James M. Buchanan und die Ökonomie der Politik

James M. Buchanan, Jr. (1919-2013)

James M. Buchanan, Jr. (1919-2013)

Mit James M. Buchanan, Träger des Nobel-Gedenkpreises der Schwedischen Reichsbank, ist einer der großen Ökonomen des 20. Jahrhunderts gestorben. Gemeinsam mit Gordon Tullock entwickelte er die Neue Politische Ökonomie, auch unter dem Schlagwort Public Choice bekannt, die Handlungen in der Politik mit dem Werkzeug der Ökonomie untersuchte. Politiker werden darin vorrangig nicht als Streiter für edle Ideen beschrieben, sondern versuchen, ihren Einfluß, ihre Zustimmung, ihre Macht zu maximieren. Da auch der größte Idealist seine politischen Ideen nur umsetzen kann, wenn er die entsprechenden Machtmittel aufbauen kann, ist so eine allgemeine Beschreibung bestimmter politischer Mechanismen möglich.

Dazu gehört die Untersuchung verschiedener Entscheidungsregeln, oder der Einfluß von Interessenvertretungen und Sondergruppen auf die Entscheidungsfindung. Dabei hat er auch die Bedeutung und Mechanismen herausgearbeitet, mit denen die Spielregeln, die „(Real)Verfassung“, erzeugt werden, innerhalb derer sich die gewöhnliche politische Arbeit abspielt. Mit dem Werk „Calculus of Consent“ haben Buchanan und Tullock auf diesem Gebiet ein Standardwerk geschrieben.

Buchanan hat in seinem Vortrag anläßlich der Nobelpreisverleihung beschrieben, wie die Lektüre des damals etwas vergessenen Knut Wicksell ihn zu diesem Forschungsprogramm inspiriert hat:

Ökonomen sollten aufhören, politische Ratschläge anzubieten als wären sie von einem wohlmeinenden Despoten beschäftigt, und sie sollten den Rahmen untersuchen, innerhalb dessen politische Entscheidungen getroffen werden.

Ebenso hat Buchanan in seinem Werk „Public Principles of Public Debt“ dargestellt, warum die Rede davon, daß inländisch gehaltene Staatsschulden kein Problem seien, weil „wir uns die Staatspapiere ohnehin selber schulden“, ein schwerer Irrtum ist. Schon alleine deswegen, weil dieses „Wir“ in dieser Form nicht existiert. Die Lasten der öffentlichen Staatsverschuldung werden von zukünftigen Steuerzahlern getragen, während die gegenwärtigen Gläubiger ein vorteilhaftes Geschäft erwarten; die gegenwärtigen Steuerzahler treffen ihre Entscheidung auf Grund der geringen subjektiven Kosten der Verschuldung. Buchanan demonstrierte, daß inländische und ausländische Verschuldung abseits von Wechselkurs-Problematiken im Endeffekt ähnliche Wirkung haben; auch widerlegte er die gängige These, daß Staatsverschuldung mit privater nicht vergleichbar sei. Dieses Werk ist bis heute nicht durchgängig rezipiert, doch ebenso bis heute ein wesentlicher Bestandteil der Debatte um Staatsverschuldung.

Aus seiner Untersuchung staatlicher Schulden heraus hat sich eine der wenigen direkt politischen Aktivitäten Buchanans entwickelt, der von sich selbst sagte, sonst lieber im Elfenbeinturm zu arbeiten. Er setzte sich für eine moderatere Staatsverschuldung ein, da öffentliche Schulden meist zur bloßen Finanzierung von Konsumausgaben dienten und daher die künftige Wohlfahrt durch die notwendigen Zinszahlungen reduzierten:

„Indem wir laufende öffentliche Ausgaben durch Schulden finanzieren, fällen wir in Wirklichkeit Apfelbäume für Brennholz, wodurch wir den Ertrag des Obstgartens für immer verringern.“ (The Economic Consequences of the Deficit)

Wer viel über die Regeln und Funktionsweise der Politik nachdenkt, wie es James M. Buchanan getan hat, denkt wohl unweigerlich auch darüber nach, welche Inhalte diese Politik haben sollte. Buchanan wurde so von einem „libertarian socialist“, wie er seine Jugendposition bezeichnete, zu einem großen Denker für die Freiheit, wofür ich aber auf den Morgenländer verweisen darf, dessen Aufforderung zur Würdigung der wirtschaftswissenschaftlichen Bedeutung Buchanans ich hiermit gerne nachgekommen bin.

