Peter Singer und der Wert des Menschen

Der Philosoph Peter Singer wird also den ersten Peter-Singer-Preis erhalten. Das ist für sich selbst schon grotesk genug. In der Einladung wird dies so begründet: „Prof. Peter Singer ist ein weltbekannter Bioethiker, der sich seit Jahren für die Minderung des Leids von Tieren und einen unserer Humanität angemessenen Umgang mit unseren menschlichen und nicht-menschlichen Mitwesen einsetzt.“ Das steigert das Groteske ins Unerträgliche.

Sabine Mäser fasst in ihrer online abrufbaren Diplomarbeit zu Singers „Praktischer Ethik“ gleich zu Beginn zusammen, was Minderung des Leids bei Singer heißt: „‚Leiden‘ soll also verhindert werden, paradoxerweise durch die Verhinderung bzw. Tötung der ‚Leidenden‘ selbst. Die Beseitigung von minderwertigem Leben, um das aggregierte Glück zu erhöhen.

Singer ist Utilitarist. Das größte Glück der größten Zahl — das klingt ja fürs Erste nicht so schlecht. Der Mathematiker Rudolf Taschner arbeitet in seiner „Presse“-Kolumne die moderne Faszination mit diesem Utilitarismus heraus: In einer säkularen Welt bietet er eine scheinrationale Moralität, die noch dazu vordergründig mit ökonomischen Nutzenfunktionen verwandt scheint. Wir optimieren die Glücksfunktion der Welt — eine Mischung aus Hipster und Technokratie.

Mathematische Unmöglichkeit

Der Mathematiker geht nicht darauf ein, doch tatsächlich ist der Singer’sche Utilitarismus mathematisch zum Scheitern verurteilt. Der glückstiftende Nutzen ist nicht quantifizierbar, nicht messbar und nur in extremis vergleichbar.

Dieses Problem hat schon den großen Ökonomen Alfred Marshall umgetrieben, der es als unbefriedigend empfand, dass die ökonomische Nutzenfunktion lediglich die persönlichen Präferenzen der Menschen darstellt, wie sie mit den vorhandenen Mitteln ihre Bedürfnisse möglichst gut befriedigen wollen. Das sind Wünsche, Vorlieben, Bedürfnisse — aber nicht das daraus resultierende Glück! Selbst wenn ich die Präferenzen der Menschen der Welt kennen würde, würde mir das nicht genügen, um meine ethische Optimierungsaufgabe zu lösen.

Der reine Handlungsutilitarismus ist also eine zutiefst unpraktische Ethik, weil sie Handlungen nach Maßstäben beurteilen will, die seriöserweise gar nicht angelegt werden können. Das gleiche gilt für Singers Präferenzutilitarismus, der aus dem Handlungsutilitarismus entwickelt wurde. Er wird auch amüsant, wenn man ihn ins Selbstreferentielle wendet. Eine Handlung wird ja danach beurteilt, ob sie der größten Zahl nützt. Nun ist es so, dass das, was einen Menschen glücklich macht, sehr von seinen Werten abhängt, seiner Erziehung, seinem Umfeld. Daraus würde sich eigentlich ergeben, dass es von der weltanschaulichen Prägung meiner Mitmenschen abhängt, welche Handlungen tatsächlich glücksmaximierend wären. Diese Schlussfolgerung wird von Singer zwar angedeutet, aber nicht ernsthaft durchgezogen.

Der Wert des Lebens

Singers Auftritte sind in Deutschland besonders umstritten, weil er Leben abstrakt und aus der Beziehung herausgelöst bewertet. Dabei unterscheidet er strikt zwischen Personen und Menschen, zwei überlappende Mengen. Menschen, die vernunftbegabt und selbstbewusst sind, die Wünsche für die Zukunft haben können, sind Personen. Ihr Leben dürfe nur beendet werden, wenn ihre Präferenz des Weiterlebens durch entgegengesetzte Präferenzen anderer ausgeglichen werde.

