professur für englische Sprache und Literatur am Merton College (Oxford). Beide waren auch Mitglied der „Inklings“, einer Runde, in der viel über Literatur gesprochen und die neuesten Werke der Teilnehmer vorgelesen wurden.

Ein berührender Teil seiner Lebens ist seine Ehe mit der Schriftstellerin Joy Davidman, mit der er 1956 zunächst eine staatsrechtliche Verbindung einging, damit sie mit ihren Kindern eine Aufenthaltsgenehmigung in Großbritannien erhalten würde. Doch aus dieser Zweckgemeinschaft, in die Lewis freilich durch seine Freundschaft mit Davidman geraten war, wurde mehr.

Schließlich heiratete er die mittlerweile schwer an Krebs erkrankte Frau 1957 im Krankenhaus; völlig überraschend erholte sich Joy wieder. Die beiden konnten schließlich sogar gemeinsame Reisen unternehmen. Schließlich siegte aber die Erkrankung und sie starb 1960 mit 45 Jahren. In einer freien Form wird diese Geschichte im Film „Shadowlands“ mit Anthony Hopkins und Debra Winger nachgezeichnet. Lewis selbst hat den Verlust seiner Ehefrau in einem ursprünglich pseudonym veröffentlichten Werk verarbeitet, „Über die Trauer“. Der englische Titel ist nicht so allgemein: „A Grief Observed“.

Drei Jahre nach seiner Frau stirbt auch C.S. Lewis.

Wer mehr über ihn wissen will, kann dazu zum Beispiel die deutschsprachige Website cs-lewis.de aufsuchen, das Webangebot der C.S. Lewis-Stiftung oder das der Oxforder C.S. Lewis-Gesellschaft.

Update: In der Westminster Abbey wurde an diesem 50. Todestag eine Gedenktafel für C.S. Lewis im sogenannten „Poet’s Corner“ angebracht, in dem schon andere Größen angelsächsischer Literatur wie Charles Dickens und Samuel Johnson geehrt wurden. Hauptredner war kein geringerer als der emeritierte anglikanische Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, der selbst auch schriftstellerisch tätig ist.

Hat Halloween einen katholischen Kern?

Halloween ist in Österreich in den letzten Jahren immer populärer geworden. Dazu hat einerseits die wirkmächtige US-Populärkultur beigetragen – was wären etwa die „Simpsons“ ohne ihre Halloween-Folgen –, andererseits das handfeste wirtschaftliche Interesse, das sich mit einem weiteren Fest im Jahreskalender verbindet. Da Elemente des „wohligen Schauers“ heutzutage überwiegen und gerne diverse Horrorfilme als Vorlage für Halloween-Kostüme herhalten, ist der Ursprung dieser Festivität aber weitgehend in Vergessenheit geraten und durch moderne Folklore ersetzt worden.

Halloween ist in den späteren Vereinigten Staaten wohl als Amalgam irischer und französischer Bräuche entstanden, die sich jeweils um das katholische Festdoppel von Allerheiligen und Allerseelen, das ja in dieser Form erst seit 998 existiert, gruppiert haben. Augustine Thompson beschreibt das in einem Artikel auf beliefnet.com recht ausführlich.

Wie ich letztes Jahr bereits geschrieben habe, ist die allgemeine Verbreitung des Allerheiligentermins vom 1. November eine angelsächsisch-fränkisch-römische Koproduktion, während die Iren dafür ursprünglich einen anderen Termin vorgesehen hatten. Als unter Kaiser Ludwig dem Frommen im Jahr 835 das Fest für das ganze Frankenreich proklamiert wurde, setzte es sich bald in der gesamten katholischen Kirche durch, so schließlich auch in Irland. Doch der Bezug zu den Verstorbenen im allgemeinen wurde erst durch Odilo von Cluny hergestellt, der in Cluny ein Allerseelenfest für den 2. November einführte; ähnliche Feste waren vorher regional zu unterschiedlichen Zeiten begangen worden.

