Der Vier-Päpste-Tag zum Nachschauen

Der heutige „Tag der vier Päpste“ war wirklich ein Fest einer Weltkirche. Tausende Menschen aus der ganzen Welt sind zusammengekommen, haben gemeinsam gebetet, manche haben die Nacht gemeinsam durchgewacht. Ein Fest der Gaben, die Jesus Christus seiner Kirche spendet. Ein Fest der vielen Menschen, die glauben.

Auf den Seiten des Vatikan ist die relativ kurze Predigt von Papst Franziskus’ dokumentiert. Die Messe kann man dank des entsprechenden Kanals des Vatikans auf YouTube ansehen. Achtung: Da sind schon über drei Stunden einzuplanen.

Ein stimmungsvoller Bericht ist auf kath.net zu lesen. Die Ansprache beim Regina Coeli, in der Papst Franziskus dazu aufgerufen hat, seine geheiligten Amtsvorgänger dadurch zu würdigen, ihren Lehren zu folgen, ist bei Radio Vatikan zu finden.

Zwei heilige Väter

Heilige Väter © news.va

Heilige Väter © news.va

Die Heiligsprechung zweier Päpste ein besonderes Ereignis im Leben der Kirche. Umso mehr, da noch viele Menschen leben, die den beiden persönlich begegnet sind, die Zeugnis davon geben, was für beeindruckende Menschen die beiden waren. Die beiden Persönlichkeiten sind im übrigen wesentlich enger verknüpft, als Kritiker gelten lassen. Wie es eine Website ausdrückte, „Johannes XXIII. und Johannes Paul II. wurden von maßgeblichen weltlichen Meinungsträgern nicht auf derselben Seite der Barrikade verortet.“ Tatsächlich ist der Geist, der sie handeln ließ, der gleiche.

Der Blick auf die Pontifikate wird meist durch politische Sichtverengungen behindert. Papst Johannes XXIII. wird von vielen für alle Missstände verantwortlich gemacht, die sich mit den Veränderungen in der Katholischen Kirche durch das Zweite Vatikanischen Konzil und die folgenden Entscheidungen der Kurie in Zusammenhang bringen lassen. Papst Johannes Paul II. wurde von anderen seine entschiedene Gegnerschaft zum kommunistischen Unrechtsregime nicht verziehen, das er selbst am eigenen Leib erfahren hatte, wie auch sein Eintreten für eine neue Theologie des Leibes, die quer zum linksliberalen Mainstream steht.

Nach den schweren Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs und die Zeit auch des spirituellen Wiederaufbaus, durch die Papst Pius XII. die Kirche so erfolgreich führte, waren manche Beobachter 1958 von der Wahl des damals 77jährigen Patriarchen von Venedig, Angelo Roncalli, überrascht. Noch heute wird vom Kompromisskandidaten gesprochen. Doch gerade jemand mit der Lebenserfahrung Roncallis — von seinem Dienst im Ersten Weltkrieg, seine diplomatischen Aufgaben für die Kurie wie seine engagierte seelsorgerische Arbeit — war eben der richtige, um durch sein Beispiel, Worte und Taten Wege zu zeigen, wie man von Christus glaubwürdig Zeugnis ablegen kann. Nichts anderes war das Ziel des so oft missverstandenen Aggiornamento, der Verheutigung. Nicht der Inhalt steht zur Disposition, sondern die Sprache, die Formen, mit denen man die frohe Botschaft verkündet. In diesem Sinn ist z.B. auch seine Wiederaufnahme einer päpstlichen Reisetätigkeit zu sehen.

Hier spannt sich der Bogen zu Papst Johannes Paul II., der durch sein Leben bereits vor seiner Papstwahl ein Kreuz zu tragen hatte. Den Zweiten Weltkrieg mit seiner immensen Vernichtungskraft gerade in Polen hat der junge Karol Wojtyla hautnah miterlebt, dabei es trotz eigener Not unternommen, anderen Menschen zu helfen. Unter größer Gefahr trat er 1942 in ein geheimes Priesterseminar ein. Über sein Wirken in Polen ist viel geschrieben worden, von seinem eindrucksvollen Einsatz für den Bau der Kirche in Nowa Huta und seinem Eintreten für die Freiheit der Religion und des Gewissens gegen die kommunistischen Machthaber bis zu seinem Engagement für die deutsch-polnische Aussöhnung. Genauso wie bei Roncalli darf man aber den Seelsorger nicht aus den Augen verlieren, der den Menschen demütig und liebevoll dienen will.

