Pfingsten und die Zehn Gebote


So auf den ersten Blick haben ja Pfingsten und die zehn Gebote wenig miteinander zu tun: Das Pfingstfest schließt die Osterzeit ab, in dem der Dramatik von Tod und Auferstehung der Heilige Geist die Jünger erfüllt und sie beginnen, die frohe Botschaft in alle Welt zu tragen. Die zehn Gebote scheinen da weit weg.

Doch es gibt ja einen Grund, warum Pfingsten fünfzig Tage nach Ostern liegt. Denn genauso liegt das Wochenfest, hebräisch Schawuot, fünfzig Tage nach dem Pessachfest, an dessen Rüsttag Jesus ja gekreuzigt worden war. Das jüdische Fest hat eine doppelte Bedeutung: Zum einen gibt es die Zeit an, wenn im antiken Israel der erste Weizen und andere Früchte geerntet und im Tempel dargebracht werden konnten; zum anderen erinnert es an den zweiten Erhalt der Zehn Gebote am Berg Sinai.

Schon der Name „Pfingsten“ weist übrigens auf die Verbindung zum Judentum hin: Die griechischsprechenden Juden der Antike gaben Schawuot diesen Namen. Das Wort ist eine Verballhornung des griechischen Wortes πεντηκοστή, die fünfzigste, weil das Fest am 50. Tag nach Pessach stattfindet.

Und wie die „Jewish Encyclopedia“ schreibt: „The relation of the Jewish to the Christian Pentecost with its pouring out of the spirit as an analogy to the giving the Law in seventy languages is obvious.“ – Die Ausgießung des Heiligen Geistes und die Reden der Jünger Jesu sind augenfällige Analogien zur Verkündung des Gesetzes durch Gott an Moses und die Überbringung der Gesetzestafeln durch Moses an das Volk Israel.

Man könnte noch weiter gehen: Petrus wird zu Pfingsten zum neuen Moses, der von Gott beauftragt den Menschen die frohe Botschaft von Gottes Bund überbringt:

Als Mose vom Sinai herunterstieg, hatte er die beiden Tafeln der Bundesurkunde in der Hand. Während Mose vom Berg herunterstieg, wusste er nicht, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, weil er mit dem Herrn geredet hatte. Als Aaron und alle Israeliten Mose sahen, strahlte die Haut seines Gesichtes Licht aus und sie fürchteten sich, in seine Nähe zu kommen. Erst als Mose sie rief, kamen Aaron und alle Sippenhäupter der Gemeinde zu ihm zurück und Mose redete mit ihnen. Dann kamen alle Israeliten herbei und er übergab ihnen alle Gebote, die der Herr ihm auf dem Sinai mitgeteilt hatte. Als Mose aufhörte, mit ihnen zu reden, legte er über sein Gesicht einen Schleier. — Exodus 34, 29-33

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. – Apostelgeschichte, 2, 1-7
Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! […] Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde. […] Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen. Nachdem er durch die rechte Hand Gottes erhöht worden war und vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen hatte, hat er ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört. David ist nicht zum Himmel aufgestiegen; vielmehr sagt er selbst: Es sprach der Herr zu meinem Herrn: / Setze dich mir zur Rechten, und ich lege dir deine Feinde / als Schemel unter die Füße. Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt. – Apostelgeschichte 2, 14.22-24.32

In beiden Fällen spricht Gott nicht direkt zum Volk, sondern über einen Mittler, der aber durch den Glanz des Gesichts oder die Zungen von Feuer klar im Auftrag Gottes handelt. Die Übergabe der Bundestafeln gibt den Beginn der jüdischen Religion im engeren Sinn an, die Pfingstrede des Petrus gibt den Beginn der christlichen Verkündigung an. Es ist so gesehen wirklich passend, dass Schawuot von manchen als Geburtstag der jüdischen Religion, Pfingsten als Geburtstag der Kirche bezeichnet wird.

2 Gedanken zu “Pfingsten und die Zehn Gebote

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