Andrew Brown zu Religion und Wissenschaft

Was ist eigentlich „Religion“? Das ist auf den ersten Blick eine seltsame Frage; jeder hat so seine Vorstellung, was damit gemeint ist. Im Lexikon gibt es natürlich eine Definition des Wortes. Und so weiter. Doch, so erzählt Andrew Brown im „Guardian“, täuscht das darüber hinweg, daß in Fachkreisen zahlreiche verschiedene Definitionen von Religion herumschwirren. Beschreibt man das Phänomen mehr an Hand seiner Funktionen? Kann man ein inneres Wesen der Religion festmachen? Manchmal stellen wir fest, daß für einige Fußballfans die Identifikation mit ihrer Mannschaft religiöse Züge annimmt. Kann auch Wissenschaft religiöse Züge annehmen? Was meinen wir damit?

Andrew Brown versucht in seiner Kolumne ein Kriterium aufzustellen, wie er Religion und Wissenschaft auseinanderhält:

Let’s imagine that some future alien archaeologist, poking around in the remains of the Earth, comes across the pyramids and also the great circular tunnel, stripped of its machinery, which once contained the Large Hadron Collider outside Geneva. Unless alien archaeology really is unimaginably alien, both of these giant structures, whose purpose is not immediately obvious, will at once be labelled “ritual structures”. They were both feats of engineering, which required huge co-ordinated efforts, inspired by a belief in some non-material, transcendent good. In both cases, the people served a priesthood whose knowledge they had to take on faith. So, is there any test that lets us say that the one enterprise is “scientific”, and the other “religious”? It seems to me that there is one.

If you were to work out the purposes of the two structures and try to build working models, the LHC tunnel would produce the same results in the alien future as it does now. The same experiments would produce the same evidence of the Higgs boson. The pyramids could not work like that. We could rebuild a pyramid, stock it with grave goods, and entomb some deserving, eviscerated and mummified world leader inside it. But at the end of these operations we still wouldn’t know what Egyptians believed, or how. We certainly wouldn’t know that the world leader had passed into the afterlife. If we did – if ritual actions had predictable, if inexplicable, results – that wouldn’t be religion, but magic.

Der Optimismus Browns bezüglich des Large Hadron Collider ist reichlich übertrieben. Später stellt er etwa für Stonehenge fest, daß die enormen Ressourcen, die für diesen Steinkreis zur Bestimmung der Sommersonnenwende notwendig waren, auf ihren besonderen Zweck schließen lassen. Doch das gleiche läßt sich wohl für den LHC sagen, dessen Aufwand sich rein rational kaum rechtfertigen läßt. Aber er deutet auf einen wichtigen Punkt: Mythen, sinnstiftende Erzählungen, gemeinsame Rituale, gemeinsame Hoffnungen, Ideen über die Ordnung des Seins, das alles gibt es nicht nur in den bekannten Religionsgemeinschaften. Die Funktion der Religion wird auf verschiedene Weise erfüllt. Ich würde soweit gehen und in Abwandlung Paul Watzlawicks sagen: Man kann nicht nicht religiös sein.

Jack White, Ökonom

Jack White III, wie er sich gerne nennt, ist ein durchaus erfolgreicher Musiker und Komponist, der auch ein eigenes Plattenlabel betreibt. Sein letztes Album „Blunderbuss“ war nicht nur in seinem Heimatland USA, sondern in vielen Ländern der Erde ein großer Erfolg. Daher ist es kein Wunder, daß Sammler und große Fans gerne Sonderausgaben seiner Alben, oder auch anderer Alben seines Plattenlabels Third Man Records, ihr eigen nennen würden. Und nun kommt die kleine Überraschung, über die Forbes in einem launigen Artikel berichtet: Jack White ist auch ein passabler Alltags-Ökonom. Während normale Sammleralben nach kurzer Zeit dank spezialisierter Händler zu viel höheren Preisen als dem ursprünglichen Ausgabepreis auf EBay gehandelt werden, will White diese Mittelsmänner ausschalten und versteigert diese Sondereditionen gleich selbst. Damit, so begründet er, würden die Künstler mehr vom endgültigen Preis erhalten, und nicht mehr die Händler, die die limitierte Edition zum günstigen Ausgabepreis erwerben und sofort weiterverscherbeln.