Als Papst Johannes Paul II. hat er sich sehr um das rechte Verständnis des jüngsten Konzils bemüht, auch um die innerkirchliche Versöhnung. Er war ein Bote der Freiheit des Glaubens, der Würde des Menschen in der Welt. Und er hat sich ebenfalls sehr darum bemüht, durch seine Reisen, Reden, Predigten, die Weltjugendtage und mehr eine zeitgemäße Verkündigung des Glaubens zu fördern. Sein Leiden in den letzten Lebensjahren war selbst ein Stück Verkündigung: Wie wir Menschen unser Kreuz tragen können und sollen, wie auch Leiden und Krankheit uns unsere Würde nicht nimmt, wie jeder Mensch auch in dunklen Stunden einem Ruf Gott folgen kann.

Johannes Paul II. und Johannes XXIII. sind auf der „gleichen Seite der Barrikade“ zu Hause: Auf der Seite Christi und seiner Kirche. Freilich waren sie keine perfekten Menschen. Die gibt es auch gar nicht, zumindest nicht auf Erden. Ihre dunklen Seiten waren ihnen wohl auch selbst schmerzlich bewusst. Doch ein „Heiliger“ wird man nicht durch Perfektion, sondern dadurch, dass man sein Leben vor Gott hinlegt, bereit ist, sich ganz auf ihn einzulassen und sich bemüht, seinen Willen zu erkennen und zu tun. Dieser Bereitschaft hat Gott sein Siegel aufgedrückt, wie es in den Wundern zum Ausdruck kommt, die mit der Fürsprache der beiden in Verbindung gebracht werden. Für Papst Johannes XXIII. hat man auf die Aufarbeitung der Wunderberichte für die Heiligsprechung verzichtet, da sein Tugendgrad hinreichend bekannt sei. Das ist aber eher als Abkürzung des Verfahrens zu werten: Sein Leichnam stellte sich bei der Exhumierung ja als unverwest heraus, was (abhängig allerdings von klimatischen Bedingungen) traditionell ein Zeichen der Heiligkeit ist.

Zwei heilige Väter – und dank der Teilnahme des emeritierten Papstes Benedikt XVI. wird es sogar zum „Vierpäpstetag“. Wir sind doch eine gut behütete Kirche.

Halleluja!

Der Stein, den die Bauleute verwarfen,
er ist zum Eckstein geworden.
Das hat der Herr vollbracht,
vor unseren Augen geschah dieses Wunder.
Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat;
wir wollen jubeln und uns an ihm freuen.
Ps 117 (H 118), 22-24

Allen ein gesegnetes, frohes und friedliches Osterfest!

Die sieben Kreuz-Worte

Kreuzigung Christi. (Limoges Émail, KGM Berlin)

Kreuzigung Christi. (Limoges)

  1. O Jesu, deine Sieben Wort,
    Mit denen du am Kreuze dort
    Hast gute Nacht gegeben,
    Die lass einst selig führen fort
    Auch mich aus diesem Leben.

  2. Lass mich vergeben meinem Feind
    Und sterben aller Menschen Freund,
    Von gutem Herzen bitten
    Vor jeden, der es bös gemeint,
    Dies waren deine Sitten.

  3. Lass mich bestellen wohl mein Haus,
    Mein Gut den meinen teilen aus,
    Versorgt sie hinterlassen,
    Vorsorgen auch um eine Klaus,
    Den Leib ins Grab zufassen.

  4. Gib, dass nach deinem Paradeis
    Im Ende meiner Lebensreis
    Mög’ meine Seel’ verlangen.
    lass nach dem Tod am Himmelskreis
    Mich als ein Sternlein prangen.

  5. Dein Geist mir schreien helf’ im Tod:
    Lass mich nit in der letzten Not
    Von Gott verlassen werden.
    Der Tod mir rufe als dein Bot
    Gen Himmel von der Erden.

  6. Alsdann, wann meine Sünd’ in mir
    Sich reget und mich dürst’ nach dir,
    So lass mich nicht verzagen.
    Tröst’ mich durch deinen Diener hier,
    lass mich die Not ihm klagen.

  7. Kommt aller meiner Tage Nacht,
    So lass mich dein „Es ist vollbracht“
    Mit Freuden dir nachsprechen.
    Gib mir auch, dass fein sanft und sacht
    Mir Herz und Augen brechen.

