Braucht der Islam einen Luther?

In der FAZ fragt Simon Wolfgang Fuchs: „Wo bleibt der muslimische Luther?“ Die einleitende Frage führt in die Irre, so die These. Das größere Problem sei die Delegitimierung der traditionellen, auf Ausgleich bedachten Gelehrten durch die Reformbewegung des Salafismus einerseits und machtbewußte Autokraten andererseits, die den Gelehrten die Rolle der Bestätigung der jeweiligen offiziellen Politik zugedacht haben.

Die einleitende Frage führt auch vor, wie mitunter ein die Reformation falsch verstanden wird. Sie sollte nicht Glaube und Vernunft versöhnen, im Gegenteil: Für Luther und Calvin war die Kirche zu säkular, zu diesseitig, zu entfernt von den Wurzeln, zu vernunftbetont und wissenschaftshörig. Die scholastische Theologie, die von der gegenseitigen Stütze von Glauben und Vernunft überzeugt war, diese Theologie war den Reformatoren ein Greuel.

Luther wandte sich zutiefst gegen die Vermengung von Philosophie mit christlicher Theologie. Wie Jan Rohls formuliert: „Zudem ist er der Meinung, dass selbst die Nominalisten, auch wenn sie betonen, dass die Theologie letztlich nur auf der Offenbarung beruht, der Vernunft und der Logik einen zu großen Raum innerhalb der Theologie zubilligen.“1 weiter: „Der Vernunft wird so über eine rudimentäre Gotteserkenntnis hinaus jede Berechtigung innerhalb der Theologie abgesprochen.“2 In seiner Disputation gegen die scholastische Theologie lässt er die These verteidigen: „Keine syllogistische Formel hält Stich bei Aussagen über göttliche Dinge.“3

Diese Trennung der Philosophie — de facto der Wissenschaft — vom Glauben war aber nicht als Verselbständigung der Wissenschaft gedacht, sondern als Befreiung des Glaubens. Luther, Calvin und Zwingli — die man freilich nicht über einen Leisten schlagen darf — betonten alle die Bedeutung der Offenbarung, die sich wiederum nur in der Heiligen Schrift erfahren lässt. Sola scriptura.

Hier schlägt Fuchs hinterlistig zu. Denn es gibt ja eine sehr erfolgreiche islamische Bewegung, die eine Abkehr von den Jahrhunderten der Tradition der Rechtsgelehrten will, um stattdessen allein auf Grundlage des Koran den Islam durch eine Rückkehr zu den Wurzeln zurück zu reformieren: Den Salafismus. Natürlich kann man Luther und die Salafiyya nicht vergleichen. Islam und Christentum sind dafür zu verschieden — und genau das ist der Grund, warum alle diese Vergleiche, der Islam müsse nur die „gleiche Entwicklung“ wie das Christentum nehmen, so völlig verkehrt (und gegenüber dem Islam auch ziemlich arrogant) sind.

Nebenbei: Es waren die 150 Jahre währenden Religionskriege, die dem Gedanken der religiösen Toleranz einen großen Schub gegeben und die Aufklärung befeuert haben. Würde man das jetzt so einfach umlegen können, würde dann so um das Jahr 2150 im Nahen Osten eine Ära der Toleranz beginnen …


  1. Jan Rohls: Offenbarung, Vernunft und Religion. S. 248 
  2. Jan Rohls: Offenbarung, Vernunft und Religion. S. 250 
  3. Martin Luther: Luther Deutsch. Die Anfänge. S. 358 

Fünf Beispiele zur kalten Progression

Die sogenannte „kalte Progression“ ist in den letzten Jahren, als die Lohnabschlüsse in reinen Geldwerten eher mager ausfielen, in aller Munde. Gemeint ist, dass bei gleich bleibenden Tarifstufen eine Lohnerhöhung, die rein der Abgeltung der Inflation dient, auf Grund der Progression zu einer höheren Durchschnittssteuerbelastung führt und damit die Kaufkraft des Lohnes sinkt. Das ist strikt davon zu unterscheiden, dass durch ein gestiegenes Preisniveau die Kaufkraft eines unveränderten Lohnes sinkt. Dieser Effekt hat nichts mit der Progression zu tun und würde etwa auch bei einer Einheitssteuer auftreten.1

