Diskriminierung: „Levelling up“ klingt gut, ist schlecht

Der Vorstoß der SPÖ zu einer Verschärfung des Gleichbehandlungsgesetzes klingt auf den ersten Blick einmal sympathisch. Wer ist schon dafür, dass Menschen diskriminiert werden? Die SPÖ nennt das auch nett „levelling up“ — das Niveau des Schutzes gegen Diskriminierungen würde eben angehoben.

Wobei die Begründung etwas grotesk ist. Der Sieg eines Travestiekünstlers beim Song Contest hätte auf Diskriminierungen aufmerksam gemacht. Das widerspricht ja diametral den Aussagen aus der gleichen Ecke, der erste Platz für Conchita Wurst sei ein Sieg der Toleranz gewesen. Entweder — oder. Es ist doch eigentlich so: Sozialminister Hundstorfer hat diese Novelle schon zweimal auf die Reise geschickt, und sieht einen willkommenen Anlass dafür, es ein drittes Mal zu versuchen. Er soll nur bitte dafür nicht ein erfolgreiches Musikprojekt vereinnahmen. Das ist unehrlich.

Der Vorschlag, dass man bei privaten Verträgen nun gegen eine vermutete Diskriminierung nach Weltanschauung, Alter, Familienstand oder sexueller Orientierung gerichtlich vorgehen können soll, ist aber nichts anderes als eine Einladung für Klagsdrohungen und ein tiefer Eingriff in die Privatautonomie. Denn die Beweislast soll den Unternehmer treffen — eine Schuldvermutung zu widerlegen ist aber bekanntlich sehr schwierig. In Ländern, in der diese schwerwiegenden Eingriffe Realität sind, ist es daher auch geübte Praxis, bei einem Vertragsabschluss besonders deutlich darauf hinzuweisen, dass man einer durch ein Gleichbehandlungsgesetz privilegierten Gruppe angehört, um bessere Konditionen rauszuschlagen oder bei Ablehnung gleich einmal auf eine außergerichtliche Entschädigungszahlung zu pochen. Wer will den schon die schlechte Presse haben, er habe jemanden diskriminiert?

Privilegiert habe ich mit Absicht geschrieben: Denn es sind ja nur einige Merkmale arbiträr in die Liste aufgenommen worden, während andere, wohl ebenso unsachliche Unterscheidungen weiter erlaubt sein sollen. Die Religion wurde aus dem letzten Entwurf beispielsweise gestrichen, was angesichts der Erwähnung der Weltanschauung sehr seltsam ist — ist nicht jede Religion auch eine Weltanschauung? Und wer im Geschäft nicht bedient wird, weil er „so ein schiaches Gfries hat“, der wird anscheinend nach Ansicht Hundstorfers nicht diskriminiert.

Kern der Vertragsfreiheit ist ja, dass man eben frei ist, mit jedem mündigen Partner einen Vertrag abzuschließen, mit dem man das eben tun will. Und wie der kürzlich verstorbene Gary S. Becker gezeigt hat, schaden sich Unternehmer, die unsachlich diskriminieren, in der Regel selbst mehr als dem Gegenüber. Noch etwas: Was ist mit dem Recht des Unternehmers, nicht wegen seiner Weltanschauung etc. diskriminiert zu werden? Darf man ein muslimisches Restaurant zwingen, ein Buffet mit Schweinefleisch herzurichten? Einen Hochzeitsfotografen, Bilder einer Art Ehezeremonie zwischen einem Mann und mehreren Frauen auf einmal zu fotografieren? Klingt alles absurd, ist aber in manchen Ländern so oder so ähnlich bereits Thema von Gerichtsverhandlungen gewesen.

Hoffentlich bleiben wir von solchen massiven Staatsinterventionen in unser Handeln, Leben und Denken verschont.

