Von Fugen und Doppelfugen

Die Fuge, diese festen kontrapunktischen Regeln folgende imitatorische Verarbeitung eines Soggettos, hat eigentlich nur noch zwei intensive Anwendungsgebiete: Kompositionskurse und Kirchenmusik. Trotzdem geht von ihr auch heute eine enorme Faszination aus, die sich in vielen Publikationen und unzähligen Einträgen in einschlägigen Musikforen niederschlägt.

Das Grundprinzip ist einfach: In einer Fuge wird ein Soggetto (Subjekt), eine musikalische Phrase, zuerst vorgestellt; dann setzt die zweite Stimme mit eben dieser Phrase ein (oft in der Oberquint oder Unterquart, aber nicht immer!), während die erste Stimme mit einer zur zweiten Stimme harmonisch passenden, aber melodisch eigenständigen Musik fortsetzt. So setzt es sich fort, bis alle Stimmen einmal das Soggetto selbst gebracht haben. Nach dieser Vorstellung des Soggettos in allen Stimmen, der Exposition, liegt es nun am Komponisten, wie er ein Stück auf Basis der Imitation des Soggettos so gestaltet, das es weiterhin interessant ist. Entweder durch verschiedene Kunstgriffe wie das Soggetto in seiner Umkehrung, mit vergrößerten Notenwerten oder ähnlichen Veränderungen einzusetzen, oder die Einsätze des Soggettos einander überlappen zu lassen – man nennt das Engführung oder Stretto –, oder durch das Aufsuchen entfernter Tonarten mit abschließender Rückkehr zur Ausgangstonart. Entscheidend ist die Konzentration auf dieses eine Soggetto, aus dem sich das musikalische Material der Fuge speist.

Wer historische Fugen aus dem 17. und 18. Jahrhundert studiert oder musiktheoretische Texte der gleichen Zeit liest, wird bald bemerken, dass die Fuge nicht das enge Korsett der Schulfuge ist, sondern einfach als eine Methode genutzt wird, einen musikalischen Einfall so zu verarbeiten, das er ein längeres Musikstück tragen kann.

Johann Georg Sulzer definiert es in seiner berühmten, 1771 bis 1774 erschienenen „Allgemeinen Theorie der Schönen Künste“ so:

„Ein Tonstük von zwey oder mehr Stimmen, in welchem ein gewisser melodischer Satz, der das Thema genennt wird, erst von einer Stimme vorgetragen, hernach von den andern mit geringen Veränderungen, aber nach gewissen Regeln, nachgeahmet wird; so daß dieses Thema das ganze Stük hindurch wechselsweise, und unter beständigen Veränderungen aus einer Stimm in die andre herübergeht.“ (Schreibweise original)

Das lässt schon einigen Spielraum. Dementsprechend gibt es Dutzende Varianten des Fugenaufbaus, die in manchem Buch eine verwirrende Vielzahl an Klassifikationen hervorrufen.

Manche Fugen verarbeiten mehr als ein Soggetto. Man spricht dann bei zwei Soggettos von Doppelfugen, bei dreien von Tripelfugen, bei vieren von Quadrupelfugen. Dabei gibt es eine interessante Entwicklung: Im 18. Jahrhundert waren Fugen sehr beliebt, bei denen der Soggetto immer mit einem gleichbleibenden Begleiter, dem Contrasoggetto oder Kontrasubjekt, erscheint, wobei das zweite Subjekt manchmal über, manchmal unter dem ersten auftritt und daher im doppelten Kontrapunkt geschrieben sein muss. Solche Stücke wurden damals als Doppelfugen begriffen und darin auch gerne mit beiden Soggettos gearbeitet. So entnimmt Bach in seinen Doppelfugen auch dem zweiten Soggetto Material für die Zwischenspiele. Zuweilen tritt auch das zweite Soggetto im Stück einmal alleine auf.

Im 19. und 20. Jahrhundert bürgerte sich dann langsam der Begriff der „Fuge mit beibehaltenem Kontrapunkt“ für diese Konstruktionen ein, während mit Doppelfuge nur noch solche Stücke bezeichnet wurden, in denen zuerst ein Soggetto, dann das andere durchexerziert wird und erst danach beide kombiniert auftreten. Diese Degradierung vieler barocker Doppelfugen verstellt den Blick dafür, dass eine hohe Kunstfertigkeit notwendig ist, um solche Stücke kontrapunktisch korrekt und mit einem musikalisch sinnvollen Spannungsbogen versehen zu schreiben.

Mehr zur Debatte über den Begriff der Doppelfuge kann man übrigens der Dissertation von Randolph Eichert über „Kontrapunktische Satztechniken im 18. Jahrhundert“ ab Seite 95 entnehmen.

Ein ausführlicher historischer Traktat zur Fuge ist uns von Friedrich Wilhelm Marpurg erhalten. Eine Neuauflage aus dem Jahre 1806 kann man bequem im Internet-Archiv nachlesen.

Severin von Noricum

Der 8. Jänner ist der Gedenktag des hl. Severin von Norikum († 8. Jänner 482), eines der traditionellen Patrone1 Österreichs. Er war im fünften Jahrhundert inmitten des zusammenbrechenden (west)römischen Reiches für die Menschen Norikums nicht nur seelsorgerisch tätig, sondern verhandelte für sie mit den Mächtigen, organisierte Nahrungsmittel, Umsiedlungen, Verteidigungsmaßnahmen und vieles mehr.

Dabei war das ursprünglich nicht seine Absicht, wie sein Biograph Eugippius festhielt: Nach einem Aufenthalt im Osten wollte er sich eigentlich einem Leben der Askese und Kontemplation widmen. Doch es sollte anders kommen, wie Severin erzählt: „Wisse aber dennoch, dass Gott, der vertrat, Dich zum Priester zu machen, mir selbst vorschrieb, diesen gefährdeten Menschen beizustehen.“

Nun war es im fünften Jahrhundert nicht selten der Fall, dass Bischöfe als Lückenfüller die Aufgaben des untergehenden Staats übernahmen, insbesondere, wenn sie selbst einen entsprechenden Hintergrund hatten und z.B. früher als Statthalter, lokale Kommandanten etc. gedient hatten. Ob Severin so einen Hintergrund hatte, ist umstritten — Friedrich Lotter nennt allerdings gute Gründe dafür –; unbestritten ist aber, dass er jedenfalls kein Bischof war, trotzdem in zivilen wie militärischen Belangen zumindest von Bedeutung gewesen ist und für die Mächtigen der Region ein geschätzter Ansprechpartner war.