Ein Beispiel mit österreichischen Zahlen: Ein Angestellter erhält ein Monatsgehalt von 2.400 Euro brutto. Der Einfachheit halber lassen wir den 13. und 14. Monatsbezug beiseite. Nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge verbleibt von den zwölf Gehältern von 28.800 Euro eine steuerpflichtige Lohnsumme von 23.595,84 Euro. Davon darf der Steuerpflichtige Sonderausgaben- und Werbungskostenpauschale abziehen; verbleiben 23.403,84 Euro. Die ersten 11.000 Euro sind steuerfrei. Für die verbleibenden 12.403,84 Euro ist ein Grenzsteuersatz von 36,5% anzuwenden, der eine Belastung von 4.527,40 Euro ergibt. Nach Abzug von Arbeitnehmer- und Verkehrsabsetzbetrag verbleibt eine Steuerlast von 4.182,40 Euro und ein Nettogehalt von 19.413,44 Euro. In Tabellenform:

Tabelle 1: Aktuelle Rechtslage
Position Betrag Anmerkung
Zwölf Monatsgehälter € 28.800
Sozialversicherung, AK etc. € 5.204,16
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 23.595,84
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 60,00
abzgl. Werbungkostenpauschale € 132,00
Bemessungsgrundlage 23.403,84
Tarifstufe bis 11.000 € € 00,00 0,0 %
Tarifstufe bis 25.000 € € 4.527,40 36,5 %
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 54,00
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 291,00
Lohnsteuer € 4.182,40
Nettogehalt € 19.413,44

Nun nehmen wir aus Illustrationsgründen an, ein Inflationsschock von 4,17% würde durch eine Lohnerhöhung komplett ausgeglichen, so dass der Angestellte nun einen Hunderter mehr im Monat erhält, insgesamt also 2.500 Euro. An diesen Fall denken wohl die meisten, wenn sie die „Kalte Progression“ bekämpfen wollen.

Tabelle 2: Inflationsabgeltung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 30.000 + 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.421,00 + 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 24.579,00 + 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 60,00
abzgl. Werbungkostenpauschale € 132,00
Bemessungsgrundlage € 24.387,00 + 4,20%
Tarifstufe bis 11.000 € € 00,00
Tarifstufe bis 25.000 € € 4.886,26 + 7,93%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 54,00
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 291,00
Lohnsteuer € 4.541,26 + 8,58%
Nettogehalt € 20.037,74 + 3,22%

Während vorher die Durchschnittsteuerbelastung des Bruttolohns 14,5% betragen hat, ist sie nun auf 15,1% gestiegen. Das Nettogehalt ist nicht um 4,17%, sondern nur um 3,22% gestiegen. Die Differenz ist die Wirkung der kalten Progression.

Nun ein Rechenbeispiel, bei dem die Tarifstufen, Pauschalen und Absetzbeträge valorisiert werden.

Tabelle 3: Inflationsabgeltung mit Indexierung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 30.000 + 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.421,00 + 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 24.579,00 + 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 24.379,00 + 4,17%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 4.716,04 + 4,17%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 4.356,67 + 4,17%
Nettogehalt € 20.222,34 + 4,17%

In diesem Beispiel bleibt die Durchschnittslohnbelastung gleich, und auch die Staatseinnahmen — die ja schließlich der eigentliche Zweck der Steuern sind — scheinen trotzdem ihren Anteil zu erhalten.

Es kommt aber noch besser: Denn wenn der Arbeitgeber eine noch höhere Lohnerhöhung gewährt, profitiert der Arbeitnehmer auch hier zum Nachteil des Fiskus von der Indexierung. Denn auch die über die Inflation hinausreichende Lohnerhöhung kommt in den Genuss eines impliziten Inflationsausgleichs, wie wir gleich sehen werden. Wir unterstellen dafür jetzt eine Erhöhung um 8,33% oder 200 Euro im Monat.

Tabelle 4: Kräftige Lohnerhöhung mit Indexierung
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 31.200 + 8,33%
Sozialversicherung, AK etc. € 5.637,84 + 8,33%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 25.362,16 + 8,33%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 25.362,16 + 8,37%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 5.074,90 + 12,09%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 4.715,53 + 12,75%
Nettogehalt € 20.846,64 + 7,38%

Kaufkraftbereinigt ist das neue Bruttogehalt um 4,00% höher, das Nettogehalt um 3,09% höher als das alte, bei einem Grenzsteuersatz von 36,5%. Der Engländer würde sagen: You do the math.

Aber mit dieser Tarifindexierung werden auch all diejenigen bedacht, deren Löhne und Einkommen nicht steigen, sondern gleich bleiben oder sogar sinken. So etwas ist nicht selten, etwa durch (in diesem Fall meist unfreiwillige) Berufswechsel, Reduktion der Arbeitszeit oder auch simpel durch Pensionierung. Selbständige wissen ohnehin ein Lied von schwankenden Einnahmen und daher oft auch recht mageren Jahren zu singen. Nun mag man einen solchen Teuerungsausgleich sozialpolitisch für richtig halten, fiskalisch kann das aber teuer werden. Denn die Ausgaben des Staates werden nicht dann mehr, wenn alle Erwerbstätigen ihre Einkommen um die Inflationsrate steigern können. Eher im Gegenteil: Können sie das nämlich nicht, so steigen wahrscheinlich u.a. die Sozialausgaben. Sehen wir uns dazu das letzte Beispiel an, bei dem das Monatsgehalt um 100 Euro gesunken ist.