Im Kalkül Singers, das immer wieder ökonomisch eingefärbt wird, gibt es auch Menschen, deren Leben nur eine Belastung für die Allgemeinheit sind und daher entfernt werden sollten. Menschen mit Behinderungen hätten z.B. nie das volle Potential der übrigen Menschen, daher sollte man ihr Leben rasch beenden. Freilich, sollten die Eltern so „unsozial“ gewesen sein, ihr behindertes Kleinkind solange überleben zu lassen, dass es Singers Personen-Kriterien erfülle, dürfe es nicht mehr so ohne weiteres getötet werden.

Sabine Mäser bringt es in ihrer Arbeit auf den Punkt:

Was ist aber mit denjenigen, die nichts wussten und nach Singers Definition keine „Personen“ waren, also gar keinen Willen äußern konnten? Auch Singer versucht „nichtfreiwillige“ Euthanasie zu rechtfertigen.

Als die Nazis begannen, Menschen mit geistiger Behinderung in den Anstalten zu töten, taten sie das ebenfalls unter dem Vorwand von Mitleid (Gnadentod). Sie wollten den Menschen angeblich das Leiden und „Dahinvegetieren“ ersparen.

Dahinter steckte aber, wie bei Singer heute, die Utopie einer leidfreien Gesellschaft, in der nur „gesunde“ Menschen leben sollten, die rational und autonom, und somit produktiv waren (sind). Auch die Kostenfrage spielt hier eine Rolle. In den nationalsozialistischen Propagandafilmen wird vorgerechnet, was einzelne „schwachsinnige“ Menschen in Heimen den Staat kosten. In ähnlicher Weise zeigt dies Singer etwa an Komapatienten oder schwer behinderten Menschen auf[.]

Den australischen Philosophen ficht das nicht weiter an: Nur, weil die Nazis Straßen gebaut hätten, müsse man nicht aufhören, Straßen zu bauen. Ebensowenig sei die Euthanasie zu verurteilen, nur, weil sie von den Nationalsozialisten durchgeführt worden sei. So argumentiert er sinngemäß in seiner „Praktischen Ethik“. Allerdings führt er damit in die Irre, denn so wird dieses Argument ja von praktisch niemandem verwendet. Es führt lediglich vor Augen, welche Konsequenze Singers ethisches Projekt konkret hätte. Und welche unglaubliche Hybris darunter verborgen ist.

Ich frage mich jedenfalls: Das ist also einer „unserer Humanität angemessener Umgang mit unseren menschlichen und nicht-menschlichen Mitwesen“?

[Update] In der Neuen Zürcher Zeitung hat Peter Singer ein Interview gegeben, das Teile seiner Philosophie kompakt wiedergibt. Michael Schmidt-Salomon, der die Laudatio auf Peter Singer hätte halten sollen, sagte seine Teilnahme an der eingangs erwähnten Preisverleihung wegen dieses Interviews ab. Überraschend, da Singer darin eigentlich keine neuen Positionen — höchstens etwas anders nuancierte — vertritt als bisher. Ich nehme einmal an, dass einfach auf Grund der anhaltend scharfen Kritik quer durch die politischen Lager die ganze Sache etwas zu heiß geworden war, denn Singer widerlegt in klarer Sprache Schmidt-Salomons eigene Behauptung, dass die linken Kritiker einfach auf entstellte Zitate hereingefallen wären, die ihnen von christlichen Menschenrechtsaktivisten (er nennt sie freilich Reaktionäre) serviert worden wären. Nein, Singer denkt wirklich so, wie es ihm seine Kritiker etwa aus den Behindertenverbänden unterstellen.

Sibylle Hamann und der Grundsatzerlass zur Sexualerziehung

Sibylle Hamann kennt entweder den Entwurf des Grundsatzerlasses für Sexualerziehung nicht, oder lässt sich von der trockenen Sprache blenden. Anders ist ihre jüngste „Presse“-Kolumne bei wohlmeinender Interpretation nicht zu erklären, in der sie Kritiker an dem Erlass als „Radikalkatholiken“1 zu entwerten versucht und ihnen unterstellt, „gegen den (ohnehin kaum vorhandenen) Sexualkundeunterricht an Schulen hetzen.“

Die dritte Möglichkeit — dass sie z.B. eine Frühsexualisierung von Kindergarten- und Volksschulkindern befürwortet, einschließlich einer Erweiterung der „Körperkompetenz“ (ein Codewort für sexuelle Berührungen) — mag ich mir bei jemanden, der einmal Chefredakteur einer Zeitung für Menschenrechte gewesen ist, nicht vorstellen. Freilich, auch der Weg in den Pädophilieskandal der deutschen Grünen war mit vermeintlich guten Vorsätzen über „moderne Sexualpädagogik“ und „befreiende sexuelle Erfahrungen“ gepflastert. Dass diese überholte Position bei uns in der Provinz erst ankommt, wenn sie überall sonst längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist, wäre natürlich nicht untypisch.