Über seine Herkunft und Vorgeschichte wissen wir trotzdem wenig, denn Eugippius schweigt sich mit Berufung auf Severin selbst aus. Der soll nämlich auf Nachfragen zuerst gescherzt haben, ob er wohl ein entlaufener Sklave sei. Dann aber habe er geantwortet: „Wofür ist dem Diener Gottes die Bezeichnung seines Rangs oder Standes gut, wenn er besser durch Verschweigen dessen eine Prahlerei leichter vermeiden kann, wie nämlich eine linke Seite, durch deren Nichtwissen er jedes gute Werk mt Christi Gabe zu vollbringen wünscht, wodurch er würdig werde, ein Genosse der rechten Seite (Christi) zu werden und den Bürgern des himmlischen Vaterlandes zugeschrieben zu werden? Wie wenn Du mich unwürdigen als wahrhaft Sehnenden erkennst, was ist es für dich notwendig, das irdische zu erkennen, wie du erfragst?“2

Zwei kleine Lehren möchte ich daher aus dem Leben des hl. Severin ziehen:

  1. Im Reich Gottes gibt es eben keinen Stand, keine Abkunft und keine Nationalität, einen Umstand, den ja etwa das habsburgische Begräbniszeremoniell so eindrucksvoll darzustellen versucht. Es gibt aber Menschen, die sich danach sehnen, Bürger des himmlischen Reiches sein zu wollen, um mit Severin und Augustin zu sprechen, und solchen, die das nicht tun. Das Wollen und das Vollbringen machen uns Menschen aus, und danach sollte man auch die anderen beurteilen.

  2. Wo Gott uns hinstellt, wo er meint, dass wir gebraucht werden, ist oft ganz woanders, als wir es vermuten würden. Daher müssen wir, so wie Severin, offen sein für Gottes Ruf und die Welt um uns, in der wir gerufen werden.

Einige Hinweise:


  1. Seit dem 16. Jahrhundert wurden als Patrone Österreichs die folgenden Heiligen gezählt: Quirinus, Maximilian von Lorch, Florian, Severin, Koloman, Leopold III., Poppo von Trier und Otto von Freising. 

  2. Quid prodest, inquit, servo Dei significatio sui loci vel generis, cum potius id tacendo facilius possit evitare iactantiam, utpote sinistram, qua nesciente cupit omne opus bonum Christo donante perficere, quo mereatur dextris socius fieri et supernae patriae civis adscribi? Quam si me indignum veraciter desiderare cognoscis, quid te necesse est terrenam cognoscere, quam requiris? 

Die Perser in Bethlehem

Am 6. Jänner werden in vielen Krippen die Sterndeuter dazugestellt, die μάγοι, die Matthäus in seinem Evangelium erwähnt. Der Begriff war im Griechischen zur Zeit Matthäus zweideutig. Er bezeichnete einerseits persische Weise und Priester, andererseits aber allgemein Zauberer und besonders Scharlatane, die vorgeben, über Zauberkräfte zu verfügen. Wie ich schon einmal diskutiert habe, dient wohl Matthäus’ Referenz ἀπὸ ἀνατολῶν „aus dem Osten“ genau dieser Differenzierung: Nicht irgendwelche Zauberer kommen da, sondern Mager aus dem Osten.

Die Mager waren die Priester der Perser, ursprünglich wie die Leviten durch Abstammung verbunden. Später werden zoroastrische Priester im Griechischen so bezeichnet; ob es sich dabei immer noch um Abkömmlinge der medischen Mager handelt, ist umstritten. Es ist sogar umstritten, wie zoroastrisch der Glaube der Mager wirklich war. Es hat jedenfalls durchaus eine Bedeutung, dass Matthäus diesen Ausdruck verwendet und nicht etwa χαλδαῖοι („Chaldäer“), womit damals nicht bloß ethnische Chaldäer, sondern auch Astrologen im allgemeinen gemeint sein konnten.

Plutarch, ein Zeitgenosse des Matthäus, beschreibt in seiner Schrift „Über Isis und Osiris“ nicht nur die Religion der Ägypter, sondern streift auch die persische Religion des Zoroaster (oder Zarathustra). Dort beschreibt er sie in einer Diskussion über die Wurzeln des Guten und Bösen in der Welt als monotheistisch: „Einige meinen, es gebe zwei einander entgegen arbeitende Götter, einen Bildner des Guten, einen des Bösen. Einige hingegen nennen den besseren, Gott, Dämon; dies tut auch Zoroaster, der Mager …“ (Kap. 46) Auch die besondere Rolle der Sterne erwähnt er: „Dann vermehrte Horomazes sich selbst drei Mal, entfernte sich so weit von der Sonne als die Sonne von der Erde absteht, und zierte den Himmel mit Gestirnen. Einen Stern vor allen setzte er gleichsam als Wächter und Vorhut, den Sirius.“ (Kap. 47) Von den Magern unterscheidet er dabei die Chaldäer, die Planeten als Geburtsgötter bezeichnen, zwei gute, zwei böse, drei unentschiedene.

Zweihundert Jahre nach Matthäus weist Origenes noch einmal darauf hin, dass Mager und sterndeutende Chaldäer zwei verschiedene Gruppen sind: „Man beachte nun hier den Irrtum dieses Menschen, der ‚Magier‘ und ‚Chaldäer’ nicht auseinander zu halten weiß, ihre verschiedene Berufstätigkeit nicht in Betracht zieht und deshalb den evangelischen Bericht entstellt und verleumdet.“

Auch wenn die Chaldäer als Sterndeuter wohlbekannt waren, während die Mager weder Astronomen noch Astrologen waren, so spielten die Sterne auch bei den Persern bzw. den Magern jener Zeit eine Rolle, wie schon angedeutet. So wird in der jüngeren Avesta (siehe die Tir Yašt) einer Sternenverehrung das Wort gesprochen; Planeten und Sterne werden z.T. mit bestimmten Gottheiten oder Eigenschaften verknüpft. (siehe Carsten Colpe)

Die Juden kannten außerdem die persischen Verhältnisse wohl ganz gut — und umgekehrt: Seit der Babylonischen Gefangenschaft gab es eine große jüdische Gemeinde im Zweistromland; in Persien gab es ebenfalls jüdische Gruppen. Und der kulturelle und religioäse Einfluss Persiens reichte weit nach Westen, wie etwa das große Hierothiesion des König Antiochos I. von Kommagene mit seinen Darstellungen aus persischer und griechischer Mythologie zeigt, oder die Tatsache, dass der armenische König Tiridates aus dem parthischen Königshaus stammte, Zoroastrier war — und mit einem Mager zu Kaiser Nero nach Rom reiste. Schließlich gab es von Magern betreute Kultstätten sogar im kleinasiatischen Kappadokien, wie der griechische Geograph Strabon um Christi Geburt schreibt.

