Wippersberg oder: Unkenntnis schützt vor Schreiben nicht


Walter Wippersberg ist ein österreichischer Schriftsteller, Regisseur und noch vieles mehr. Und hat im Laufe seiner Tätigkeit viele hervorragende, anregende, diskussionswürdige Werke geschaffen. Er hat allerdings eine Schwäche, das ist der liebe Gott. Da kommt er ins Schreiben und Schreiben, aber anscheinend nicht mehr zum Lesen.

So geschehen in der Tageszeitung „Standard“, wo er im Zuge einer Diskussion über biblische Katastrophen und die Existenz eines strafendes Gottes zu Wort gekommen ist. Seine Replik richtet sich direkt an den Theologen Kurt Appel, dessen Kommentar apodiktisch mit der Überschrift „Was uns Gott nicht sagen wollte“ versehen ist. Und dabei zeigt Wippersberg gleich, dass er den Kommentar gar nicht gelesen hat. Appel schreibt:

Für Juden und Christen ist das „Alte Testament“ die „Bibel“ , d. h. Heilige Schrift und Grundlage des Glaubens. Wenn im Christentum auch ein „Neues Testament“ gelesen wird, dann hebt dieses nicht das „Alte“ auf, sondern liefert eine Lektüreanleitung für dessen Verständnis. Und für die Gabe des Alten Testaments schulden Christen den Juden unendliche Dankbarkeit. Ohne dieses ist das Neue Testament und mit ihm Jesus nicht verständlich.

Wippersberg antwortet:

Das ist katholische Arroganz, wie sie einem heute nur noch selten begegnet.

Nein, Herr Appel, die hebräische Bibel braucht, um verstanden zu werden, keine christliche „Lektüreanleitung“. Sie gehört zu allererst den Juden und wurde vom Christentum nur usurpiert oder, freundlicher gesagt, übernommen – dabei allerdings nach christlichen Bedürfnissen umgemodelt.

Entweder ist es für Wippersberg schon arrogant, wenn jemand seine Sicht der Dinge darlegt – dann ist Wippersberg ganzer Artikel arrogant, einfach, weil er seine Meinung darstellt. Oder er will einfach nicht verstehen, dass Appel in diesem Absatz die christliche Sicht der beiden Bibelteile darlegen will: Dass nämlich beide zusammengehören und nicht unabhängig voneinander gelesen werden können. Und Appel tritt damit – ausdrücklich, er schreibt es im Absatz zuvor – jenen entgegen, die einen Gegensatz zwischen einem „strafenden, jüdischen“ und „liebenden, christlichen“ Gott konstruieren wollen. Das ist übrigens nicht neu; schon um das Jahr 100 vertrat ein gewisser Marcion diese Lehre, die das jüdische Erbe des Christentums völlig verwerfen wollte, und war damit unter den Heiden auch sehr erfolgreich. Schlussendlich gewann aber das apostolische Christentum die Oberhand.

Natürlich geht es gleich weiter. Denn das Alte Testament wurde nicht usurpiert oder übernommen, wie jeder weiß, der sich mit Religionsgeschichte einigermaßen befasst. Was Wippersberg sogar in einem ganzen Buch getan hat, weswegen mich die Wortwahl noch mehr verwundert. Die allerersten Christen waren ja allesamt Juden und gingen in die Synagoge. Natürlich waren für sie die Texte der hebräischen Bibel von großer Bedeutung. Unterschiede im Kanon ergeben sich dadurch, dass zum Zeitpunkt, als die Loslösung der Judenchristen aus dem Judentum vollzogen wurde, der Prozess der Bildung des Kanons noch nicht abgeschlossen war. Abgesehen davon ist die Behauptung, die Christen hätten die jüdische Bibel usurpiert vergleichbar dem Vorwurf eines Katholiken, die Lutheraner hätten die Bibel usurpiert. Weil der Kanon lange nicht fixiert war, war auch die Reihenfolge nicht fixiert. Deswegen ist der Kanon nicht nur zwischen Juden und Christen nicht ident, sondern auch zwischen Katholiken, Orthodoxen und Kopten nicht.

