Der Zusammenbruch der ungarischen Fluglinie Malév ist ein guter Anlaß, den zweiten Teil meiner Betrachtungen zu Ungarn zu schreiben. (Den ersten Teil gibt es hier.) Denn das Schicksal der Fluglinie ist typisch für Ungarn als ganzes. Malév ist im Prinzip seit Jahren bankrott; immer wieder hat man mit diversesten Methoden die Fluglinie weiter am Leben erhalten. Mal hat man einen russischen Investor geangelt, mal eine Allianz mit Alitalia geschmiedet, mal der Staat wieder die Fluglinie übernommen und frisches Geld zugeschossen. Das ganze ist dem Drama um die AUA und die „rot-weiß-rote Heckflosse“ nicht unähnlich. Im Falle der Malév hat nun allerdings die EU-Kommission entschieden, daß die letzte Subvention gegen das EU-rechtlich verankerte Beihilfenverbot verstoße und zurückgezahlt werden müsse. Was halt mangels Kapital nicht geht.
In ähnlicher Weise sind die sozial-liberalen Regierungen unter Péter Medgyessy und Ferenc Gyucsány strukturelle Probleme Ungarns nicht angegangen, und haben sich stattdessen mit deficit spending die Gunst der Wähler erkauft. Als schließlich schon ein Hilfspaket des IWF nötig wurde, um Ungarn liquide zu halten, war die Kraft für große Reformen nicht mehr da, und die Regierung beschränkte sich darauf, mit Notmaßnahmen, insbesondere Steuererhöhungen, die Zahlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Einer, der diese Episode genau beobachtet hat, ist Viktor Orbán. Er war ja vor Medgyessy vier Jahre lang Premier einer bürgerlichen Koalitionsregierung, und in dieser Zeit konnte trotz Steuersenkungen das Defizit gesenkt werden und etwa Studiengebühren abgeschafft werden, da das hohe Wirtschaftswachstum – nicht zuletzt durch die auch von Orbán betriebene Annäherung an die EU – die Staatskassen füllte. So fiel auch die Staatsverschuldung auf 54% des ungarischen Bruttoinlandsprodukts.
Umso bitterer war für ihn der Wahlabend am 21. April 2002, als seine Jungdemokraten (Fidesz) nach dem zweiten Wahldurchgang zwar mandatsstärkste Partei waren, aber die Kleinlandwirte-Partei aus dem Parlament flog. So konnten die Nachfolgepartei der Kommunisten, die MSZP, mit den Liberalen eine Regierung bilden. 2006 behinderte ein Streit mit der konservativen MDF, die 2002 ein Wahlbündnis mit der Fidesz eingegangen war, einen Wahlerfolg Orbáns. Die Lügenrede Gyrucsánys und das harte Durchgreifen der Polizei gegen oppositionelle Demonstranten im Zuge der 50-Jahr-Feiern zum Ungarnaufstand verfestigten die Kluft zwischen Fidesz und Sozialisten, und diese wachsende Kluft ließ in beiden die Überzeugung wachsen, der jeweils andere sei zu allem bereit.
Nach seiner Rückkehr an die Macht beherzigte Orbán die Lehre seiner ersten Amtszeit, und setzt auf einen populistischeren Kurs; er würde sich nicht noch einmal von seinen Kontrahenten durch populäre Wahlversprechen ausstechen lassen. Geradezu in Fortsetzung der Politik Gyurcsánys stopft er durch zahlreiche Einmalmaßnahmen die Löcher im ungarischen Staatshaushalt kurzfristig zu, sei es durch die Verstaatlichung privater Pensionskassen oder neue Abgaben für ausländische Betriebe. Dabei verläßt Orbán seine früheren wirtschaftsliberalen Ansichten, die nun anscheinend eher mit den Sozialisten und den mit ihnen verbundenen Wendeprofiteuren assoziiert werden. So kritisierte Orbán im Wahlkampf die weitreichenden Privatisierungen und Deregulierungen der Ära Gyurcsány.
Viele Kritiker Orbáns übersehen gerne, daß die wahre Bedrohung für ihn nun nicht mehr von seinen linken Gegnern, sondern von der nationalistischen Jobbik-Partei ausgeht. Ein klares Zeichen dafür ist, daß bei einer Demonstration der Anhänger Orbáns wesentlich mehr Menschen auf die Straße gingen als bei den Kundgebungen gegen die neue ungarische Verfassung. Es soll sogar die größte Demonstration seit der Wende gewesen sein. Und zu dieser Demonstration für Orbán haben auch Vertreter der Roma aufgerufen. Ohne es genau zu wissen, schätze ich, daß dahinter neben der politischen Bindung dieser Roma an die Fidesz auch die Angst vor Jobbik steckt, die antiziganische Parolen verwendet. Wenn sich die ungarische Wirtschaftskrise vertieft, könnten die Jobbik-Leute leichtes Spiel haben. Schon jetzt matchen sie sich in den Umfragen mit den Sozialisten um den zweiten Platz. Orbáns Politik zielt darauf ab, Ungarn so durch die Krise zu lavieren, daß nach Möglichkeit die Extremisten der Jobbik nicht Oberwasser bekommen, was auch heißt: Ohne allzu tiefgreifende Veränderungen. Aber dieser Hochseilakt ist schon in einem normalen Umfeld schwierig genug. Ob er mitten in der Eurokrise gelingen kann?
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