Die persischen Könige werden im Alten Testament generell positiv erwähnt: Immerhin ließ Großkönig Kyros die Juden aus dem Exil zurück nach Israel ziehen, sein Nachfolger Dareios erlaubte den Wiederaufbau des Tempels. Trotz der vielen niederen Gottheiten, die im Zoroastrismus jener Zeit verehrt wurden und Plutarch erwähnt, war die Religion der Perser zumindest eschatologisch monotheistisch und damit dem Judentum näher als irgendeine andere Religion jener Zeit. Auch ihre ethischen Implikationen waren dem Judentum nicht so fremd wie die Imperative anderer Glaubensrichtungen.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Evangelist, der aus Israel kommt, den Begriff der Mager — der noch dazu außerhalb seiner engsten Bedeutung eher abwertend verwendet wurde — sonst einsetzen würde, wenn er nicht an so einen persischen Mager denken würde.

Die genannten Mager müssen dabei keineswegs direkt aus Persien kommen. Traditionen wie die des Justin des Märtyrers, der sie in „Arabien“ verortet, sind daher nicht zwangsläufig im Widerspruch. Der Begriff „Arabien“ beschrieb in seiner Zeit neben der arabischen Halbinsel auch das südliche Syrien, das transjordanische Gebiet, den südlichen Teil der Wüste Negev und das Sinaigebiet. Justin nennt ausdrücklich Damaskus als Teil Arabiens. Wobei Justin der Märtyrer die Zuschreibung offensichtlich aus exegetischen Gründen wählt. Aber selbst in Damaskus soll es jedenfalls eine zoroastrische Gemeinde gegeben haben.

Die Gründe dafür, dass die μάγοι tatsächlich Mager waren, sind also alles andere als mager.

Die Globalisierungsgewinner des 13. Jahrhunderts vor Christus

Im dreizehnten Jahrhundert vor Christus standen in Griechenland, Kleinasien und Syrien mächtige, luxuriös ausgestattete Paläste, die über geschäftigen Städten thronten. Feine Keramik, edle Schmiedearbeiten oder prächtige Stoffe wurden zwischen den Städten in Karawanen oder in großen Handelsflotten über teils große Distanzen geliefert. Waren, die in spezialisierten Werkstätten mit zum Teil hunderten Arbeitern hergestellt wurden, und deren Rohstoffe mitunter ebenso von weither kamen.

Um 1200 vor Christus bricht diese Welt zusammen. Eric H. Cline hat diesem Kollaps des bronzezeitlichen Reichtums mit „1177. Der erste Untergang der Zivilisation“ eine vielbeachtete Monographie gewidmet. (Hier die Buchbesprechung in der „Welt“.)

Der genaue Hergang dieses Zusammenbruchs wird immer noch heftig diskutiert. Eine unheilvolle Melange aus Invasionen äußerer Feinde, inneren Fehden, Naturkatastrophen und schließlich dem Ende des überregionalen Handels wird regelmäßig genannt, mit unterschiedlicher Betonung der einzelnen Faktoren. Momentan scheint etwa der Klimawandel auch zur Erklärung historischer Ereignisse sehr en vogue. Der Handel ist auch insofern bedeutend, als die weitreichenden Handelsnetzwerke es ermöglichten, dass in einigen Städten mehr Menschen wohnen konnten, als das unmittelbare Umland ernährt hätte.

In Griechenland schrumpfte die Bevölkerung im Zuge der Ereignisse — mancherorts um 90%! –, und konnte erst Jahrhunderte später wieder die damalige Zahl erreichen, um sie schließlich in hellenistischer Zeit deutlich zu übertreffen. Die bronzezeitlichen Reiche scheinen der malthusianischen Falle entkommen zu sein, die früheisenzeitlichen Griechen waren fest in ihr gefangen.

Wie aber war das möglich?

Ein Teil des Puzzles liegt in der Palastwirtschaft, wie sie im östlichen Mittelmehr und im Zweistromland vorherrschte. Die Paläste verwalteten Rohstoffe und Lebensmittel und beherbergten große, spezialisierte Manufakturen, die vor allem Waren für den Export produzierten. Auf diese Weise konnten Skalenerträge (durch große Produktionseinheiten) erzielt werden. Die Möglichkeit, Rohstoffe auch von weiter her zu beziehen, eröffnete außerdem das Feld für die Spezialisierung bestimmter Paläste auf Produkte, die Vorprodukte aus verschiedensten Quellen benötigten.

Die Mängel der Planwirtschaft der Paläste wurden dadurch gemildert, dass die jeweiligen Einheiten relativ überschaubar waren und durch den Handel, der in der Regel über private Kaufleute abgewickelt wurde, einer Marktdisziplinierung ausgesetzt waren. Eine Gleichsetzung der Paläste mit Großunternehmen ginge wohl nicht ganz fehl.

Ein zweiter Teil des Puzzles liegt in der weit entwickelten Diplomatie und großen Hegemonialsphären, die einen einigermaßen sicheren Handel im östlichen Mittelmehr und Zweistromland ermöglichten und die Transaktionskosten gegenüber späterer Zeit deutlich niedriger halten konnten.

Doch höhere Produktivität durch Arbeitsteilung und Skalenerträge erklärt noch nicht allein den höheren Wohlstand der späteren Bronzezeit gegenüber der folgenden frühen Eisenzeit. Nach der gängigen malthusianischen Theorie werden solche Produktivitätsgewinne durch eine wachsende Bevölkerung wieder aufgesogen, bis wieder ein Leben auf Subsistenzniveau erreicht ist. Nur in Zeitabschnitten, in denen die Produktivität schneller als die Bevölkerung wächst, könnte daher der Wohlstand pro Kopf kurzfristig steigen.

Diese Annahme ist aber durch den archäologischen Befund für das klassische Griechenland oder das Römische Reich nicht gedeckt, wie Josiah Ober für ersteres, Paul Erdkamp für letzteres diskutiert.

Dafür gibt es einenn einfachen Grund: Die Bevölkerung kann ja nur wachsen, wenn die Geburten die Todesfälle übersteigen. Das heißt z.B., dass durch gute Ernährung oder durch Fortschritte in der Medizin oder Hygiene die Kindersterblichkeit sinkt — und damit mehr Kinder erwachsen werden und Familien gründen. (Die Annahme, dass eine besonders gute Ernährungslage zu signifikant steigenden Geburtenraten selbst führen würde, gilt als widerlegt.) Verzierte Vasen und bunte Stoffe dagegen machen das Leben schöner und angenehmer, tragen aber nichts zum Bevölkerungswachstum bei.

