Unkonventionelle Fiskalpolitik an der Nullzinsgrenze

In der aktuellen Ausgabe des American Economic Review ist ein interessanter Artikel über die Konvergenz von Fiskal- und Geldpolitik zu finden: „Unconventional Fiscal Policy at the Zero Bound.“ (Hier in einer älteren Version bei der Federal Reserve Bank of Minneapolis zu lesen.)

Worum geht es? Ökonomen diskutieren lange und gerne darum, was die Politik machen kann, wenn die Wirtschaft derart danieder liegt, dass die Zinsen eigentlich sinken müssten, um die Konjunktur anzukurbeln – aber sie ohnehin bereits nahe Null sind und daher gar nicht mehr gesenkt werden können. Eine Methode wäre, Geld zu drucken, Inflation zu erzeugen. Realzinsen sind bekanntlich die Nominalzinsen, also die offiziell vereinbarten, abzüglich der Inflation. Das ist die sogenannte Fisher-Gleichung. Steigt also die Inflation bei gleichbleibendem Nominalzins, und sei er nahe Null, sinken die Realzinsen. Problem gelöst.

Was ist aber, wenn es schwierig ist, Inflation zu erzeugen? Also z.B. nur um den Preis, die ganze Wirtschaft aus der Balance zu bringen? Oder die Glaubwürdigkeit der Notenbank langfristig zu zerstören? Oder weil wir uns in einer sogenannten Liquiditätsfalle befinden, in der zusätzlich gedrucktes Geld einfach nicht ausgegeben, sondern gehortet wird?

Nun sagen Marktmonetaristen wie Scott Sumner, daß noch nie eine Notenbank daran gescheitert wäre, ihre eigene Währung zu entwerten, wenn sie es vorgehabt hat. An der Sicherung der Währungsstabilität sind schon mehrere gescheitert, doch nicht an der Geldentwertung.

Alternativ könnte man aber durch eine koordinierte, gestaffelte Erhöhung der Konsumabgaben – z.B. der Mehrwertsteuer – und gleichzeitige Senkung der Lohnsteuern und Kapitalsteuern ebenso Inflation erzeugen: Und zwar bei den Verbraucherpreisen. Die Senkung der Lohn- und Kapitalsteuern verhindert eine Lohn-Preis-Spirale, senkt den nötigen Zins, damit sich Investitionen lohnen, und verhindert eine Produzentenpreisinflation. Nach Beendigung der Rezession sollten diese Änderungen wieder langsam rückgeführt werden.

In der politischen Praxis ist dieser Vorschlag nicht durchführbar; gestaffelte Erhöhungen sind unbeliebt, und die Rückführung der Steuern ohne Einsatz erheblichen politischen Kapitals nicht machbar. Doch diese Überlegungen erweitern trotzdem den politischen Werkzeugkasten gerade in einer Währungsunion. Bekanntlich wurden zwar in etlichen EU-Ländern die Konsumsteuern kräftig erhöht, freilich ohne kompensierende Senkungen der Lohn- und Kapitalsteuern.

Eine kurze Einführung in die Wirkung der Mehrwertsteuer

Im Zuge der Krisenbewältigung wurde in vielen europäischen Staaten die Mehrwertsteuer zum Teil ordentlich erhöht, so in Spanien von 16% im Jahr 2009 auf mittlerweile 21%; in Griechenland von 19% auf 23%, oder bereits 2007 in Deutschland von 16% auf 19%.

Nun ist eine der häufigen Kritiken – die auch wissenschaftlich fundiert sind —, daß Mehrwertsteuererhöhungen rasch weitergegeben werden, während Mehrwertsteuersenkungen sich kaum niederschlagen würden. Und tatsächlich ist das so: Die zahlreichen Mehrwertsteuererhöhungen haben die Inflation im Euroraum trotz magerer Konjunktur angeheizt.

