Mariä Geburt

Der 8. Dezember ist in Österreich als Marienfeiertag durchaus präsent, haben doch die meisten Berufstätigen frei und erledigen Weihnachtseinkäufe, weswegen leider viele im Handel arbeitende Menschen den Feiertag nicht genießen dürfen. Maria Empfängnis, das in Österreich 1955 auch als Dank für die wiedererlangte Freiheit nach Anschluss, Weltkrieg und Besatzung wieder als Feiertag eingeführt worden war, hat aber neun Monate später eine notwendige Doppelung, nämlich Mariä Geburt.

Das Fest kam ursprünglich aus der Ostkirche — manche vermuten den Weihetag der St.-Anna-Kirche in Jerusalem als Ursprung des Datums –, wurde aber jedenfalls im 7. Jahrhundert auch in Rom gefeiert. Für Österreich ist das Fest eng mit dem Patrozinium von Mariazell verknüpft, wo sich das Gnadenbild der Magna Mater Austriae befindet.

Der Eröffnungsvers dieses Festes fasst das Festgeheimnis prägnant zusammen:

Voll Freude feiern wir das Geburtsfest der Jungfrau Maria,
aus ihr ist hervorgegangen die Sonne der Gerechtigkeit,
Christus, unser Gott.

Maria, Kind von Mann und Frau; Kind Gottes; Mutter eines Kindes; Mutter Gottes — das ist nicht immer leicht zu verstehen. Aber ein wunderbares Zeichen der Gnade, die Gott uns Menschen immer wieder von Neuem gewährt.

Die Pflicht des Ezechiel

An diesem Sonntag wird in der ersten Lesung eine Stelle aus dem Buch Ezechiel gelesen, die es in sich hat:

So spricht der Herr: Du Menschensohn, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter; wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie vor mir warnen. Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat, sage: Du musst sterben!, und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Weg abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut. Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht umkehrt, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet.
— Ez 33,7-9

Nun ergeht dieser Auftrag hier ausschließlich an den Propheten Ezechiel, der eben zum Wächter, zum Seelsorger für das Haus Israel bestellt wird. In der Übersetzung von Henne-Rösch ist übrigens nicht von Menschen, die sich schuldig gemacht haben, sondern direkt von „Gottlosen“ die Rede, wie auch in der Luther-Bibel; in der Grünewald-Bibel von Frevlern.

Es geht also direkt darum, dass sich Menschen von Gott abwenden, die es eigentlich besser wissen müssten. Sie haben von Gottes Taten gehört, sein Licht könnte ihren Pfad erleuchten, um ein Bild aus den Psalmen zu verwenden. Doch sie wenden sich vom Licht ab.

Ezechiel soll sie also warnen. Mehr noch: Er trägt Verantwortung dafür, dass sie noch einmal davor gewarnt werden, was die Abwendung von Gott bedeutet, welche Folgen der Frevel hat. „Du musst sterben!“ — in der gottfernen Dunkelheit, in der Abwesenheit des schöpfenden Gottes wartet das Gegenteil von Schöpfung und Leben, nämlich der Tod.

Warum überträgt Gott Ezechiel so eine schwere Bürde? Warum fordert Gott von Ezechiel Rechenschaft für jeden, den er hätte warnen können, es aber unterließ? Weil Ezechiel weiß, was der Frevel für Folgen haben kann. Unterlässt er die Warnung, so lässt er den Menschen gleichsam absichtlich ins Verderben rennen. Daher ist die Pflicht des Ezechiel eigentlich eine Pflicht aller Christgläubigen. Wir warnen im Alltag Menschen immer wieder vor drohenden Gefahren, seien es heranfahrende Autos oder kommende Unwetter. Wir sollten auch Menschen, die sich offensichtlich ins seelische Unheil stürzen, davor warnen, was sie sich antun und was sie sich entgehen lassen.

Freilich, und das macht die Pflicht des Ezechiel leichter: Wer trotzdem unbeirrt ins Unheil läuft — und das kommt häufiger vor, als man glaubt –, den müssen wir uns nicht zurechnen lassen. Man macht sich dann gerne Vorwürfe: Hätte ich es nur intensiver versucht, vielleicht ein anderes Wort gefunden. Mag auch sein. Doch jeder Mensch hat auch eine Verantwortung für sich selbst, wie in dieser Stelle klar herausgearbeitet wird.