Einen einfachen Ansatz dafür zeigt Lemin Wu in einem Working Paper. Wu unterscheidet einfach zwischen zwei Sektoren, „Subsistenz“ und „Luxus“. „Luxus“ sind bei Wu alle Güter, die dem persönlichen Nutzen dienen, aber die Überlebensfähigkeit der Gruppe nicht erhöhen. Die Wirtschaft hat in dem Punkt ein Gleichgewicht erreicht, in dem sich die Grenze der Produktionsmöglichkeiten, die Menge der für die Menschen gleichwertigen Güterbündel (Indifferenzkurve) und die Menge der Güterbündel, die zu einer konstanten Bevölkerung führen, berühren. Wenn die Produktivität im Luxussektor stärker steigt als im Subsistenzsektor, steigt der Wohlstand pro Kopf. Steigt die Produktivität im Subsistenzsektor, wächst die Bevölkerung. Große landwirtschaftliche Innovationen haben in diesem Modell daher langfristig negative Auswirkungen auf den Wohlstand pro Kopf. Welche Güterbündel aus Subsistenzgütern und Luxusgütern als gleichwertig gesehen werden, ist freilich auch kulturell bedingt.

Umgelegt auf die Bronzezeit: Die Produktivität im Bereich der Handelswaren stieg viel stärker als die der Landwirtschaft; zudem wurden der Warenproduktion in den Palästen massiv Ressourcen zugeführt und standen damit auch nicht der ernährenden Landwirtschaft zur Verfügung. Produktionsstrukturen und soziale Präferenzen haben in Wus Terminologie zu einer „Luxusexpansion“ geführt, die zu einem höheren Wohlstand pro Kopf führt.

Es gibt allerdings auch eine Gegenkraft in Wus Modell. Gesellschaften, die einen komparativen Vorteil im Subsistenzsektor haben, sind ärmer, doch ihre Technologien verbreiten sich durch steigenden Bevölkerungsdruck, der in friedlicher Wanderung oder kriegerischer Invasion mündet. In Wus simplem Modell — das keinen Anspruch stellt, die komplexe Wirtschaftsgeschichte des Altertums allein erklären zu können — würde hier wohl wieder die Invasionstheorie ins Spiel kommen …

Auch ohne Invasion kann man den Kollaps zum Ende der Bronzezeit innerhalb dieses Rahmens erklären: Durch den Zusammenbruch des Handels und die Zerstörung von Palästen sank die Produktivität des Luxussektors stark, aber auch die Produktivität des Subsistenzsektors, der von fachmännisch hergestellten Gerätschaften und durch Handel ermöglichter Spezialisierung wohl ebenfalls profitiert hatte. Die Produktionsmöglichkeiten gehen also zurück, das erreichbare Güterbündel, das den höchsten Nutzen verspricht, wird deutlich kleiner und subsistenzlastiger, die Güterbündelmenge bei konstanter Bevölkerung geht zurück. Voi là: Frühe Eisenzeit — samt malthusianischer Bevölkerungsentwicklung.

Angus Deaton, Nobelpreisträger

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften1 geht also an Angus Deaton, Universitätsprofessor für Wirtschaftswissenschaften und Internationale Angelegenheiten in Princeton. Gerade rechtzeitig zu seinem siebzigsten Geburtstag, den er am 19. Oktober begehen darf.

Das ist schon ein wenig eine Überraschung, wirft aber ein Licht auf einen bedeutenden Teil der Mikroökonomie, der in der öffentlichen Debatte zu wenig beachtet wird. Wie es auf der offiziellen Seite der Nobelpreise heißt: „Für die Analyse des Konsums, der Armut und der Wohlfahrt.“

Diese drei Punkte hängen innerlich zusammen.

Deaton hat zusammen mit John Muellbauer in den Siebziger Jahren hat an einer Möglichkeit geforscht, Konsumentscheidungen zwischen Gütern in Abhängigkeit von Preisen elegant, aber realitätsnah zu modellieren. Denn die bisherigen Modelle mit repräsentativen Konsumenten stimmten mit der Empirie nicht überein. Ein großes Problem war dabei die Aggregierung, d.h. das Zusammenführen der einzelnen Nutzenfunktionen der Konsumenten zu einer einzigen Funktion, die das Konsumverhalten der betrachteten Menschen gemeinsam abbildet. Das „Almost Ideal Demand System“ von Muellbauer und Deaton erlaubt, dass Konsumenten verschiedene Güter bevorzugen, in dem die einheitliche Konsumfunktion um einen Parameter ergänzr wird, der nach demographischen Indikatoren variiert.

Aggregierung ist auch das Schlüsselwort für die Betrachtung des Konsums im Zeitablauf. Man muss kein Ökonom sein, um zu wissen, dass sich das Konsumverhalten im Laufe eines Lebens ändert. Dazu haben sich in den Siebziger Jahren Modelle mit rationalen Erwartungen etabliert, bei denen die Betroffenen ihren Konsum über den Zeitablauf hinweg glätten. Dazu muss man allerdings auch handfeste Erwartungen über das Einkommen haben, um entsprechend dieser Erwartungen zu sparen bzw. sich zu verschulden. Deaton zeigte nun, dass unvorhergesehen Einkommensänderungen über die veränderten Erwartungen über die Zukunft großen Einfluss auf das gegenwärtige Konsumverhalten haben. Da ökonomische Schocks Menschen in verschiedenen Stadien ihres Lebenzyklus treffen, kann die aggegierte Auswirkung des Schocks auch anders ausfallen, als eine Betrachtung der Einzeldaten ergeben würde. Um also die Gestaltung der Konsums besser zu verstehen, arbeitete Deaton an Querschnittsstudien über Haushalte bzw. wie man sich echten Längsschnittstudien mit einfacheren Mitteln (mit sogenannten „Pseudo-Panels“) annähern könnte. Diese Untersuchungen sind grundlegend für die statistische Arbeit auf der ganzen Welt geworden.

Schließlich widmete sich Deaton der praktischen Frage, wie man Armut, Konsummöglichkeiten und Wohlfahrt in sich entwickelnden Ländern misst. Hier steht man einerseits vor großen statistischen Problemen, andererseits vor solchen der Vergleichbarkeit der Daten. Werden Güter in Land A nicht nachgefragt, weil sie zu teuer sind – oder weil sie dort im Unterschied zu Land B keiner will? Wie gehe ich damit um, dass einige Güter in Land A, andere in Land B vergleichsweise günstiger sind? Wie sensibel sind Messergebnisse? Die Erkenntnisse aus entsprechenden Arbeiten haben die Messung von Armut in einigen Ländern verändert.

