Drozda oder der Platz der Geschichtslosen

Warum nur will Kulturminister Thomas Drozda unbedingt den Heldenplatz in „Platz der Republik“ oder ähnliches umbenennen? Warum findet der zuständige Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny diese Idee begrüßenswert, statt darüber stillschweigend hinwegzusehen?

Die Antwort ist im Grunde recht simpel: Die aktuelle rot-grüne Wiener Stadtregierung hat ein höchst problematisches Verhältnis zur Stadt Wien und ihrer Vergangenheit. Und leider auch zu ihrer Zukunft.

Im Stile von allmächtigen Regimen, die ihre Gegenspieler aus der Erinnerung auslöschen wollen, soll das Nicht-Rote Wien getilgt werden oder zumindest durch Zusatztafeln so „erklärt“, dass keine Zweifel über Gut und Böse mehr bleiben.

Auch die aktuelle Welle der Demolierung historischer Bauten, für die vor allem Planungsstadträtin Maria Vassilakou verantwortlich zeichnet, ist so verstehen. Wer dieser Vergangenheit keinen positiven Wert beimisst, ja, sie nur als Herausforderung der eigenen Ideologie begreift, ist über ihr Verschwinden ja geradezu froh. Dass „imperiale Wien“ soll einem „modernen Wien“ Platz machen, so das Credo.

Leider ist die Planung für dieses „moderne Wien“ so provinziell, dass es geradezu genant ist. Phantasielose Bauträger-Architektur wird als „Landmark“ verkauft, die Flächenwidmung zugunsten stadtnaher Investoren als „Fortschritt“. Selbst das Umwidmen und Verbauen von Grünflächen im dicht verbauten Gebiet wird als „Nachverdichtung“ schöngeredet. Von der perspektiven- und planlosen Sozial-, Wohn- und Gesundheitspolitik nicht zu reden.

Wer eine Stadt umgestalten will, bräuchte auch eine Vision. Man kann etwa über den früheren Bürgermeister Helmut Zilk geteilter Meinung sein, doch unter seien Ägide wurden mehrere Entscheidungen zum Stadtbild und zum Umgang mit der Stadtgeschichte getroffen, die für internationales Aufsehen im besten Sinne gesorgt haben. Sein Nachfolger hat in über 20 Jahren als Bürgermeister zwar Unmengen an verbauter Fläche zu verantworten, doch nichts geschaffen, das Wien nachhaltig positiv verändert hätte. Stattdessen bleibt es bei Sprechblasen, mutwilliger Zerstörung des Gewachsenen und Ausblendung gegenläufiger Narrative. Geschichtslos und Zukunftslos.

Die Null

Vor kurzem erst schrieb ich über den Dichter, Dramatiker und Vizepräsidenten der Gesellschaft der Musikfreunde Salomon Hermann Ritter von Mosenthal. Ich will die Gelegenheit gleich nutzen, sein Oeuvre ein wenig bekannter zu machen, so seine Gedichte, die man bei Google Books lesen kann. So z.B. dieses hier:

Die Null

Stand einst die Null an ihrem Platz,
Da war sie wohl ein rechter Schatz:
„Nein, sprach sie, ich will oben hin,
Damit ich auch was Rechtes bin.“

Nun blies sie sich gewaltig auf,
Schob sich von Stell’ zu Stell’ hinauf;
Jetzt stand sie oben und freut’ sich sehr:
— Da galt sie aber gar nichts mehr.

Mosenthals mathematische Ausbildung an Gymnasium und Polytechnikum war doch nicht umsonst gewesen …

Man löscht ja auch nicht Feuer mit Feuer …

In der am Sonntag zitierten Stelle der Bergpredigt wird auf das Schadenersatzrecht der Tora rekurriert. Im Buch Exodus heißt es nämlich:

Wenn Männer in Streit geraten und einer den andern mit einem Stein oder einer Hacke verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird, später wieder aufstehen und mit Krücken draußen umhergehen kann, so ist der freizusprechen, der geschlagen hat; nur für die Arbeitsunfähigkeit des Geschädigten muss er Ersatz leisten und er muss für die Heilung aufkommen. Wenn einer seinen Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stock so schlägt, dass er unter seiner Hand stirbt, dann muss der Sklave gerächt werden. […] Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme. Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.

Nun ist die genaue Auslegung dieser Stelle schon im antiken Judentum umstritten gewesen und schwankt zwischen einem Schadenersatzkatalog und einer tatsächlichen lex talionis, die Gleiches mit Gleichem vergelten soll. Letzteres wäre im Zeitkontext nicht ungewöhnlich; jedoch finden sich im Alten Testament keine Beispiele eines angewandten Talionsprinzips. Für das Verständnis der Bergpredigt tut das ohnehin nichts zur Sache. Dort heißt es:

Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Will jemand mit dir rechten und dir deinen Rock nehmen, dann laß ihm auch den Mantel. Nötigt dich jemand, eine Meile weit mitzugehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib; wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet, der seine Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute, und es regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur jene liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das gleiche nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Freunde grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das gleiche nicht auch die Heiden? Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Schon antiken Kommentatoren war klar, dass hier nicht christliches und jüdisches Gesetz gegeneinander ausgespielt werden sollen. Jesus sagt ja, er sei nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben. Er schärft vielmehr den Blick auf die dahinterliegenden Prinzipien. Der Jurist würde sagen: er klebt nicht an der Wortinterpretation, sondern fordert die systematische und teleologische Interpretation ein.