Leider gehört der folgende Umkehrruf nicht mehr zur Perikope; doch aus diesem will ich (nach der Henne-Rösch-Übersetzung) diesen tröstlichen Teil zitieren:

[I]ch habe kein Wohlgefallen am Tod des Gottlosen, sondern daran, daß sich der Gottlose von seinem Weg bekehre und lebe. […] Wenn ich aber zu dem Gottlosen sage: Du mußt sterben!, – und er bekehrt sich von seiner Sünde und übt Recht und Gerechtigkeit, gibt das Pfand zurück, erstattet das Geraubte wieder, wandelt nach den Geboten, die zum Leben führen, und begeht kein Unrecht mehr, – soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
— Ez 33, 11b;14-15

Assumpta est Maria

Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist ein besonderes Fest der Hoffnung, das daher schon früh die Phantasie der Menschen angeregt hat. Legenden begannen, sich um Maria Himmelfahrt zu ranken; und viele Künstler beschäftigten sich ebenfalls mit dem Motiv des Festes.

So selbstverständlich auch der große Giovanni Pierluigi da Palestrina, der die sechsstimmige Motette „Assumpta est Maria“ zu Ehren der leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel komponiert hat. Offenbar zu allgemeinem Wohlgefallen, denn auf Grundlage der Motette schuf Palestrina auch eine Messe gleichen Namens. Mehr zur Motette kann man z.B. [hier bei Luis C.F. Henriques nachlesen](http://luiscfhenriques.com/giovanni-p-da-palestrinas-assumpta-est-maria/ “Luis C.F. Henrique: Giovanni P. da Palestrina’s Assumpta Est Maria”). Und anhören kann man sie natürlich auch:

Der Text dieses ersten Teils der Motette lautet:

Assumpta est Maria in caelum, gaudent angeli,
laudantes benedicunt Dominum.
Gaudete et exsultate omnes recti corde.
Quia hodie Maria virgo
cum Christo regnat in aeternum

Aufgenommen ist Maria in den Himmel, freuen sich die Engel,
lobend preisen sie den Herrn.
Freut euch und frohlockt alle mit aufrichtigem Herzen.
Denn heute herrscht die Jungfrau Maria
mit Christus in Ewigkeit.

Der Papst in Südkorea

Heute, am Nachmittag des 13. August, ist also Papst Franziskus zu einer Reise in die Republik Korea aufgebrochen, die bis Montag dauern wird. Auf einer Übersichtsseite zur Papstreise sind schon die wesentlichen Punkte zu finden. Das genaue Programm des Besuchs in Südkorea kann ebenso auf der Website des Vatikan nachlesen.

In Südkorea gibt es eine blühende katholische Gemeinde mit etwa 5,5 Millionen Gläubigen, etwas mehr als 10% der Gesamtbevölkerung. Der Glauben dieser Menschen strahlt aber weit über ihre eigene Gruppe hinaus. Und er manifestiert sich in Südkorea auch in Schulen, Krankenhäusern bis hin zur Katholischen Universität, die auch von Nicht-Katholiken geschätzt werden. Dass die Lage der Christen in Südkorea nicht immer so rosig war, daran wird am Samstag die Seligsprechung von Paul Yun Ji-Chung und 123 weiterer Märtyrer erinnern.

Und wie schnell sich alles wieder zum Schlechten ändern kann, daran erinnert Nordkorea jeden Tag. Gerade in Pjöngjang gab es viele Katholiken, bei Tokwon auch eine Benedikterabtei. Durch die brutale Unterdrückung jeder anderen Religion als des kommunistischen Staatskults wurden die Katholiken aber in den Untergrund gedrängt. Der letzte Bischof von Pjöngjang verschwand in einem Lager, wo er vermutlich umgebracht wurde. Der Besitz von Bibeln ist bei Todesstrafe verboten. Es gibt allerdings eine staatlich kontrollierte priesterlose Mini-Gemeinde in Pjöngjang, die 1988 wohl für Propagandazwecke gestattet wurde.