Seine Beschäftigung mit Entwicklungsländern hat ihn auch zu einem großen Kritiker der Entwicklungshilfe gemacht. Sie würde dazu beitragen, dass Staatsgewalt der Empfängerstaaten sich überhaupt nicht für die eigene Bevölkerung verantwortlich fühlt. Es gibt dort keinen „Vertrag“ zwischen Staat und Bürgern; die Finanzierung des Staats hängt vielmehr nur vom Wohlverhalten gegenüber den Geldgebern ab. Dann funktionieren oft nicht einmal die grundlegendsten Staatsfunktionen, mit fatalen Folgen. Deaton:

„Arme Menschen brauchen eine Regierung, um ein besseres Leben führen zu können. Die Regierung aus dem Spiel zu lassen, könnte die Lage kurzfristig verbessern, aber das eigentliche Problem würde nicht gelöst. Arme Länder können ihr Gesundheitssystem nicht ewig vom Ausland betreiben lassen. Die Hilfe unterminiert, was arme Menschen am meisten benötigen: eine effektive Regierung, die heute für eine bessere Zukunft mit ihnen zusammenarbeitet.“

Ein weites, spannendes Feld, das Deaton bestellt.


  1. Eigentlich Sveriges Riksbank Preis für Wirtschaftswissenschaften in Erinnerung an Alfred Nobel. Bevor dass jemand unvermeidlicherweise in den Kommentaren postet. 

Wien wählt: Ein paar Bemerkungen

Über die Wiener Wahlen haben Berufenere schon viel Tinte vergossen. Oder Pixel gefüllt. Wie auch immer. Einige Beobachtungen erscheinen mir aber doch bemerkenswert:

Wie Ulrike Weise in der „Presse“ meint, hat das von SPÖ und FPÖ bewußt herbeigeführte Drama um Platz 1 völlig verdeckt, dass es bei der Landtagswahl eigentlich darum geht, wie die Stadt regiert wird. Entsprechende Themen sind von ÖVP und Grünen gesetzt worden, die allerdings nur um Platz 3 ringen. SPÖ und FPÖ dagegen haben kommunale Sachthemen völlig in den Hintergrund gestellt und konzentrieren sich auf ein manichäisches Duell, obwohl sie in vielen Sachfragen ohnehin ähnliche Positionen vertreten und eine Bürgermeistermehrheit für Strache weit und breit nicht in Sicht ist.

Nach Oberösterreich scheinen die NEOS auch in Wien ihren Wahlkampf ziemlich versaut zu haben — sogar noch konsequenter. Da wurde Strache plakatiert und die NEOS als einzige Kraft präsentiert, die Strache verhindern würde. Als ob das nicht die SPÖ und die Grünen glaubwürdiger als eine Partei verkörpern, die gerade um den Einzug zittern muss.

Sachthemen blieben bei den NEOS Mangelware; außer populistischen Sprüchen scheint da momentan wenig dahinter. Ob die NEOS vier, fünf oder sieben Prozent schaffen, werden wir bald wissen. Dann wissen auch manche Medien erst, wie viel die NEOS wirklich für die Inserate bezahlen werden … (Schreibt deswegen der Kurier so ausgesprochen NEOS-lastig?)

Noch ein interessanter Gedanke: Die überproportionale Bedeutung, die den Wien-Wahlen in der Berichterstattung beigemessen wird, speist sich aus dem faktischen Zentralismus Österreichs, meinen die Oberösterreichischen Nachrichten. Der führt dazu, dass ein überproportionaler Teil von Steuermitteln und auch privaten Gewinnen wieder in Wien ausgegeben wird:

Der Hauptstadtbonus beginnt bei Mehrleistungen auf der E-Card, führt über das fortgesetzte Pensionsprivileg für städtische Bedienstete, frühzeitigen Pensionsantritt hin zu sonstigen Privilegien und den großen Nebensächlichkeiten Sport und Kultur. Österreichweit tätige Unternehmen, Banken, Versicherungen, Glückspielunternehmen, der ORF sammeln ihr Geld im Bundesgebiet ein und schütten es bevorzugt und vorrangig in Wien wieder aus. Wenn der Fußballklub Austria zu einer Generali-Arena kommt, ist es genau dieses beschriebene Muster, in Wien entwickelt und ausverhandelt, zahlen dürfen wir alle.

Wien ist, ein Ergebnis der Größe und Bedeutung der Donaumonarchie, viel zu groß für ein Acht-Millionen-Land. Es ist zwar in der Tat so provinziell, wie es der Landesgröße entspricht (und sicher keine Weltstadt), aber es verwaltet ein immer noch fruchtbringendes Erbe. Dieses Wien sieht sich von daher als etwas Besonderes, Besseres (im Gegensatz zu den „Bauernschädeln“)– und misst daher auch seinen Wahlen überregionale Bedeutung bei. Doch in der Tat: Eine krachende Niederlage der Bürgermeisterpartei (die freilich auch nachher den Bürgermeister stellen wird) ist österreichischer, ja europäischer Alltag. Und bei weitem nicht weltbewegend.

„Dein Gericht ist ein Licht für die Welt“

Das jüngste Gericht wird in der volkstümlichen Bilderwelt als schreckliches Ereignis dargestellt. So sehr, dass in der Kirche viele unter dem Kampfbegriff „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ aufgehört haben, davon zu sprechen.

Vor einigen Tagen hat mich das Stundengebet aber wieder daran erinnert, dass das biblische Konzept des Gottesgerichts eine Verheißung ist. So heißt es im Canticum nach Jes 26:

Herr, auf das Kommen deines Gerichts / vertrauen wir.
Deinen Namen anzurufen und an dich zu denken / ist unser Verlangen.
Meine Seele sehnt sich nach dir in der Nacht, / auch mein Geist ist voll Sehnsucht nach dir.
Denn dein Gericht ist ein Licht für die Welt, / die Bewohner der Erde lernen deine Gerechtigkeit kennen.
– Jesaja 26,8-9

Und in Psalm 66 bzw. 67 nach der masoretischen Zählung sollen alle Völker dem Herrn danken. Mehr noch:

Die Nationen sollen sich freuen und jubeln. / Denn du richtest den Erdkreis gerecht.
Du richtest die Völker nach Recht / und regierst die Nationen auf Erden. [Sela]
– Psalm 66,5

Angesichts der vielen menschlichen Ungerechtigkeiten in der Welt wird das barmherzige, aber gerechte Gericht Gottes als Befreiung herbeigesehnt. Freilich ist es eine Drohung — gegen die Ungerechten! Und eine Mahnung an jeden, zu prüfen, ob er zu diesen Ungerechten gehört. Aber es ist auch das: Licht für die Welt. Und die Zuversicht, dass es Gerechtigkeit nicht nur im Kino gibt, sondern auch in Wirklichkeit.