In Irland soll sich nach dem Einzug des cluniazensischen Festes eine Vorfeier der Seelen eingebürgert haben, an die man weder zu Allerheiligen noch zu Allerseelen denkt. In Frankreich wiederum hatten sich im Zuge der Großen Pest makabre Verkleidungen für Allerseelen durchgesetzt, ähnlich dem Totentanz. In früheren Zeiten waren ausgelassene Feste eng mit kirchlichen Feiertagen verbunden, und das memento mori oft mit einem Sinnesrausch auf Erden verknüpft. Die irischen und französischen Bräuche wurden von katholischen Auswanderern in die USA mitgebracht, wo sie sich mit englischem Brauchtum vermischt haben. Ein Grund mehr, warum Robert Barron betont, dass das US-Brauchtum rund um Halloween einen katholischen Kern habe.

Das Element des „trick or treat“ könnte vielleicht auf den mittlerweile verschwundenen englischen Brauch zurückgehen, dass Kinder zum „Guy-Fawkes-Day“ von Haus zu Haus zogen um einen „penny for the Guy“ zu erfragen. Es soll auch einen dunkleren Hintergrund in der Auspressung bekannter Dissidenten – also Menschen, die nicht der anglikanischen Staatskirche zugehörten – haben, die also in der Nacht des Guy-Fawkes-Day vor die Wahl gestellt wurden, etwas herzugeben oder übel zugerichtet zu werden. Wahrscheinlicher ist aber, dass der ausufernde Halloween-Vandalismus in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Idee führte, durch das geordnete, gemeinsame Sammeln von kleinen Zuwendungen die Energie der Kinder und Jugendlichen zu bündeln. Nach einer Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg wurde der organisierte Halloween-Zug der Kinder in der Nachkriegszeit schließlich zum durchschlagenden Erfolg in den USA.

Die Hexen und andere Zauberwesen kamen übrigens erst in der Publizistik des 19. Jahrhunderts zu Halloween dazu, als man interessante Postkarten- und Illustrationsmotive suchte.

Barron erzählt auch, woher die Idee kommt, Halloween in die Nähe des Heidentums zu rücken: Aus dem Konflikt zwischen protestantischen und katholischen Gläubigen in England und später den USA. Wie er schreibt:

The Protestant reformers were concerned about the practices of medieval Christianity that to them seemed contrary to what they believed the Church should be. They knew that these practices had clear precedents in the history of the Church, but insisted that they represented a corruption of the original form of Christianity that had become degraded over time. The degradation was explained as a regression into cultural forms that the Protestants described as pagan.

Ausschweifende Bräuche rund um das aus protestantischem Verständnis her sinnlosen Fest Allerheiligen natürlich suspekt – man erklärte die Wurzeln des Fests daher für heidnisch, um im Umkehrschluss zu zeigen, dass sich ein braver Christenmensch daran nicht beteiligen sollte. Mit dem letzten Teil sind sie freilich nicht sehr erfolgreich gewesen.

Warum wird der Club der 115jährigen nicht größer?

Erfreulicherweise steigt die Lebenserwartung der Menschen in den meisten Ländern der Erde. In Österreich betrug die mittlere Lebenserwartung eines neugeborenen Buben laut Statistik Austria 1970 66,5 Jahre, eines neugeborenen Mädchens 73,4 Jahre. 2012 sind es bereits 78,3 Jahre für Buben und 83,3 Jahre für Frauen. In vierzig Jahren haben die Österreich mehr als eine Dekade an Lebenserwartung dazugewonnen.

Es lässt sich aber international beobachten, dass die Zunahme der Lebenserwartung in hochentwickelten Ländern abnimmt. Ökonomisch gesehen: Die Bemühungen, noch ein paar Tage mehr zu erreichen, benötigen immer höhere Kosten für immer geringeren Grenzertrag, und diese sind viele Menschen etwa in ihrer Lebensführung (Sport, Ernährung, …) nicht zu tragen bereit.

In Großbritannien hat man beispielsweise bei der letzten Volkszählung beobachtet, dass die Zahl der über 90jährigen Personen geringer war, als früher prognostiziert. Der Zuwachs an Lebenserwartung hatte sich anders verhalten als erwartet.

Es ist aber noch ein interessantes Phänomen feststellbar: Die Zahl der besonders alten Personen, derjenigen über 110, verändert sich praktisch nicht, stellt etwa Matt Ridley fest. Offenbar erreicht man da ein Alter, in dem der Körper an seine absoluten biologischen Grenzen stößt und bereits geringen Belastungen nicht mehr gewachsen ist. Und irgendeine Belastung — Atemwegserkrankung, Blutverdickung, Blutdruckprobleme — kommt mit höchster Wahrscheinlichkeit eben auf einen zu.