Tabelle 5: Lohnrückgang
Position Betrag Veränderung
Zwölf Monatsgehälter € 27.600 – 4,17%
Sozialversicherung, AK etc. € 4.987,32 – 4,17%
Berechnungsbasis Lohnsteuer € 22.612,68 – 4,17%
abzgl. Sonderausgabenpauschale € 62,50 + 4,17%
abzgl. Werbungkostenpauschale € 137,50 + 4,17%
Bemessungsgrundlage € 22.412,68 – 4,24%
Tarifstufe bis 11.458,33 € € 00,00
Tarifstufe bis 26.041,67 € € 3.998,34 – 11,69%
abzgl. Arbeitnehmerabsetzbetrag € 56,25 + 4,17%
abzgl. Verkehrsabsetzbetrag € 303,13 + 4,17%
Lohnsteuer € 3.638,97 – 13,00%
Nettogehalt € 18.973,71 – 2,27%

Natürlich wäre auch ohne Indexierung die Steuerlast stärker zurückgegangen als das Einkommen; das ist der gewünschte Effekt eines progressiven Steuersystems. Doch während im nicht-indexierten System das Nettoeinkommen um 2,67% zurückgeht (und damit ebenfalls um weniger als das Bruttoeinkommen), schluckt die Indexierung hier weitere 0,4%. Sie bekämpft eben nicht bloß die kalte Progression, sondern verbindet den Tarif allgemein mit der Preissteigerung. Bleiben die Einkommen zu laufenden Preisen konstant, so sinkt das Steueraufkommen bei indexierten Tarifstufen.

Wie häufig auch stagnierende oder sinkende Einkommensverläufe vorkommen, mag folgende Statistik näherbringen: Zwischen 2008 und 2013 stieg das Bruttojahreseinkommen der unselbständig Beschäftigten im Median um insgesamt 6%, der Verbraucherpreisindex um rund 10%. Im ersten Quartil sank das Bruttojahreseinkommen sogar. Bei den Dezilen mit höheren Einkommen — die von einer Indexierung am meisten profitieren würden — gibt es auch die größten Zuwächse. Nun kann man als Person im Laufe seines Lebens verschiedenen Dezilen angehören; ein gewisser Trend lässt sich aber doch ablesen.

Fazit

Die Indexierung der Tarifstufen kann zu einem Fiskalproblem werden, da viele Einkommensverläufe nicht dem idealtypischen langzeitbeschäftigten Vollzeit-Angestellten mit Inflationsabgeltung folgen. Außerdem werden auch Erhöhungen über der Inflationsrate begünstigt, da auch der überschießende Teil einen automatischen Inflationsausgleich unterliegt. Insgesamt ist angesichts einer angespannten Budgetsituation damit zu rechnen, dass eine solche Indexierung, die den Fiskalzweck der Einkommensteuer unterläuft, durch eine Ausweitung von Konsumsteuern finanziert werden würde, die ja erstens mit der Inflation und zweitens mit steigender Kaufkraft automatisch mehr erbringen.

P.S.: Alle Zahlen ohne Gewähr. Beim Eintipseln von so vielen Zahlen kann schon einmal irgendwo ein Fehler sein …


  1. Dieser Effekt kann durch eine Progression aber verschärft werden, was manchmal zur allgemeinen Verwirrung auch als „kalte Progression“ bezeichnet wird. 

Treffen sich zwei Milben in unseren Haaren …

Haarbalgmilbe an menschlichem Haar - Quelle Maslesha

Haarbalgmilbe an menschlichem Haar (Quelle: Wikicommons/Maslesha)

In unseren Haarfollikeln und Talgdrüsen gehen kleine Tiere ein und aus. Sie leben zu Dutzenden, wenn nicht Hunderten in unserem Gesicht, und doch merken wir in der Regel nichts davon. Die Rede ist von den Haarbalgmilben, etwa einen Fünftel bis einen Drittel Millimeter großen, durchsichtigen Tiere, die sich vom Talg aus unseren Talgdrüsen ernähren.

Man unterscheidet zwei Arten, Demodex folliculorum und Demodex brevis, von denen die ersteren die Haarfollikel und Poren als Wohnung bevorzugen, die letzteren dagegen lieber direkt bei den Drüsen wohnen.

