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Die Julirevolte


Vor 75 Jahren wurde der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuss vom Nationalsozialisten Otto Planetta angeschossen. Ein Ereignis von großer Tragweite für Österreich, das den Tod beider Männer zur Folge hatte. Und mit Dollfuß ein Mann im Mittelpunkt, über den Gudula Walterskirchen in der Presse nicht zu Unrecht schreibt:

Über beinahe alles herrscht heute Einigkeit, was die österreichische Zeitgeschichte betrifft: Man hat ein übereinstimmendes Bild von dem Ende der Monarchie und dem Entstehen der Republik, von der Rolle der politischen Parteien, dem Bürgerkrieg von 1934 und von umstrittenen Persönlichkeiten wie Karl Renner und Ignaz Seipel entwickelt. Einzig bei Engelbert Dollfuß herrscht eine divergierende Sichtweise, die auch 75 Jahre nach seinem Tod nicht gebündelt werden konnte. Hier „Arbeitermörder“, da „Heldenkanzler“.

Engelbert Dollfuß

Engelbert Dollfuß

Ohne Zweifel. Ich will mich nicht in seiner Biographie ergehen, wer sich kurz informieren will, ist (bei so einem heiklen Thema überraschenderweise) auf seinem Wikipedia-Eintrag halbwegs gut bedient, wer ausführliche Lebensbeschreibungen lesen will, hat die Wahl zwischen Gudula Walterskirchens Werk und dem Buch „Mein Vater. Das erste Opfer Hitlers“ von Eva Dollfuß. Beide Werke sind allerdings nur antiquarisch erhältlich. Wer andere Biographien kennt – ich ergänze den Eintrag gerne.

Doch wenigen ist bewusst, wie gefährlich die Julirevolte tatsächlich war. Es war eine der großen Überraschungen jener Tage im Juli 1934, dass die Rumpfregierung nach der Ermordung des Bundeskanzlers rasch wieder Herr der Lage werden konnte.

Der Nationalsozialismus war in Österreich in den früheren Dreißiger Jahrne sehr aktiv; die NSDAP konnte etliche Wahlerfolge verbuchen, so 1932 bei den Landtagswahlen in Niederösterreich 14,15% der Stimmen, in Salzburg 20,79%, in Wien 17,4% und in Vorarlberg 10,52%. Bei den Gemeinderatswahlen in Innsbruck im April 1933 wird die NSDAP mit 41,1% der Stimmen stärkste Partei. Man kann sich ausmalen, dass in den Folgemonaten, als die materielle und propagandistische Unterstützung aus Deutschland intensiver wurde, auch der Anteil der Nationalsozialisten in Österreich gestiegen ist.
Flankierend dazu gab es in Österreich eine Welle von nationalsozialistischen Terroranschlägen, die bereits 1932 begonnen hat. Den Spektakulärsten beschreibt das Bundeskommissariat für Heimatdienst in einer 1934 erschienenen Publikation „Beiträge zur Vorgeschichte und Geschichte der Julirevolte“:

Im Zuge der von der nationalsozialistischen Partei betriebenen Agitation gegen das Judentum und jüdische Großkaufhäuser verübten mehrere Mitglieder der SS am 18. Dezember 1932 im Kaufhaus Gerngroß einen Anschlag mit Tränengas, der zu einer Panik unter dem Weihnachtseinkäufe besorgenden Publikum führte.

In den Folgemonaten kam es zu Störaktionen, kleineren Anschlägen, schließlich auch Attentaten wie am 11. Juni 1933 auf den Tiroler Politiker Richard Steidle und Sprengstoffanschläge in den folgenden Junitagen. Das führte schließlich zum Verbot der NSDAP am 19. Juni 1933, eine Maßnahme, die interessanterweise auch von Teilen der Sozialdemokratie unterstützt wurde, so etwa im Niederösterreichischen Landtag. Das Verbot war eine ungeheure Provokation des Hitlerregimes, und wurde auch von Österreichs Bündnispartner Italien kritisch beäugt – auch wenn wir uns heutzutage vielleicht eher fragen, warum es solange gedauert hat, eine Partei, die für Terroranschläge verantwortlich ist, zu verbieten.