Ridley mahnt deswegen: Älter als 120, 125 können Menschen wohl nur durch Eingriffe in die Keimbahn werden, die ethisch höchst problematisch sind. Und praktisch irrelevant sein könnten, da ohnehin Unfälle, schwere Erkrankungen und ungesunde Lebensweise die meisten Menschen dahinraffen, bevor eine Verlängerung der Lebenserwartung durch einen Eingriff überhaupt zum Tragen kommt. Ein Eingriff, der den Menschen in seinem Wesen ändert, das natürlich auch durch das Erbgut bestimmt ist. Ist das vertretbar, damit vielleicht ein paar Handvoll statt hundertzehn zehn Jahre älter werden können?

über Marginal Revolution

Syrien: Die Logik der Gesichtswahrung

Das britische Unterhaus hat den Syrien-Plänen Camerons eine Absage erteilt. Zu unkonkret waren die Ziele eines solchen Militärschlags, zu schwammig die Beweise, zu deutlich der Wunsch, „irgendetwas zu tun“, ohne es genau zu durchdenken.

Labour-Führer Ed Miliband unterstrich, dass ein Angriff dem Völkerrecht entsprechen müsse, dass er klare und erreichbare Ziele haben müsse und das es um die Abschreckung der Verwendung chemischer Kampfstoffe gehen müsse. Die Regierung konnte aber nicht zeigen, dass diese Bedingungen erfüllt seien. Auch eine signifikante Zahl von Abgeordneten der Regierungsparteien schloß sich den Vorbehalten an: 30 Konservative und 9 Liberaldemokraten stimmten gegen die Regierungsvorlage, je ein Konservativer und Liberaldemokrat enthielten sich de facto, in dem sie absichtlich dafür und dagegen stimmten.

Doch es ist David Cameron anzurechnen, dass es diese Abstimmung überhaupt gab. Es gehörte zu seinen Wahlversprechen, das künftig das Parlament vor militärischen Einsätzen befragt würde; rechtlich ist dies nicht notwendig. Er hat dieses Versprechen auch gehalten, und damit die britische Realverfassung geändert. Zukünftig werden es Premierminister schwerer haben, ohne parlamentarische Unterstützung größere militärische Operationen durchzuführen. Das persönliche Risiko, das Cameron damit eingegangen ist, war hoch, und sein Ansehen innerhalb und außerhalb des Landes hat gelitten. Freilich hätte er sich durch eine weniger martialische Rhetorik in Sachen Syrien diesen Gesichtsverlust erspart.

Auch in den USA gibt es eine wachsende parlamentarische Bewegung, die eine Genehmigung eines Militärschlags durch den Kongress verlangt. Im Gegensatz zu Großbritannien geht es hier auch um eine Verfassungsfrage, da viele Abgeordnete und auch Juristen der Meinung sind, ein Angriff auf Syrien liege mangels direkter Bedrohung der USA nicht innerhalb der Kompetenzen des Präsidenten.

Es gibt allerdings – außer der äußerst unwahrscheinlichen Absetzung — kein wirksames Mittel, um ein verfassungswidriges Handeln wie etwa den Beginn eines Krieges durch einen Präsidenten zu ahnden. Obama hat mit diesem Wissen auch in anderen Fragen bereits verfassungswidrig gehandelt und etwa per Verordnung die Anwendung von Gesetzen außer Kraft gesetzt. Der Wunsch der parteiübergreifenden Initiative wird ihn also eher kalt lassen. [Update] So schnell ist ein Artikel überholt: Nun hat Obama doch angekündigt, den Kongress zu befragen, wie es rechtlich auch geboten wäre. [/Update] Die US-Regierung sendet eher Signale aus, daß sie Stärke zeigen will und im Notfall auch alleine vorgehen wird, ungeachtet irgendwelcher Zweifel zu Hause oder im Ausland.