Der hl. Johannes Chrysostomos († 407) hat in seiner Auslegung des Matthäus-Evangeliums in Predigtform dazu interessante Gedanken geäußert:

Durch die Androhung von Strafe hat er nämlich unsere Lust zu Gewalttätigkeiten etwas gedämpft. Auf diese Weise also streut er langsam den Samen seiner großen Weisheit aus, indem er nicht will, dass der, dem ein Unrecht geschehen, in gleicher Weise Vergeltung übe.

An sich hätte ja der Urheber dieses Unrechts eine größere Strafe verdient. Das verlangt der Begriff von Gerechtigkeit. Da er aber wollte, dass mit der Gerechtigkeit sich auch die Liebe paare, so verurteilt er den, der eigentlich mehr gefehlt hat, zu einer geringeren Strafe, als er verdient hätte. Damit gibt er uns die Lehre, dass wir auch dann, wenn wir Unrecht erfahren, große Milde und Nachsicht üben sollen.

Nachdem er also das alte Gesetz erwähnt und es im Wortlaut angeführt hatte, zeigt er auch hier wieder, dass es nicht der Bruder ist, der solches tut, sondern der Böse. Deshalb setzt er auch bei: „Ich aber sage euch, widersetzt euch dem Bösen nicht.“Er sagte nicht: Widersetzt euch nicht eurem Bruder, sondern: „dem Bösen“. Er deutet damit an, dass er es ist, der zu solchen Missetaten verleitet. Dadurch zügelt und beseitigt er schon den größten Teil des Zornes, den man gegen den empfindet, der uns Böses tut, indem er nämlich die Schuld daran auf einen anderen schiebt.

Aber wie! Sollen wir wirklich dem Bösen keinen Widerstand leisten? Ja, gewiß; aber nur nicht in dieser Weise, vielmehr so, wie er es uns befohlen; du sollst nämlich das Unrecht willig ertragen; denn gerade so wirst du Herr über dasselbe werden. Man löscht ja auch Feuer nicht mit Feuer, sondern mit Wasser.

Schon im Alten Bund galt Jesu’ Regel

Damit du aber siehst, dass auch schon im Alten Bunde derjenige Sieger blieb und den Siegespreis erhielt, der geduldig litt, so prüfe nur, was damals geschah, und du wirst bemerken, dass der leidende Teil bei weitem den Vorrang erhält.

[…] Im Alten Bunde sagte also der Herr: „Wer seinem Bruder mit Unrecht zürnt, wer ihn einen Narren schilt, der wird des höllischen Feuers schuldig sein“; hier verlangt er aber schon größere Tugend, da er demjenigen, der Unrecht leidet, nicht bloß befiehlt, die Ruhe zu bewahren, sondern seinem Gegner sogar zuvorzukommen und ihm die andere Wange darzubieten. Diese Weisung bezieht sich aber nicht bloß auf solche Faustschläge, sondern er will uns damit anleiten, auch in allen anderen Dingen Unrecht geduldig zu ertragen.

Da der Herr sagt: „Wer seinen Bruder einen Narren schilt, ist der Hölle verfallen“, dachte er auch nicht bloß an diesen Ausdruck, sondern an jede Art von Beleidigung. Ebenso bestimmt er hier nicht, dass wir bloß Faustschläge mannhaft ertragen, sondern dass wir uns überhaupt durch kein Unrecht aus der Fassung bringen lassen sollen. Darum wählte er auch dort gerade die schwerste Beschimpfung, hier einen Schlag, der unter allen als der beschämendste und entehrendste gilt, den ins Gesicht.

Seine Weisung bezieht sich aber sowohl auf den, der schlägt, als auch auf den, der geschlagen wird. Der Mißhandelte, der eine solche Höhe der Tugend erreicht hat, wird gar nicht denken, dass ihm ein Unrecht widerfahren. Er wird ja schon gar nicht das Gefühl einer Beschimpfung empfinden, da er eigentlich viel eher kämpft, als geschlagen wird.

Sanftmut ist wirksamer als Vergeltung

Der Angreifer hingegen wird beschämt werden und keinen zweiten Schlag mehr führen, und wäre er auch schlimmer als das wildeste Tier. Ja, er wird sogar seinen ersten Schlag selbst gar sehr mißbilligen. Nichts hält ja die Bösen so sehr zurück, als wenn man das geschehene Unrecht sanftmütig erträgt; und zwar hält es sie nicht bloß von weiterer Gewalttätigkeit zurück, sondern es bewirkt auch, dass sie das frühere eher bereuen, die Sanftmut des Beleidigten bewundern und abstehen. Ja, es macht sie aus Feinden und Gegnern nicht bloß zu Freunden, sondern zur Hausgenossen und gegenseitigen Dienern.