Skurrile Welt, Plakatedition

Quod licet Iovi, non licet bovi. Während Wien auf Kosten der Steuerzahler mit Plakaten barbusiger Hermaphroditen geschmückt wird, hat der Werberat die „Wirtschaft im Walgau“ wegen eines Werbesujets gerügt, in dem ein Mann einer Frau in kurzem Rock nachsieht und deswegen Kaffee verschüttet. Vorarlberg Online erläutert:

Ferner verweist der Werberat auf die Bestimmung des Ethik-Kodexes, dass Werbung nicht aufgrund des Geschlechts diskriminieren sowie Personen nicht in rein sexualisierter Funktion als Blickfang darstellen sollte.

Die Entscheidung des Werberats kann ich nachvollziehen, angesichts der Wiener Plakate, bei denen sich der Werberat sicherheitshalber für unzuständig hält, ist sie aber durchaus skurril. Werbung mit Minirock = bedenklich. Werbung textilfrei = förderungswürdig. Jugendschutz = egal.

Übrigens hält auch der deutsche Werberat die Degradierung von Menschen zu Sexualobjekten in öffentlicher Werbung für bedenklich, auch wenn sie nicht gegen den Jugendschutz verstößt.

Toleranz: Das Ausschalten anderer Meinungen?

Im 19. Jahrhundert forderte man Gleichheit vor dem Gesetz und Meinungsfreiheit. Im 21. Jahrhundert will man dagegen diskriminierende Sonderrechte, die man mit besonderer Chuzpe mit dem Kampf gegen Diskriminierung begründet, und Einschränkungen der Meinungsfreiheit, die jede Kritik an der eigenen Weltanschauung ausschalten sollen.

Jüngster Beweis ist wieder einmal ein neuerlicher Anlauf für sogenannte „Homosexuellenrechte“, der nun von der SPÖ unternommen wird. Was sind „Homosexuellenrechte“? Rechte, die über die normalen Menschenrechte hinaus jemanden aus der Wahl seines Lebensstils erwachsen? Und die ÖVP, die es in den letzten Jahren noch nie unternommen hat, gesellschaftspolitische Positionen zu argumentieren, hechelt der SPÖ natürlich brav hinterher.

Der zweite Beleg ist das neue Plakat für den Wiener Life Ball, das angeblich für Toleranz wirbt. Es ist eher als Geßlerhut der „moralisch überlegenen“ gedacht und damit gerade das Gegenteil. Man möchte sich auch nicht ausmalen, welche berechtigte Kritik an der Degradierung von Menschen zum Lustobjekt dieses Plakat ausgelöst hätte, wäre es nicht mit dem Life Ball und der entsprechenden Szene assoziiert. Doch in diesem Fall ist es so: Wer es nicht goutiert, wer es z.B. im öffentlichen Raum aus Gründen des Jugendschutzes für nicht angebracht hält, wird als bigott, verschroben, verklemmt, ewiggestrig dargestellt. Daher werden die Plakate auch noch mit üppigen Subventionen der Stadt Wien bezahlt.

Nebenbei muss mir immer noch jemand erklären, warum es für den Zweck einer angeblichen Benefizveranstaltung für die Aidshilfe effizienter sein soll, von der Stadt Wien mit Geld-Subventionen versorgt zu werden an statt dieses Geld direkt der Aidshilfe zur Verfügung zu stellen. Es wird doch nicht etwa hinter dem Life Ball — der in grauer Vorzeit sogar tatsächlich die Krankheit Aids thematisiert hat — ein anderer Zweck als Benefiz stecken …

Eine offene Gesellschaft lebt davon, dass man Meinungen aushält, die einem zuwiderlaufen. Das mediale Trommelfeuer z.B. in Sachen „Homosexuellenrechte“, oft besonders frauenfeindlich als bloße „Schwulenrechte“ tituliert, bis hin zu den Forderungen, persönliche negative Meinungen gegenüber homo- oder transsexueller Lebensweise strafbar zu machen, zeigt, wie große Teile der chattering class gerade das Gegenteil einer offenen Gesellschaft anstreben. Und wer nicht passt, wird passend gemacht.