Charles Krauthammer unterstreicht kritisch, was Rich Lowry für eine positive Rechtfertigung hält: Es geht mittlerweile nur um die Wahrung des eigenen Gesichts. Und ein Nachgeben gegenüber dem Kongress wäre, siehe Cameron, ein weiterer Gesichtsverlust, den Obama wahrscheinlich nicht in Kauf nehmen will.

Lowry argumentiert z.B., warum ein Angriff erfolgen solle, so:

Es hätte jetzt nicht nur der Präsident seinen Mund zu voll genommen, er müsste auch während einer sicherlich folgenden und vielleicht viel schlimmeren chemischen Attacke in der Zukunft auch vor sich hin murmeln und betreten wegschauen. Zweifelt irgendjemand daran, daß der Iran, Rußland und die Hisbollah über unsere Erniedrigung erfreut wären?

Die Logik dieser Argumentation ist also: Der Präsident repräsentiert die USA. Wenn er sein Gesicht verliert, verliert es das ganze Land. Daher muß etwas geschehen. Was sind ein paar Kollateralschäden dagegen, ein wenig an Ansehen zu verlieren?

Krauthammer, der Angriffe gegen Assad grundsätzlich befürwortet, lehnt den geplanten Syrieneinsatz auch wegen dieser Begründung ab:

Ein Präsident setzt keine Soldaten in einen Krieg ein, für den er keinerlei Eifer zeigt. Noch zieht man in den Krieg, um etwas zu demonstrieren. […] Schweres Kriegsgerät verlangt einen schwerwiegenden Zweck. […] Wenn Sie das [den Angriff auf Syrien] durchziehen wollen, Herr Präsident, tuen Sie es verfassungsmäßig. Und ernsthaft. […] Ansonsten, senden Sie Assad einfach ein SMS.

Das wäre billiger. Der jetzt bekannte US-Plan mit zwei- bis dreitägigen Raketenangriffen scheint zwar Assad zu schwächen, aber den Krieg keineswegs zu entscheiden, sondern vielleicht sogar zu verlängern. Die weiteren Folgen, insbesondere die Reaktion des Iran und Rußlands, sind noch unabsehbar. Die indirekte Unterstützung islamistischer Rebellen könnte ebenso schwerwiegende Folgen haben; Dankbarkeit wird es nicht sein. Und das alles, um das Gesicht zu wahren.

Ephräm der Syrer und die Schrecken des Krieges

Der Kriegslärm in Syrien ist laut und erstickend. Wohl sind den Kämpfen schon zigtausende Menschen zum Opfer gefallen, vor allem Angehörige der Minderheiten. Nun steht also eine weitere Runde des Krieges bevor, die diesmal mit modernstem Gerät aus den USA erfolgen wird. Nach bisherigen Informationen in einer Weise, daß zwar viele Menschen dabei umkommen werden, der Krieg aber dadurch wohl sogar verlängert wird, damit das Schlachten weitergehen kann.

Dabei muß ich an die Carmina Nisibena Ephräm den Syrer († 373) denken. Die damaligen Supermächte, Römer und Perser lagen zu dieser Zeit in einem gewaltigen Ringen um Syrien, Armenien und Mesopotamien. Die Stadt Nisibis (türkisch Nusaybin), heute direkt an der türkisch-syrischen Grenze gelegen, war damals dreimal belagert worden. Der heilige Ephräm vertraut sich und die Stadt in seinen Carmina Nisibena Gott an, schildert die Nöte des Kriegs und die Errettung der Stadt. Beklemmend der 10. Hymnus, in dem er über die Eroberung von Anazit berichtet:

Der dritte Hymnus über die Festung Anazit, nach derselben Melodie.

Meine Kinder sind hingeschlachtet und meine Töchter, die fern von mir sind; ihre Mauern niedergerissen, ihre Kinder zerstreut, ihre Heiligtümer zertreten. – [R:] Gepriesen seien deine Heimsuchungen!

Die Jäger haben von meiner Feste meine Tauben gefangen, die ihre Nester verlassen hatten und in Höhlen geflohen waren; in Netzen fingen sie sie.

Wie Wachs vor dem Feuer schmilzt, so zerschmolzen und vergingen die Leiber meiner Söhne vor Hitze und Durst in den Befestigungen.

Anstatt der Quellen und der Milch, die für meine Söhne und Kinder flossen, fehlt nun die Milch den Kleinen und das Wasser den Großen.