Oberösterreich wählt

In Oberösterreich wird der Landtag nur sehr selten gewählt: Alle sechs Jahre. So oft wie der Bundespräsident. Dadurch sind die Wahlen auch von größerer Bedeutung. Was da entschieden wird, bleibt lange gültig, auch wenn sich die Meinung der Bevölkerung schon deutlich verschoben halten sollte.

So fuhr die SPÖ 2003 einen großen Wahlerfolg ein und kam bis auf 40.000 Stimmen oder fünf Prozentpunkte an die ÖVP heran; dies wurde allerdings dadurch begünstigt, dass die SPÖ im Bund in Opposition war. Selbst bei den gleichzeitig stattfindenen Gemeinderatswahlen drückte sich das aus: Dort überholte die SPÖ nämlich landesweit die ÖVP. Nur wenige Jahre später war diese Beliebtheit wieder verpufft., wie schon die Nationalratswahl 2006 andeuteete und 2008 bestätigte. Erst 2009 konnten die Stimmbürger allerdings diese Stimmungsänderung auch für den Landtag und die Gemeinden ausdrücken.

Ob sich die Wähler des Gewichts ihrer Entscheidung immer bewusst sind, mag bezweifelt werden. Für den einzelnen ist das sogar rational, weil ja eine Stimme allein nur in den seltensten Fällen entscheidend ist. In Summe kann das aber zu Effekten führen, die überhaupt nicht intendiert waren.

Das ist das Problem, vor dem Oberösterreichs Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer steht. Er ist bekannt und beliebt. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich, dass er auch die nächsten Jahre die Landesregierung führt. Und doch werden viele davon die FPÖ wählen, weil die Flüchtlingsfrage, in der das Land praktisch keine Kompetenzen hat, emotional alles überschattet. Es wird also eine Landtagswahl durch ein Thema mitentschieden, auf die die Gewählten nur wenig Einfluss haben. Das war übrigens auch schon bei früheren Landtagswahlen so, wie Josef Pühringer aus leidvoller Erfahrung zu berichten weiß. Deswegen wird im oberösterreichischen Wahlkampf gerade von der ÖVP immer betont: „Es geht um Oberösterreich!“

Auch die Situation der SPÖ ist nicht beneidenswert. Das schlechte Wahlergebnis von 2009 verbietet eine Wahlkampagne, die einen zumindest hypothetischen Kampf um Platz 1 zur Mobilisierung verwendet. Stattdessen muss der SPÖ-Spitzenkandidat Reinhold Entholzer darum kämpfen, dass die SPÖ weiterhin zweitstärkste Partei bleibt. Das ist als Motivationsfaktor nicht genug. Dazu kommt, dass die SPÖ eigentlich an der bisherigen Arbeit der Landesregierung, der sie ja auch selbst angehört, gar nicht viel auszusetzen hat. Ein Signal sind dafür die Forderungen im Wahlprogramm, die zum Teil gar nicht vom Land umgesetzt werden können oder bei denen zu einem Teil auch die ÖVP mitunterschreiben könnte. Es gibt also weder eine thematische Zuspitzung noch eine personelle, mit der man die Wähler motivieren kann.

Die FPÖ ist dagegen in einer beneidenswerten Situation. Obwohl der FP-Landesrat Manfred Haimbuchner seine Regierungsgeschäfte höchst unauffällig erledigt hat, jedenfalls kaum mit einer aufsehenerregenden Bilanz in den Wahlkampf ziehen kann, ist ihm auf Grund der aktuellen thematischen Gemengelage ein Sieg sicher. Die FPÖ führt aber einen gut durchdachten Wahlkampf. Die Schwerpunkte liegen auf Immigration, Integration (insbesondere der Sorge über mangelnde Integration von Zuwanderern) und auf der Bewahrung emotionaler und sozialer Sicherheit. Dabei verwendet sie sehr prägnante Botschaften, deren Begleittexte dann nuancierter sind als man erwartet hätte. So werden die Angriffsflächen minimiert. Christliche Werte, die die FPÖ ja in jüngster Zeit für sich entdeckt hat, spielen im Wahlprogramm übrigens eigentlich nur als Brauchtumspflege eine Rolle.

Im Gegensatz zu Manfred Haimbuchner hat der Grüne Spitzenkandidat Rudi Anschober seine Amtszeit für öffentlichkeitswirksame Projekte genutzt. 2009 hat er auch so etwas wie einen Bilanzwahlkampf geführt. Er konnte und kann auch auf viele Erfolge verweisen, die er auch dadurch erreicht hat, dass er weitaus weniger ideologisch rigide und verbissen ist als manche seiner Parteikollegen in anderen Bundesländern. Diesmal geht es im Wahlkampf allerdings mehr darum, welche Positionen ein Alleinstellungsmerkmal der Grünen sind, und die Grünen als Verhinderer von Schwarz-Blau zu inszenieren. (Obwohl Schwarz-Rot wohl auch möglich wäre) Freilich könnte man glauben, sie halten ihre Wähler manchmal für ziemlich beschränkt, wenn etwa mit Angst vor dem Freihandelsabkommen TTIP gespielt wird, auf das die Landespolitik praktisch keinen Einfluss hat. „Frauen fahren besser mit Grün“ ist eine plumpe Anbiederung, nahe am Sexismus. Ihr größter Feind scheint momentan die Wahlarithmetik zu sein, liegt doch die prognostizierte Stärke der Grünen genau an der Grenze, einen Sitz in der Landesregierung zu erhalten. Das hängt nämlich nicht nur vom eigenen Ergebnis ab, sondern auch vom Verhältnis der anderen.