Wenig überraschend ist die Fanreaktion: Die Ausschaltung der Mittelsmänner wird nicht begrüßt, sondern beklagt. Denn für einige Fans, die nie vorhatten, die Sonderedition wieder zu verkaufen, bedeutet die Auktion wahrscheinlich eine Preissteigerung. Umgekehrt können zwar andere Kunden, die zahlungsbereiter sind, aber über weniger Zeit zum Suchen verfügen, durch die Verlagerung zur Online-Auktion eher eine solche Platte ersteigern (ja, es geht auch um Vinyl-Sammlereditionen); aber wer weiß schon, ob er zu dieser Gruppe gehören wird? Die wird also nicht sehr lautstark sein.

Schließlich geht es auch um eine Statusfrage. In vielen Fanzirkeln ist das Geldverdienen mit Musik als Kommerzialisierung ein schlimmes Schimpfwort, ohne daß der Widerspruch zu millionenschweren Stars  ins Gewicht fiele, deren Fan man gleichzeitig ist. Bestimmte Musikrichtungen werden mit dem Gefühl der Rebellion, des Andersseins, verknüpft, selbst wenn sie tatsächlich im Mainstream angekommen sind und diejenigen, die Rebellion zelebrieren wollen, selbst das Establishment stellen. Es geht hier um Signalling, und das Signal, das White hier aussendet, identifiziert ihn nicht mit dem, womit ihn seine Fans gerne identifizieren wollen. Man könnte es auch so ausdrücken: Sein Problem ist, daß er zu seinen Fans zu ehrlich ist.

(via Greg Mankiw)

Ein Batzen Blog

Es gibt seit 2010 ein Schweizer Ökonomenblog mit dem klingenden Namen Batz, aber ich habe es erst eben dank des empfehlenswerten Pixelökonomen entdeckt. Da soll der alte Ausdruck „Batzen“ mitschwingen, eine Münze, die jahrhundertelang in Bern geprägt worden war, und so schreiben die Betreiber:

Der Batzen ist eine bescheidene Münze, anders als die edlen Gulden oder Taler. Die Seite batz.ch sei drum ein Batzenhäuslein (ein geringes Wirtshaus, wo man nur einen Batzen verzehrt). Die Leser sind eingeladen, auf einen Batzen bei uns zu bleiben und einen Bissen oder zwei zu naschen.

Das erinnert mich wiederum an ein Wirtshaus im Salzkammergut, das Batzenhäusl, wo man aber mehr als nur einen Batzen liegenlassen kann.

Jedenfalls findet man dort u.a. ein treffendes Schulden-Einmaleins für die Eurozone, mit dem schönen Satz:

Man wird ja wohl noch für den Staatsbankrott stimmen dürfen!? Gewiss, nur hätte ich dann wohl nicht noch den culot, die Finanzmärkte und die Deutschen anzuschwärzen, wenn sie die Botschaft verstehen und nichts mehr geben.

Oder auch die Präsentation einer Studie über die höhere gefühlte und von politischen Akteuren monierte Ungleichheit, obwohl sich die reale Ungleichheit der Einkommens kaum geändert hat. Unter dem schönen Titel „Ghettos mit Seesicht“ stellt Marius Brülhart fest, daß sich die wohlhabendsten Schweizer in immer weniger Orten konzentrieren. Die verschiedenen sozioökonomischen Schichten vermischen sich weniger, sondern bleiben immer mehr unter sich – was zur Entfremdung und Neiddebatten führen kann. In etwas anderer Weise ist dieses Phänomen auch in den USA bekannt, wo Charles Murray über das Auseinanderdriften von US-amerikanischer „Ober-“ und  „Unterschicht“ sein Buch „Coming Apart“ geschrieben hat. Dort konzentriert sich die tendentiell linksliberale, akademische Oberschicht in gewissen Städten und Distrikten, und ist von der Unterschicht nicht bloß ökonomisch, sondern auch in den Grundwerten und Lebenseinstellungen getrennt. Eine Entwicklung, die sich auch bei uns langsam bemerkbar macht.