In Todeszuckungen, entfällt das Kind der Mutter, denn es kann nicht mehr saugen, und sie vermag es nicht mehr zu stillen; sie geben den Geist auf und sterben.

Wie konnte deine Güte ihrem Ausfluß Zügel anlegen, da doch die Fülle ihrer Quelle nicht verstopft werden kann?

Und wie hat da deine Güte ihr Mitleid gezügelt und sein Ausströmen gehemmt dem Volke gegenüber, das aufschrie, daß es seine Zunge befeuchten könnte?

Und es war da ein Abgrund zwischen ihnen und ihren Brüdern, wie bei dem Reichen, der rief, und keiner war, der ihn erhörte und seine Zunge anfeuchtete.

Und gleichsam mitten ins Feuer wurden die Unglücklichen geworfen, und Gluthitze strömt das Feuer inmitten des Durstes aus, und es brannte in ihnen.

Es zerschmolzen ihre Glieder und wurden von der Hitze aufgelöst; da tränkten die Verdursteten wieder die Erde mit ihren verwesenden Körpern.

Und die Festung, die ihre Bewohner durch den Durst ermordet hat, trank nun wieder die sich auflösenden Leichname derer, die vor Durst dahingeschwunden waren.

Wer sah je ein Volk, von Durst gequält, wie es eine Mauer von Wasser umgibt, und es doch nicht seine Zunge benetzen kann?

Mit dem Urteil von Sodom wurden auch meine Lieben gerichtet, und meine Kinder wurden heimgesucht mit der qualvollen Strafe Sodoms, die nur einen Tag dauerte.

Die Qual des Feuertodes, Herr, währt nur eine Stunde, aber im langsamen Verdursten steckt ein langsamer Tod und eine brennende Qual.

Nach meinen Schmerzen und bitteren Leiden ist dies, Herr, ein neuer Trost, mit dem du mich getröstet hast, daß du meine Traurigkeit vermehrt hattest.

Die Medizin, die ich erwarte, möge mir der wahre Schmerz, den Verband, den ich wünsche, möge mir die bittere Zerknirschung bringen.

Und wenn ich erwartet hatte, dem Sturm zu entrinnen, ward mir der Sturm im Hafen gefährlicher als der im offenen Meer.

Und wenn ich gehofft hatte in meiner Beschränktheit, daß ich emporgeklommen und entstiegen sei der Grube, so warfen mich meine Sünden wieder mitten hinein.

Sieh, Herr, meine Glieder, wie sehr die Schwerter mich getroffen und auf meinen Armen Male hinterlassen haben, und die Narben von den Pfeilen, die meinen Seiten aufgeprägt sind.

Tränen in meinen Augen, Unglückskunde in meinen Ohren, Weherufe in meinem Munde, Trauer in meinem Herzen – halte ein, o Herr!

Die Stadt Nisibis selbst überstand zwar die Belagerungen, mußte aber 363 in Folge eines Friedensvertrags zwischen Rom und Ktesiphon geräumt werden. Die christlichen Gelehrten der Schule von Nisibis verlegten ihre Tätigkeit ins römische Edessa; in Persien herrschte damals eine Christenverfolgung.

Auch hier Parallelen: Denn es wäre nicht das erste Mal, daß die Christen im Nahen Osten ermordet und vertrieben werden. Und Frankreich, Großbritannien und die USA unterstützen konsequenterweise in den letzten Jahren jedesmal eine Politik, die zu solchen Vertreibungen führt.

[Update] Dieser Eintrag ist nun auch auf katholisch.at zu finden. Danke sehr für die Übernahme des Textes!

Syrien und die Rote Linie

Anlässlich der Erklärung der USA und Großbritanniens, daß mit dem Einsatz von Giftgas in Syrien eine verstärkte Unterstützung der Rebellen nötig sei, von denen bekanntlich viele der Al-Kaida nahestehen, möchte ich einen etwa ein Jahr alten Artikel des „Guardian“ verlinken, der ohne die übliche Verschwörungsrhetorik nüchtern aufzählt, welchen Hintergrund die in den Medien herumgereichten Sprecher der syrischen Rebellen haben.