Meine Ferndiagnose2 wäre aber eher „mood affiliation“, bei der man sich zuerst für eine Stimmung oder Gesinnung entscheidet, und dann auch disparate Ansichten verteidigt, die dazu passen. Die Kritiker werden im katholischen Lager verortet, dem Sibylle Hamann in früheren Kolumnen schon eher wenig Verständnis entgegengebracht hat, die Propagierung einer umfassenden Sexualerziehung dagegen war ja eines der Anliegen der 68er. Da fällt die Stimmungsentscheidung nicht schwer, auch wenn es bei dem jetzigen Streit inhaltlich um etwas anderes geht, und der Erlass gerade aus menschenrechtlicher Sicht bedenklich wäre (vgl. z.B. Art. 2 1. ZP EMRK, UNO-Kinderrechtskonvention, Übereinkommen des Europarats zum Schutz von Kindern)

Der Vergleich mit dem Schwimmunterricht ist natürlich amüsant, und bezieht sich wohl auf diese „Falter“-Geschichte von Sibylle Hamann. In Deutschland wurde bekanntlich versucht, für eine 13jährige Muslimin eine Befreiung vom Schwimmunterricht durchzusetzen — vergeblich. In Österreich findet der Schwimmunterricht allerdings bereits in der Volksschule statt, in der auch für Muslime strenger Observanz auf Grund des geringeren Alters der Kinder die Badekleidung noch kein sittliches Problem darstellt, so der „Standard“. Kurz gesagt: Der Vergleich mit dem Schwimmunterricht hinkt auf jedem Fuß.

Freilich, so wie man an Blogeinträge wie diesen gewöhnlich keine zu hohen Ansprüche stellt, sind auch regelmäßige Meinungskolumnen in Tageszeitungen schon definitionsgemäß keine Hochburgen des faktenorientierten Journalismus. Oft werden Kolumnenautoren von Redaktionen auch strategisch so angeworben, dass bestimmte Zielgruppen bedient werden und andere sich darüber echauffieren. Insofern: Mission accomplished.


  1. Im Wortsinn ist es ja fast ein Lob: Menschen, die zu den Wurzeln zurückgekehrt sind und so ihre Überzeugung verinnerlicht haben. Aber so ist es ganz offensichtlich nicht gemeint. 
  2. Ferndiagnosen sind natürlich sehr gewagt und damit irrtumsanfällig, das gebe ich gerne zu. Doch ist ja praktisch jeder Kommentar über andere Menschen auch immer so etwas wie eine Ferndiagnose, oder? 

Charlie Hebdo: Lassen wir die Terroristen ihr Ziel erreichen?

Es ist einfach grauslich, wie viele den Angriff auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdomadaire“ implizit rechtfertigen. Die Mohammed-Karikaturen seien ja oft recht derb gewesen, geschmacklos. Die Sachen seien schon irgendwie arg gewesen. Hätten Sie es so herausfordern müssen, so die implizite Frage. Hier wurde ein paar Beispiele der Relativierung zusammengetragen.

Ja, viele der Karikaturen waren geschmacklos. (Auch Christen fänden übrigens ausreichend Material, um sich über Karikaturen aus „Charlie Hebdo“ zu beschweren.) Aber Meinungsfreiheit gehört zu den Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft. Und die Auslotung der Grenzen dieser Freiheit ist geradezu Aufgabe der Satire! Ja, der Diskurs über diese Grenzen kann in eklatanten Fällen auch vor Gericht geführt werden müssen. Auch die „verletztendste“ Satire kann aber nicht herangezogen werden, um in irgendeiner Form Mord zu rechtfertigen.