  8. Den Geist, wann er nun reisen soll,
    Dein Geist mir helf’ empfehlen wohl
    Zu deines Vaters Händen.
    Die Seel’ dein Engel zu dir hol,
    So kann ich selig enden.

  9. Wann ich mit dir stimm’ also an,
    Werd’ ich dir nach mich als ein Schwan
    Gen Himmel können schwingen.
    Lass, Jesu, auf der Todesbahn
    Mich zu dem Leben dringen.

– Sigmund von Birken (*1626, † 1681)
(Quelle: zeno.org)

Die Karwoche, das ist hier und jetzt

Wer bin ich vor dem Herrn?, fragt Papst Franziskus. Wer bin ich in den Tagen des feierlichen Einzugs, in den Tagen des Leidens und Sterbens, am Tag der Auferstehung?

In Elsas Nacht(b)revier finden sich dazu sehr schöne Gedanken, ausgehend von der „Gebrechlichkeit der menschlichen Natur“.

Diese Gebrechlichkeit war Jesus vertraut, ist der Kirche vertraut. Deswegen bedürfen wir der Vergebung, Liebe, Barmherzigkeit. Deswegen ist die Vergebung der Sünden eine so wichtige Vollmacht, die Jesus seinen Jüngern erteilt. Deswegen ist das Sakrament der Buße ein so kostbares: Kostbar erkauft, kostbar für uns selbst.

Die Geschehnisse der Karwoche und die Auferstehung sind daher keine abgeschlossenen, vergangenen Dinge; sie sind Gegenwart, wirken hier und jetzt. Am Gründonnerstag sagt der Priester im I. Hochgebet nicht ohne Grund: „Am Abend, bevor er für unser Heil und das Heil aller Menschen das Leiden auf sich nahm – das ist heute -,“

Wer immer wir in den Geschehnissen der Karwoche sind, so ist uns aber die Umkehr zu Gott nicht versperrt.

Einer der Schächer, ein verurteilter Verbrecher, bekehrte sich noch am Kreuz. Einer der Soldaten, die ja mit Jesu ihren Spott trieben, bekannte Jesu’ Gottheit nach der Kreuzigung. Petrus verleugnet den Herrn in jener Nacht dreimal, und wird doch von Jesus nachher aufgefordert, seine Herde zu führen. Die mutlosen Jünger werden bald mutvoll in die ganze Welt ausgesandt, um von der Auferstehung zu berichten. Aus dem Volk, das Jesu’ Kreuzigung gefordert hatte, ließen sich zu Pfingsten und danach viele taufen.

Einzig über den römischen Statthalter und die verantwortlichen Hohepriester weiß die Schrift kein Bekehrungserlebnis zu berichten; freilich gibt es eine ostkirchliche Tradition einer solchen. All den Beispielen ist gemeinsam, dass sich die Betroffenen schließlich von Jesus anrühren ließen, dass sie nachdenklich geworden sind, ihr eigenes Handeln neu bewertet haben.

Jesus betet am Kreuz, in der dunkelsten Stunde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Als sie aber wussten, was sie getan hatten, bekehrten sie sich. Wer aber weiß und sich nicht bekehrt –

Das bringt mich noch zu einem kurzen Gedanken. Mit Kreuzigung und Auferstehung ist auch die Symbolik des Jüngsten Gerichts verwoben, wenn Recht und Gerechtigkeit wieder eins werden. Dieses Gericht wurde lange nicht unbedingt als Drohung empfunden, sondern als erlösendes Versprechen angesichts des Ungerechtigkeit in der Welt. Diese Ungerechtigkeit kann man aber nicht durch noch mehr Ungerechtigkeit bekämpfen.

Im 1. Petrusbrief heißt es: „Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter.“ Denn so heißt es schon bei Jesus Sirach: „Wer sich rächt, an dem rächt sich der Herr; dessen Sünden behält er im Gedächtnis. Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben. Der Mensch verharrt im Zorn gegen den andern, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen?“

Jesus durchbricht die Spirale der sich gegenseitig steigernden Gehässigkeiten und Ungerechtigkeiten. Und er lädt zu einem Gericht, das alle Ungerechtigkeit beseitigen wird. „Herrlich ist das für all seine Frommen.“ (Ps 149,9)