Mir ist schleierhaft, warum die USA die Rhetorik um angeblichen Chemiewaffeneinsatz bemühen, um die Rebellen zu unterstützen. Erstens glaubt doch nach dem Irak-Debakel ohnehin kaum ein Kritiker einer Intervention an den Wert der Beweise, die darum auch gar nicht vorgelegt werden. Zweitens ist eine Argumentation derart, daß es keine Rolle spiele, daß Menschen getötet würden, sondern nur die Art ihrer Tötung, wenig überzeugend. Drittens sind auch die Rebellen des Einsatzes von Chemiewaffen beschuldigt worden; unter anderem sah auch Carla del Ponte der UN-Kommission zur Menschenrechtslage in Syrien dafür stichhaltige Beweise, wenn die Kommission auch auf äußeren Druck hin zurückrudern mußte. Doch wurde etwa im Irak eine Al-Kaida-Zelle ausgehoben, die Sarin und Senfgas produziert hatte. Angesichts der Bedeutung der Al-Kaida in Syrien ist diese Meldung nicht zu unterschätzen. Über beide Seiten des Syrienkriegs werden jedenfalls Greueltaten berichtet und einige Personen rühmen sich derer sogar.

Tim Stanley bringt die Sache im Daily Telegraph auf den Punkt, wenn er meint, die USA täten unter Obama zu viel, zu spät. Jetzt, wo die Rebellen Rückschläge hinnehmen müssen und die syrischen Regierung sich wieder konsolidiert, muß also laut USA, Großbritannien und Frankreich die Unterstützung für die Rebellen hochgefahren werden. Selbst, wenn das zum Sieg der von Islamisten dominierten Aufständischen führen sollte, jedenfalls um den Preis einer weiteren Verlängerung des Konflikts, noch mehr Opfern und am Schluß lediglich eines Austauschs einer Diktatur durch eine andere.

Mord in London, Unverschämtheit im ORF

Der grausame Mord an einem britischen Soldaten außer Dienst im englischen Woolwich durch Islamisten ist für sich schon schlimm genug. Die beiden Angreifer haben den unbewaffneten Mann angegriffen, mehrfach auf ihn eingestochen und mit einer Machete den Kopf abgetrennt. Es blieb der zweifachen Mutter und Pfadfinderin Ingrid Loyau-Kennett über, die Täter zu konfrontieren, weil sie dem Opfer helfen wollte bzw. die Täter soweit ablenken wollte, daß sie auf der geschäftigen Straße im Großraum London keine weiteren Menschen töten. Die Polizei benötigte dagegen zwanzig Minuten zum Einsatzort.

Die Intention der Täter ist klar: Niemand wird sicher sein, der Kampf wird bis zum Endsieg fortdauern. „Allahu akbar“ haben die beiden während des Mordes mehrfach ausgerufen. Um diese Botschaft zu verbreiten, haben sie sogar die Ankunft der Polizei abgewartet. Nicht, daß der Mord womöglich aus politischen Gründen anderen zugerechnet wird.

Während die „Presse“ ausführlich über die Tat berichtet, sind die Salzburger Nachrichten  schon wesentlich verklausulierter. Den Vogel schießt aber der ORF ab, der die Überschrift zusammenbringt: „Attacken auf Muslime nach Mord in London“ (siehe Bild). Der unbedarfte Leser könnte hier sogar vermuten, daß es nach einem Mord an einem Muslimen zu weiteren Attacken gekommen sei. Mittlerweile haben sie den Bildtext auf „Nach Mord an Soldaten: Attacken auf Muslime in London“ geändert. Doch die Reaktionstaten, die sich im Wesentlichen auf Sachbeschädigung und einen dilettantischen Versuch, in eine Moschee einzudringen, beschränken, mit einem Mord als äquivalent zu sehen – das ist doch ganz schön frech. Und unverschämt gegenüber dem Opfer.

ORF zum Mord in London

ORF zum Mord in London

Hier zum Vergleich die Titelseiten britischer Zeitungen. Der Muslimische Rat von Großbritannien und die Islamische Gesellschaft haben die Taten deutlich verurteilt und daran erinnert, daß viele Muslime in der britischen Armee dienen. Einige von ihnen waren übrigens vor Jahren selbst Ziel eines geplanten Terroranschlags durch Islamisten, der glücklicherweise vorzeitig entdeckt wurde.