Untenstehende Graphik versucht, die Wirkung der Mehrwertsteuer darzustellen. Dabei wird fallender Grenznutzen durch eine weitere Einheit unterstellt – der zweite Becher Wasser bringt mehr Nutzen als der zwölfte -, und steigende Grenzkosten, die industrieweit plausibel sind.

Die Hersteller würden in meinem fiktiven Beispiel zum Preis 5 z.B. 20 Stück eines Gutes herstellen, zum Preis von 4 nur 11 Stück, weil der Verkauf des 12. Stücks zu diesem Preis ein Verlustgeschäft wäre. Die Konsumenten aber würden zum Preis von 4 auch 30 Stück einkaufen, zum Preis von 5 aber nur 10. Ohne Steuer treffen sie sich bei einem Preis von etwa 4,6 und 15 Stück.

Nun kommt eine Mehrwertsteuer von 25% hinzu. Die Produzenten können jetzt 15 Stück nur mehr zum Preis von mindestens 5,75 anbieten, wollen sie ihre Kosten trotz Steuer hereinbekommen. Ihnen selbst bleiben ja weiterhin nur 4,6 davon. Doch zu diesem Preis werden die Konsumenten nicht 15 Stück einkaufen, sondern nur 5. Schließlich einigt man sich via Kaufentscheidungen: 11 Stück zum Preis von 5.

In unserem Diagramm markiert nicht mehr der türkise, sondern der orange Stern das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Die Steuern haben einen Keil zwischen Angebot und Nachfrage getrieben, die den Ertrag der Steuern ausmachen. Der Gesamtnutzen der Konsumenten aus dieser Transaktion sinkt. Die Konsumentenrente – der Bereich unter der Nachfragekurve, aber über der Summe aus Einnahmen und Steuern -, ist spürbar geschrumpft. Genauso die Produzentenrente, der Bereich innerhalb des Einnahmenrechtecks über der Angebotskurve.

Das Dreieck, das links von den Steuern, oben von der Nachfragekurve, unten von der Angebotskurve und rechts vom türkisen Stern begrenzt wird, stellt absolut verlorenen Nutzen dar, der nunmehr weder Staat, noch Konsumenten oder Produzenten zufließt.

Man erkennt: Die Steuererhöhung muß gerade in einer Wettbewerbssituation sofort durchschlagen, wollen die Unternehmer nicht mit Verlust produzieren. In der Wirlichkeit ist etwas komplizierter: Manche Hersteller haben Marktmacht, Angebot und Nachfrage reagieren je nach Gut unterschiedlich auf Preisänderungen. Aber im großen und ganzen trifft es zu.

Was geschieht nun bei einer Senkung der Mehrwertsteuer, sagen wir auf zehn Prozent? Ein Blick ins Diagramm verrät: Wir kommen von der punktierten auf die strichlierte Angebotskurve, vom orangen zum blauen Stern als Gleichgewichtspunkt. Das müsste doch zu einer Preissenkung führen? Tut es – langfristig gesehen – auch. Doch selbst in einem Modell mit vollkommener Information und vollkommenem Wettbewerb gibt es einen Grund, warum diese Preisänderungen nicht so durchschlagen. Denn wir haben ja ein System laufender Geldentwertung. Wenn diese Inflation nun wegen der Mehrwertsteuersenkung geringer ausfällt, so fällt das weniger auf.

Dazu kommt, daß in der Realität viele Unternehmer beschränkt Marktmacht haben, und daher kurzfristige Mitnahmeeffekte realisiert werden.

Die obige Betrachtung ist etwas verzerrend, weil sie einen Markt betrachtet hat. Betrachten wir nun beschränkte Budgets, die wir zwischen Sparen und verschiedenen Gütern aufteilen. Aggregiert ist der Effekt der höheren Mehrwertsteuer eindeutig: Die Kaufkraft der Betroffenen geht zurück. Da ärmere Schichten einen höheren Teil ihres Einkommens für Konsum aufwenden, sind diese vom Kaufkraftrückgang natürlich auch stärker betroffen.