Übt man dagegen Widervergeltung, so erreicht man in allem das Gegenteil. Es bringt beiden Schaden, macht die schlechter, als sie waren, und entfacht die Zornesflamme nur um so mehr: ja, wenn das Unheil noch weiter geht, hat es oft sogar den Tod im Gefolge. Aus diesem Grunde befahl der Herr, nicht bloß keinen Zorn aufkommen zu lassen, wenn jemand dich schlägt, du sollst sogar dieses Verlangen befriedigen, damit es nicht den Anschein habe, als hättest du den ersten Schlag nur wider Willen ertragen. Auf diese Weise kannst du auch dem Beleidiger einen viel passenderen Schlag versetzen, als wenn du ihn mit der Hand schlügest, und dazu wirst du aus einem gewalttätigen Menschen ein sanftmütiges Lamm machen.

In einer heutigen Standardpredigt wäre wohl von der „Spirale der Gewalt“ die Rede, die durchbrochen werden müsse. Chrysostomus ist da wesentlich direkter: Vergeltung verändert einen selbst, während es den anderen kaum zur Einsicht bewegt. Der wahre Gegenschlag ist erfolgt, wenn der Gegner sein Unrecht einsieht und bereut.

Ist Religion Privatsache?

Den Spruch „Religion ist Privatsache“ haben viele Menschen schon so sehr verinnerlicht, dass selbst sehr religiöse Menschen akute kognitive Dissonanz erleiden, wenn er in Frage gestellt wird. Diese Verinnerlichung mag uns auch einige Konflikte erspart haben. Sie ist dennoch in der landläufigen Bedeutung falsch.

Religion ist genauso Privatsache wie eine politische Überzeugung, oder ein Plan, ein Haus zu bauen, und hört genauso dabei auf, reine Privatsache zu sein, wo sie andere Menschen beeinflusst. Durch den Wahlakt oder weitergehendes politisches Engagement wird politische Gesinnung zum Gegenstand öffentlichen Diskurses. Durch den Antrag auf Baubewilligung wird aus dem Plan ein Vorhaben, das in das Leben vieler Mitmenschen eingreift und in die öffentliche Sphäre eintritt. Sonst bräuchten wir auch keine Bauordnung.

Religion, ob transzendental oder säkular, schafft Grundlagen der Welteinordnung und bietet Leitschienen für das eigene Handeln. Es hat daher auch für andere Menschen eine Bedeutung, welche Religionen in einer Gemeinschaft vorherrschen und die allgemeine Ordnung prägen.

Es hat z.B. für die Inhalte der Sozialgesetzgebung Konsequenzen, ob man

  1. an einen mythischen Klassenkampf glaubt, der nach einem eisernen Gesetz der Geschichte abläuft;
  2. oder daran, dass alles Gute und Schlechte, das einem widerfährt, im Grunde selbstverschuldet ist, d.h. auf das Karma zurückzuführen ist;
  3. oder jeder Mensch auf Grund der durch Gottes Ebenbildlichkeit verliehenen Würde den Nächsten lieben soll wie sich selbst,
  4. oder jeder Mensch eine rationale, autonome Person ist, deren höchstes Gut die absolut freie Entfaltung ist, die aber daher auch die volle Verantwortung für ihr Tun und Lassen trägt.

Welchen Religionen, welchen Wertvorstellungen die Menschen in einem Gemeinwesen anhängen, hat somit Folgen, die weit über das Private hinausgehen. Und so, wie ich nicht jede politische Richtung gleich wertschätzen kann, so ist sogar notwendig, nicht jede Religion gleich wertzuschätzen. (Ein Dialektiker kriegt die Bewältigung der auftretenden Widersprüche vielleicht trotzdem hin …)

Den drohenden Konflikt der unterschiedlichen Einstellungen und Ansprüche kann man durch echte Toleranz lösen, die Bereitschaft zur Duldung einem widerstrebender Äußerungen und Ansichten, und das demütige Offenhalten der Möglichkeit, persönlich selbst im Irrtum zu sein. Freilich sind auch das keine Haltungen, die voraussetzungslos existieren können, und mit der bestimmte Anschauungen einfach inkompatibel sind.

Salomon Ritter von Mosenthal: Ein erfolgreich vergessener Dramatiker

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)

Salomon Hermann von Mosenthal. (Bildarchiv Austria)


Wer kennt heute noch Salomon Hermann Ritter von Mosenthal (*1821 † 1877)? Träger des Franz-Josephs-Ordens und des Ordens der Eisernen Krone, Vizepräsident der Gesellschaft der Musikfreunde, im 19. Jahrhundert einer der international erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatiker. 140 Jahre nach seinem Tod ist der einst vielgespielte Dichter weitgehend vergessen. Und doch ist er immer noch auf den Bühnen präsent, denn das Libretto der „Lustigen Weiber von Windsor“ stammt aus seiner Feder. Dieses von Otto Nicolai, dem Gründer der Wiener Philharmoniker, vertonte Werk erfreut sich weiterhin einiger Beliebtheit auch über den deutschen Sprachraum hinaus, wie man etwa der Operabase entnehmen kann.