Machen beschweren sich, wie der Papst angesichts des Mordens im Nahen Osten der Einladung der Südkoreaner nur folgen könne. Das ist zu politisch gedacht; verkennt, wie enttäuscht Millionen Menschen wären, die sich schon lange auf diesen Besuch vorbereitet haben; verkennt noch mehr, dass in Ostasien Christen in vielen Gebieten unterdrückt werden und Unterstützung brauchen. Unterstützung, die ihnen auch ein Besuch des Papstes in Ostasien geben wird.

Zum Dreifaltigkeitssonntag

Der Dreifaltigkeitssonntag stellt schwere Kost dar, weil die Dreifaltigkeit selbst schwere Kost darstellt. In welchem Verhältnis stehen Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, die doch ein und dasselbe sind, vollkommen eins, und doch übereinander sprechen können, wie Jesus etwa über den Heiligen Geist als Beistand spricht oder über seine Rückkehr zum Vater im Himmel. Andererseits –– das Johannesevangelium ist hier vielleicht am deutlichsten — finden sich viele Hinweise auf diese Einheit bereits in der Heiligen Schrift selbst. So heißt es ja im Johannesprolog: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Oder bei Lukas: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“

Augustinus versucht es im „Gottesstaat“ so darzustellen:

Wir halten im Glauben fest und verkünden unentwegt, daß der Vater das Wort erzeugt hat, d. i. die Weisheit, durch die alles erschaffen worden ist, den eingeborenen Sohn, der Eine den Einen, der Ewige den gleich Ewigen, der unerreichbar Gute den gleich Guten; und daß der Heilige Geist zumal sowohl des Vaters als auch des Sohnes Geist ist; auch er gleichwesentlich und gleichewig den beiden; und daß dieses Ganze einerseits eine Dreifaltigkeit ist wegen der Besonderheit der Personen, andrerseits der eine Gott wegen der untrennbaren Gottheit, sowie der eine Allmächtige wegen der untrennbaren Allmacht, jedoch so, daß auch, wenn man nach dem einzelnen fragt, die Antwort lautet: Jeder von ihnen ist sowohl Gott als auch allmächtig; und wenn nach allen zumal: Es gibt nicht drei Götter oder drei Allmächtige, sondern nur einen allmächtigen Gott; so vollständig ist hier in dreien die untrennbare Einheit, und so will sie verkündet werden.

Diese Dreifaltigkeit findet sich mit etwas gutem Willen bereits im Alten Testament, wie Augustinus in den „Bekenntnissen“ an Hand der Schöpfungsgeschichte erläutert:

Sieh, geheimnisvoll tritt mir entgegen die Dreifaltigkeit, und die bist du, mein Gott; denn du, o Vater, hast im Anfange unserer Weisheit, die deine, aus dir geborene, dir gleiche und gleichewige Weisheit ist, d, h. in deinem Sohne, Himmel und Erde geschaffen. Viel haben wir bereits vom Himmel des Himmels, von der gestaltlosen und leeren Erde und dem finsteren Abgrunde mit Bezug auf die haltlose und irrende Gestaltlosigkeit der geistigen Schöpfung gesagt; und diese wäre ja darin verblieben, hätte sie sich nicht zu dem hingewandt, von dem jegliches Leben herrührt; jetzt erst wurde sie durch die Erleuchtung zu einem Leben voll Schönheit und zu dem Himmel des Himmels, der später zwischen Wasser und Wasser gesetzt ward. In dem Namen „Gott“ fand ich bereits den Vater, der dieses geschaffen, und den S o h n in jenem „Anfang“, in dem er es geschaffen. Und da ich an die Dreifaltigkeit meines Gottes glaubte, suchte ich diesem Glauben gemäß weiter in seiner Heiligen Schrift, und siehe: „Dein G e i s t schwebte über den Wassern“. Siehe, da ist ja mein dreifaltiger Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, der Schöpfer der gesamten Schöpfung.

An der Wesenseinheit Jesu Christi mit dem Vater hängt die Bedeutung des Kreuzesopfers und der Kommunion: Gott selbst, der eine, vollkommene, wird Mensch (etwas Partikuläres, Unvollkommenes!), nimmt Leiden und Tod auf sich. Gott selbst schenkt sich uns in der Eucharistiefeier durch Jahrhunderte in Verbindung mit dem letzten Abendmahl. Das ist ein Geheimnis des Glaubens: Nicht, weil es geheim gehalten wird, sondern weil es unseren beschränkten Verstand übersteigt.