Es ist übrigens ein Märchen, das niedrige Mehrwertsteuersätze etwa auf Lebensmittel eine effektive Hilfe für niedrige Einkommen wären. Wer mehr verdient, gibt auch mehr für Lebensmittel aus (man denke nur an das Einkommensprofil eines Biomarktes), und profitiert davon natürlich ebenso.

Zahlt sich eine Vollzeitstelle aus?

„Wozu mehr arbeiten?“, fragt Jeannine Hierländer in der „Presse“ nur halb rhetorisch. In Österreich ist die Steuerprogression besonders stark und früh ausgeprägt. Während niedrige Einkommen steuerfrei sind, erreicht man sehr früh eine Art Flat Tax aus Sozialversicherung und Lohnsteuer von etwa 44%. Betrachtet man die Einkommensteuer allein, so ist die Bemessungsgrundlage (aus der die Sozialversicherungsbeiträge bereits ausgeschieden worden sind) bis 11.000 Euro steuerfrei, dann beginnt bereits ein Grenzsteuersatz von 36,5% zu wirken. Bereits bei einem Jahreseinkommen ab 60.000 Euro hat man die höchte Besteuerungsstufe (50%) erreicht. Diese Graphik der Arbeiterkammer, die allerdings mit dem für ökonomische Entscheidungen weniger relevanten Gesamtanteil von Steuern und Sozialversicheurng am Einkommen operiert, unterstreicht das Problem.

Hierländer schreibt daher: „Wer von Voll- auf Teilzeit umsteigt, arbeitet in vielen Fällen um die Hälfte weniger und verliert dabei nur ein Drittel seines Nettoeinkommens.“

Ein Beispiel, gerechnet mit dem Brutto-Netto-Rechner des BMF: Ein alleinstehender Dienstnehmer ohne Pendlerpauschale erhält ein Bruttoeinkommen von 2.500 Euro monatlich. Das entspricht einem Brutto-Jahreseinkommen von 35.000 Euro, abzüglich von Sozialversicherung, Lohnsteuer etc. nur 23.972,62.  Den Dienstgeber hat er aber insgesamt sogar 45.916,00 Euro gekostet. Nun reduziert der Dienstnehmer seinen Vertrag auf 25 Stunden, also 1.562,50 monatlich. Das Brutto-Jahreseinkommen beträgt nun 21.875, netto bleiben 16.658,10. Der Dienstgeber muß insgesamt 28.697,54 aufwenden. Die Arbeitszeit wurde um 37,5% reduziert, das Nettoeinkommen sank aber nur um 30,5%. Die Gesamtabgabenbelastung des Mehrverdienstes betrug übrigens 44,27%. Ohne 13./14. wäre der Unterschied eklatanter, ebenso in Bereichen mit höheren Stundenlöhnen. Tatsächlich gibt es Branchen, in denen die Rechnung Hierländers die Realität approximiert. A propos: Der Grenzertrag der 40. Wochenstunde liegt für den beispielhaften Dienstnehmer bei 487,68 Euro netto, aber 875 Euro brutto im Jahr. In gewissen Bereichen (so z.B. beim Sprung von 1.490 Euro auf 1.500 Euro brutto/Monat) führt ein höheres Bruttoeinkommen sogar zu einem niedrigeren Nettoeinkommen.

Wer also sein Leben auch mit dem geringerem Einkommen aus Teilzeit bestreiten kann, was insbesondere für Menschen zutrifft, die nicht alleine wohnen (Ehepartner, bei den Eltern, auch Wohngemeinschaften etc.), könnte auf Grund des rapide abnehmenden Grenzertrags der Mehrarbeit leicht den Schluß ziehen, daß sich eine Vollarbeitsstelle nicht auszahlt. Umso mehr, wenn die so gewonnene Zeit für Tätigkeiten genutzt werden kann, denen man selbst eine hohe Priorität einräumt. Ökonomisch gesprochen: Aus deren Ausweitung man einen hohen persönlichen Grenznutzen zieht. Wer sich aus gesellschaftspolitischen Gründen über die hohe Teilzeitquote bei Frauen beschwert, würde hier einen Puzzlestein finden.