In diesem lockeren Umgang mit den Fakten geht es weiter. So richtet er sich zuerst den „schrecklichen Gott“ zurecht, der nicht dem jüdischen Gottesbild entspricht. Und folgert daraus:

Judäische Gelehrte schrieben im Babylonischen Exil Geschichten auf, die angeblich viele Jahrhunderte früher geschehen waren. In ihrer politisch recht hoffnungslosen Lage erträumten, erdichteten sie sich einen Gott, der in der Vergangenheit die Feinde der Kinder Israels furchtbar geschlagen hat – und der dies in Zukunft vielleicht wieder tun würde. Je gewalttätiger er war, umso mehr Hoffnung (zum Beispiel auf eine Wiederrichtung eines judäischen Staates) konnte man in ihn setzen.

Nun ist der Tanach nicht auf einmal im Babylonischen Exil entstanden, sondern Stück für Stück über Jahrhunderte hinweg; mit dem Exil war seine Entstehung nicht einmal abgeschlossen. Diese Spannweite ist ja auch der Grund, warum Appel zu recht darauf hinweist, dass man heutzutage eine gewisse Schulung braucht, um diese alten Texte deuten zu können. Während nach fester Überzeugung jüdischer Gelehrter sich am Inhalt nichts geändert hat, so hat sich doch das Umfeld geändert, in dem wir ihn rezipieren. Wir verstehen manche Bezüge nicht mehr, wissen nicht, welche anderen Texte und Überlieferungen einem damaligen Leser auch bekannt waren und den Hintergrund für eine Passage geliefert haben. Manchmal verlieren wir uns auch, weil wir die Genres der Literatur jener Zeit nicht mehr beherrschen. So war z.B. für Augustinus, selbst Jahrhunderte von der Niederschrift des 1. Buches Mose getrennt, noch klar, dass der Schöpfungsbericht allegorisch zu deuten sei, und der Kirchenvater hat dies auch mehrmals versucht.

Ja, die Hoffnung auf Rettung ist für die Exilanten ein wichtiges Motiv, und füllt Bücher und prägt mehrere Psalmen. Eine Hoffnung, die noch dazu erfüllt worden ist! Trotzdem: Hier macht es sich Wippersberg zu einfach.

Aber das hat seinen Grund. Er vertritt als Grundthese nämlich

Die Menschen haben einfach ihren Gott zu unterschiedlichen Zeiten nach ihren jeweils historisch unterschiedlichen Bedürfnissen definiert.

Nun wäre dagegen als grundsätzliche Beobachtung nichts zu sagen: Einzelne Mensch biegen sich ihre Wahrnehmung gerne so zurecht, dass alle Dissonanzen ausgeräumt sind, und basteln sich entsprechend auch ihre passende Spiritualität oder demonstrative Nicht-Spiritualität. Manche glauben an einen Gott, manche an viele Götter, manche an gar keinen Gott. Alles richtig, aber irrelevant; keine Religion behauptet, alle ihre Anhänger würden immer der korrekten Auslegung ihres Glaubens folgen.

Hier geht es um die Frage, ob sich im Judentum als Religion insgesamt das Gottesbild geändert hat. Geändert, nicht über die Zeit entfaltet. Das wäre gleichsam die Falsifikation des Judentums. Aber innerhalb der jüdischen Überlieferung gibt es ein konsistentes Gottesbild, das über die Jahrhunderte hinweg natürlich verschiedenen sprachlichen Ausdruck gefunden hat. Der Gott des Pentateuchs ist kein anderer als der des Propheten Ezechiel: „Sie werden mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein“. Im übrigen ist das jüdische Gottesbild vom christlichen verschieden, aber in ganz anderer Weise, als Wippersberg denkt. Denn: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ — das steht schon im Alten Testament. Levitikus 19,18.

Das darf freilich Wippersberg nicht glauben.

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