Und so finden sich in den Dutzenden Einträgen etliche weitere interessante und lesenswerte Fundstücke. Dieses Blog wandert gleich einmal in meinen RSS-Feed.

Warum manche Länder nicht vom Fleck kommen

Warum entwickeln sich manche Länder viel besser als andere? Warum haben etwa in den Ländern Südostasiens schon Millionen Menschen den Weg aus der Armut zumindest zu bescheidenem Wohlstand gefunden, in den Ländern des Nahen Ostens aber nur dort, wo Öl sprudelt? Solche Fragen beschäftigen die Entwicklungsökonomie, Soziologie und andere Zweige der Wissenschaft schon seit Jahrzehnten.

Daron Acemoglu und James Robinson geben in ihrem neuesten Buch „Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity and Poverty“ den Versuch einer Antwort. Nicht die Geographie oder ein allgemeines Konzept von Kultur, sondern Institutionen und ihre Geschichte sind für die beiden Ökonomen der Schlüssel für die Entwicklung. Allerdings können diese Institutionen nicht vom Schreibtisch aus technokratisch dekretiert werden, sondern müssen durch politische Arbeit erreicht und verankert werden. Um das zu illustrieren, spannen die beiden einen Bogen durch Jahrhunderte und Kontinente und verfolgen Aufstieg und Fall verschiedener Mächte.

Der bekannte kritische Entwicklungsökonom William Easterly faßt es in seiner Buchbesprechung im Wall Street Journal so zusammen:

Inclusive political institutions mean both a broad distribution of political power and limits to that power, such as democratic elections and written constitutions. Inclusive economic institutions encompass property rights, contract enforcement, ease of starting new companies, competitive markets, and freedom for citizens to enter the occupation and the industry of their choice. The billionaire telecommunications mogul Carlos Slim, we’re told, does not fall into this category. He is extractive, “a master at obtaining exclusive contracts,” winning economic monopolies through political connections, but he enriches primarily himself, not Mexico. Bill Gates, by contrast, enriches both himself and the U.S. because he can make money only by creating products that are better or more popular than those produced by rivals.

Just as inclusive institutions feed on each other, so do their opposites: Extractive political institutions support the economic institutions that protect the interests of the elite against new entry from competitors. The wealth of the elite so created can make the hierarchical, authoritarian state even larger and more repressive, increasing elite wealth even more. This vicious cycle means that bad history persists into bad present outcomes. Messrs. Acemoglu and Robinson cite the political and economic lag of Eastern Europe and Russia when compared with Western Europe’s progress since the Industrial Revolution. The difference, the authors say, can be attributed to the East’s reliance on serfdom deep into the 19th century, long after workers in the West had won many rights.

Nebenbei erklärt das die Gefahr der Korruption, die extraktive Eliten befördert und wertschöpfende, „inklusive“Tätigkeiten behindert.

Zum Buch gibt es eine Website mit Weblog unter whynationsfail.com. Im Guardian hat sich Paul Collier ebenfalls einer Besprechung des Buches gewidmet, ebenfalls sehr interessant.

In der politischen Facebook-Feedback-Schleife

Eine Kritik an den modernen sozialen Netzwerken im Internet besteht darin, daß sie das Schmoren im eigenen Saft fördern: Man trifft virtuell einen Haufen Leute mit den gleichen Interessen und Ansichten, die sich in einer gegenseitigen Feedback-Schleife verstärken, und verlernt das Umgehen mit und Eingehen auf andere. Das ist ein Grund, warum ich z.B. bewußt die Kommentarseiten des „Guardian“ abonniert habe, deren Inhalt bei mir regelmäßig Kopfschütteln auslöst – aber, so hoffe ich, zumindest mein Verständnis für die Argumente und die Weltsicht aus dieser Ecke etwas verbessert. Aber wenn ich so durch meine Kontakte schaue, ist die Gefahr der selbstbestätigenden Schleife auch bei mir ganz schön groß.

Nun hat das Pew Internet & American Life Project für die USA eine Studie über die Nutzung sozialer Netzwerke nach politischer Ausrichtung veröffentlicht. Dabei wurden insgesamt 2.253 Personen befragt, von denen sich 1.729 als Internet-affin deklariert haben.
Die politische Landschaft der USA ist nicht ganz mit unserer zu vergleichen, aber einige Ergebnisse sind doch interessant. Selbstdefinierte „Linke“ nutzen in den USA das Internet und auch soziale Netzwerke intensiver als Personen, die sich für „gemäßigt“ halten oder solche, die sich selbst als „konservativ“ bezeichnen. Der Eindruck täuscht also nicht, daß online gewisse politische Ansichten überrepräsentiert sind.