Gemeinsam sind ihnen die acht Beinchen an der Brust, ein langer Hinterteil und das Fehlen eines Afters. Statt etwas auszuscheiden, sammeln sie einfach den ganzen Abfall in ihrem Hinterteil bis zu ihrem Tod. Da sie nur zwei bis drei Wochen leben — wobei sie in dieser kurzen Zeit vom Ei über Larve, Protonymphe und Nympe zur adulten Form reifen –, geht sich das anscheinend so halbwegs aus. Es ist aber kein Wunder, dass die abgestorbenen Milben, die ja wahre „Drecksäcke“ sind, die Haut reizen können, besonders bei intensivem Milbenbefall.

Die Parasiten scheinen ansonsten aber weitgehend harmlos, zumindest, so lange das Immunsystem nicht geschwächt ist. Das ist auch gut so, denn die Verbreitungsrate ist enorm. Sie nimmt mit dem Alter des Menschen zu — kein Wunder: Je älter man ist, desto mehr Gelegenheiten hatte die Milbe, es sich auf unserem Kopf häuslich einzurichten. Bei den über 70jährigen sollen fast 100% der Menschen von der Milbe befallen sein.

Die BBC hat einen interessanten Bericht über diese Milben veröffentlicht. Etwas marktschreierischer das Discovery-Blog, dafür mit interessanten Abbildungen.

Peter Singer und der Wert des Menschen

Der Philosoph Peter Singer wird also den ersten Peter-Singer-Preis erhalten. Das ist für sich selbst schon grotesk genug. In der Einladung wird dies so begründet: „Prof. Peter Singer ist ein weltbekannter Bioethiker, der sich seit Jahren für die Minderung des Leids von Tieren und einen unserer Humanität angemessenen Umgang mit unseren menschlichen und nicht-menschlichen Mitwesen einsetzt.“ Das steigert das Groteske ins Unerträgliche.

Sabine Mäser fasst in ihrer online abrufbaren Diplomarbeit zu Singers „Praktischer Ethik“ gleich zu Beginn zusammen, was Minderung des Leids bei Singer heißt: „‚Leiden‘ soll also verhindert werden, paradoxerweise durch die Verhinderung bzw. Tötung der ‚Leidenden‘ selbst. Die Beseitigung von minderwertigem Leben, um das aggregierte Glück zu erhöhen.

Singer ist Utilitarist. Das größte Glück der größten Zahl — das klingt ja fürs Erste nicht so schlecht. Der Mathematiker Rudolf Taschner arbeitet in seiner „Presse“-Kolumne die moderne Faszination mit diesem Utilitarismus heraus: In einer säkularen Welt bietet er eine scheinrationale Moralität, die noch dazu vordergründig mit ökonomischen Nutzenfunktionen verwandt scheint. Wir optimieren die Glücksfunktion der Welt — eine Mischung aus Hipster und Technokratie.

Mathematische Unmöglichkeit

Der Mathematiker geht nicht darauf ein, doch tatsächlich ist der Singer’sche Utilitarismus mathematisch zum Scheitern verurteilt. Der glückstiftende Nutzen ist nicht quantifizierbar, nicht messbar und nur in extremis vergleichbar.

Dieses Problem hat schon den großen Ökonomen Alfred Marshall umgetrieben, der es als unbefriedigend empfand, dass die ökonomische Nutzenfunktion lediglich die persönlichen Präferenzen der Menschen darstellt, wie sie mit den vorhandenen Mitteln ihre Bedürfnisse möglichst gut befriedigen wollen. Das sind Wünsche, Vorlieben, Bedürfnisse — aber nicht das daraus resultierende Glück! Selbst wenn ich die Präferenzen der Menschen der Welt kennen würde, würde mir das nicht genügen, um meine ethische Optimierungsaufgabe zu lösen.

Der reine Handlungsutilitarismus ist also eine zutiefst unpraktische Ethik, weil sie Handlungen nach Maßstäben beurteilen will, die seriöserweise gar nicht angelegt werden können. Das gleiche gilt für Singers Präferenzutilitarismus, der aus dem Handlungsutilitarismus entwickelt wurde. Er wird auch amüsant, wenn man ihn ins Selbstreferentielle wendet. Eine Handlung wird ja danach beurteilt, ob sie der größten Zahl nützt. Nun ist es so, dass das, was einen Menschen glücklich macht, sehr von seinen Werten abhängt, seiner Erziehung, seinem Umfeld. Daraus würde sich eigentlich ergeben, dass es von der weltanschaulichen Prägung meiner Mitmenschen abhängt, welche Handlungen tatsächlich glücksmaximierend wären. Diese Schlussfolgerung wird von Singer zwar angedeutet, aber nicht ernsthaft durchgezogen.