Eine UNO zum Weinen

Um die Sinnlosigkeit vieler internationaler Institutionen zu beweisen, hat das UN-Kommittee für Kinderrechte einen Bericht über den Heiligen Stuhl verfasst, in dem es zwar zum geringeren Teil um berechtigte Anliegen, zum größeren Teil aber um nichts anderes als weltanschauliche Propaganda bis hin zu Eingriffen in die Religionsfreiheit geht.

Außerdem wird der Bericht in der Überzeugung verfasst, die Kirche seine eine streng geordnete Top-Down-Organisation — wer erlebt hat, dass es selbst in kleinen Diözesen nur mit größten Mühen gelingt, die Pfarren für gemeinsame Projekte zu gewinnen, kann nur Schmunzeln. So wird wortreich bekrittelt, dass die katholischen Schulen weltweit zuwenig dafür getan hätten, die Kinderrechtskonvention den Schülern bekannt zu machen. Wie immer das Kommittee das festgestellt, und in Vergleich wozu: Wie stellt sich das die Vorsitzende Sandberg (Norwegen) eigentlich vor?

P. Bernd Hagenkord schreibt in seinem Blog bei Radio Vatikan treffend:

[Der Vatikan] ist keine NGO (keine Woche vergeht, in der der Papst das nicht in einer Morgenpredigt sagt) und keine Zentralbehörde der Weltkirche. Der Bericht will zum Beispiel in Nr. 17 einen Kontrollmechanismus, mit dem der Vatikan die Ausgaben der gesamten Kirche für Kinder überwachen soll. Der Bericht schlägt ebenfalls vor, dass eine Ansprechstelle geschaffen werden soll, die für alle Kinder auf der Welt, die in katholischen Schulen sind, erreichbar ist. Wie viele Sprachen sollen denn da vorgehalten werden? Die UN stellt sich eine Zentralbehörde vor oder einen Staat, das ist die Kirche aber nicht. […]

Auch der Rest von Hagenkords Test ist lesenswert, ebenso die Analyse von P. Hans Zollner, Vizerektor der Gregoriana.

US-Senator Marco Rubio hat diesen Bericht zum Anlass genommen, die UNO davor zu warnen, obsolet zu werden.

Rubio schreibt unter anderem:

Unfortunately, the U.N. also chose to use the opportunity to make political statements about Catholic doctrine on abortion, contraception, and marriage, issues at the core of the Church’s teachings about human rights and the dignity of life. In doing so, the U.N. — with the seemingly limitless worldwide injustices it could be condemning or investigating — trampled on the religious-freedom principles outlined in its Universal Declaration of Human Rights. This is a U.N. that counts serial abusers and murderers of men, women, and children as members of its Commission on Human Rights. It has been unable to slow North Korea and Iran’s march toward nuclear weapons. It has proven feckless in its ability to prevent atrocities in places like Syria. It has routinely given a platform for state sponsors of terrorism to successfully condemn Israel. Its own “peacekeepers” have committed crimes against women around the world.

Dafür geht es die wahren Probleme an, wie zu wenig Konventionsbroschüren in Schulen und den Kampf gegen das Festhalten an der Deutung von Menschen als Männer oder Frauen.

Wer die Zusammensetzung der Menschenrechtskommission kennt, oder bedenkt, dass Saudi-Arabien und Bahrain Mitglieder der Kinderrechtskommission stellen, weiß ohnehin, wie ernst man Aussagen von UN-Kommittees nehmen sollte. Die anderen Berichte des Kinderrechtskommittees sind übrigens ebenfalls interessante Übungen in Realitätsfremdheit. Wer seltsamen Humor liebt, kann etwa den Bericht über den Kongo lesen, der wohl niemandem im Kongo eine Hilfe ist, aber dafür einen weiteren abgearbeiteren Punkt für die Komitteemitglieder darstellt. Allerdings: Wenn man die wirklichen Probleme im Kongo denkt, bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

[Update] Link für Kongo-Bericht im Text ergänzt.