Es kommt der König der Herrlichkeit

Nach Wochen des Weges kommen wir nun, am Beginn der letzten Woche der Fastenzeit, endlich nach Jerusalem. Das Ziel scheint erreicht, Zeit für ein großes Fest, eine große Freude. Im Matthäus-Evangelium wird berichtet: „Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“

Je nach Dauer der Palmprozession können nun die Psalmen 23 (masoretisch 24) und 46 (47) gebetet werden, in denen der Einzug des Herrn in sein Heiligtum gepriesen, und Gott als König aller Völker gefeiert wird. Aus Psalm 23 stammen etwa die berühmten Worte:

Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten;
denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit?
Der Herr, stark und gewaltig, der Herr, mächtig im Kampf.
Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten;
denn es kommt der König der Herrlichkeit.
Wer ist der König der Herrlichkeit?
Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit.

Jesus wird als Sohn Davids gefeiert, als Angehöriger des Königshauses, der kommt „im Namen des Herrn“, und nun in seiner Stadt einzieht. Beim Prophet Jesaja und anderen kann man schon nachlesen, dass der Gesandte Gottes nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen werden wird. Man musste freilich kein Prophet sein, um Konflikte mit den Mächtigen in Jerusalem vorherzusagen, Wunder hin, Vollmacht her. Auch Jesus selbst weiß darum, weswegen er seine Jünger schon vor dem Einzug in Jerusalem immer wieder darauf vorbereitet.

Und so wird es aus dem prächtigen Einzug des „Königs der Herrlichkeit“ bald ein bitterer Leidensweg. Dass sich an dessen Ende dieser Jesus als ein ganz besonderer „König der Herrlichkeit“ erweisen sollte, der den Tod selbst besiegt — das ahnt am Palmsonntag wohl kaum jemand.

Zum Passionssonntag: Wenn euch der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei

Der fünfte Sonntag der Fastenzeit hieß jahrhundertelang Passionssonntag oder Sonntag „Iudica“ nach dem Eröffnungsvers: „Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta : ab homine iniquo et doloso erue me. Quia tu es, Deus, fortitudo mea.“ — im jetzigen Messbuch übersetzt als: „Verschaff mir Recht, o Gott, / und führe meine Sache gegen ein treuloses Volk! / Rette mich vor bösen und tückischen Menschen, / denn du bist mein starker Gott.

An diesem Sonntag wurde der Abschnitt aus dem Johannesevangelium gelesen, welcher der Heilung des Blinden vorangeht. Jesus redet im Tempel; dabei gerät er in eine Konfrontation mit ihm feindlich gesinnten Personen, die ihm vorwerfen, ein Samariter und ein Besessener zu sein. Es steht bereits im Raum, dass er getötet werden solle; am Schluss der Szene wollen ihn einige steinigen. Die kommende Passion ist schon spürbar.

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Erzählung der Ehebrecherin, die kurz zuvor ins Evangelium eingeflochten ist, zusätzlichen Sinn. Jesus entlarvt da die Heuchelei der Steiniger, die doch selbst Sünden auf sich geladen haben. Um wieviel seltsamer ist es, dass sie nun ihn steinigen wollen, dem sie keine Sünde nachweisen können. Ja, sie tun es wohl, weil sie ihm Gotteslästerung vorwerfen; doch sind sie es nicht selbst, die Gott lästern? Sie sehen Gottes Taten durch ihn, sie hören seine Worte, und wollen ihn trotzdem nicht annehmen. Eigentlich sind sie „widerlegte Zeugen“, die nach Ansicht vieler Schriftgelehrten — nicht aber der Sadduzäer — bei einer Anklage, die den Tod fordert, selbst so bestraft werden sollen wie der von ihnen beschuldigte. Abgesehen davon übertreten sie mit ihrer Lynchjustiz ja das jüdische Gesetz, selbst wenn Jesus schuldig wäre.