Und noch ein zweites Werk wird wieder öfter gelesen, seine „Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben“. Diese schöpfen aus den Erinnerungen an seiner Kinder- und Jugendzeit in Kassel und schildern kleine und größere Begebenheiten in einer eingängigen Sprache. Mosenthal wendet sich dabei an Nichtjuden, sodass man auch ohne tiefere Kenntnisse des Judentums die Geschichten lesen kannm, und hat mit diesen schon zu seiner Zeit gut aufgenommenem Buch ein wertvolles Zeugnis jüdischer Lebensart in den Kleinstädten hinterlassen. Der Wallstein-Verlag hat dieses Buch 2001 dankenswerterweise wieder aufgelegt.

Der jüdische Literat und Dramatiker stammte aus einer verarmten Kaufmannsfamilie. „Er hat sich aus kümmerlichen Verhältnissen heraufgearbeitet“, beschrieb es der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick nicht ohne Wohlwollen. Trotz der Armut konnte er auf Initiative der Mutter hin das Gymnasium in seiner Geburtsstadt Kassel besuchen, später auch das polytechnische Institut Karlsruhe, den Vorläufer der heutigen Technischen Universität. Schon als Schüler versuchte er sich schriftstellerisch, wie uns das Biographische Lexikon des Kaisertums Österreichs blumig wissen lässt:

Bereits als Gymnasialschüler dichtete er, und diese Erstlinge seiner Muse hat M. in die später erschienene Sammlung seiner Gedichte als „Primula veris“ aufgenommen. Als Zögling des Karlsruher Polytechnicums kam er mit mehreren Sängern der schwäbischen Schule, mit Justinus Kerner und Gustav Schwab, in nähere Berührung, so daß es dem strebsamen talentvollen Jünglinge auf der betretenen poetischen Bahn an Ermunterung nicht fehlte; auch öffneten ihm zwei der besten schöngeistigen Blätter jener Periode, Dingelstedt’s „Salon“ und Lewald’s „Europa“, ihre Spalten, und eine in letzterer anonym abgedruckte Novelle: „Die kleine Amaryll [!] und der blonde Ruprecht“, welche des damals in Athen lebenden Dichters Geibel Interesse erweckte, bildete den Anknüpfungspunct späterer freundlicher Beziehungen zwischen beiden Poeten.

Die genannte Novelle des 19jährigen, die in Wahrheit „Die schöne Almaril und der blonde Rupprecht“ heißt, kann man dank Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek heute wieder recht einfach lesen.

Mehr Schöngeist denn Techniker, verließ Mosenthal das Polytechnikum und kam 1841/42 als Erzieher im Hause Goldschmidt nach Wien. Dort knüpfte er bald wieder Kontakte zu Schriftstellern, glänzte in kleinerem Rahmen durch Gedichte und andere Werke und bekam schließlich die Gelegenheit, für Otto Nicolai Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“ für ein Libretto einzurichten und im Theater an der Wien sein Bühnenstück „Der Holländer Michel“ zu platzieren. Seine Arbeit wurde geschätzt, und er konnte in rascher Folge weitere Theatererfolge feiern.

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

„Deborah“ © Wallstein-Verlag

Dabei ist besonders das Volksstück „Deborah“ hervorzuheben. Am Burgtheater zuerst abgelehnt, wurde das Drama um eine vor Pogromen fliehende, neuerlich in eine gefährliche Situation geratende Jüdin Deborah von Hamburg ausgehend ein durchschlagender internationaler Erfolg. Mosenthal gelang eine Figurenzeichnung und Handlungsführung, die beim überwiegend nichtjüdischen Publikum Anteilnahme und Interesse für die Situation der Minderheit wecken konnte. Das Stück wurde in New York und Kapstadt gespielt, in Russland und Frankreich, wie das Biographische Lexikon festhält. Auch „Deborah“ ist übrigens im Wallstein-Verlag neu aufgelegt worden.

Mosenthal verfasste mehrere Opernlibretti, wofür ihm besonderes Geschick attestiert wurde. „Die lustigen Weiber“ wurden schon erwähnt. Es sei auch „Die Königin von Saba“ genannt, deren Buch er für Karl Goldmark schrieb. Die Oper war bis zur NS-Zeit auf den Spielplänen präsent, wurde durch deren Kulturpolitik aber offenbar erfolgreich aus dem Opernleben getilgt. In Budapest gibt es übrigens von 18. bzw. 20. Mai 2017 eine der seltenen Gelegenheiten, das Werk zu sehen — da Goldmark ein Ungar war, wird sein Erbe dort noch gepflegt. Die Aufführung erfolgt in deutscher Sprache mit ungarischen Übertiteln. Auch das „Goldene Kreuz“, zu dem Mosenthal das Libretto und Ignaz Brüll die Musik schrieb, war ein großer Erfolg.