EU-Parlament beschließt Lunacek-Bericht: Jedem seine eigenen „Grundrechte“

Der sogenannte Lunacek-Bericht wurde also im Europäischen Parlament angenommen, und zwar mit breiter Mehrheit: 394 Pro-Stimmen, 176 Contra-Stimmen, 72 Enthaltungen. Damit bekennt sich das Europäische Parlament zur Existenz gesonderter Grundrechte „von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Personen (LGBTI)“, und fordert von der Kommission einen Fahrplan, wie diese Sonderrechte zügig umgesetzt werden können.

In der zugehörigen Pressemitteilung wird dabei eine problematische „Umfrage“ der EU-Grundrechteagentur zitiert, die einen kolossalen Anstieg von Meinungsverbrechen und ungerechtfertiger Diskriminierung von Menschen, die sich über eine der oben genannten sexuellen Orientierungen selbst definieren, wegen dieser Selbstdefinition konstatiert. Was nicht dazugesagt wird: Diese Umfrage war als bloßes Webformular konzipiert, nicht repräsentativ, ohne Überprüfung, wie oft jemand an der Umfrage teilnimmt. Nur ein Beispiel mehr, wie Interessensgruppen die europäischen Institutionen für ihre Zwecke auf Kosten der Steuerzahler einspannen.

Das offizielle Österreich hat in Gestalt der zuständigen Ministerin Heinisch-Hosek übrigens selbst einen Fahrplan, wie ihn der Lunacek-Bericht einfordert, eingemahnt.

Die Problematik dieses Berichts, der legitime Anliegen mit der Forderung nach schweren Eingriffen in die Grundrechte der Unionsbürger verbindet, habe ich bereits in einem früheren Blogeintrag beleuchtet. Eine Konsequenz davon ist auf dem Blog Zeitfragen weitergedacht.

Lunacek-Bericht: Geben Sie Gedankenfreiheit!

Nach der Sieg für das Subsidiaritätsprinzip in der Debatte um den sogenannten Estrela-Bericht kommt nun knapp vor der EU-Wahl der nächste Versuch, Gesellschaftspolitik über die EU-Bande zu spielen: Der Lunacek-Bericht, wie im Europäischen Parlament üblich nach der Berichterstatterin benannt, der Grünen Europaabgeordneten Ulrike Lunacek. Den ganzen Bericht kann man auf der Website des Europäischen Parlaments nachlesen, in Kürze wird er abgestimmt.

Es ist in den letzten Jahren zu einem besonderen Sport geworden, in der Bevölkerung eher wenig populäre Gesellschaftspolitik über die EU zu spielen, um nachher auf nationaler Ebene wiederum von europäischen Vorgaben zu sprechen –– auch wenn diese nur in einer unverbindlichen Resolution bestehen. Ähnlich war es beim Estrela-Bericht bezüglich sexueller Früherziehung und Abtreibung geplant, ähnlich ist es nun beim Lunacek-Bericht. Wiederum wird wolkige Sprache bemüht: Es gehe um die Beseitigung von Diskriminierung und den Kampf gegen „Homophobie“, eine grauenhafte Wortschöpfung für eine durchaus ernste Angelegenheit (Bekanntlich heißt Homophobie: Angst vor dem Gleichen. Und das ist ist definitiv nicht gemeint.)

Der eigentliche Trick liegt darin, besondere Grundrechte bestimmter Bevölkerungsgruppen zu definieren, die dann eigentlich zu Privilegien gegenüber anderen werden. Das kann man bereits in Punkt 1 lesen:

  1. verurteilt aufs Schärfste jede Form der Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität und bedauert zutiefst, dass die Grundrechte von Lesben, Schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen (LGBTI) in der Europäischen Union noch immer nicht uneingeschränkt geachtet werden;