Die Opfer des Massakers in Paris, etwa Chefredakteur Stephane Charbonnier oder die Zechner Cabu, Tignous und Wolinski, sind den aufrechten Gang gegangen. Charbonnier hat bekanntlich gemeint, er würde lieber sterben als auf Knien leben. Die Redakteuere haben ihre Aufgabe ernst genommen, sind nicht den leichten Weg des Appeasements gegangen. Vielfach wird ja gerade im Umgang mit dem Islam eine unterwürfige Vorwegzensur vorgenommen, die so weit geht, dass wohl auch so mancher europäischer Moslem dafür kein Verständnis mehr hat.

Ob der feige Angriff der schwerbewaffneten Islamisten auf die höchstens mit Buntstiften bewaffneten Satiriker Erfolg hat, hängt jedenfalls nicht von kurzfristigen Solidaritätsbekundungen ab. Sondern davon, ob die Vorwegzensur noch weiter um sich greift — nicht nur bezüglich des Islams! –, ob vielleicht sogar mittels Hetzparagraphen kritische Stimmen mundtot gemacht werden sollen, oder ob doch gilt, was Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ doziert: Dass es im Kampf gegen die islamistischen Banden kein Zurückweichen geben darf, gerade nicht, was die Freiheit der Presse und der Meinung betrifft.

Es ist aber eher zu befürchten, dass die Wirkung des Anschlags genau diejenige sein wird, die sich die Terroristen gewunschen haben.

Freut euch! Ein Lied!

Wann gibt es eine bessere Gelegenheit, ein Weihnachtslied zu verlinken, als mitten in der Weihnachtsoktav? In diesem Fall das lateinische Lied „Gaudete, Christus est natus“. Freut euch, Christus ist geboren.

Wir kennen es aus einer Sammlung frommer Lieder, so die Selbstbezeichnung — piae cantiones –, die 1582 im deutschen Greifswald publiziert wurde. Die Herausgabe besorgte allerdings der Finne Theodor Petri Rutha, der dem Druck eine Liedersammlung aus der finnischen Bischofsstadt Turku zu Grunde legte.

Viele insgesamt 74 lateinisschen Lieder sind wohl deutlich älter als das Jahr der Drucklegung vermuten ließe. Einige von ihnen werden sogar in der Zeit um 1300 verortet, andere waren zeitgenössisch. Offenbar wurden auch einige Texte geändert, da man nach der Einführung der Reformation die Lieder ansonsten wohl nicht mehr hätte singen dürfen. Alles in allem wurde durch den Druck dieses alte Liedgut aber gerettet, da es von da an oft im Schulbetrieb der folgenden Jahrhunderte genutzt wurde und konfessionsübergreifend auch liturgische Verwendung fand.

Alle Texte der Piae Cantiones sind dankenswerterweise bei Mats Lillhannus online verfügbar.

Johannes und die Vierzahl der Evangelien

In der Weihnachtsoktav stapeln sich die Feste. Ob das daran liegt, dass die Menschen früher in der kalten Jahreszeit am ehesten Zeit dafür hatten?

Der 27. Dezember ist dem Apostel und Evangelisten Johannes gewidmet. Bekanntlich wird in der Wissenschaft seit Jahrhunderten gestritten, ob der Apostel und der Evangelist ein und dieselbe Person gewesen sein können oder nicht, oder ob eine andere Person gleichen Namens hinter dem Werk steckt, oder eine ganz andere Variante wahrscheinlich ist. Auslöser dafür ist eine missverständliche Passage in der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea (*~260, † ~340), in der er einen Text des Papias von Hierapolis zusammenfasst und interpretiert.

Für Eusebius stand aber ebenso außer Zweifel wie für alle Quellen davor, dass das vierte Evangelium von Johannes stammt. Johannes soll hochbetagt in der Regierungszeit des Kaisers Trajan gestorben sein, also nach 98 n. Chr., so berichtet es Eusebius, der sich u.a. auf Irenäus von Lyon (* ~135; † 202) stützt.