Obwohl aus Kassel, erwies er sich übrigens als echter österreichischer Autor, indem er ab 1850 im Staatsdienst arbeitete. Nämlich im Unterrichtsministerium, wo er 1864 die Leitung der Bibliothek übernehmen durfte und im Laufe seiner Karriere zum Regierungsrat befördert wurde. Dass das Ministerium für Unterricht und Kultus den Juden Mosenthal eine Stelle gab, war durchaus eine kleine Sensation, wie das Biographische Lexikon vermerkte, und zeigt, welche Wertschätzung seine Arbeit damals genoß. Damit konnte er wohl auch seiner Frau Lina die nötige Sicherheit bieten, so dass er 1851 heiraten konnte. Die von ihm überaus geliebte Gattin verstarb überraschend 1862; diesen Schmerz hat er nicht mehr überwunden und blieb alleinstehender Witwer, wie Eduard Hanslick eindrücklich schildert: Offenbar flüchtete er sich u.a. in übermäßigen Zigarettenkonsum, da er sich dann nicht allein vorgekommen sei.

Mosenthal starb mit 56 Jahren. Sein Eintrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1885 schließt daher eindringlich: „Manches konnte man von M. noch erwarten, seine Laufbahn war nicht durchmessen, er ist vorzeitig abberufen worden.“

Seine Zeitgenossen hatten sogar noch mehr erhofft — wir müssen erst wieder entdecken, was der effektvolle Dramatiker und Librettist hinterlassen hat.

Wenn Arme Globalisierungsgewinner sind, ist es auch nicht recht …

„Ist es besser, arme Länder arm sein zu lassen?“, fragen Ingrid Kubin und Peter Rosner im Standard provokant und treffend. Wer den freien Handel mit ärmeren Ländern unter der Begründung ablehnt, dadurch würden die Menschen dort nur ausgebeutet, spricht in der Praxis einem noch viel größeren Elend dieser Menschen das Wort. Denn die Alternative zu den „schlechten“ Jobs sind meist gar keine Jobs. Gleichzeitig senkt man damit aber auch den Wohlstand gerade der nicht so blendend verdienenden Menschen in den sogenannten Industrieländern ebenso:

Was würden Textilien, Handys, technische Haushaltsgeräte bei uns kosten, wenn alle an deren Produktion beschäftigten Arbeitskräfte hier herrschende Löhne erhielten?

Damit antworten die beiden Wirtschaftswissenschafter auf einen sehr emotionalen Kommentar von Kurt Bayer, ehemaligen Direktor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Eigentlich antworten sie nur auf einen Absatz, der ein gängiges Vorurteil wiedergibt:

[K]leine, schwache, im Entwicklungsprozess nachhinkende Länder können aufgrund dieser, auch geografischer, klimatischer und kultureller Umstände nie mit großen hochentwickelten Ländern konkurrieren, müssen sich daher als Anhängsel dieser Großen positionieren – und zahlen dafür mit Ausbeutung ihrer Bodenschätze, Arbeitskraft und Umwelt. Im Gegenzug ziehen die Großen und Reichen insgesamt deutlich mehr Kapital aus den Entwicklungsländern ab, als diese (strukturell kapitalschwach) erhalten.

Armut auf der Welt seit 1820. (c) Max Roser. Lizenz: CC-BY-SA

Armut auf der Welt seit 1820. (c) Max Roser. Lizenz: CC-BY-SA

Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört: „Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher.“ Doch es stimmt einfach nicht. Die voranschreitende Verzahnung der Weltwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten Millionen Menschen aus tiefer Armut befreit, wie man in einem ausführlichen Artikel des Oxford-Projekts Our World in Data nachlesen kann. Besonders in Ostasien wurden spektakuläre Erfolge erzielt, doch auch in Afrika können einige Länder wie Botswana und Gabun durchaus Erfolgsgeschichten für ihre eigene Bevölkerung vorweisen.

Da die Produktivität in diesen Ländern aus verschiedenen Gründen (Infrastruktur, Ausbildung, Institutionen, …) niedriger ist als bei uns, können sie aber nur dadurch konkurrenzfähig sein, dass sie die Kosten auf andere Weise senken: Mit niedrigeren Löhnen. Allerdings sind auch die Kosten des täglichen Lebens niedriger, weswegen die Unterschiede in Kaufkraftparitäten zwischen den Ländern meist geringer sind als rein nach auf Dollar umgerechneten Einkommen zu vermuten wäre.

Vieles der Betroffenheit über ausgebeutete Arbeiter in Entwicklungsländern ist aber ohnehin Heuchelei — die Alternative existenzieller Armut wird überhaupt nicht mitbedacht oder als erschreckend empfunden. Vielmehr sollen protektionistische Reflexe moralisch unterfüttert werden. In meinem Bekanntenkreis ist das oft mit einem plumpen nationalen Sozialismus verbunden: Seht her! Ohne Globalisierung können wir auch in den nostalgisch verklärten Sozialismus der Siebziger Jahre zurückkehren, den ja nur die bösen Neoliberalen zerstört hätten. Schnell erweist sich da die vielgepriesene internationale Solidarität der Sozialisten als Chimäre.