Nebenbei: Interessant, daß die Arbeiterkammer und Gewerkschaft den Anstieg an Teilzeit-Verträgen immer scharf kritisieren und als Armutsfalle geißeln, aber selbst immer wieder Vorstöße für eine Verkürzung der Arbeitszeit vornehmen. Allgemeine Teilzeit sozusagen. Siehe übrigens diesen „Presse“-Artikel von Wolfgang Scherf, warum eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung die Versprechen ihrer Proponenten rein technisch nicht einlösen kann.

Most of our people never had it so good

Tim Harford ist ein Populärwissenschafter im besten Sinn des Wortes: Er verpackt ökonomisches Wissen in anschauliche, alltagstaugliche Beispiele, bildet unterhaltend die Öffentlichkeit, ohne durch allzugroße Vereinfachung seine Leser zu verbilden oder durch allzu abgehobene Sprache zu verachten.

Nun hat er für die BBC einen interessanten Kurzbeitrag zur Entwicklung des Lebensstandard der Briten heute in der Wirtschaftskrise und im langjährigen Vergleich der letzten fünfzig Jahre gedreht.

Aufhänger dafür ist der berühmte Spruch des früheren britischen Premiers Harold Macmillan aus dem Jahr 1957: „Most of our people never had it so good.“ Angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs der Fünfziger Jahre eine verständliche und durchaus richtige Aussage.

Die Entwicklung der Einkommensperzentilen, die Harford kurz thematisiert, ist freilich ebenfalls nicht die ganze Geschichte, denn der Großteil der Menschen wandert im Laufe ihres Erwerbslebens durch verschiedene Einkommensperzentilen. Ein Beispiel: Der Student mit Nebenjob oder der Lehrling bewegt sich in einer unteren Perzentile, derselbe Mensch ist Jahre später als fertiger Akademiker oder erfahrener Meister in einer weitaus höheren Perzentile anzutreffen. Für die Entwicklung der persönlichen Lebensverdienstsumme — oder, noch wichtiger: der Lebenskonsummöglichkeiten — sagt die Entwicklung dieser einzelnen Perzentilen also nur beschränkt etwas aus.

Vier Kontinente, eine kleine Getränkedose

Wenn man kurz innehält und die kleinen, selbstverständlichen Dinge des Alltags wieder einmal betrachtet, dann merkt man bald, daß sie eigentlich nicht so selbstverständlich sind. Da kann man auch wieder in das Staunen des kleinen Kindes über die wunderbare Welt verfallen.

So etwa bei einem Gebräu, daß mir persönlich zwar nicht besonders schmeckt, aber viele Millionen Fans auf der ganzen Welt hat. Und um deren Durst zu löschen, sind eine ganze Menge Leute auf mehreren Kontinenten beschäftigt, wie Kevin Ashton an Hand einer einzigen Dose US-amerikanischen Coca-Colas (das sich vom europäischen übrigens unterscheidet) in seinem Supermarkt zu berichten weiß.

(Link über kottke.org)

Wein-„Terroir“: Ein Marketingschmäh?

Für den Geschmack des Weins spielen neben der Rebsorte der Boden, die Höhe, Sonnenstunden, Niederschlagsmenge und vieles mehr eine Rolle. So ist es nur natürlich, daß Weine aus bestimmten Lagen, in denen sich diese Eigenschaften hervorragend kombinieren, traditionell einen besonders guten Preis erzielen können.