Irenäus selbst hat auch eine Reihenfolge und Urheberschaft der Evangelien überliefert, mit der auch die frühe Festlegung auf die Vierzahl dokumentiert:

[…] Matthäus verfaßte seine Evangelienschrift bei den Hebräern in hebräischer Sprache, als Petrus und Paulus zu Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten. Nach deren Tode zeichnete Markus, der Schüler und Dolmetscher Petri, dessen Predigt für uns auf. Ähnlich hat Lukas, der Begleiter Pauli, das von diesem verkündete Evangelium in einem Buch niedergelegt. Zuletzt gab Johannes, der Schüler des Herrn, der an seiner Brust ruhte, während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien das Evangelium heraus.

Manche stoßen sich ja daran, dass das Johannes-Evangelium in Stil, Habitus und Inhalt so anders ist als die drei synoptischen Evangelien, die viel deutlicher zusammenhängen. Einem Irenäus wäre dieser Unterschied nicht als Kritikpunkt eingefallen. Die in der jungen Kirche gewachsene Entscheidung, gegen starke Strömungen für ein zurechtgebürstetes Einheitsevangelium vier Evangelien als maßgeblich festzulegen, weist darauf hin, dass diese verschiedenen Sichtweisen auf Jesus als bereichernd, vervollständigend empfunden wurden.

Es sind ja auch gerade Dutzende verschiedene Bücher zur Beschreibung des Ersten Weltkriegs erschienen. Wer aber ein umfassendes Bild der komplexen Gemengelage etwa zum Kriegsausbruch erhalten will, wird mit einem Werk nicht das Auslangen finden, auch wenn das, was darin enthalten ist, alles richtig ist. Doch die erzählerische Struktur, die Schwerpunktsetzung, die Platzbeschränkung, der Blickwinkel des Autors werden dazu führen, dass weitere Bücher heranzuziehen sind, um das Bild plastischer werden zu lassen.

Wahrscheinlich war ja gerade das die Motivation für Johannes, in Ephesus ein viertes Evangelium zu verfassen: Dass er eben von den Dingen berichten wollte, die seiner Meinung nach in den anderen Evangelien zu kurz gekommen waren. Es gibt Hinweise, dass die anderen Evangelien geradezu vorausgesetzt werden; auch der Schlussvers kann so verstanden werden.

Der Gedanke, dass es bereichernd ist, dasselbe Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln, unter verschiedenen Voraussetzungen zu berichten, durchzieht den Kanon der Bibel. Schon im Pentateuch finden sich auffallende Dopplungen; die Bücher der Chronik sind eine Dopplung zu den Büchern der Könige bzw. Samuels; das zweite Buch der Makkabäer keine Fortsetzung des ersten, sondern in weiten Teilen als Parallele. Diese Dopplungen unterscheiden sich aber immer in den Schwerpunkten, Blickwinkeln oder Interpretationen der Ereignisse. Deshalb sind sie auch Teil des Kanons geworden.

Wer das Johannesevangelium aufschlägt, merkt diesen anderen Blickwinkel sofort. Da sind keine Hinführungen notwendig. Der alte Johannes, der in den Jahrzehnten seiner Tätigkeit sicher vieles dazugelernt hat, blickt noch einmal zurück, was das Wesentliche an Jesu Wirken war. Er hat es gleich an den Anfang des Evangeliums gestellt, gleichsam als sein Weihnachtsevangelium:

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
— Joh 1,9-14

Wir haben seine Herrlichkeit gesehen — und können daher nicht mehr schweigen. So, wie es in der Tageslesung aus dem 1. Johannesbrief heißt:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist.

Stephanus, der Erzmärtyrer

Der Stephanus, der dem Stephanitag seinen Namen gegeben hat, wird auch der Erzmärtyrer genannt, weil er in der Geschichte der Kirche der erste nach Jesus selbst ist, der wegen seines Glaubens getötet wird. Leider sollte es bei diesem ersten nicht bleiben. Gerade die gegenwärtige Zeit ist für viele Christen auf der Welt eine Zeit der Angst, in der es um Leib und Leben geht.