Das Nokia-Handy kehrt zurück

Nokia 6 Werbeaufnahme © HMD

Nokia 6 Werbeaufnahme © HMD

Der Niedergang der Mobiltelephon-Sparte, der ihm Verkauf an Microsoft gipfelte, wird wohl nicht als ruhmreiches Kapitel in die Firmengeschichte Nokias eingehen. Doch das Unternehmen hat sich erfolgreich als Netzwerkspezialist quasi neuerfunden und mittlerweile den ehemaligen Rivalen Alcatel-Lucent geschluckt. Und so, wie Alcatel seinen Markennamen für Mobiltelephone an das chinesische TCL lizenziert hat, so hat auch Nokia dem finnischen Startup HMD einen Lizenzvertrag für Mobiltelephone abgeschlossen, der aber auch einiges mehr umfasst. Da HMD zu einem Gutteil aus ehemaligen Nokia-Mitarbeitern besteht, ist auch stilistisch eine gewisse Kontinuität zu erwarten.

Das erste Gerät, das Nokia 6, ist bereits in China am Markt. Ein solides Android-Mittelklassegerät mit gut auflösender Front- und Rückseiten-Kamera, 64 GB internem Speicher plus SD-Kartenplatz, normaler Kopfhörerbuchse und USB-To-Go, d.h. man könnte auch externe Festplatten und andere Peripheriegeräte am Handy anschließen.

Der Name zieht jedenfalls noch: Die erste Lieferung war in kürzester Zeit ausverkauft.

Nun kündigen sich für den Mobile World Congress Ende Februar in Barcelona weitere Neuigkeiten an; Das Nokia 6 kommt nach Europa, die kleineren Geschwister Nokia 3 und Nokia 5 sollen vorgestellt werden und zudem eine Hommage an das quasi unzerstörbare Nokiahandy 3310 das Licht der Welt erblicken, so der Vorbericht von venturebeat.

Geburten: Wenn die Statistik nicht alles weiß

Im Standard findet sich ein interessanter, wenn auch inhaltlich tendenziöser Bericht zur Geburtenentwicklung in Österreich. Nach statistischen Auswertungen wurden 2015 41.783 Kinder (49,5%) von katholischen Müttern geboren, 2.595 (3,1%) von evangelischen, 119 (0,14%) von jüdischen und 10.760 (12,8%) von muslimischen Müttern. Daraus ließen sich schon deutliche Bevölkerungstendenzen ableiten, die je nach Sichtweise nicht unbedingt erfreulich sein müssen.

Der Artikel will aber etwas anderes herausarbeiten: Dass allgemein die Bedeutung der Religion abnehme und konfessionslose Mütter eine immer größere Rolle spielten, denn immerhin sei deren Anteil in den letzten Jahren sprungartig gewachsen.

Nun ist anzunehmen, dass der Trend — Säkularisierung der früheren Christen, deutliche Zunahme des moslemischen Bevölkerungsanteils — korrekt ist. Die sprunghaften Anstiege „konfessionsloser“ Mütter der letzten Jahre haben aber auch sehr viel damit zu tun, dass das Religionsbekenntnis der Mütter offenbar immer seltener korrekt angegeben wird. So waren beispielsweise die katholischen Taufen bis 2010 stark rückläufig, sind seit damals aber stabil (2010: 48.781, 2015: 48.587). Dabei gibt es einen Trend zur späteren Taufe: Laut katholischer Kirchenstatistik 2015 wurden 43.174 Kinder vor dem ersten Geburtstag getauft, 2010 waren es noch 43.973.

Bei aller Unschärfe kann man davon ausgehen, dass da eine Diskrepanz von mehreren tausend Kindern zwischen der Krankenhausstatistik und der faktischen Religionszugehörigkeit allein bei den Katholiken vorliegt, die 2014 und 2015 besonders deutlich gestiegen ist. Es wäre interessant, ob es da eine Änderung in der Erfassung gegeben hat, oder einfach mehr Menschen der Meinung sind, es geht den Staat eben nichts an, welche Konfession man hat.

Der Geist des Faschismus

In der Zwischenkriegszeit waren es lediglich die moskautreuen Kommunisten, die jeden Gegner einschließlich der Sozialdemokraten als „Faschisten“ brandmarkten. Mittlerweile ist es in weiten Kreisen zum allgemeinen Eigenschaftswort für unliebsame politische Entwicklungen geworden. Das wird dadurch erleichtert, dass Nationalsozialismus und Faschismus gerne fast synonym verwendet werden — weil Hitler und Mussolini verbündet waren. Es hätte aber auch anders kommen können, Stichwort Stresa-Front und später Hitler-Stalin-Pakt.

Es lohnt sich, angesichts des inflationären Gebrauchs des Wortes „Faschismus“ dessen ursprünglichen Gehalt zu beleuchten. Der ursprüngliche Faschismus, wie ihn etwa Gabriele d’Annunzio geprägt hat — er wurde später von den italienischen Faschisten der „Johannes der Täufer des Faschismus“ genannt –, oder von Giovanni Gentile unterfüttert wurde, war keine festumrissene Ideologie mit klaren Forderungen. Es war der Versuch einer Antwort auf drei Fragestellungen, die in ihrer Konsequenz in der Katastrophe enden musste:

  1. Die fortschreitenden Entdeckungen der Naturwissenschaften und neue, das bisherige Weltbild erschütternde Ideen, insbesondere die Darwin’sche Evolutionstheorie, schienen die Ablehnung des Transzendenten zu rechtfertigen. Dadurch stellte sich aber die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz besonders drängend, da sie reiner Materialismus nur negativ beantworten kann.
  2. Der Liberalismus wurde in den Gedanken vieler eng mit der sogenannten sozialen Frage verknüpft: Elende Verhältnisse, grassierende Armut. Der Individualismus des Liberalismus wurde dafür verantwortlich gemacht, von vielen ein Ausweg gesucht.
  3. Mit der Ablehnung der Transzendenz war auch eine große Leere in bezug auf die Wahrheitsfrage eingetreten, wie schon Friedrich Nietzsche erkannt hatte.