Pfingsten: Wendepunkt des Kirchenjahrs

Pfingsten ist ein Wendepunkt im Kirchenjahr, meist sogar ziemlich in seiner Mitte. Die Zeit der großen Festkreise um Weihnachten und Ostern wird damit beschlossen; der Dreifaltigkeitssonntag eröffnet dann einen Reigen von Sonntagen im Jahreskreis, der sozusagen den Alltag des liturgischen Jahres darstellt.

In der gerafften Chronologie des Kirchenjahres ist nach Geburt, Taufe, Wirken, Leiden und Auferstehung Jesu nun die Zeit gekommen, an den Heiligen Geist zu denken, den göttlichen Bestand, von dem Jesus im Johannesevangelium so ausführlich spricht. Dieser Beistand, der schon im Alten Testament unter verschiedenen Namen erwähnt wird, trägt die Kirche durch die Zeit, die so trotz der oft furchtbaren Sünden ihrer Glieder doch der geheiligte Leib Christi bleibt. Nicht aus eigenem, sondern aus dem Geist heraus.

In der Präfation heißt entsprechend: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, immer und überall zu danken und diesen Tag in festlicher Freude zu feiern. Denn heute hast du das österliche Heilswerk vollendet, heute hast du den Heiligen Geist gesandt über alle, die du mit Christus auferweckt und zu deinen Kindern berufen hast.“

Wie zu den Aposteln, die in wunderbarer Weise so gesprochen haben, dass das ganze Völkergemisch in Jerusalem sie verstehen konnte, so kommt der Heilige Geist auch heute zu uns — ein begeisternde Helfer, für den wir dankbar sein dürfen.

Mit der Aussendung des Geistes, mit der Verheißung des Beistands, der göttlichen Hilfe hier auf Erden, zeigt sich, dass die Auferstehung nicht bloß eine gute Nachricht für den „Jüngsten Tag“ ist, sondern Ostern bereits hier und jetzt sichtbar wird, in den Menschen lebendig wird, die Christus aufgenommen aufgenommen haben.

„In Ihnen bin ich verherrlicht“

Der Sonntag nach Christi Himmelfahrt bringt einen Text aus dem Johannesevangelium, der den Abschied Jesu von seinen Schülern, seinen Jüngern, noch einmal reflektiert — diesmal chronologisch nach dem letzten Abendmahl verortet.

Warum bleibt der auferstandene Herr nicht ständig auf Erden? Warum verabschiedet er sich, wo er doch den den Tod so glorreich überwinden wird? Johannes’ Antwort ist einfach: Weil die Aufgabe seiner leiblichen Präsenz erfüllt ist, kann er sie aufgeben. Weil der Abschied kein echter Abschied sein wird, sondern eher eine Änderung der Art der Anwesenheit, ist er kein Schlussakkord, sondern die Eröffnung des nächsten Akts des Heilsgeschehens.

So heißt es im Johannesevangelium: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten. […] Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast. […] Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.“

Jesus hat lange genug gewirkt und gepredigt, dass seine Jünger den wahren Glauben gefunden, erkannt und angenommen haben. Sie haben dies schon vor Tod und Auferstehung Jesu getan! Folter, Kreuzigung und Sterben werden ihren Glauben schwer prüfen, und die unglaubliche Auferstehung ebenfalls; doch sie werden die Prüfung bestehen. In ihnen, in ihrem Wirken wird Jesus verherrlicht sein, der so zwar selbst zum Vater hinübergeht, aber doch auf Erden sicht- und spürbar bleibt.