Im Irak und Syrien werden Menschen, vom Kind bis zum Greis, der Reihe nach ermordet, wenn sie nicht dem Glauben an Christus abschwören. In Nordkorea steht auf den Besitz einer Bibel die Todesstrafe. In Pakistan wurde ein christliches Ehepaar wegen ihres Glaubens von einer aufgebrachten Menge im Feuerofen bei lebendigem Leibe verbrannt. In Nigeria werden christliche Kinder entführt und versklavt. Die Liste der Greueltaten ließe sich beliebig fortsetzen.

Die Worte Jesu in der Perikope von Stephani sind prophetisch:

Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden;

Stephanus hat aber selbst im Sterben noch für seine Peiniger gebetet, und uns auch damit ein Beispiel gegeben.

Gesegnete Weihnachten!

Geburt Jesu - Meister der Pollinger Tafeln © Wolfgang Guelcker

Geburt Jesu – Meister der Pollinger Tafeln © Wolfgang Guelcker

Dieses Bild vom Pollinger Marienaltar zeigt uns eine farbenfrohe Engelschar, die das neugeborene Kind mit festlicher Musik empfängt. Unter dem First des Stalles drängt sich ein weiterer Engelchor. Für die Hirten im Bildhintergrund war nur noch ein Engel übrig, da alle anderen sich von dem Kind nicht trennen können. So eine große Freude geschieht an diesem Tag. Nicht nur den Engeln, uns allen.

Und daher darf ich auch allen ein gesegnetes Weihnachtfest wünschen!

Korea: Kanonen gegen einen Christbaum?

Was sagt es über ein Regime aus, dass soviel Angst vor Christbäumen hat, dass es mit deren Beschuss droht? Da gibt es eigentlich eh nur zwei Möglichkeiten: Es wird von Niko Alm gelenkt, oder es ist Nordkorea. Letzteres ist diesmal richtig. Denn eine Initiative südkoreanischer Christen hat einen Dekor-Christbaum in der Nähe der Waffenstillstandszone zwischen Nord- und Südkorea aufgestellt, der zu Weihnachten als Zeichen des Friedens erleuchtet werden soll. Worauf Nordkorea mit einem Artillerieangriff (!) gedroht hat.

Früher stand an der gleichen Stelle ein 18 Meter hoher Wachturm — es hat also schon eine gewisse Symbolik, wenn aus einem Wachturm ein (nur halb so hoher) Christbaum wird. Wobei einige Jahre lang die südkoreanische Regierung selbst diesen Turm im Winter als „Weihnachtsbaum“ beleuchtet hatte, bis man in einer Zeit der „Entspannung“ für einige Jahre darauf verzichtet hat.

Dass die Kims große Angst vor dem Christentum haben, ist ja schon hinlänglich bekannt. Der Bischof von Pjöngjang wurde wahrscheinlich von ihnen im Lager umgebracht, ebenso unzählige andere Priester — wie etwa die 36 Märtyrer von Tokwon –, auf den Besitz einer Bibel steht die Todesstrafe. Taufen finden nur unter größter Geheimhaltung und Gefahr statt. In der Hauptstadt gibt es ein paar „lizenzierte Kirchen“, die dazu dienen, vor ausländischem Botschaftspersonal den Schein der angeblich gewährten Glaubens- und Gewissensfreiheit zu wahren. Als ein Zeichen des Protests wurde im „Annuario Pontificio“ Francis Hong Yong-ho (* 1906) bis 2013 weiterhin als Bischof geführt, wiewohl es seit 1962 kein Lebenszeichen mehr von ihm gibt. Das Regime in Nordkorea verweigert bis heute jede Auskunft über sein Schicksal.

Aber solche Angst, dass man sich von einem neun Meter kleinen, leuchtenden Kunst-Christbaum bedroht fühlt? Zum Vergleich: Der Natur-Christbaum am Wiener Rathausplatz ist drei mal so groß. Wenn der an die innerkoreanische Grenze transferiert würde, hülfe Pjöngjang dann wohl nur noch eine Atomgranate.

Die FAZ berichtet über die „Spannungen unter dem Weihnachtsbaum“ — das ist durchaus verdienstvoll. Warum aber die Initiatioren des Baumes gleich das Label „konservative Christen“ verpasst bekommen, das in der FAZ immer negativ konnotiert ist, bleibt das Geheimnis des Korrespondenten Carsten Germis.