Die Antworten darauf, die von den Faschisten gegeben wurden, änderten sich im Lauf der Zeit, was auch dem „Geist des Faschismus“ entsprach, wie Mussolini die mit Hilfe des Ghostwriters Giovanni Gentile verfasste programmatische Propagandaschrift nannte, im Original La Dottrina del Fascismo. Doch sie kreisten um die Idee des Kollektivismus, der wegen der mangelnden Bedeutung des einzelnen, mehr oder weniger sinnlos existenten Menschen die notwendige Sinneinheit sei; um die Schaffung der Wahrheit durch den Willen und die Tat der Handlungsgemeinschaft; um die Schlussfolgerung, das Sein des postulierten Darwin’schen Überlebenskampfes ergebe moralische Imperative zum Überleben des eigenen Kollektivs.

In der konkreten Ausformulierung der Ideologie ist dann viel Zufälligkeit im Spiel. Doch in einer Ideologie „des Willens und der Tat“ spielt das keine Rolle. Im „Geist des Faschismus“ konzedieren die Autoren gleich zu Beginn, dass die Lehre von den „geschichtlichen Kräften“ geformt werde, die gerade einwirkten. Der grausame, totalitäre Charakter des Faschismus ergibt sich stringent aus seiner Ablehnung einer höheren moralischen Instanz bzw. fester moralischer Gesetze abseits solcher, die aus der biologistischen Betrachtung der Natur gewonnen werden, und der Betonung des Kollektivs als einzigem wesentlichen Organ, dessen Wille wiederum von einem starken Anführer geformt werden soll.

Wer für Pathos und hohle Phrasen Zeit hat, kann Mussolinis bzw. Gentiles Definition des Faschismus im Internet-Archiv auf Englisch lesen, oder auch auf einer italienischen Website im Original. Man wird dann schnell merken, dass die wenigsten Personen, die heute als Faschisten verunglimpft werden, mit diesem Gebräu etwas zu tun haben — und dass manche Elemente des Faschismus auch heute leider quicklebendig sind.

Die Fragestellungen, die der Marxismus zu beantworten versuchte, sind denjenigen des Faschismus sehr ähnlich, die Antworten aber verschieden. Es ist wohl kein Zufall, dass am Beginn des italienischen Faschismus auch etliche vom Sozialismus enttäuschte Personen stehen, darunter Benito Mussolini selbst. Beide Ideologien sind sich auch darin ähnlich, dass sie nach allen bisherigen Erfahrungen in furchtbarem Leid für unzählige Menschen gipfeln.

Die heilige Scholastika und der Regen

Statue der Sankt Scholastika in Montecassino

Sankt Scholastika in Montecassino

Der 10. Februar ist der Gedenktag der heiligen Scholastika, der Schwester Benedikts von Nursia, des „Vaters des abendländischen Mönchtums“. Über Scholastika wissen wir im wesentlichen aus den Dialogen des hl. Gregor des Großen.

Der Papst hatte in vier Bänden verschiedene Themen in der literarischen Form des Dialogs mit seinem Diakon Petrus abgehandelt. Dieser Stil passt auch gut zu Gregor, der in einem gut verständlichen, zugänglichen Latein schreibt. Der ganze zweite Band ist dem hl. Benedikt gewidmet und wird wohl kurz nach dem Tod des Heiligen entstanden sein.

Gregor betont zu Beginn des Buches, dass er selbst nicht alle Einzelheiten des Lebens Benedikts kennt, wohl aber auf vier Schülern des Benedikt — Constantinus, Valentinianus, Simplicius und Honoratus — als Quellen zurückgreifen konnte.

Im 33. Kapitel erzählt Gregor das Wunder der hl. Scholastika, bei dem Benedikt etwas wollte, aber nicht erreichen konnte:

Das Wunder der heiligen Scholastika

Gregor: Petrus, gibt es jemanden in diesem Leben, der höher steht als Paulus? Dreimal hat er wegen des Stachels in seinem Fleisch den Herrn gebeten1 und konnte doch nicht erhalten, was er wünschte. Deshalb muss ich dir von dem ehrwürdigen Vater Benedikt erzählen, dass auch er etwas wollte, was er nicht erreichen konnte.

Seine Schwester Scholastika war von Kindheit an dem allmächtigen Gott geweiht. Sie war gewohnt, ihren Bruder einmal im Jahr zu besuchen. Der Mann Gottes ging jedes Mal zu ihr hinunter zu einem Gut des Klosters, das nicht weit entfernt lag.