Interessanterweise müssen Demokraten öfter durch Postings auf Facebook etc. entdecken, daß ihre Freunde politisch anders ticken als sie gedacht haben, als Republikaner, was sich damit deckt, daß zwar „sehr Konservative“, „sehr Linke“ und „Linke“ diese Erfahrung oft machen, „Konservative“ und „Gemäßigte“ aber wesentlich seltener. Ich nehme an, daß hängt mit dem Tunnelblick der Ideologen zusammen, die sich gar nicht vorstellen können, daß jemand anders denkt als sie selbst.

16% der „Linken“ haben angegeben, daß sie jemanden aus ihrem Netzwerk entfernt, versteckt oder blockiert haben, weil er andere Ansichten als sie selbst gepostet hat, 14%, weil jemand zu oft über Politik geschrieben hat, 11%, weil er dem Befragten widersprochen hat, 11%, weil er mit jemanden über politische Themen kontroversiell diskutiert hat und 8%, weil er etwas gepostet hat, daß nach Meinung des Befragten beleidigend sein könnte. Die gleichen Werte sind für die „Konservativen“ immer signifikant niedriger (8% – 9% – 4% – 7% – 5%), die anscheinend eher gewohnt sind, mit Kritikern zu leben, am niedrigsten aber immer für „Moderate“. Sie nennen sich offensichtlich zu recht gemäßigt, weil sie nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen sind.

Das Schmoren im eigenen Saft scheint im übrigen zuzutreffen: Gerade die besonders Überzeugten geben an, sehr oft mit den politischen Meinungen ihrer Freunde auf sozialen Netzwerken übereinzustimmen, während das Bild für die politische Mitte wesentlich differenzierter ist.

Warum sind hohe Gehälter für Generaldirektoren böse und für Fußballer gut?

Momentan wird allerorten der Ruf nach niedrigeren Gehältern für Spitzenverdiener laut. In Österreich wollte die SPÖ Gehälter für Geschäftsführer zusätzlich versteuern, in dem sie nicht von den Betriebseinnahmen aus Ausgabe abgezogen werden, und so zusätzlich zur Einkommensteuer auf den Gesamtbetrag noch Körperschaftsteuer entfallen würde. In Frankreich fordert François Hollande einen Spitzensteuersatz von 75%. In den USA haben die Demokraten ebenfalls die Besteuerung von Besserverdienenden ins Auge gefaßt. Manche gehen soweit, absolute Begrenzungen für Einkommen zu fordern.

Nun muß natürlich ausdiskutiert werden, welche Steuersätze für angemessen empfunden werden; Einkommensgrenzen sind schon wesentlich problematischer, auch wenn ein sehr hoher Steuersatz dem recht nahe kommt. Doch Kenneth Rogoff fällt dabei etwas auf: Es geht in der Regel immer nur um Menschen, die im Wirtschaftsleben stehen, oder auch um Politiker. Aber nie um Sportler, obwohl deren Spitzenverdiener ausgesprochen hohe Beträge erhalten: Lionel Messi bezieht beispielsweise eine Gage von etwa 30 Millionen Euro, David Beckham erhielt 2011 noch rund 20 Millionen Euro, der US-Basketballer Kobe Bryant etwas mehr. Rogoff dazu an Hand des aufstrebenden Stars Jeremy Lin:

What amazes me is the public’s blasé acceptance of the salaries of sports stars, compared to its low regard for superstars in business and finance. […]

If a star basketball player reacts a split-second faster than his competitors, no one has a problem with his earning more for every game than five factory workers do in a year. But if, say, a financial trader or a corporate executive is paid a fortune for being a shade faster than competitors, the public suspects that he or she is undeserving or, worse, a thief.