Diese Rede ist im Johannesevangelium wohl mit Bedacht zu finden, denn sie gilt nicht nur den unmittelbaren Schülern Jesu, sondern der Kirche durch die Zeit. Und wie wird Jesus in uns verherrlicht? Die Leseordnung hat klugerweise einen Abschnitt aus dem 1. Brief des Petrus zur Erhellung dieses Umstands gewählt:

„Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln. Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr selig zu preisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch. Wenn einer von euch leiden muss, soll es nicht deswegen sein, weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt. Wenn er aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott verherrlichen, indem er sich zu diesem Namen bekennt.“

Nein, wir müssen uns nicht alle in Gefahr begeben. Wir sollen auch gar nicht (schließlich sollen wir uns ausdrücklich nicht in fremde Angelegenheiten mischen!). Sondern durch unsere Worten und Taten uns zu Christus bekennen. Leider ist es nicht ganz so einfach, wie es klingt.

Jesus, der Weg zu sich selbst

Letzte Woche verglich sich Jesus mit der Tür zum Schafpferch, die der einzige Weg zwischen Gatter und Weide ist, diesen Sonntag wird er noch deutlicher.

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Noch mehr: Wer ihn sieht, der sieht auch den Vater. Wie schon im Johannesprolog ist auch in dieser Stelle der Kern der Dreifaltigkeitslehre zum Greifen nahe: Vater und Sohn sind eigentlich eins, und doch verschieden. Das ist freilich für die Jünger noch starker Tobak. „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke!“ sagt Jesus dem Apostel Philippus daher auch.

Damit betont der Bericht des Johannesevangeliums auch, dass die Wunder Jesu nicht Selbstzweck sind, und dass es umgekehrt kein Widerspruch zur Liebe Gottes ist, dass diese Wunder nicht zum Massenphänomen des Christentums geworden sind. Denn sie sind vor allem Zeichen, die Gottes Liebe und Hinwendung, Jesu Vollmacht bezeugen sollen. Momente, in denen der Himmel schon auf die Erde reicht.

Der berühmte Ausspruch „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ ist im Kontext besonders interessant. Denn Jesus befindet sich in Jerusalem und bereitet seine Jünger in einer Abschiedsrede auf sein bevorstehendes Leiden und Sterben vor. Sein Weg ist auch unser Weg, die imitatio Christi nimmt uns in Leiden, in Auferstehung, in die beim Vater bereiteten Wohnungen hinein. Und wieder kommen wir zum Gleichnis mit der Tür zurück. Dort sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Wenn er die Tür ist, durch die man Weide findet, ist er genauso der Weg, durch den man zum Leben kommt. Wenn er und der Vater aber in Wahrheit eins sind, und der Vater alles lebendig macht, so ist auch Jesus selbst das Leben. Er ist also paradoxerweise der Weg zu sich selbst. Klingt eigentlich ziemlich modern.

„Ich bin die Tür zu den Schafen“

Zumindest ich habe das Gefühl, die Osterzeit vergehe wie im Flug. Jetzt ist auch schon der vierte Sonntag der Osterzeit, quasi Halbzeit. An diesem Sonntag wird der Anfang der sogenannten Hirtenrede aus dem Johannesevangelium gelesen, in der an späterer Stelle (gelesen im Lesejahr B) der bekannte Satz fällt: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“

Der Text steht aber auch in engem Zusammenhang mit der Stelle, die am vierten Fastensonntag gelesen wurde. An deren Ende wendet sich Jesus im Gespräch an einige Pharisäer, nachdem Jesus berichtet worden war, dass ein von ihm geheilter Blinder von den Pharisäern aus der Synagoge ausgeschlossen worden war. Nun setzt er fort: Die Schafe hören auf die Stimme ihres Hirten, der sie beim Namen nennt und kennt — so wie Gott die Menschen ruft und kennt. Der Hirt kommt zu den Schafen durch die Tür; der Dieb steigt heimlich ein, um sich der Tiere zu bemächtigen. Jesus nennt sich nun selbst die Tür, durch die der Hirte zu den Schafen kommt. Man könnte sagen, dass es sich um eine Paraphrase des Satzes handelt: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“. (Joh 14,6)

Manche haben mit Vers 8 gerungen: „Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.“ Chrysostomus betont daher, dass damit nicht die Propheten gemeint sein können — auf die die Schafe auch oft nicht gehört haben –, sondern Aufrührer, falsche Propheten. Sie wollen den Schafen das Leben in Fülle nehmen, das ihnen Jesus als Tür zur Weide eröffnet.