In Frankreich hat man mit dem „Terroir“-Marketing da eine Vorreiterrolle eingenommen und einige Top-Lagen als Inbegriff guten Weins etablieren können. Daher hält dieses Wort auch Einzug im Marketing anderer Ländern; hier wird es bspw. vom österreichischen Weinmarketing beschrieben.

Vier Ökonomen – zwei in den USA, einer in Brüssel, einer in Frankreich – wollten die Aussagekraft des „Terroir“-Begriffs wissenschaftlich testen. Zwei von ihnen, Orley Ashenfelter und Karl Storchmann, haben mit dem Journalisten George Taber renommierte Wein-Connaisseure zu einer Blindverkostung eingeladen: Acht allgemein für gut befundene französische Weine und zwölf Weine aus New Jersey [!], je die Hälfte Rot und Weiß. Tatsächlich gewannen zwei französische Weine – Clos des Mouches 2010 bei den Weißweinen, Château Mouton-Rothschild 2004 bei den Rotweinen –, doch nur der Clos des Mouches wurde auch statistisch signifikant für besser befunden, während die anderen Weißweine im Prinzip innerhalb der Schwankungsbreite beisammenlagen. Bei den Rotweinen war ein Vertreter aus New Jersey signifikant schlechter, doch die andere Weine wurden allesamt ähnlich gut beurteilt, Terroir hin oder her.

Die beiden europäischen Partner, Oliver Gergaud und Victor Ginsburgh, haben schon vor Jahren in einem Paper festgestellt, daß die Qualitätsurteile der Weinexperten und Konsumenten weniger durch die Einzellage als durch die verwendeten Techniken und Prozesse des Weinbaus und der Vinifizierung erklärt werden können. Andererseits ist bekannt, daß Menschen bereit sind, für einen bestimmten Terroir mehr zu zahlen.

Die Lösung scheint sich so anzubieten: Die Landschaft und das Klima beeinflussen natürlich den Geschmack; doch die Unterschiede zwischen zwei Einzellagen ähnlicher Art, die beide von einem guten, versierten Winzer gepflegt worden sind, sind für den menschlichen Geschmackssinn nicht mehr feststellbar. Das macht aber nichts, denn zum „Gesamterlebnis Wein“ gehört für viele eben auch die Flasche, das Etikett, der Preis, etc. Es ist bekannt, daß Weine den Menschen tendenziell besser schmecken, wenn sie erfahren haben, daß es sich um einen hochpreisigen Tropfen handelt. Insofern gehört ein wenig „Terroir“-Selbstbetrug zur Weinerfahrung heutzutage einfach dazu.

Arbeiten wie im Mittelalter

Die Tageszeitung „Die Presse“ hat seit 2010 eine interessante wirtschaftliche Kolumne mit Bildungsauftrag, den „Hobbyökonomen“. Dabei werden immer wieder aktuelle, aber auch Episoden aus der Wirtschaftsgeschichte behandelt, die oft relevanter für die Gegenwart sind, als man annehmen würde.

So auch diesmal, und zwar unter der durchaus provokanten Überschrift: „Im Mittelalter wurde weniger gearbeitet als heute”. Heutzutage wird ja im öffentlichen Diskurs unter „Arbeit“ immer nur „Erwerbsarbeit“ verstanden, während Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Bügeln oder Reparaturen nur dann als Arbeit anerkannt werden, wenn es jemand anderer gegen Bezahlung übernimmt. Vor diesem Hintergrund wird die „Arbeitszeit“ im Spätmittelalter von Historikern nicht allzu hoch angesetzt.

Der Arbeitstag war bis zur Industrialisierung weitgehend von den Jahreszeiten und vom natürlichen Licht bestimmt. Da viele Arbeiten körperlich sehr anstrengend waren, sowohl in der Landwirtschaft oder im Handwerk, waren häufige Pausen üblich und auch notwendig. Dazwischen wurden auch andere wichtige Arbeiten der privaten Sphäre erledigt. Auch der Jahreskreis war darauf ausgelegt, durch Zeiten des Feierns und häufige kirchliche Feiertage Erholungspausen zu ermöglichen. Das kirchliche Sonntagsgebot hat so auch eine soziale Dimension, die schon dem jüdischen Sabbatgebot ausdrücklich innewohnt.