Das gilt nicht nur für Sportler, sondern auch im Kunstbetrieb. Die Entwicklung zu wenigen Spitzenstars, die den Hauptteil der verfügbaren Kunstausgaben der privaten und auch öffentlichen Stellen erhalten, wird kaum hinterfragt. Und eine Popgruppe wie U2, die ihre Gewinne aus dem an und für sich niedrig besteuernden Irland in andere Länder verschleust, um sich selbst die niedrige irische Steuer zu sparen, kann sich ohne weiteres als Anwalt der Armen und Entrechteten gerieren. Und sie erhalten dafür eine mediale Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit, die man keinem Industriellen oder Banker schenken würde, mag er auch noch so philanthropisch sein. Eine interessante Doppelbödigkeit.

Warum will die Politik Teilzeitarbeit stigmatisieren?

Der Internationale Frauentag wirft seine Schatten mit einer Kampagne der SPÖ Frauen voraus, Motto: „Achtung Teilzeit! Halber Lohn – weniger Pension“. Es ist nicht neu, dass die SPÖ gegen Teilzeit-Erwerbsarbeit zu Felde zieht; für mich ohnehin ein bisserl ein Witz: Die gleiche Partei, die jahrelang für Arbeitzeitverkürzungen zu Felde gezogen ist, kämpft nun dagegen, wenn die Menschen eine kürzere Arbeitszeit haben …

Dabei stützen sie ihren Unmut auch darauf, dass ein immer größere Anteil der Frauen (langsam übrigens auch der Männer) eine Teilzeit-Erwerbsarbeit nachgeht, und zwar hauptsächlich, um die Zeit für andere Aufgaben frei zu haben, wozu natürlich auch die Familie gehört. Dass jemand allerdings freiwillig Aufgaben für seine Familie übernimmt, ist Gabriele Heinisch-Hosek & Co. so unverständlich, dass es nur als Negativum vermerkt werden kann.

Sie übersehen außerdem wesentliche Teile der Lebenswirklichkeit der Menschen in diesem Land:

  1. Der Anteil der Frauen an der Gesamtheit, die einer bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen, ist deutlich gestiegen. Aus diesem Grund, wie die Statistik Austria darlegt: „Der Anstieg der Erwerbsbeteiligung ist in erster Linie auf die deutliche Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung zurückzuführen. So stieg die Teilzeitquote bei den erwerbstätigen Frauen von 32,3% (2000) auf 43,8% (2010).“ Ohne die Möglichkeit, auch weniger als 40 Stunden in der Woche im Beruf tätig sein zu müssen, wäre die Erwerbsquote unter Frauen mit Sicherheit niedriger.
  2. Menschen wollen nicht bloß ein gutes Einkommen, sondern z.B. Zeit für ihre Familie, für ehrenamtliches Engagement etc. Wenn die Produktivität bzw. die Entlohnung steigt, so kann es sein, daß einige Menschen zum Schluß kommen, daß sie auch mit dem Verdienst aus weniger Stunden ihr Auslangen finden, weil ihnen die Tätigkeiten, die sie dadurch ausüben können, soviel wert sind. In der Ökonomie ist das als die rückwärtsgebogene Angebotskurve der Arbeit bekannt: Ab einem gewissen Lohn sinkt das individuelle Arbeitsangebot.
  3. Österreich hat ein extrem progressives Steuersystem, in der der Grenzsteuersatz bei einem Jahreseinkommen über 11. 000 Euro bereits 36,5% beträgt, über 25.000 Euro etwas über 43%. Das verändert das Kalkül zusätzlich zu Gunsten der Teilzeit, weil die zusätzlichen Stunden mit einem geringeren Netto-Stundensatz verbunden sind. Halbe Arbeit ist eben nicht halber Lohn, sondern deutlich mehr als halber Lohn. Wenn Teilzeitarbeit nicht gesellschaftlich immer noch stigmatisiert wäre – wie es auch die SPÖ-Kampagne will –, dann wären wohl auch mehr Männer bereits in Teilzeit-Arbeitsverhältnissen, die sie bislang aus Statusgründen vermeiden. Außer, die Teilzeitarbeit heißt Kurzarbeit, dann ist sie anscheinend auch für Männer ok.
  4. Im Bereich der niedrigeren Einkommen spielt auch die Pensionsdrohung keine Rolle. Wer in einer großen Supermarktkette teilzeit als Verkäufer arbeitet, wird wegen der Mindestpension nach den neuen Pensionsregeln eine nur unwesentlich niedrigere Pension erhalten als sein Vollzeit-Kollege. Dafür möglicherweise mehr Lebensqualität schon während der Erwerbsphase.
  5. Schließlich: Es ist für alle Beteiligten besser, jemand geht einer Teilzeit-Erwerbsarbeit nach und trägt so zu seinem eigenen und dem Wohlstand aller bei, als dieselbe Person würde in verzweifelter Suche nach einem Vollzeitjob arbeitslos bleiben.