Schlau wird eine breit geteilte Proposition – das Wort Diskriminierung wird heute meist nur als Benachteiligung, nicht als Unterscheidung verstanden – mit der Behauptung besonderer Grundrechte verbunden. Das wird in späteren Punkten noch deutlicher, bei denen die Kommission oder die Mitgliedstaaten ständig aufgefordert werden, die besonderen Anliegen einer im Bericht konstruierten Interessensgruppe aller LGBTI-orientierten Menschen bei allen möglichen Maßnahmen zu beachten. Nun will jede Lobby ihre Interessen (nona) gefördert wissen, das wäre nicht weiter ungewöhnlich. Der Trick ist eben, dass diese Interessen als Grundrechte formuliert werden und damit ihre in den Augen der entsprechenden Gruppe nicht ausreichende Berücksichtigung zu einer Grundrechtsverletzung wird.

Entsprechend sollen auch verschiedene EU-Agenturen für Berichte eingespannt werden, in denen sie regelmäßig Mitgliedstaaten anprangern dürfen, die nicht den aufgeklärten Vorstellungen der Hochbürokratie über die richtige Berücksichtigung der Interessen LGBTI-orientierter Menschen entsprechen. Dort wird das dann eben Grundrechtsverletzung und Diskriminierung heißen.

Besonders lustig: In Abschnitt I wird ausgiebig die uneingeschränkte Meinungs- und Versammlungsfreiheit im Namen positiver Äußerungen zu LGBTI-orientiertem Handeln gefordert. Ich bin ein großer Freund der Meinungsfreiheit, gerade, wenn mir die betreffende Meinung nicht gefällt. Doch Lunacek & Unterstützte halten wenig vom Grundsatz: Die Freiheit des einen hört dort auf, wo die des anderen beginnt. Auch nicht von: Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Denn für widerstreitende Meinungen wird in Abschnitt J gefordert, Meinungsverbrechen einzuführen bzw. schon jetzt strafbare Handlungen stärker zu bestrafen, wenn eine LGBTI-ablehnende Meinung („Voreingenommenheit“) als Motiv gedient haben könnte.

Solche Meinungsverbrechen sind in einer offenen Gesellschaft, wie sie Europa nach Lunaceks Vorstellung offenbar nicht sein soll, völlig Fehl am Platz. Wer zu Taten aufruft, die tatsächlich Menschen schädigen sollen, oder diese Taten durchführt, ist schon jetzt strafbar. Doch jemanden für eine Meinung zu bestrafen? Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!, möchte man da Lunacek und ihren Verbündeten zurufen.

Das Traurige ist nur: Die Gefahr ist sehr groß, dass dieser Bericht angenommen wird. Er ist zwar nicht rechtsverbindlich, würde aber, wie oben geschildert, als Beweis für einen angeblichen Konsens dienen und gesellschaftspolitischen Aktivismus von EU-Institutionen rechtfertigen.

Menschenverachtende Aktenspiele Wiener Art

Der Umgang der Stadt Wien mit den Missbrauchsopfern in den städtischen Kinderheimen spottet derart jeder Beschreibung, das Kommentare schwierig werden. Zwar wurde als Feigenblatt ein Untersuchungskommission eingesetzt, deren Ergebnis aber recht harm- und folgenlos war. Dabei kamen schreckliche Tatsachen ans Licht, wie etwa die regelrechte Prostitution von Kindern an SPÖ-Funktionäre, doch wurden sie kaum bekannt.

Nun will die Stadt den Missbrauchsopfern auch so wenig Entschädigung wie möglich zahlen und verwendet von den Tätern verfasste Aktenvermerke als Begründung für ausbleibende Wiedergutmachung, wie der Kurier berichtet. Der zuständige Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) meint nur lapidar:„Es steht jedem frei, zu klagen, wenn man mit den Entschädigungen nicht zufrieden ist.“

Der Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen kann durch diese Fälle in weltlichen Einrichtungen weder relativiert noch beschönigt werden; eines aber muss man zugeben: Diese Kaltschneuzigkeit gegenüber den Opfern wäre nicht tragbar. Im Falle der Stadt Wien sieht das offenbar – mit Ausnahme des Kurier – anders aus.