Nun spricht Jesus im Tempel [die Last der Sünde direkt an](http://www.bibleserver.com/text/EU/Johannes8,31-36 “Bibel: Johannes 8,31-36), die er schon in der Geschichte der Ehebrecherin angesprochen hatte: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien. […] Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer im Haus. Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei.“

Die Perikope des Passionssonntags bringt in der außerordentlichen Form einen Ausschnitt aus dieser dichten Stelle, in dem nicht bloß die Passion, sondern auch schon die spätere Auferstehung thematisiert wird. Jesus sagt: „Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen.“ Die mit ihm streiten, scheinen nicht an die auch im Judentum jener Zeit durchaus verbreitete Vorstellung einer Auferstehung der Toten zu sein, denn bei freundlicher Interpretation hätte man diesen Satz ja wohl so verstehen können. Bekanntlich lehnten aber die Sadduzäer, die den Tempel dominierten, den Glauben an die Auferstehung ab. Und so erinnert ihre Argumentation auch ein wenig an jene der Sadduzäer, die Jesus den Irrtum der Auferstehung beweisen wollen. Abraham und die Propheten seinen gestorben, wie könne er da ewiges Leben versprechen. Sei er größer als Abraham? Jesus legt ein Bekenntnis in Analogie zum Johannesprolog ab: „Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ Im Anfang war das Wort.

Dieses Wort will befreien, doch dieses Wort wird oft nicht erkannt, nicht aufgenommen. Wo es aber aufgenommen wird, da macht es frei. Eine tiefe, grundlegende Freiheit. Die Freiheit der Kinder Gottes: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“

Verwüstungen in vier Wiener Kirchen

Die Einordnung beginnt schon in der Überschrift: „Vandalenakte“. Der Wiener Dompfarrer Toni Faber spricht von einem „Wahnsinnigen“, der „psychotisch verengt“ sei. Der 37-jährige Ibrahim A. aus Ghana, so ist zu erfahren, habe die Inneneinrichtung von vier Wiener Kirchen beschädigt, Statuen zerstört, Taufbecken demoliert, um gegen die Statuenverehrung vorzugehen.

Den finanziellen Schaden haben die Pfarrgemeinden, die nun wieder viel Geld für die Renovierung der zerstörten Kunstwerke oder die Beschaffung neuer aufwenden müssen. Vom Täter ist aufgrund seines Status als Asylwerber wohl kein Ersatz zu erwarten. Vielmehr hat die Polizei ihn wieder auf freien Fuß gesetzt, damit er weiteres Unheil anrichten kann.

Die einen sagen: Verwirrt. Ja, wenn die Bilderstürmer in Arabien, Byzanz oder den Niederlanden auch alle verwirrt waren.

Ich denke daher eher: Überzeugungstäter. Und nicht der einzige, wie eine Reihe weiterer solcher Verbrechen zeigen, die in Österreich in letzter Zeit verübt wurden. Antichristliche Gewalttaten sind im Steigen begriffen; die christlichen Kirchen verhalten sich aber in etwa so wie Herr Biedermann angesichts der Brandstifter und spielen die Gefahr herunter.

Öffentlich hat sich bis jetzt nur der Wiener ÖVP-Obmann Manfred Juraczka hervorgetan, der erinnert, dass Übergriffe auf religiöse Stätten kein Kavaliersdelikt sind, sondern Ausdruck massiver Intoleranz: „Auch und gerade jene, die manche von der Kirche vertretenen Positionen ablehnen, könnten jetzt manifestieren, dass ihnen Toleranz, Meinungs- und Religionsfreiheit Anliegen sind.“

Darauf kann man freilich lange warten. Wenn jemand mehrere Moscheen verwüstet hätte, wäre wohl überall von einem besorgniserrengenden Klima des Extremismus und Hass zu lesen. Richtigerweise. Kirchen? Da fragen sich die Betroffenheitsspezialisten wohl eher, warum der Täter sie nicht effizienterweise gleich abgefackelt hat.

Mit Leib und Seele sehen

Die Halbzeit der Fastenzeit ist schon überschritten, wie uns der Sonntag Laetare ankündigt. Rosa Paramente zeige die freudigere Grundstimmung an.

Darauf stimmt uns eine lange Passage aus dem Johannes-Evangelium ein, in der Jesus einen Blinden heilt — der dafür viel Kritik von den Schriftgelehrten einstecken muss. Schon der Anfang ist bemerkenswert. Jesus sieht, nachdem er am Sabbat den Tempel in Jerusalem verlassen hat, den Blinden an. Offenbar deutlich genug, dass seine Jünger ihn danach fragen, wer die Sünde zu verantworten habe, wegen der er blind sei. Jesus lehnt diese Deutung aber ab: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Solange es Tag ist, müssen wir die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“

Und dann heilt der den Blinden, der gar nicht darum gebeten hatte. Zumindest aber folgt er Jesu Anweisung, den Teig aus Erde und Speichel auf seinen Augen im Teich Schiloah wieder herunterzuwaschen, worauf er wieder sieht. Gott erwartet nicht allzuviel von uns, damit uns seine Hilfe zuteil wird. Auf sein gutes Wort hören, das genügt schon.