Die drei Gräber des Nikolaus

Grab des hl Nikolaus in Bari © LooiNL

Grab des hl Nikolaus in Bari © LooiNL

Der hl. Nikolaus von Myra ist einer der ersten Menschen, die als Heilige verehrt wurden, obwohl sie keine Märtyrer waren. Wir wissen nicht viel über ihn, doch die zahlreichen lesenswerten Geschichten, die sich um ihn ranken, weisen auch auf einen Menschen hin, der seine Umgebung tief beeindruckt hat. Vieler dieser Legenden kann man auf der Website nikolaus-von-myra.de lesen.

Auch die Reliquien des hl. Nikolaus können eine Geschichte erzählen. Als moslemische Heere nach der Schlacht bei Manzikert in Kleinasien weiter vorrückten, wuchs die Sorge um das Schicksal des Grabes des hl. Nikolaus, so die eine Variante. Myra wurde jedenfalls in jener Zeit von den Seldschuken erobert. Die italienische Stadt Bari suchte nach einer Möglichkeit, ihr Schicksal zu verbessern, und erhoffte sich vom Patron der Seefahrer und Kaufleuten einen Vorteil, die andere. Jedenfalls machten sich rund fünf Dutzende Männer aus Bari 1087 auf dem Weg nach Myra und raubten die Gebeine des hl. Nikolaus aus dem Grab in der dortigen Kirche. Am 9. Mai des Jahres kamen sie in Bari an, und noch heute wird dieser Tag in der Stadt besonders gefeiert. Unter anderem wird das sogenannte Manna des Nikolaus, eine Flüssigkeit, die aus dem Grab tritt, an diesem Tag eingesammelt. Diese Flüssigkeit heißt in der Orthodoxie übrigens doppeldeutig Myron genannt, einerseits, weil das Wunder schon in Myra aufgetreten war, und andererseits für das griechische Wort μύρον für Salböl.

Doch auch die Venezianer haben ein Grab des hl. Nikolaus, nämlich in San Nicolò am Lido. Denn im Jahr 1100 landeten Venezianer im Zuge des Ersten Kreuzzugs in Myra und nahmen die Gebeine dreier Bischöfe von Myra mit: Vom hl. Theodor, Nikolaus und seinem gleichnamigen Onkel. Das ist heute weniger bekannt; doch für die Seefahrernation Venedig war Nikolaus freilich sehr bedeutend. Er wurde zum Schutzpatron der Flotte erwählt, und vor der Kirche wurde nach feierlicher Schiffsprozession zum Lido hin die die Zeremonie der symbolischen Vermählung Venedigs mit dem Meer durchgeführt.

1953/57 wurden die Knochen im Grab von Bari im Zuge von Arbeiten vermessen. Sie waren in schlechtem Zustand — und könnten nach einer vor kurzem stattgefundenen Untersuchung bald verschwunden sein, da die Feuchtigkeit des Grabes sie vermodern lässt. Auf Grund dieser Vermessungen gelang es, die Maße des begrabenen Mannes und auch sein Gesicht zu rekonstruieren. Er war unter 1,70m groß, eher stämmig und hatte eine gebrochene Nase. Das paßt zu einigen Berichten über den hl. Nikolaus, die von einem temperamentvollen Heiligen zeugen, der aber auch gesagt hat: „Lassen wir über unserem Zorn die Sonne nicht untergehen.“

Nun kommt aber der Clou: 1992 durfte Luigi Martino, der schon die Knochen in Bari untersucht hatte, auch die Reliquien in Venedig untersuchen und kam zum überraschenden Schluss, dass sie zu ein und derselben Person gehören. Anscheinend waren die Räuber aus Bari doch in gewisser Eile und nahmen nur die großen Knochen mit; die Venezianer hatten mehr Ruhe und konnten so die übrig gebliebenen kleineren Knochen einsammeln.

Die Reste des Nikolaus-Grabs in Myra kann man noch heute ansehen. Die Türkei hat auch schon die Übergabe der Gebeine aus Bari verlangt, um das Grab in Myra touristisch besser nutzen zu können. Freilich hat die Türkei keinen wie immer gearteten Rechtsanspruch — und ein Bischof gehört nun einmal in eine Kirche. In diesem Fall sogar in zwei.