Man erinnere sich auch: Hitler hatte bereits die berüchtigte Tausendmarksperre gegen Österreich verhängt, und die Beziehungen zwischen Österreich und seinem wichtigsten Handelspartner waren auf einem Tiefpunkt, das noch dazu mitten in der Wirtschaftskrise.

Und jetzt unterstützte die deutsche NSDAP ihren österreichischen Ableger noch intensiver, mit eigenem Propagandaradio, Werbematerial, Ausbildnern, Sprengstoff und Munition. Flieger warfen NS-Flugblätter über österreichischen Städten ab. In Deutschland wurde eine paramilitärische „Österreichische Legion“ gebildet, deren Ziel der Umsturz in Österreich war. Dass diese Truppe dann beim tatsächlichen Anschluss 1938 keine Rolle spielen würde, ist eine gewisse Ironie am Rande. Daneben gab es auch einen „Kampfring der Deutschösterreicher im Reich“ als politischen Arm.

Die Lage spitzt sich 1934 weiter zu. Die Februarkämpfe ließen die Nationalsozialisten hoffen, dass die Regierung stark geschwächt wäre und die Bevölkerung zu einem größeren Teil einen Umsturz begrüßen würde. Teile der Exekutive und des Bundesheeres waren bis in höchste Stellen nationalsozialistisch durchsetzt, und ehemalige Schutzbundkämpfer, die von ihrer Partei enttäuscht waren, wandten sich ebenfalls den Nationalsozialisten zu. Der prominenteste von ihnen war wohl Richard Bernaschek, der gegen Kriegsende seinen Irrtum allerdings erkannte, in Opposition zu Hitler ging und dafür im KZ Mauthausen ermordet worden ist.

Im Juni 1934 traf sich Hitler mit Mussolini zu einer Unterredung unter vier Augen in Venedig, bei der auch Österreich Thema war. Heinrich Drimmel schreibt in „Vom Justizpalastbrand zum Februaraufstand“ dazu:

Wie immer der Text des Gesprächs gelautet haben mochte: Hitler brachte aus Venedig die Version mit, wonach der Duce mit der Absetzung des österreichischen Bundeskanzlers Dollfuß einverstanden sei. Und daß Mussolini nichts gegen eine Beteiligung der Nationalsozialisten an einer neuen Regierung hätte. […] Österreicher erfuhren aus der nächsten Umgebung des Duce andere Versionen des fraglichen Gesprächs der Dikatoren. Im Kreis seiner Familie soll sich der Duce über seinen Gast aus Deutschland lustig gemacht haben.“

In eine ähnliche Kerbe schlägt Kurt Bauer in einem Text über Hitlers Rolle bei der Julirevolte. Hitler gab nach dem Treffen mit Mussolini grünes Licht für einen Aufstand der österreichischen Nationalsozialisten, wobei er anscheinend von einer Unterstützung durch das Bundesheer und Italiens Wohlwollen ausgegangen war. Die Vorbereitungen liefen auch höchster Ebene, wie Bauer beschreibt:

Am 24. Juli 1934 schrieb Goebbels jene stichwortartigen Notizen in sein Tagebuch, die die Frage der Rolle Hitlers beim Juliputsch in ein neues Licht stellen. „Sonntag: beim Führer General v. Hammersteins Nachfolger, Gen. v. Reichenau, dann Pfeffer, Habicht, Reschny. Österreichische Frage. Ob es gelingt? Ich bin sehr skeptisch.“
Neben dem Führer der österreichischen Nationalsozialisten, Habicht, war dessen größter interner Konkurrent anwesend, Österreichs SA-Führer Hermann Reschny; dazu der Propagandaminister, ein hochrangiger Vertreter der Reichswehr und ein führender Vertreter des Stabs des Stellvertreter des Führers, also der Münchner Parteistellen.
Besprochen wurde ohne jeden Zweifel der bevorstehende Staatsstreich in Österreich.