Auch waren bis zur Industrialisierung die „Erwerbsarbeit“ und das Privatleben bei weitem nicht so getrennt wie heute. Vielfach kann man eine Familie damals als eine Art „Kleinbetrieb“ verstehen, die alle möglichen Aufgaben zur Erhaltung auf seine Mitglieder arbeitsteilig aufteilt, die aber örtlich so nahe beieinander tätig sind, daß eine gegenseitige Hilfestellung leicht möglich war.

Das ist keineswegs eine idyllische Zeit gewesen; es war anstrengend und aufreibend, den Lebenserhalt zu sichern. Aber nicht so anstrengend und aufreibend, wie es in den ersten Jahrzehnten der industriellen Revolution für viele Menschen werden sollte. Denn die familiäre Einheit wurde durch die Fabriksarbeit aufgesprengt – vor diesem Hintergrund ergibt auch Marxens Diktum von der Entfremdung einen wenn auch nicht intendierten Sinn –, die Arbeitszeiten auf bis zu 80 Stunden nahezu pausenloser Arbeit massiv ausgeweitet, ohne daß die nötige Zeit für andere Aufgaben zum Erhalt der Familie geschrumpft wäre.

Erst Jahrzehnte später sollte die gestiegene Produktivität auch in den ärmeren Schichten zu einem Wohlstandsgewinn führen, der sich in kürzeren Wochenarbeitszeiten bei ausreichendem Lohn einerseits, in erschwinglichen Hilfen zur Erleichterung der Arbeiten in der privaten Sphäre andererseits (wie die Erfindung des Suppenwürfels …) ausdrückten.

Der Mindestlohn – eine unökonomische Debatte

In den USA tobt eine Diskussion um die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns von $7,25 auf $9 (€ 6,80), was bei einer 40-Stunden-Woche etwa einem Mindest-Monatsgehalt von 1560 US$ (€ 1180) entsprechen würde. Auslöser war ein entsprechender Vorschlag des US-Präsidenten Barack Obama. In einem Land, in dem Millionen von Menschen illegal leben und arbeiten von der Rechtsdurchsetzung her schon kurios.

Auch in Deutschland wogt seit einiger Zeit die Mindestlohndebatte, wobei sie weniger von den Betroffenen auszugehen scheint als von gut situierten Personen, die ihr „soziales Profil“ schärfen wollen. So hat Jürgen Trittin in der „Rheinischen Post“ vor kurzem wieder einen gesetzlichen Mindestlohn gefordert. In Österreich gibt es übrigens keinen gesetzlichen Mindestlohn, dafür flächendeckende Kollektivverträge mit Mindestentgelten, die man anders als in Deutschland wesentlich schwieriger umgehen kann.

Nun stehen sich in der Frage des Mindestlohns zwei grundverschiedene Gedankenwelten gegenüber, wie sie etwa in der Frage von Textilien aus Ostasien ebenso aufeinanderprallen. Die einen halten Löhne unter einer gewissen Höhe einfach für unmoralisch; besser sei es, wenn einzelne Menschen arbeitslos auf Kosten der Allgemeinheit lebten, als dass jemand für solche Löhne arbeiten würde, freiwillig hin oder her. Die anderen meinen gerade umgekehrt, es sei unmoralisch, Menschen in die Abhängigkeit vom Staat zu zwingen oder – im Falle der Textilarbeiter – in existentielle Not zu bringen, wenn sie sich doch freiwillig etwas dazuverdienen würden. Sie zu zwingen, nur noch zu Löhnen arbeiten zu dürfen, die eben niemand für sie zahlen würde, sei geradezu menschenverachtend.