Mietrecht: Will die SPÖ mehr Eigentum?

Mitten in der ohnehin bereits zu einer Kakophonie geratenen Diskussion um die Steuerreform bricht nun auch noch eine Diskussion um ein neues Mietrecht herein. Zumindest, wenn es nach SPÖ-Bautensprecherin Ruth Becher geht, die ein SPÖ-Modell für ein neues Mietrecht vorgestellt hat. Kernpunkt:

Für private Wohnungen, die höchstens 20 Jahre alt sind, sollen Eigentümer die Mieten selbst festlegen. Für Wohnungen, die älter als 20 Jahre sind, soll künftig aber ein Basis-Mietzins von 5,50 Euro netto pro Quadratmeter gelten, betreffen soll das allerdings nur neue Mietverträge.

Das klingt zuerst einmal nicht so schlimm, beträgt doch die durchschnittliche Nettomiete in Österreich etwa 5 Euro je Quadratmeter. Diese Statistik enthält aber alles: Sozialwohnungen, Friedenszinswohnungen, Genossenschaftswohnungen. Mit niedrigen Mieten, weil sie aus anderen Töpfen oder durch andere Mieter subventioniert werden. Von den etwa 1,5 Millionen Hauptmietwohnungen in Österreich sind etwa ein Fünftel Gemeindewohnungen und zwei Fünftel Genossenschaftswohnungen. Ein Fünftel sind Wohnungen anderer Vermieter, die aber durch das Richtwertsystem gebunden sind. Also sind nur ein Fünftel der Hauptmietwohnungen tatsächlich frei zu vermieten, von denen wiederum viele älter als 20 Jahre sind und daher unter die strikte Mietzinsgrenze fallen würden.

Ob diese Mietzins-Grenze eine gute Regelung ist oder nicht, hängt wohl vom politischen Ziel ab. Will man den Markt der privaten Vermieter trockenlegen und die Bewegung Richtung Eigentum verstärken, dann ist das ein wirksame Maßnahme. Dazu genügt eine einfache Überlegung zu Angebot und Nachfrage: Wenn der Mietpreis unter dem Niveau liegt, bei dem sich Angebot und Nachfrage ausgleichen, würde normalerweise der Quadratmeterpreis solange steigen, bis durch ein Mehrangebot an Wohnungen und einen Rückgang der Nachfrage ein Gleichgewichtspreis hergestellt wird. Wenn der Preis aber nicht steigen darf, so wird stattdessen das Angebot immer weiter zurückgehen, bis nur noch die Vermieter überbleiben, die auch zu dem niedrigeren Mietpreis noch vermieten wollen und können. Die verbleibenden Vermieter werden außerdem wählerischer werden, an wen sie vermieten. Anders gesagt: Sie werden versuchen, durch Minimierung des impliziten „Risikoaufschlags“ auf die Miete (für höheren Erhaltungsaufwand, Mietausfälle etc.) Aufwand und Ertrag besser in Einklang zu bringen.

Da die frei vermieteten Wohnungen nicht aus Förderungen mitfinanziert werden, müssen sie ihre Erhaltung und die notwendige Rendite aus den Erträgnissen erwirtschaften. Werden diese beschränkt, so werden Wohnungsbesitzer natürlich verstärkt Wohnungen parifizieren und verkaufen, statt sie zu vermieten. Manche präsumptive Mieter werden auch unter allerlei Vorwänden Extrazahlungen leisten, um an die begehrte Wohnung zu kommen.

Wir kennen das Ergebnis ja aus anderen Städten und Ländern mit strikten Mietbindungen: Verfallende Häuser, sinkendes Angebot und eine Zweiklassengesellschaft unglaublich günstig wohnender Mieter einerseits und vieler erfolglos Wohnungssuchender andererseits. Diese Zweiklassengesellschaft gibt es ja teilweise auch in österreichischen Städten, wo Mieter mit sehr günstigen Altmietverträgen Investitionen erschweren und oft auch Wohnraum blockieren.

Wenn das das gewünschte Ergebnis des Vorschlags ist, dann ist er gut. Ansonsten …