[Update] Wenigstens ein Politiker hat sich der Sache angenommen: Gemeinderätin Isabella Leeb (ÖVP) hat sich in der Sache zu Wort gemeldet und Partei für die Opfer ergriffen:

Bedauerlich genug, dass sich die Stadt bis dato weigert, sich in einer offiziellen Zeremonie bei den Opfern zu entschuldigen, werden die Opfer nunmehr auch verhöhnt und beleidigt (selbst wenn das Opfer von Seiten der Stadt über den Weißen Ring bereits eine Entschädigung erhielt – sprich der Weiße Ring den Missbrauch als gegeben annimmt).

Und Stadtrat Christian Oxonitsch will sich – wenig überraschend – wieder einmal „nicht äußern“ so Leeb, sieht sich wieder einmal nicht zuständig.

Abschließend mahnt Leeb Stadtrat Oxonitsch, sein Vorgehen gegenüber Opfern der Wiener Jugendwohlfahrt noch einmal dringend zu überdenken: „Wie der Bericht der Helige-Kommission gezeigt hat, waren der SPÖ die Vorkommnisse in den Wiener Kinderheimen seit Jahrzehnten bekannt. Und sie wurden jahrzehntelang vertuscht und unter den Teppich gekehrt. Höchste Repräsentanten des roten Wien waren Teil des Systems. Umso verständlicher, dass die Opfer über das nunmehrige Verhalten der Stadt Wien erzürnt sind. Zumal man versprochen hat, an einer vollkommenen und aufrichtigen Aufklärung interessiert zu sein. Stadtrat Oxonitsch ist aufgefordert, endlich Würde und Anstand der Opfer zu achten – nicht nur mit Worten, sondern auch durch Taten“.

Skandal: Grün. Rücktritt: FDP. Aufarbeitung: Null.

Die Debatte um den Einfluß Pädophiler bei den Grünen in den Achtzigern nimmt einen interessanten Verlauf. Die Grünen selbst versuchen die Diskussion natürlich klein zu halten, da sie ihnen – noch dazu vor einer Wahl – schadet und ihrem Selbstbild als Hüter der Moral in der deutschen Politik schadet. So wurde versucht, einen Wikipedia-Eintrag zur Pädophilie-Debatte zu löschen, was aber abgelehnt wurde.

Überraschenderweise tritt jetzt ausgerechnet eine FDP-Kandidatin zurück, die vor mittlerweile 33 Jahren einen Text verfaßte, in dem sie die Straffreiheit sexueller Handlungen Erwachsener mit Kindern gefordert hat. FDP-Mitglied ist sie allerdings erst seit 2007.

Bei den Grünen, bei denen etliche Landesverbände eine Legalisierung der Pädophilie sogar in Wahlprogrammen verankert hatten, konnten hingegen mit der Einrichtung einer Kommission Konsequenzen weitgehend vermieden werden, obwohl sie in den Achtziger Jahren von vielen entsprechend Geneigten als Anlaufstelle gesehen wurden. So berichtet die FAZ:

Mehrere grüne Landesverbände machten sich in den frühen achtziger Jahren die Forderung zu eigen, Pädophilie aus dem Sexualstrafrecht herauszunehmen, so die Grünen in Rheinland-Pfalz, Bremen, Hamburg und Berlin. Ein Sinneswandel trat erst nach 1985 ein. […] Formell aufgehoben wurde die Forderung nach Legalisierung von Pädophilie allerdings erst während des Zusammenschlusses mit dem ostdeutschen Bündnis 90 im Jahr 1993.

Man muß die FAZ loben, daß sie hier weiterrecherchiert, wenn sie sich auch äußerste Zurückhaltung bei der Nennung grüner Politiker auferlegt, obwohl etwa die Aussagen des Mitbegründers der Grünen, Eckehard Stratmann-Mertens nahelegen, daß es hier noch einiges Material gäbe. Daniel Cohn-Bendit, der ebenfalls Konsequenzen vermeidet und jedes Unrechtsbewußtsein in der Causa vermissen läßt, war ja wohl kein verirrter Einzelgänger, sondern wuchs politisch in einer Clicque ähnlich denkender Parteigänger auf. Die Grünen verweigern sich hier der Aufarbeitung, die sie sonst von anderen gerne einfordern.