Ein Einzug des LIF-Nachfolgers NEOS wäre nach diesem Wahlkampf mehr als überraschend. Sie hatten freilich das Pech, mit einer Thematik konfrontiert zu werden, zu der viele keine Antworten haben; mit den eigenen Themen dringt man dann schwer durch. Aber ersten können Aktionismus und diffuse Parolen keine Positionierung ersetzen. Zweitens sind die Menschen in Oberösterreich mit ihrem Bundesland nicht so dramatisch unzufrieden, dass sie es als einzige Baustelle wahrnehmen würden. So hat es aber der NEOS-Wahlkampf darstellen wollen. Sicher kann man vieles verbessern; aber Oberösterreich gilt als gut regiert und hat nebstbei auch verhältnismäßig wenig Skandale aufzuweisen, wenn wir von der Linzer Swap-Affäre absehen. Wenn sie den Einzug nicht schaffen sollten, braucht jedenfalls niemand davon schreiben, dass es in Österreich keinen Platz für Liberale geben würde. Schlechte Wahlkämpfe hat man schon selbst zu verantworten.

In wenigen Stunden wissen wir aber mehr, welche Schlüsse die Wähler — jeder für sich — gezogen haben.

Braucht der Islam einen Luther?

In der FAZ fragt Simon Wolfgang Fuchs: „Wo bleibt der muslimische Luther?“ Die einleitende Frage führt in die Irre, so die These. Das größere Problem sei die Delegitimierung der traditionellen, auf Ausgleich bedachten Gelehrten durch die Reformbewegung des Salafismus einerseits und machtbewußte Autokraten andererseits, die den Gelehrten die Rolle der Bestätigung der jeweiligen offiziellen Politik zugedacht haben.

Die einleitende Frage führt auch vor, wie mitunter ein die Reformation falsch verstanden wird. Sie sollte nicht Glaube und Vernunft versöhnen, im Gegenteil: Für Luther und Calvin war die Kirche zu säkular, zu diesseitig, zu entfernt von den Wurzeln, zu vernunftbetont und wissenschaftshörig. Die scholastische Theologie, die von der gegenseitigen Stütze von Glauben und Vernunft überzeugt war, diese Theologie war den Reformatoren ein Greuel.

Luther wandte sich zutiefst gegen die Vermengung von Philosophie mit christlicher Theologie. Wie Jan Rohls formuliert: „Zudem ist er der Meinung, dass selbst die Nominalisten, auch wenn sie betonen, dass die Theologie letztlich nur auf der Offenbarung beruht, der Vernunft und der Logik einen zu großen Raum innerhalb der Theologie zubilligen.“1 weiter: „Der Vernunft wird so über eine rudimentäre Gotteserkenntnis hinaus jede Berechtigung innerhalb der Theologie abgesprochen.“2 In seiner Disputation gegen die scholastische Theologie lässt er die These verteidigen: „Keine syllogistische Formel hält Stich bei Aussagen über göttliche Dinge.“3

Diese Trennung der Philosophie — de facto der Wissenschaft — vom Glauben war aber nicht als Verselbständigung der Wissenschaft gedacht, sondern als Befreiung des Glaubens. Luther, Calvin und Zwingli — die man freilich nicht über einen Leisten schlagen darf — betonten alle die Bedeutung der Offenbarung, die sich wiederum nur in der Heiligen Schrift erfahren lässt. Sola scriptura.

Hier schlägt Fuchs hinterlistig zu. Denn es gibt ja eine sehr erfolgreiche islamische Bewegung, die eine Abkehr von den Jahrhunderten der Tradition der Rechtsgelehrten will, um stattdessen allein auf Grundlage des Koran den Islam durch eine Rückkehr zu den Wurzeln zurück zu reformieren: Den Salafismus. Natürlich kann man Luther und die Salafiyya nicht vergleichen. Islam und Christentum sind dafür zu verschieden — und genau das ist der Grund, warum alle diese Vergleiche, der Islam müsse nur die „gleiche Entwicklung“ wie das Christentum nehmen, so völlig verkehrt (und gegenüber dem Islam auch ziemlich arrogant) sind.

Nebenbei: Es waren die 150 Jahre währenden Religionskriege, die dem Gedanken der religiösen Toleranz einen großen Schub gegeben und die Aufklärung befeuert haben. Würde man das jetzt so einfach umlegen können, würde dann so um das Jahr 2150 im Nahen Osten eine Ära der Toleranz beginnen …


  1. Jan Rohls: Offenbarung, Vernunft und Religion. S. 248 
  2. Jan Rohls: Offenbarung, Vernunft und Religion. S. 250 
  3. Martin Luther: Luther Deutsch. Die Anfänge. S. 358 

Fünf Beispiele zur kalten Progression

Die sogenannte „kalte Progression“ ist in den letzten Jahren, als die Lohnabschlüsse in reinen Geldwerten eher mager ausfielen, in aller Munde. Gemeint ist, dass bei gleich bleibenden Tarifstufen eine Lohnerhöhung, die rein der Abgeltung der Inflation dient, auf Grund der Progression zu einer höheren Durchschnittssteuerbelastung führt und damit die Kaufkraft des Lohnes sinkt. Das ist strikt davon zu unterscheiden, dass durch ein gestiegenes Preisniveau die Kaufkraft eines unveränderten Lohnes sinkt. Dieser Effekt hat nichts mit der Progression zu tun und würde etwa auch bei einer Einheitssteuer auftreten.1

Ein Beispiel mit österreichischen Zahlen: Ein Angestellter erhält ein Monatsgehalt von 2.400 Euro brutto. Der Einfachheit halber lassen wir den 13. und 14. Monatsbezug beiseite. Nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge verbleibt von den zwölf Gehältern von 28.800 Euro eine steuerpflichtige Lohnsumme von 23.595,84 Euro. Davon darf der Steuerpflichtige Sonderausgaben- und Werbungskostenpauschale abziehen; verbleiben 23.403,84 Euro. Die ersten 11.000 Euro sind steuerfrei. Für die verbleibenden 12.403,84 Euro ist ein Grenzsteuersatz von 36,5% anzuwenden, der eine Belastung von 4.527,40 Euro ergibt. Nach Abzug von Arbeitnehmer- und Verkehrsabsetzbetrag verbleibt eine Steuerlast von 4.182,40 Euro und ein Nettogehalt von 19.413,44 Euro. In Tabellenform:

Tabelle 1: Aktuelle Rechtslage
Position Betrag Anmerkung
Zwölf Monatsgehälter € 28.800
Sozialversicherung, AK etc. € 5.204,16
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 23.595,84
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 60,00
abzgl. Werbungkostenpauschale € 132,00
Bemessungsgrundlage 23.403,84
Tarifstufe bis 11.000 € € 00,00 0,0 %
Tarifstufe bis 25.000 € € 4.527,40 36,5 %
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 54,00
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 291,00
Lohnsteuer € 4.182,40
Nettogehalt € 19.413,44

Nun nehmen wir aus Illustrationsgründen an, ein Inflationsschock von 4,17% würde durch eine Lohnerhöhung komplett ausgeglichen, so dass der Angestellte nun einen Hunderter mehr im Monat erhält, insgesamt also 2.500 Euro. An diesen Fall denken wohl die meisten, wenn sie die „Kalte Progression“ bekämpfen wollen.