Vor dieser Symbolik ist es klar, warum als Antwortpsalm Psalm 22 (masoretisch 23) vorgesehen ist:

Der Herr ist mein Hirte,
nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er stillt mein Verlangen;
er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.
Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht,
ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir,
dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl, du füllst mir reichlich den Becher.
Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang
und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.

NÖ: Verbot christlicher Lieder in der Schule?

Es ist einer der Grotesken der modernen Zeit, dass Intoleranz und Fundamentalismus im Gewand der behaupteten „Diskriminierung“ daherkommt. Ein krasser Fall davon beschäftigt seit Tagen den „Standard“, der sich ja immer mehr zum Zentralorgan der Gegner organisierter Religionsausübung mausert.

Aber der Reihe nach. In Volksschulen werden Lieder gesungen; der Lehrplan sieht auch vor, dass ein Teil der Stunden des Gesamtunterrichts dafür verwendet wird. In einer Schule in Tulln hat man das Vorgeschriebene mit dem Praktischen verbunden und angesichts der bevorstehenden Erstkommunionfeier der überwältigenden Mehrheit der Klasse einige dort vorgesehene Lieder auch gemeinsam gesungen. Der „Standard“ schreibt das gewichtigere „einstudiert“ — wer die Praxis kennt, kann da freilich nur schmunzeln.

Die Eltern eines Mädchen haben sich darüber beschwert, weil sie sich darin „religiös diskriminiert“ sahen. Liedgut religiösen Inhalts — oder, wenn man es genau nimmt, irgendeines weltanschaulichen Inhalts — ist offenbar verpönt. Womit außer Liedern über bunte Blumen wohl nicht mehr viel überbleibt. Die meisten Weihnachtslieder kann man z.B. vergessen.1

Aber so wird meist gar nicht argumentiert; meist sind es lediglich christliche Ausdrucksformen, die also aus der Öffentlichkeit verbannt werden sollen, im Visier solcher Beschwerden. Anscheinend haben die Eltern mit der „Indoktrinierung“ ihrer Kinder durch andere Weltanschauungen kein Problem.

Ein zuständiger Bediensteter des Landes Niederösterreichs war sich nicht dumm genug, die Beschwerde der Eltern auch noch für berechtigt zu halten. Seine folgenreiche Fehlentscheidung wird im „Standard“ wortreich begrüßt, seine Versetzung tränenreich beklagt.

Und natürlich gab Heinz Mayer, Verfassungsexperte für jede Lebenslage, eine Wortspende ab, in dem er von einem Grundrecht schwadronierte, nicht mit Religion behelligt zu werden. Dieses Grundrecht gibt es freilich nicht, weil es kein Recht geben kann, mit einer Meinung oder Weltanschauung nicht konfrontiert werden zu dürfen. Es stünde in direktem Widerspruch zur Meinungsfreiheit.

Wenn es ein solches Recht gäbe, könnte man übrigens jeden Unterricht für Politische Bildung, Philosophie oder Ethik gleich kübeln, weil man dort mit einem möglicherweise unangenehmen religiösen oder anderweitig weltanschaulichen Inhalten konfrontiert würde.

Pragmatisch sage ich einmal so: Wenn die Kinder auch keine Toleranzmusicals und Umweltschutztage mehr über sich ergehen lassen müssen, keine Geschenke für Mutter- oder Vatertag basteln sollen, alle Feiertage vom Nationalfeiertag über Ostern zum 1. Mai einfach kommentarlos an sich vorüberziehen lassen, dann hätten die beiden Eltern vielleicht einen Punkt. In einer solchen weltanschaulich völlig neutralen Schule lernen die Kinder außerhalb des reinen Lesens, Schreibens und Rechnens allerdings nicht viel. Und die dafür notwendigen nichtssagenden Texte müssen wohl auch erst gefunden werden.

Wobei: Es ist so wie mit der Kommunikation. Man kann nicht nicht kommunizieren. Man kann nicht ohne Weltanschauung kommunizieren. Einen wirklich völlig weltanschauungsfreien Text gibt es nicht.


  1. Aber vielleicht greift man dann ja wieder auf die Deutsche Weihnacht unseliger NS-Zeiten zurück — damals wurde ja schon einmal der Versuch unternommen, Weihnachtslieder von christlichem Bezug zu lösen.