Der ökonomische Sachverstand dagegen wird in der Mindestlohndebatte selten gebraucht, weil es eben nur in engen Grenzen um Ökonomie geht. In den USA geht es um ein Thema für die Demokraten, um die Republikaner als herzlose Plutokraten darzustellen, wie der Atlantic wohlwollend schreibt. In den USA treiben SPD und Grüne ähnliche Kalküle, und CDU/CSU wollen durch ein eigenes Vorpreschen in Sachen Mindestlohn die Wahlstrategie von Rot-Grün durchkreuzen.

Dabei begehen viele den Kategorienfehler, niedrige Löhne automatisch mit Armut gleichzusetzen. Viele der Niedriglohnjobs in den USA werden werden von Studenten oder anderen Personen ausgefüllt, die grundsätzlich bereits durch das Einkommen anderer Familienmitglieder (Eltern, Ehepartner, etc.) erhalten werden. Wenn ich tatsächlich arme Haushalte unterstützen will, wie es Obama als Begründung genannt hat, wären Direkttransfers wohl die effizientere Lösung.

Ökonomisch bedeutet ein Mindestlohn in der Regel die Verteuerung von Arbeit, und damit den Wegfall marginaler Arbeitsplätze. Manche werden tatsächlich mehr verdienen, andere weniger Stunden arbeiten, so daß die unproduktivsten Zeiten gestrichen werden, andere in den Schwarzmarkt ausweichen, andere ganz einfach keinen Job mehr finden. Der Nettoeffekt ist dabei nicht immer leicht zu bestimmen; die Tendenz, Menschen aus dem Arbeitsmarkt hinauszupreisen, ist aber klar. Die negativen Beschäftigungseffekte werden durch Inflation und je nach Einsatz verschieden langen Umrüstungszeiten gemildert, z.B. werden in manchen Branchen geplante Investitionen, um zu teuer gewordene Arbeitskräfte einzusparen, durch die Geldentwertung wieder gegenstandslos. Obamas Vorschlag wäre daher schlimmer als die bisherigen, weil er den Mindestlohn indexieren will.

Eine Ausnahme von diesen negativen Effekten bestünde freilich, wenn gewisse Unternehmen übermäßige Marktmacht am Arbeitsmarkt besäßen, ein Monopsonist wären. Das ist das Gegenteil des Monopols: Nicht ein einziger Anbieter, sondern ein einziger Nachfrager, der wiederum durch seine Stellung Renten abschöpfen kann. Dann sind Mindestlöhne ähnlich einer Preisregulierung für Monopolisten sogar geboten. Doch das wird weder für Deutschland noch für die USA, ja nicht einmal von Verfechtern des Mindestlohns behauptet.

Hyperinflation im Jenseits

Ich blogge gerne über Wirtschaftsthemen und gerne über den Glauben, da darf dieses Cross-Over des US-Ökonomen und Kabarettisten Yoram Bauman nicht fehlen:

Leidet das Jenseits – die in einer sehr pessimistischen Sicht der Dinge von Bauman immer mit der Hölle und Unterwelt gleichgesetzt wird – unter einer Hyperinflation? Warum das so sein könnte, erklärt Bauman selbst in derselben Art, in der sonst neue wirtschaftswissenschaftliche Paper diskutiert werden.

Wer mehr vom „Stand-Up-Ökonomen“ sehen will, wird hier auf seinem Youtube-Channel fündig oder besucht seine Homepage standupeconomist.com. Bauman hat auch eine Comics-Einführung in die Ökonomie gemeinsam mit Grady Klein verfaßt, dessen erster Band mittlerweile sogar auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht wird man damit ja wirklich „mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen“, wie es der deutsche Buchtitel verspricht (der englische ist weniger hochtrabend).