Eines Tages kam sie wie üblich, und ihr ehrwürdiger Bruder stieg mit einigen Jüngern zu ihr hinab. Sie verbrachten den ganzen Tag im Lob Gottes und im geistlichen Gespräch. Bei Einbruch der Dunkelheit hielten sie miteinander Mahl.

Während sie noch am Tisch saßen und ihr geistliches Gespräch fortsetzten, wurde es spät. Da flehte die gottgeweihte Frau, seine Schwester, ihn an: „Ich bitte dich, lass mich diese Nacht nicht allein, damit wir noch bis zum Morgen von den Freuden des himmlischen Lebens sprechen können.“ Er antwortete ihr: „Was sagst du da, Schwester? Ich kann auf keinen Fall außerhalb des Klosters bleiben.“

Es war so heiteres Wetter, das sich keine Wolke am Himmel zeigte. Sobald aber die gottgeweihte Frau die Weigerung ihres Bruders hörte, fügte sie die Finger ineinander, legte ihre Hände auf den Tisch und ließ ihr Haupt auf die Hände sinken, um den allmächtigen Gott anzuflehen. Als sie dann das Haupt vom Tisch erhob, blitzte und donnerte es so stark, und ein so gewaltiger Wolkenbruch ging nieder, dass weder der heilige Benedikt noch die Brüder in seiner Begleitung einen Fuß über die Schwelle des Hauses setzen konnten, in dem sie beisammen waren. Die gottgeweihte Frau hatte nämlich ihr Haupt auf die Hände gesenkt und Ströme von Tränen auf den Tisch vergossen. Dadurch erreichte sie, dass es aus heiterem Himmel zu regnen begann. Diese Regenflut folgte nicht erst nach dem Gebet, sondern Gebet und Regen trafen so zusammen, dass es schon donnerte, als sie das Haupt vom Tisch erhob. Im gleichen Augenblick erhob sie das Haupt, und der Regen strömte nieder.

Der Mann Gottes sah nun ein, dass er bei Blitz, Donner und dem gewaltigen Wolkenbruch nicht zum Kloster zurückkehren konnte. Da wurde er traurig und klagte: „Der allmächtige Gott vergebe dir, Schwester! Was hast du da getan?“ Sie erwiderte ihm: „Sich, ich habe dich gebeten, und du hast mich nicht erhört; da habe ich meinen Herrn gebeten, und er hat mich erhört. Geh nur, wenn du kannst. Verlass mich und kehre zum Kloster zurück!“

Da er das Haus nicht verlassen konnte, blieb er gegen seinen Willen, nachdem er freiwillig nicht hatte bleiben wollen. So konnten sie die ganze Nacht durchwachen, in heiligen Gesprächen ihre Erfahrungen über das geistliche Leben austauschen und sich gegenseitig stärken.

Deshalb habe ich gesagt, er habe etwas gewollt und es doch nicht vermocht. Wenn wir auf die Vorstellungen des heiligen Mannes schauen, so besteht kein Zweifel, dass er gewünscht hat, das heitere Wetter möge so bleiben, wie es bei seinem Kommen gewesen war. Ganz gegen seinen Willen stand er vor einem Wunder, das die Kraft des allmächtigen Gottes nach dem Herzenswunsch einer Frau gewirkt hatte. Es ist nicht zu verwundern, dass die Frau, die ihren Bruder länger zu sehen wünschte, in diesem Augenblick mehr vermochte als jener.

Nach einem Wort des Johannes ist Gott die Liebe2. So ist es ganz richtig: jene vermochte mehr, weil sie mehr liebte.

Nur wenig später verstarb Scholastika. Wie Gregor berichtet, sah ihr Bruder im Gebet ihre Seele in Gestalt einer Taube zum Himmel aufsteigen. Darauf wusste er, was geschehen war, und ließ ihren Leichnam in das Grab legen, das für ihn vorbereitet war. Es ist vielleicht überraschend, dass Benedikt sich nach der Vision freut und Gott dankt, aber er hat zwei Gnaden erfahren. Gegen seinen Willen war seine letzte Begegnung mit seiner Schwester intensiv und ausführlich; und schließlich durfte er tatsächlich die Gewissheit haben, dass Gott sie zu sich genommen hat.

Eine ausführlichere Biographie der hl. Scholastika schrieb ein Diakon Alberich in Montecassino im 11. Jahrundert, die man bei Google Books in einem Digitalisat 1737 erschienener Annalen des Benediktinerordens lesen kann.

Der gleiche Alberich hat auch eine Predigt zu Scholastica hinterlassen. Ebenso ist uns eine Predigt zum Gedenktag der hl. Scholastika überliefert, die dem hl. Beda Venerabilis zugeschrieben wurde, heute aber für ein Werk des Abts Berthar von Montecassino gehalten wird. Berthar hat auch eine Predigt über das Leben der hl. Scholastika verfasst.

Die hl. Scholastika ist die Patronin der Ordensschwestern, und wird wohl auf Grund des Regenwunders bei Sturm und Regen um Fürbitte angerufen.


  1. vgl. 2 Kor 12,7-9 
  2. vgl. 1 Joh 4,8