Martina Salomon schreibt in einem sehr lesenswerten Kurier-Kommentar:

[…] Aber ist wirklich allen gedient, wenn Eltern so schnell wie möglich ganztags arbeiten gehen? […] Jene, die Teilzeit-Phasen (für Bildung, Kinderbetreuung, Altenpflege, Zweitjob oder was immer) ablehnen, haben keine Bedenken, Frauen im besten Alter als (Früh-)Pensionistinnen „heim an den Herd“ zu schicken. In Wahrheit müssen Frauen in wenigen Jahren Ausbildung, Kinder und Karriere in ihr Leben stopfen. Weil mit 50 plus ist frau ja schon wieder am absteigenden Ast. Kein Wunder, dass vor allem besser Gebildete – egal, ob bewusst oder weil es sich eben so ergeben hat – kinderlos bleiben. Das betrifft einen Großteil der österreichischen Vorzeige-Karrierefrauen, von der Nationalbibliotheks- bis zur IBM-Chefin.

Natürlich bringen Kinder nicht nur Glück und Lebenssinn, sondern auch ein Defizit an Schlaf, Karriere, Konsum, manchmal auch an Pension. […] Viele Mütter und leider viel zu wenige Väter arbeiten daher zumindest vorübergehend Teilzeit, um die Kleinen aufwachsen zu sehen, ohne den Beruf aus den Augen zu verlieren. Wer das schlecht redet, setzt die Betroffenen noch mehr unter Druck. […]

Ja, Teilzeit-Arbeit ist kein Allheilmittel, und ist speziell im Bereich der Überstunden arbeitsrechtlich nicht unproblematisch. Aber statt den Menschen mehr Freiheit und Wahlmöglichkeiten zu geben, etwa durch Verbesserungen im Bereich der Teilzeit, wird Teilzeit-Erwerbsarbeit schlechtgeredet und stigmatisiert. Das ist, mit Verlaub, nicht Politik für Frauen, sondern das Überstülpen eigener Präferenzen über das Leben aller anderen, also vielmehr Politik gegen eine Mehrheit der Frauen, die die Möglichkeit auf Teilzeitphasen grundsätzlich als Chance begreifen.

Katholische und Evangelische Selbstmörder im Preußen des 19. Jahrhunderts

Es ist bekannt, daß die Einstellung zum Selbstmord in den verschiedenen Religionen (im allgemeinen Sinn) sehr verschieden sein kann, je nachdem, welchem Wert man menschlichem Leben in Vergleich zu anderen Umständen zumißt.  In einigen ist Selbstmord in gewissen Situationen sogar eine Pflicht. In anderen ist er in jeder Situation nicht nur verwerflich, sondern auch strafbewehrt.

Die deutschen Wirtschaftswissenschafter Sascha Becker und Ludger Wössmann haben sich mit der Frage beschäftigt, ob die unterschiedlichen Einstellungen zu Selbstmord sich auch in den tatsächlichen Selbstmordraten widerspiegeln. Dazu verwenden sie Daten aus dem Preußen des 19. Jahrhunderts, in dem eine sehr gute Bevölkerungsstatistik geführt wurde und durch die Einverleibung umfangreicher katholischer Gebiete im Rheinland ausreichende Vergleichsmöglichkeiten zwischen katholischen und evangelischen Bewohnern durchgeführt werden können.

Das Ergebnis selbst ist klar: Die Selbstmordneigung der evangelischen Bewohner Preußens war etwa dreimal höher als die der Katholiken. Aber warum? Selbst nach Berücksichtigung diverser anderer Faktoren bleibt das Ergebnis bestehen. In ihrem Diskussionspapier (hier frei zugänglich) ziehen sie für ihre „Rationale Theorie des Selbstmords“ folgende Erklärung in Betracht:

In particular, Protestantism tends to stress that man’s salvation is by God’s grace alone and not by any merit of man’s own work, whereas Catholicism allows for God’s judgment to be affected by man’s deeds and sins. As a consequence, committing suicide entails the disutility of forgoing paradise for Catholics but not for Protestants. A further doctrinal difference is that the confession of sins is a holy sacrament in Catholicism but not in Protestantism. Since suicide is the only sin that (by definition) can no longer be confessed, this additionally creates a substitution effect that diverts Catholics from committing suicide towards other forms of behavior considered in times of desperation.