(via Greg Mankiw)

Jim Rogers hat recht — und die Federal Reserve auch

Jim Rogers ist in Österreich kein Unbekannter, gilt der Investor doch als derjenigen, der 1985 die Wiener Börse „wachküßte“ – und für die folgenden Jahre behielt er dank Ostphantasie durchaus recht. Daß nicht zuletzt dank der einheimischen Politik die Börse wieder eingeschlafen ist, dafür kann Rogers freilich nichts. Wäre ihm auch egal: Der ehemalige Partner von George Soros hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, daß er einen Sinn für die großen Zusammenhänge hat, insbesondere derart, wie sich darin Investitionsmöglichkeiten ergeben. Dabei hat er seine Reputation wohl auch immer wieder eingesetzt, um eigene Investitionen durch Beeinflußung der Meinung anderer Marktteilnehmer abzusichern.

Vor diesem Hintergrund sind auch seine aktuellen Warnungen vor „Geld drucken“ der Notenbanken Japans oder der USA zu sehen, die er zuletzt auf CNBC äußerte. Zur Zeit wirken ja zwei negative Effekte für Anleger in Anleihen: Die herrschende Unsicherheit über die weitere Entwicklung in Europa, den USA und Japan führt zu einem Mangel an Investitionsmöglichkeiten und einem zurückhaltenden Konsum. Daher flüchten viele in halbwegs sichere Anleihen, die entsprechend niedrige Renditen aufweisen. Die Ausweitung der Geldmenge in den USA und Japan könnte außerdem zu steigenden Inflationserwartungen und schließlich realisierten Preissteigerungen führen, die den Realzins bestehender Anleihen zusätzlich senken.

Das heißt aber nicht, daß diese Ausweitung der Geldmenge, die schlechte Nachrichten für Anleihenanleger bedeutet, auch schlechte Nachrichten für die Gesamtwirtschaft bedeutet. Es stimmt zwar: Durch eine expansive Geldpolitik kann man kein reales Wachstum erzeugen. Doch durch zu restriktive Geldpolitik kann man es verhindern. Um ein Bild zu bemühen: Geld ist aber das Schmiermittel, das den Wirtschaftsmotor am Laufen hält. Wenn man Schmieröl verloren hat, dann muß man es eben nachfüllen. Noch besser ist es, daß Leck abzudichten. Doch dazu muß man daran erst einmal herankommen.

Die USA sind ein typischer Fall dafür, Japan war es lange Zeit ebenso. Durch das Platzen von Immobilienblasen ist nun für zahlreiche Marktteilnehmer die Notwendigkeit entstanden, Schulden abzubauen. Auf der anderen Seite haben Gläubiger Vermögen verloren. Daher geht die Nachfrage zurück, nicht bloß der Konsum, sondern insbesondere die Investitionsnachfrage. Ohne Investitionen aber auch keine Möglichkeiten, seine Ersparnisse sinnvoll anzulegen. Die Banken wiederum, durch die Krise selbst erschüttert und vorsichtig – und durch neue Regulierungen zusätzlich gebunden —, können ihrer Rolle als Finanzintermediär nicht in der gleichen Intensität nachkommen wie bisher. Daher ist es sinnvoll, die Geldmenge auszuweiten, um den Geldkreislauf wieder in Gang zu bringen. Nebenbei schadet auch, gerade im Falle Japans, eine Erhöhung der Inflationserwartungen nicht, da sie zu Vorzieheffekten beim Konsum und zumindest bei Ersatzinvestitionen führt.

Man kann sich so zwar nicht die schmerzhaften realen Anpassungen ersparen, aber man kann sie sich erleichtern. Hier ist die EZB im übrigen zu kritisieren: Denn sie hat lieber direkt hochverschuldeten Staaten geholfen und die so ausgeweitete Geldmenge wieder sterilisiert, als durch eine tatsächliche Geldmengenausweitung die Nominalnachfrage zu stabilisieren und damit die Anpassung der Realwirtschaft zu erleichtern.

Jedenfalls: Panik ist momentan keine angebracht, dazu sind die monetären Impulse der Zentralbanken bislang zu gering.