Tabelle 2: Inflationsabgeltung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 30.000 + 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.421,00 + 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 24.579,00 + 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 60,00
abzgl. Werbungkostenpauschale € 132,00
Bemessungsgrundlage € 24.387,00 + 4,20%
Tarifstufe bis 11.000 € € 00,00
Tarifstufe bis 25.000 € € 4.886,26 + 7,93%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 54,00
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 291,00
Lohnsteuer € 4.541,26 + 8,58%
Nettogehalt € 20.037,74 + 3,22%

Während vorher die Durchschnittsteuerbelastung des Bruttolohns 14,5% betragen hat, ist sie nun auf 15,1% gestiegen. Das Nettogehalt ist nicht um 4,17%, sondern nur um 3,22% gestiegen. Die Differenz ist die Wirkung der kalten Progression.

Nun ein Rechenbeispiel, bei dem die Tarifstufen, Pauschalen und Absetzbeträge valorisiert werden.

Tabelle 3: Inflationsabgeltung mit Indexierung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 30.000 + 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.421,00 + 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 24.579,00 + 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 24.379,00 + 4,17%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 4.716,04 + 4,17%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 4.356,67 + 4,17%
Nettogehalt € 20.222,34 + 4,17%

In diesem Beispiel bleibt die Durchschnittslohnbelastung gleich, und auch die Staatseinnahmen — die ja schließlich der eigentliche Zweck der Steuern sind — scheinen trotzdem ihren Anteil zu erhalten.

Es kommt aber noch besser: Denn wenn der Arbeitgeber eine noch höhere Lohnerhöhung gewährt, profitiert der Arbeitnehmer auch hier zum Nachteil des Fiskus von der Indexierung. Denn auch die über die Inflation hinausreichende Lohnerhöhung kommt in den Genuss eines impliziten Inflationsausgleichs, wie wir gleich sehen werden. Wir unterstellen dafür jetzt eine Erhöhung um 8,33% oder 200 Euro im Monat.

Tabelle 4: Kräftige Lohnerhöhung mit Indexierung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 31.200 + 8,33%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.637,84 + 8,33%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 25.362,16 + 8,33%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 25.362,16 + 8,37%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 5.074,90 + 12,09%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 4.715,53 + 12,75%
Nettogehalt € 20.846,64 + 7,38%

Kaufkraftbereinigt ist das neue Bruttogehalt um 4,00% höher, das Nettogehalt um 3,09% höher als das alte, bei einem Grenzsteuersatz von 36,5%. Der Engländer würde sagen: You do the math.

Aber mit dieser Tarifindexierung werden auch all diejenigen bedacht, deren Löhne und Einkommen nicht steigen, sondern gleich bleiben oder sogar sinken. So etwas ist nicht selten, etwa durch (in diesem Fall meist unfreiwillige) Berufswechsel, Reduktion der Arbeitszeit oder auch simpel durch Pensionierung. Selbständige wissen ohnehin ein Lied von schwankenden Einnahmen und daher oft auch recht mageren Jahren zu singen. Nun mag man einen solchen Teuerungsausgleich sozialpolitisch für richtig halten, fiskalisch kann das aber teuer werden. Denn die Ausgaben des Staates werden nicht dann mehr, wenn alle Erwerbstätigen ihre Einkommen um die Inflationsrate steigern können. Eher im Gegenteil: Können sie das nämlich nicht, so steigen wahrscheinlich u.a. die Sozialausgaben. Sehen wir uns dazu das letzte Beispiel an, bei dem das Monatsgehalt um 100 Euro gesunken ist.

Tabelle 5: Lohnrückgang
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 27.600 – 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 4.987,32 – 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 22.612,68 – 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 22.412,68 – 4,24%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 3.998,34 – 11,69%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 3.638,97 – 13,00%
Nettogehalt € 18.973,71 – 2,27%

Natürlich wäre auch ohne Indexierung die Steuerlast stärker zurückgegangen als das Einkommen; das ist der gewünschte Effekt eines progressiven Steuersystems. Doch während im nicht-indexierten System das Nettoeinkommen um 2,67% zurückgeht (und damit ebenfalls um weniger als das Bruttoeinkommen), schluckt die Indexierung hier weitere 0,4%. Sie bekämpft eben nicht bloß die kalte Progression, sondern verbindet den Tarif allgemein mit der Preissteigerung. Bleiben die Einkommen zu laufenden Preisen konstant, so sinkt das Steueraufkommen bei indexierten Tarifstufen.

Wie häufig auch stagnierende oder sinkende Einkommensverläufe vorkommen, mag folgende Statistik näherbringen: Zwischen 2008 und 2013 stieg das Bruttojahreseinkommen der unselbständig Beschäftigten im Median um insgesamt 6%, der Verbraucherpreisindex um rund 10%. Im ersten Quartil sank das Bruttojahreseinkommen sogar. Bei den Dezilen mit höheren Einkommen — die von einer Indexierung am meisten profitieren würden — gibt es auch die größten Zuwächse. Nun kann man als Person im Laufe seines Lebens verschiedenen Dezilen angehören; ein gewisser Trend lässt sich aber doch ablesen.

Fazit

Die Indexierung der Tarifstufen kann zu einem Fiskalproblem werden, da viele Einkommensverläufe nicht dem idealtypischen langzeitbeschäftigten Vollzeit-Angestellten mit Inflationsabgeltung folgen. Außerdem werden auch Erhöhungen über der Inflationsrate begünstigt, da auch der überschießende Teil einen automatischen Inflationsausgleich unterliegt. Insgesamt ist angesichts einer angespannten Budgetsituation damit zu rechnen, dass eine solche Indexierung, die den Fiskalzweck der Einkommensteuer unterläuft, durch eine Ausweitung von Konsumsteuern finanziert werden würde, die ja erstens mit der Inflation und zweitens mit steigender Kaufkraft automatisch mehr erbringen.

P.S.: Alle Zahlen ohne Gewähr. Beim Eintipseln von so vielen Zahlen kann schon einmal irgendwo ein Fehler sein …


  1. Dieser Effekt kann durch eine Progression aber verschärft werden, was manchmal zur allgemeinen Verwirrung auch als „kalte Progression“ bezeichnet wird.