Der Wert des Lebens

Singers Auftritte sind in Deutschland besonders umstritten, weil er Leben abstrakt und aus der Beziehung herausgelöst bewertet. Dabei unterscheidet er strikt zwischen Personen und Menschen, zwei überlappende Mengen. Menschen, die vernunftbegabt und selbstbewusst sind, die Wünsche für die Zukunft haben können, sind Personen. Ihr Leben dürfe nur beendet werden, wenn ihre Präferenz des Weiterlebens durch entgegengesetzte Präferenzen anderer ausgeglichen werde.

Im Kalkül Singers, das immer wieder ökonomisch eingefärbt wird, gibt es auch Menschen, deren Leben nur eine Belastung für die Allgemeinheit sind und daher entfernt werden sollten. Menschen mit Behinderungen hätten z.B. nie das volle Potential der übrigen Menschen, daher sollte man ihr Leben rasch beenden. Freilich, sollten die Eltern so „unsozial“ gewesen sein, ihr behindertes Kleinkind solange überleben zu lassen, dass es Singers Personen-Kriterien erfülle, dürfe es nicht mehr so ohne weiteres getötet werden.

Sabine Mäser bringt es in ihrer Arbeit auf den Punkt:

Was ist aber mit denjenigen, die nichts wussten und nach Singers Definition keine „Personen“ waren, also gar keinen Willen äußern konnten? Auch Singer versucht „nichtfreiwillige“ Euthanasie zu rechtfertigen.

Als die Nazis begannen, Menschen mit geistiger Behinderung in den Anstalten zu töten, taten sie das ebenfalls unter dem Vorwand von Mitleid (Gnadentod). Sie wollten den Menschen angeblich das Leiden und „Dahinvegetieren“ ersparen.

Dahinter steckte aber, wie bei Singer heute, die Utopie einer leidfreien Gesellschaft, in der nur „gesunde“ Menschen leben sollten, die rational und autonom, und somit produktiv waren (sind). Auch die Kostenfrage spielt hier eine Rolle. In den nationalsozialistischen Propagandafilmen wird vorgerechnet, was einzelne „schwachsinnige“ Menschen in Heimen den Staat kosten. In ähnlicher Weise zeigt dies Singer etwa an Komapatienten oder schwer behinderten Menschen auf[.]

Den australischen Philosophen ficht das nicht weiter an: Nur, weil die Nazis Straßen gebaut hätten, müsse man nicht aufhören, Straßen zu bauen. Ebensowenig sei die Euthanasie zu verurteilen, nur, weil sie von den Nationalsozialisten durchgeführt worden sei. So argumentiert er sinngemäß in seiner „Praktischen Ethik“. Allerdings führt er damit in die Irre, denn so wird dieses Argument ja von praktisch niemandem verwendet. Es führt lediglich vor Augen, welche Konsequenze Singers ethisches Projekt konkret hätte. Und welche unglaubliche Hybris darunter verborgen ist.

Ich frage mich jedenfalls: Das ist also einer „unserer Humanität angemessener Umgang mit unseren menschlichen und nicht-menschlichen Mitwesen“?

[Update] In der Neuen Zürcher Zeitung hat Peter Singer ein Interview gegeben, das Teile seiner Philosophie kompakt wiedergibt. Michael Schmidt-Salomon, der die Laudatio auf Peter Singer hätte halten sollen, sagte seine Teilnahme an der eingangs erwähnten Preisverleihung wegen dieses Interviews ab. Überraschend, da Singer darin eigentlich keine neuen Positionen — höchstens etwas anders nuancierte — vertritt als bisher. Ich nehme einmal an, dass einfach auf Grund der anhaltend scharfen Kritik quer durch die politischen Lager die ganze Sache etwas zu heiß geworden war, denn Singer widerlegt in klarer Sprache Schmidt-Salomons eigene Behauptung, dass die linken Kritiker einfach auf entstellte Zitate hereingefallen wären, die ihnen von christlichen Menschenrechtsaktivisten (er nennt sie freilich Reaktionäre) serviert worden wären. Nein, Singer denkt wirklich so, wie es ihm seine Kritiker etwa aus den Behindertenverbänden unterstellen.