In Österreich haben Journalisten überhaupt wenig Lust zum Recherchieren gespürt. Dabei belegt die Friedrichhofs-Kommune Otto Mühls, in der jahrelang Kinder mißbraucht wurden, die Existenz eines entsprechenden Biotops auch hierzulande. Dem Leben in dieser Kommune spürt übrigens der Dokumentarfilm „Meine keine Familie“ von Paul-Julien Robert (hier im Interview) nach, der selbst in der Kommune aufwuchs.

45 Jahre „Humanae Vitae“

Heute vor 45 Jahren wurde die päpstliche Enzyklika „Humanae vitae“ von Papst Paul VI. veröffentlicht. Bis heute wird die Enzyklika als „Pillenenzyklika“ bezeichnet. Wird ihr das gerecht?

Gleich zur Eröffnung wird bekannt:

Die überaus ernste Aufgabe, menschliches Leben weiterzugeben, durch die die Gatten freie und bewußte Mitarbeiter des Schöpfergottes sind, erfüllt sie immer mit großer Freude; doch ist die Freude vielfach mit nicht geringen Schwierigkeiten und Bedrängnissen verbunden.

Nein, einfach ist es nicht. Wer die ersten Absätze liest, merkt gleich: Dieser Text wurde nicht leichthin verfaßt; genau wird begründet, warum sich der Papst dazu überhaupt zu Wort meldet, welche aufs erste vernünftige Alternativen vertreten werden. Ob man ihm zustimmt, ist eine Sache; doch es ist ein überlegter Text, der eine Auseinandersetzung lohnt.

Geradezu prophetisch:

Männer, die sich an empfängnisverhütende Mittel gewöhnt haben, könnten die Ehrfurcht vor der Frau verlieren, und, ohne auf ihr körperliches Wohl und seelisches Gleichgewicht Rücksicht zu nehmen, sie zum bloßen Werkzeug ihrer Triebbefriedigung erniedrigen und nicht mehr als Partnerin ansehen, der man Achtung und Liebe schuldet. Schließlich ist sehr zu bedenken, welch gefährliche Macht man auf diese Weise jenen staatlichen Behörden in die Hand gäbe, die sich über sittliche Grundsätze hinwegsetzen. Wer könnte es Staatsregierungen verwehren, zur Überwindung der Schwierigkeiten ihrer Nationen für sich in Anspruch zu nehmen, was man Ehegatten als erlaubte Lösung ihrer Familienprobleme zugesteht? Wer könnte Regierungen hindern, empfängnisverhütende Methoden zu fördern, die ihnen am wirksamsten zu sein scheinen, ja sogar ihre Anwendung allgemein vorzuschreiben, wo immer es ihnen notwendig erscheint? Auf diese Weise könnte es geschehen, daß man, um Schwierigkeiten persönlicher, familiärer oder sozialer Art, die sich aus der Befolgung des göttlichen Gesetzes ergeben, zu vermeiden, es dem Ermessen staatlicher Behörden zugestände, sich in die ganz persönliche und intime Aufgabe der Eheleute einzumischen.

Paul VI. betont dabei auch, daß man die Anwendung der ausgebreiteten Lehre nicht mit Strenge und Verdammung, sondern in Liebe und Duldsamkeit fördert, wie er den Priestern ans Herz legt:

Bei ihren Schwierigkeiten und Nöten sollten die Eheleute im Wort und im mitfühlenden Herzen des Priesters ein Echo der Stimme und der Liebe unseres Erlösers finden. […] Es geht nicht ohne Gebet. Lehrt es die Eheleute; unterweist sie, daß sie oft, mit großem Glauben, zu den Sakramenten der Eucharistie und der Buße kommen und niemals wegen ihrer Schwachheit den Mut verlieren.