Am 25. Juli, während der österreichische Ministerrat tagte, wollten die Nationalsozialisten zuschlagen. So wäre die ganze Regierung gefangen und, so wohl die Rechnung, wenig Widerstand zu erwarten. Als Soldaten und Polizisten verkleidet, drangen also zu Mittag 154 SS-Männer in das Bundeskanzleramt ein. Sicherheitsminister Emil Fey hatte aber Wind von der Sache bekommen, und so konnte sich der Großteil der Regierung in Sicherheit bringen. Als die SSler ankamen, waren lediglich Dollfuß und Fey noch im Kanzleramt, die ebenfalls gerade das Gebäude über einen Verbindungsgang verlassen wollten. Dollfuß wurde von dem Nationalsozialisten Otto Planetta zweimal angeschossen; anschließend ließen sie ihn verbluten, verweigerten ihm sowohl den Arzt als auch den Priester.

Eine zweite Truppe von Nationalsozialisten besetzte den Rundfunk und ließ die Erklärung verbreiten, Dr. Anton Rintelen habe die Regierungsgeschäfte übernommen. Rintelen war einmal Landeshauptmann der Steiermark und später auch Minister gewesen, wurde von Dollfuß aber entmachtet und begann daher, sich mit den Nationalsozialisten zusammenzutun. Die Radioerklärung war das Signal für die bewaffneten Teile der NSDAP in den Bundesländern, loszuschlagen. Es war also nicht ein bloßer „Putschversuch“ in Wien, sondern eine österreichweite Erhebung geplant.

Nun trat aber das unerwartete ein: Es gab keine Unterstützung aus Heer oder Polizei, auch nicht aus der breiten Bevölkerung, und die Rumpfregierung raffte sich zu einem raschen Gegenschlag auf. Das Kanzleramt war bald von Exekutivbeamten und Soldaten umstellt, und auch der Rundfunk war nach wenigen Stunden wieder in der Hand der Regierung.

So wurde sicher auch vielen Nationalsozialisten schnell klar, dass der Plan gescheitert war. Die Österreichische Legion wurde beispielsweise schließlich nicht über die Grenze gesandt, wenn auch einige ihrer Mitglieder auf eigene Faust Angriffe auf Grenzstationen verübt haben. In den „nationalen“ Hochburgen Kärnten und der Steiermark kam es allerdings zu intensiven Kämpfen, vor allem in der Südsteiermark und im steirischen Industriegebiet. In Kärnten dauerten die Kämpfe bis zum 30. Juli und ermöglichten so vielen Nationalsozialisten die Flucht nach Jugoslawien. Italien reagierte bekanntlich mit einem Truppenaufmarsch am Brenner auf die Julirevolte, um einerseits seine Ablehnung eines Umsturzes zum Ausdruck zu bringen, andererseits ein deutsches Eingreifen zu verhindern – Mussolini hatte die Unterredung in Venedig offensichtlich anders als Hitler verstanden.

Ein besonderer Schlag gegen die Aufständischen war in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli mit der Beschlagnahme des „Kollerschlager Dokuments“ gelungen, das detaillierte Pläne für SA-Aktionen in Österreich enthielt, und ein klarer Beweis für die Verstrickung des Deutschen Reiches in die Julirevolte war (und dessen Echtheit daher heute von Neo-Nationalsozialisten auch bestritten wird). Auch war die Informationslage der Behörden in mehreren Bundesländern gut genug, um größere Kämpfe zu verhindern. Trotzdem kamen wohl über 100 Aufständische und etwa ebensoviele Exekutivbeamte und Soldaten insgesamt ums Leben, dazu noch ein Dutzend Unbeteiligte.

Österreich war noch einmal einer nationalsozialistischen Herrschaft entkommen, wenn auch um einen hohen Preis. Für die NSDAP war die Niederlage allerdings schnell verkraftet.

2 thoughts on “Die Julirevolte

  1. Pingback: Dollfuß † 25. Juli 1934 « Aus dem Hollerbusch

  2. Hat dies auf Aus dem Hollerbusch rebloggt und kommentierte:

    Am 25. Juli 1934 wurde der damalige österreichische Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß von den Nationalsozialisten im Zuge des sogenannten Juliputsches ermordet. Zum 80. Jahrestag dieses Ereignisses will ich auf einen längeren Blogeintrag verweisen, den ich vor fünf Jahren eingestellt habe:

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