Sibylle Hamann und der Grundsatzerlass zur Sexualerziehung

Sibylle Hamann kennt entweder den Entwurf des Grundsatzerlasses für Sexualerziehung nicht, oder lässt sich von der trockenen Sprache blenden. Anders ist ihre jüngste „Presse“-Kolumne bei wohlmeinender Interpretation nicht zu erklären, in der sie Kritiker an dem Erlass als „Radikalkatholiken“1 zu entwerten versucht und ihnen unterstellt, „gegen den (ohnehin kaum vorhandenen) Sexualkundeunterricht an Schulen hetzen.“

Die dritte Möglichkeit — dass sie z.B. eine Frühsexualisierung von Kindergarten- und Volksschulkindern befürwortet, einschließlich einer Erweiterung der „Körperkompetenz“ (ein Codewort für sexuelle Berührungen) — mag ich mir bei jemanden, der einmal Chefredakteur einer Zeitung für Menschenrechte gewesen ist, nicht vorstellen. Freilich, auch der Weg in den Pädophilieskandal der deutschen Grünen war mit vermeintlich guten Vorsätzen über „moderne Sexualpädagogik“ und „befreiende sexuelle Erfahrungen“ gepflastert. Dass diese überholte Position bei uns in der Provinz erst ankommt, wenn sie überall sonst längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist, wäre natürlich nicht untypisch.

Meine Ferndiagnose2 wäre aber eher „mood affiliation“, bei der man sich zuerst für eine Stimmung oder Gesinnung entscheidet, und dann auch disparate Ansichten verteidigt, die dazu passen. Die Kritiker werden im katholischen Lager verortet, dem Sibylle Hamann in früheren Kolumnen schon eher wenig Verständnis entgegengebracht hat, die Propagierung einer umfassenden Sexualerziehung dagegen war ja eines der Anliegen der 68er. Da fällt die Stimmungsentscheidung nicht schwer, auch wenn es bei dem jetzigen Streit inhaltlich um etwas anderes geht, und der Erlass gerade aus menschenrechtlicher Sicht bedenklich wäre (vgl. z.B. Art. 2 1. ZP EMRK, UNO-Kinderrechtskonvention, Übereinkommen des Europarats zum Schutz von Kindern)

Der Vergleich mit dem Schwimmunterricht ist natürlich amüsant, und bezieht sich wohl auf diese „Falter“-Geschichte von Sibylle Hamann. In Deutschland wurde bekanntlich versucht, für eine 13jährige Muslimin eine Befreiung vom Schwimmunterricht durchzusetzen — vergeblich. In Österreich findet der Schwimmunterricht allerdings bereits in der Volksschule statt, in der auch für Muslime strenger Observanz auf Grund des geringeren Alters der Kinder die Badekleidung noch kein sittliches Problem darstellt, so der „Standard“. Kurz gesagt: Der Vergleich mit dem Schwimmunterricht hinkt auf jedem Fuß.

Freilich, so wie man an Blogeinträge wie diesen gewöhnlich keine zu hohen Ansprüche stellt, sind auch regelmäßige Meinungskolumnen in Tageszeitungen schon definitionsgemäß keine Hochburgen des faktenorientierten Journalismus. Oft werden Kolumnenautoren von Redaktionen auch strategisch so angeworben, dass bestimmte Zielgruppen bedient werden und andere sich darüber echauffieren. Insofern: Mission accomplished.


  1. Im Wortsinn ist es ja fast ein Lob: Menschen, die zu den Wurzeln zurückgekehrt sind und so ihre Überzeugung verinnerlicht haben. Aber so ist es ganz offensichtlich nicht gemeint. 
  2. Ferndiagnosen sind natürlich sehr gewagt und damit irrtumsanfällig, das gebe ich gerne zu. Doch ist ja praktisch jeder Kommentar über andere Menschen auch immer so etwas wie eine Ferndiagnose, oder? 

Charlie Hebdo: Lassen wir die Terroristen ihr Ziel erreichen?

Es ist einfach grauslich, wie viele den Angriff auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdomadaire“ implizit rechtfertigen. Die Mohammed-Karikaturen seien ja oft recht derb gewesen, geschmacklos. Die Sachen seien schon irgendwie arg gewesen. Hätten Sie es so herausfordern müssen, so die implizite Frage. Hier wurde ein paar Beispiele der Relativierung zusammengetragen.

Ja, viele der Karikaturen waren geschmacklos. (Auch Christen fänden übrigens ausreichend Material, um sich über Karikaturen aus „Charlie Hebdo“ zu beschweren.) Aber Meinungsfreiheit gehört zu den Grundfesten einer demokratischen Gesellschaft. Und die Auslotung der Grenzen dieser Freiheit ist geradezu Aufgabe der Satire! Ja, der Diskurs über diese Grenzen kann in eklatanten Fällen auch vor Gericht geführt werden müssen. Auch die „verletztendste“ Satire kann aber nicht herangezogen werden, um in irgendeiner Form Mord zu rechtfertigen.