George Weigel reflektiert im „National Review“ über die Enzyklika, die er für ihre klare Vorausschau der gesellschaftlichen Probleme durch die „Verhütungsrevolution“ lobt:

Marital fidelity, Pope Paul warned, would be threatened by the contraceptive mentality. Divorce rates have since skyrocketed throughout the Western world, and while there are many reasons for that, the contraceptive mindset that reduced marriage to a legal contract for purposes of mutual (tax) convenience surely played its role.

[… T]here is no monocausal explanation for today’s virtue deficit, which expresses itself in so many ways, including a general coarsening of life and culture. But surely it’s worth considering whether the post-Pill cheapening of sex into just another contact sport — cf. Tom Wolfe’s Hooking Up and I Am Charlotte Simmons — is one factor in the mix.

[…] Look at the plague of sexual abuse throughout society, the chronic inability of Gen X to make lifetime commitments, and the
multibillion-dollar exploitation of women in “adult” films — and then ask yourself, Who are the misogynists here?

Die vielleicht wichtigste Beobachtung: Die versprochene Freiheit der sexuellen Revolution, die in eine bessere Welt führen sollte, hat weder in die Freiheit noch in eine bessere Welt geführt, sondern viele Menschen in neue Abhängigkeit, Ausbeutung und Erniedrigung geführt. Davon spricht man nur ungern, da der Erfolg dieses Projekt zum Kern des Selbstbewußtsteins der Eliten gehört. Aber man muß die Kritik nicht teilen, um zu erkennen, das es Schattenseiten des veränderten Umgangs mit Sexualität gibt, die man nicht einfach ignorieren sollte.

Dammbruch zur Polygamie?

In den USA und Europa ist die salopp „Homo-Ehe“ genannte rechtliche Neudefinition der Ehe in vielen Ländern schon eingeführt oder wird von maßgeblichen politischen Kräften unterstützt. Was ich davon halte, habe ich schon ausführlich geschrieben. Angesichts des Erfolgs bricht aber nun die nächste Diskussion auf: Warum eigentlich nur zwei Personen? Warum ist Polygamie zwar in Saudi-Arabien, aber nicht bei uns  erlaubt? Siehe z.B. hier im Economist:

But “why only two?” isn’t a ridiculous question. It’s easy enough to show that gay marriage does not empirically lead to pressure to legalise polygamy; that hasn’t happened anywhere that gay marriage is legal. But this is different from explaining why opening up the boundaries of the 20th-century understanding of marriage shouldn’t raise the possibility of legalising polygamy. Why shouldn’t it be legal for more than two consenting adults to marry each other? […] But my guess is that the real answer to the conservative question “why not more than two people, then?” is that we will stick to pairs because marriage is a creature of the state and pairs are the form that makes the state strongest. Nobody, though, gays or conservatives, finds this way of thinking about the issue very appealing, so it probably won’t get much play.

Und Jillian Keenan fordert im amerikanischen „Slate“-Magazin frei heraus: „Legalize Polygamy!“:

The case for polygamy is, in fact, a feminist one and shows women the respect we deserve. Here’s the thing: As women, we really can make our own choices. We just might choose things people don’t like. If a woman wants to marry a man, that’s great. If she wants to marry another woman, that’s great too. If she wants to marry a hipster, well—I suppose that’s the price of freedom.

And if she wants to marry a man with three other wives, that’s her damn choice.

Bevor nicht alles, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat, gesetzlich als Ehe bezeichnet darf, ruhen wohl die Vorkämpfer der „Marriage Equality“ nicht. Und wer immer behauptet hat, daß „Dammbruch-Argument“ wäre irreführend, ist bereits widerlegt: Wer die Ehe und ihren Zweck staatlicher Neudefinition öffnet, weckt natürlich die Begehrlichkeit aller möglicher Gruppen.