Jetzt kommt es zu einer geradezu köstlichen Szene: Niemand kann sich vorstellen, dass der Blinde beim Tempel geheilt wurde; daher muss es wohl jemand sein, der ihm ähnlich sieht. Er bestätigt nun, dass er es selbst ist, und erzählt die Geschichte seiner Heilung. Auch die Pharisäer interessieren sich für die Heilung, die für sie aber kein Beleg dafür ist, dass Jesu’ Anspruch, den er zuvor im Tempel formuliert hatte, irgendwie Gehalt hätte. Einige sind überzeugt: Da die Heilung am Sabbat stattfand, muss sie vom Bösen initiiert sein. Jesus ist in ihren Augen ein Sünder, ein Abgefallener. Andere halten die Geschichte überhaupt für einen Schwindel, und befragen die Eltern und den Geheilten selbst noch einmal intensiv. Das wird dem ehemals Blinden langsam zu dumm, und er antwortet schließlich: „Ich habe es euch schon gesagt. Aber ihr habt nicht darauf gehört. Warum wollt ihr es nochmals hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?“ Das bringt sie in Rage — und macht deutlich: Bei aller ihrer Gelehrtheit, bei all ihrem Wissen sind sie doch blind für Gottes Wirken.

Der ehemals Blinde wird nun aus der Synagoge ausgestoßen; als Jesus dies hört, trifft er ihn wieder, und gibt sich ihm als der Menschensohn, der Messias zu erkennen. Während ihn dieser Mensch nun bekennt, an ihn glaubt, erkennen die Pharisäer nichts. Und so sagt Jesus hintergründig: „Wäret ihr blind, so würdet ihr ohne Sünde sein. Nun aber sagt ihr: Wir sehen! – Darum bleibt eure Sünde.“ Wie es in der „Catena Aurea“ dazu heißt: „Oder auch: ‚Wenn ihr blind wärt‘, das bedeutet der Schriften unkundig, dann würde keine so große Sünde auf euch lasten, so wie bei denen, die aus Unwissenheit sündigen. Nun aber, da ihr ja weise und Gesetzeslehrer seid, seid ihr durch euch selbst verurteilungswürdig.“

Die Fastenzeit ist eine Gelegenheit, sich die geistigen Augen von Gott reinigen zu lassen, klarer zu sehen. Dabei kommt es nicht unbedingt auf tiefgründige theologische Gelehrtheit an; sie führt etwa die Pharisäer im genannten Text sogar in die Irre. Das ist nicht weiter verwunderlich: Gerade umso gebildeter man ist, umso mehr Möglichkeiten gibt es, kognitive Dissonanzen erfolgreich wegzurationalisieren. Wir sollen aber weder den Wider- noch den Zuspruch Gottes wegrationalisieren, sondern uns von ihm anrühren lassen. So wie der Blinde, der um Gottes Hilfe vielleicht nicht einmal gebeten hatte, und doch von ihm zu einem leiblich und seelisch Sehenden gemacht wurde.

Freu Dich, Begnadete!

Das eine Schwangerschaft etwa neun Monate dauert, das war schon in der Antike gesichertes Wissen. Und so feiern wir neun Monate vor Weihnachten am 25. März das Fest der Verkündigung des Herrn, oder Mariä Verkündigung. Ähnliche Dopplungen gibt es für Maria (Unbefleckte Empfängnis Mariens am 8. Dezember) und in der Ostkirche für Johannes den Täufer (24. September).

Das Thema dieses Festes hat die Kunst schon seit Jahrhunderten beflügelt. Es ist ja auch eine unerhörte Begebenheit: Zur jungen, unverheirateten Maria kommt plötzlich jemand, erzählt ihr von ihrer besonderen Rolle in Gottes Heilsplan, verkündet ihr einen Sohn, der „über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen“ wird. Obwohl sie doch noch Jungfrau war! Das klingt einmal sehr befremdlich. Sie aber sagt: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Dieser Gehorsam, dieses Hören und Vertrauen auf Gott, hat Maria über die Jahrhunderte zum Vorbild für viele werden lassen.