Die Opfer des Massakers in Paris, etwa Chefredakteur Stephane Charbonnier oder die Zechner Cabu, Tignous und Wolinski, sind den aufrechten Gang gegangen. Charbonnier hat bekanntlich gemeint, er würde lieber sterben als auf Knien leben. Die Redakteuere haben ihre Aufgabe ernst genommen, sind nicht den leichten Weg des Appeasements gegangen. Vielfach wird ja gerade im Umgang mit dem Islam eine unterwürfige Vorwegzensur vorgenommen, die so weit geht, dass wohl auch so mancher europäischer Moslem dafür kein Verständnis mehr hat.

Ob der feige Angriff der schwerbewaffneten Islamisten auf die höchstens mit Buntstiften bewaffneten Satiriker Erfolg hat, hängt jedenfalls nicht von kurzfristigen Solidaritätsbekundungen ab. Sondern davon, ob die Vorwegzensur noch weiter um sich greift — nicht nur bezüglich des Islams! –, ob vielleicht sogar mittels Hetzparagraphen kritische Stimmen mundtot gemacht werden sollen, oder ob doch gilt, was Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ doziert: Dass es im Kampf gegen die islamistischen Banden kein Zurückweichen geben darf, gerade nicht, was die Freiheit der Presse und der Meinung betrifft.

Es ist aber eher zu befürchten, dass die Wirkung des Anschlags genau diejenige sein wird, die sich die Terroristen gewunschen haben.

Freut euch! Ein Lied!

Wann gibt es eine bessere Gelegenheit, ein Weihnachtslied zu verlinken, als mitten in der Weihnachtsoktav? In diesem Fall das lateinische Lied „Gaudete, Christus est natus“. Freut euch, Christus ist geboren.

Wir kennen es aus einer Sammlung frommer Lieder, so die Selbstbezeichnung — piae cantiones –, die 1582 im deutschen Greifswald publiziert wurde. Die Herausgabe besorgte allerdings der Finne Theodor Petri Rutha, der dem Druck eine Liedersammlung aus der finnischen Bischofsstadt Turku zu Grunde legte.

Viele insgesamt 74 lateinisschen Lieder sind wohl deutlich älter als das Jahr der Drucklegung vermuten ließe. Einige von ihnen werden sogar in der Zeit um 1300 verortet, andere waren zeitgenössisch. Offenbar wurden auch einige Texte geändert, da man nach der Einführung der Reformation die Lieder ansonsten wohl nicht mehr hätte singen dürfen. Alles in allem wurde durch den Druck dieses alte Liedgut aber gerettet, da es von da an oft im Schulbetrieb der folgenden Jahrhunderte genutzt wurde und konfessionsübergreifend auch liturgische Verwendung fand.

Alle Texte der Piae Cantiones sind dankenswerterweise bei Mats Lillhannus online verfügbar.

Johannes und die Vierzahl der Evangelien

In der Weihnachtsoktav stapeln sich die Feste. Ob das daran liegt, dass die Menschen früher in der kalten Jahreszeit am ehesten Zeit dafür hatten?

Der 27. Dezember ist dem Apostel und Evangelisten Johannes gewidmet. Bekanntlich wird in der Wissenschaft seit Jahrhunderten gestritten, ob der Apostel und der Evangelist ein und dieselbe Person gewesen sein können oder nicht, oder ob eine andere Person gleichen Namens hinter dem Werk steckt, oder eine ganz andere Variante wahrscheinlich ist. Auslöser dafür ist eine missverständliche Passage in der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea (*~260, † ~340), in der er einen Text des Papias von Hierapolis zusammenfasst und interpretiert.

Für Eusebius stand aber ebenso außer Zweifel wie für alle Quellen davor, dass das vierte Evangelium von Johannes stammt. Johannes soll hochbetagt in der Regierungszeit des Kaisers Trajan gestorben sein, also nach 98 n. Chr., so berichtet es Eusebius, der sich u.a. auf Irenäus von Lyon (* ~135; † 202) stützt.

Irenäus selbst hat auch eine Reihenfolge und Urheberschaft der Evangelien überliefert, mit der auch die frühe Festlegung auf die Vierzahl dokumentiert:

[…] Matthäus verfaßte seine Evangelienschrift bei den Hebräern in hebräischer Sprache, als Petrus und Paulus zu Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten. Nach deren Tode zeichnete Markus, der Schüler und Dolmetscher Petri, dessen Predigt für uns auf. Ähnlich hat Lukas, der Begleiter Pauli, das von diesem verkündete Evangelium in einem Buch niedergelegt. Zuletzt gab Johannes, der Schüler des Herrn, der an seiner Brust ruhte, während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien das Evangelium heraus.