Ein weiterer Punkt ist die engere Gemeinschaft, die die Forscher für Katholiken des 19. Jahrhunderts annehmen, und einerseits verzweifelte Menschen auffängt, andererseits eine Motivation gibt, weiterzuleben, weil ja auch so viele andere Menschen unter der Tat leiden würden.

Es ist vor diesem Hintergrund fraglich, ob Bestrebungen, die Haltung der Katholischen Kirche zum Selbstmord zu mildern, irgendetwas Positives bewirken. Wem die Position der Kirche dazu nicht wichtig ist, der wird sein Verhalten deswegen auch nicht ändern. Wem schon – dem wird eine Hilfe bei der Entscheidung fürs Leben genommen.

Zuviel Auswahl … ist auch nicht gut

Sheena Iyengar ist Universitätsprofessor an der amerikanischen Columbia Universität, Autor des Bestsellers „The Art of Choosing“ und blind. Das ist in diesem Fall sehr wesentlich, denn ihre Erblindung war eine wichtige Motivation dafür, sich der Frage zu stellen, wie wir Entscheidungen treffen und wir wir etwas auswählen. Denn, wie sie in einem Interview erzählt, sie stellte sich die Frage, wieviele Wahlmöglichkeiten sie als blinde Frau eigentlich hätte:

So on the one hand in school you’re teachers are constantly telling you that you can be whatever it is you want to be as long as you put your mind and heart to it, and yet at the same time I was also getting the clear message of, well, what can you do really? I mean can you walk to school on your own? Can you study science? Can you study math? Can you go to a normal school? Do you need to go to a special school? What is going to become of you when you grow up? Are you going to have to live on social security and SSI? Are you going to be able to shave your legs? Are you going to be able to get married? So it was constantly thinking about both choice in terms of possibilities–I mean because choice is the thing that is supposed to enable you to be whatever it is you want to be–and yet, at the same time you have to think about choice in terms of its limitations.

Diese Passage stammt aus einem längeren Interview, in dem sie anschaulich erklärt, wie zu viel Auswahl uns verwirrt. Die Eigenschaften, die man vergleichen muß, werden immer mehr und mehr, und daher vermeiden wir im allgemeinen zu komplexe Entscheidungen, um keine schlechten Entscheidungen zu treffen.

So hat sie in einem Geschäft einmal eine Auswahl von sechs Marmeladen, einmal eine mit 24 Marmeladen ausgestellt. Bei der größeren Auswahl blieben mehr Leute stehen, doch bei der Auswahl von sechs Marmeladen wurde mehr gekauft. Um keine falsche Entscheidung zu treffen, wird gar keine Entscheidung getroffen. Allerdings wollen wir auch eine Wahl haben, und so werden auch Situationen vermieden, in denen gar keine Entscheidung möglich ist.

Interessant auch ihre Gedanken dazu, wie sehr es kulturell geprägt ist, was als entscheidender Unterschied gesehen wird und wie wichtig Wahlmöglichkeiten in bestimmten Lebensbereichen sind. Eigentlich nicht überraschend – so beurteilt ein Weinkenner einen Weinkeller anders als jemand, dem die Unterscheidung zwischen Weiß- und Rotwein genügt. Und der jeweilige kulturelle Hintergrund wirkt dabei mit, welche Bereiche man gut kennt, welche nicht, was wichtig ist und was nicht.

Freilich, wenn man die Vielfalt der japanischen Küche kennt, kann man ihre Schlußfolgerung nicht teilen, daß die Japaner Wahlmöglichkeiten nicht schätzen würden, weil sie auch im Hawaii-Urlaub am liebsten japanisch essen. Und geht es den ganzen All-Inclusive-Touristen aus Österreich oder Deutschland anders, die nach Tunesien Schnitzelessen fahren?

Trotzdem: Ein sehr interessantes, lesenswertes Interview.

(über Daring Fireball)