Die Verkündigung geschieht teilweise in Gedichtform; dieses besteht aus 4×2 und 2×3 Zeilen, insgesamt als 14, die von Lukas kunstvoll als 1+(1+6)+6 in die Erzählung eingeflochten werden, und zusammen mit dem Magnificat, dem Benedictus und dem Nunc dimittis ein Beweis der hohen literarischen Qualität des Textes und der tiefen Verwurzelung Lukas’ in der jüdischen Tradition ist. Dabei verwendet der Evangelist Parallelismen, wie sie für biblische Dichtung, wie etwa in den Psalmen, üblich sind, und durch die sich die Rede des Engels und auch Mariens vom erzählenden Text abhebt.

χαῖρε, κεχαριτωμένη, / ὁ κύριος μετὰ σοῦ […]
μὴ φοβοῦ, Μαριάμ, / εὗρες γὰρ χάριν παρὰ τῷ θεῷ.

καὶ ἰδοὺ συλλήμψῃ ἐν γαστρὶ / καὶ τέξῃ υἱὸν
καὶ καλέσεις τὸ ὄνομα αὐτοῦ / Ἰησοῦν.
οὗτος ἔσται μέγας / καὶ υἱὸς ὑψίστου κληθήσεται
καὶ δώσει αὐτῷ κύριος ὁ θεὸς / τὸν θρόνον Δαυὶδ τοῦ πατρὸς αὐτοῦ,
καὶ βασιλεύσει ἐπὶ τὸν οἶκον Ἰακὼβ / εἰς τοὺς αἰῶνας
καὶ τῆς βασιλείας αὐτοῦ / οὐκ ἔσται τέλος. […]

πνεῦμα ἅγιον / ἐπελεύσεται ἐπὶ σὲ
καὶ δύναμις ὑψίστου / ἐπισκιάσει σοι·
διὸ καὶ τὸ γεννώμενον / ἅγιον κληθήσεται υἱὸς θεοῦ.
καὶ ἰδοὺ Ἐλισάβετ ἡ συγγενίς σου / καὶ αὐτὴ συνείληφεν υἱὸν ἐν γήρει αὐτῆς
καὶ οὗτος μὴν ἕκτος ἐστὶν / αὐτῇ τῇ καλουμένῃ στείρᾳ·
ὅτι οὐκ ἀδυνατήσει / παρὰ τοῦ θεοῦ πᾶν ῥῆμα.

Freue dich, Begnadete, / der Herr ist mit dir. […]
Fürchte dich nicht, Maria; / denn du hast bei Gott Gnade gefunden.

Siehe, du wirst empfangen /und einen Sohn gebären:
dem sollst du den Namen geben: / Jesus.
Er wird groß sein / und Sohn des Allerhöchsten genannt werden,
Und Gott, der Herr, wird ihm / den Thron seines Vaters David geben.
Er wird über das Haus Jakob herrschen / in Ewigkeit,
und seines Reiches / wird kein Ende sein. […]

Heiliger Geist / wird über dich kommen,
und Kraft des Allerhöchsten / wird dich überschatten.
Darum wird auch das Kind, das geboren wird, / heilig und Sohn Gottes genannt werden.
Siehe, auch Elisabeth, deine Verwandte, / hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen,
und sie, die als unfruchtbar galt, / ist schon im sechsten Monat.
Denn bei Gott / ist kein Ding unmöglich.

Beispielsweise grüßt der Engel Maria in einer Dopplung, denn der Nachsatz verdeutlicht nur, das sie „voll der Gnade“ ist. Im zitierten Text — griechisch bei bibelwissenschaft.de zu finden — wird dies noch deutlicher, siehe z.B. den Parallelismus am Schluß der Rede, in der im griechischen Text zwei Mal ein Wort mit dem Stamm βασιλ- steht, und beide Sätze mit Bezeichungen für die Ewigkeit enden, oder in der Doppelzeile davor, in der der Satzteil „Sohn des Allerhöchsten“ mit „Thron seines Vaters David“ übereinstimmt und die Abstammung Jesu aus dem Hause David sowie von Gott selbst her hervorhebt. Die Zeile, in der Jesu Name genannt wird, war möglicherweise so konzipiert, dass der Name für sich allein nach einer Zäsur vorgelesen würde und so mehr Gewicht erhält.

Die Schlußzeile endet im Original mit dem Wort „ῥῆμα“, das heißt: „Wort“ oder „Sprechakt“. Kein Wort Gottes ist ohne Kraft, so heißt es wörtlich. Das ist nicht nur ein Programm für die Verkündigung, sondern auch ein Programm für das Evangelium selbst!