Manche stoßen sich ja daran, dass das Johannes-Evangelium in Stil, Habitus und Inhalt so anders ist als die drei synoptischen Evangelien, die viel deutlicher zusammenhängen. Einem Irenäus wäre dieser Unterschied nicht als Kritikpunkt eingefallen. Die in der jungen Kirche gewachsene Entscheidung, gegen starke Strömungen für ein zurechtgebürstetes Einheitsevangelium vier Evangelien als maßgeblich festzulegen, weist darauf hin, dass diese verschiedenen Sichtweisen auf Jesus als bereichernd, vervollständigend empfunden wurden.

Es sind ja auch gerade Dutzende verschiedene Bücher zur Beschreibung des Ersten Weltkriegs erschienen. Wer aber ein umfassendes Bild der komplexen Gemengelage etwa zum Kriegsausbruch erhalten will, wird mit einem Werk nicht das Auslangen finden, auch wenn das, was darin enthalten ist, alles richtig ist. Doch die erzählerische Struktur, die Schwerpunktsetzung, die Platzbeschränkung, der Blickwinkel des Autors werden dazu führen, dass weitere Bücher heranzuziehen sind, um das Bild plastischer werden zu lassen.

Wahrscheinlich war ja gerade das die Motivation für Johannes, in Ephesus ein viertes Evangelium zu verfassen: Dass er eben von den Dingen berichten wollte, die seiner Meinung nach in den anderen Evangelien zu kurz gekommen waren. Es gibt Hinweise, dass die anderen Evangelien geradezu vorausgesetzt werden; auch der Schlussvers kann so verstanden werden.

Der Gedanke, dass es bereichernd ist, dasselbe Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln, unter verschiedenen Voraussetzungen zu berichten, durchzieht den Kanon der Bibel. Schon im Pentateuch finden sich auffallende Dopplungen; die Bücher der Chronik sind eine Dopplung zu den Büchern der Könige bzw. Samuels; das zweite Buch der Makkabäer keine Fortsetzung des ersten, sondern in weiten Teilen als Parallele. Diese Dopplungen unterscheiden sich aber immer in den Schwerpunkten, Blickwinkeln oder Interpretationen der Ereignisse. Deshalb sind sie auch Teil des Kanons geworden.

Wer das Johannesevangelium aufschlägt, merkt diesen anderen Blickwinkel sofort. Da sind keine Hinführungen notwendig. Der alte Johannes, der in den Jahrzehnten seiner Tätigkeit sicher vieles dazugelernt hat, blickt noch einmal zurück, was das Wesentliche an Jesu Wirken war. Er hat es gleich an den Anfang des Evangeliums gestellt, gleichsam als sein Weihnachtsevangelium:

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
— Joh 1,9-14

Wir haben seine Herrlichkeit gesehen — und können daher nicht mehr schweigen. So, wie es in der Tageslesung aus dem 1. Johannesbrief heißt:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir schreiben dies, damit unsere Freude vollkommen ist.

Stephanus, der Erzmärtyrer

Der Stephanus, der dem Stephanitag seinen Namen gegeben hat, wird auch der Erzmärtyrer genannt, weil er in der Geschichte der Kirche der erste nach Jesus selbst ist, der wegen seines Glaubens getötet wird. Leider sollte es bei diesem ersten nicht bleiben. Gerade die gegenwärtige Zeit ist für viele Christen auf der Welt eine Zeit der Angst, in der es um Leib und Leben geht.

Im Irak und Syrien werden Menschen, vom Kind bis zum Greis, der Reihe nach ermordet, wenn sie nicht dem Glauben an Christus abschwören. In Nordkorea steht auf den Besitz einer Bibel die Todesstrafe. In Pakistan wurde ein christliches Ehepaar wegen ihres Glaubens von einer aufgebrachten Menge im Feuerofen bei lebendigem Leibe verbrannt. In Nigeria werden christliche Kinder entführt und versklavt. Die Liste der Greueltaten ließe sich beliebig fortsetzen.

Die Worte Jesu in der Perikope von Stephani sind prophetisch:

Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden;

Stephanus hat aber selbst im Sterben noch für seine Peiniger gebetet, und uns auch damit ein Beispiel gegeben.

Gesegnete Weihnachten!

Geburt Jesu - Meister der Pollinger Tafeln © Wolfgang Guelcker

Geburt Jesu – Meister der Pollinger Tafeln © Wolfgang Guelcker

Dieses Bild vom Pollinger Marienaltar zeigt uns eine farbenfrohe Engelschar, die das neugeborene Kind mit festlicher Musik empfängt. Unter dem First des Stalles drängt sich ein weiterer Engelchor. Für die Hirten im Bildhintergrund war nur noch ein Engel übrig, da alle anderen sich von dem Kind nicht trennen können. So eine große Freude geschieht an diesem Tag. Nicht nur den Engeln, uns allen.

Und daher darf ich auch allen ein gesegnetes Weihnachtfest wünschen!