Mythos Córdoba (Kalifat, nicht Fußball)


Wenn man in Österreich über Córdoba redet, denkt man meist an Fußball und vielleicht noch an die Stadt in Argentinien, in der das legendäre 3:2 erzielt worden ist. Doch es gibt noch ein anderes, älteres Córdoba, das zu zahlreichen Mythen Anstoss gegeben hat: Das Emirat und spätere Kalifat von Córdoba, das den Höhepunkt arabischer Herrschaft über Spanien markiert. So will eine Gruppe um Imam Feisal Abdul-Rauf, die „Cordoba Intiative“, bekanntlich eine Moschee in New York errichten, zu der das „Córdoba House“ gehören soll.

Córdoba als dreifaches Symbol

Heutzutage wird diese Zeit oft als Periode friedliche Zusammenlebens von Juden, Christen und Moslems gesehen. Man muss nicht Mariá Rosa Menocal bemühen, die in ihrem Buch „Ornament of the World“ das islamische Spanien als Land beispielhafter Toleranz beschreibt, wie schon der Klappentext verspricht:

This enthralling history, widely hailed as a relevation of a “lost” golden age, brings to vivid life the rich and thriving culture of medieval Spain, where  for more than seven centuries Muslims, Jews, and Christians lived together in an atmosphere of tolerance, and where literature, science, and the arts flourished.

Vorsichtiger formuliert kann man davon auch auf den Seiten der BBC lesen. Und auf der islamischen Seite Kandil.de liest man:

Eine besondere Rolle kommt in dieser Epoche dem muslimischen Spanien zu, in dem Juden, Christen und Muslime in relativer religiöser und multikultureller „Toleranz“ leben konnten. Juden und Christen, die so genannten Dhimmis, wurden mit eingeschränktem Rechtsstatus geduldet. Über das muslimische Spanien gelangte das Wissen der Muslime nach Europa.

Auf der anderen Seite gab es im islamischen Spanien 1066 ein großes Pogrom gegen Juden, bei dem ca. 4.000 Menschen an einem Tag getötet worden sind. Es gilt als das erste Pogrom in Europa. Die Märtyrer von Córdoba und andere Fälle zeigen auf, dass das Leben für Christen keineswegs so golden war. Wie Marc Tracy im Tablet Magazine beschreibt, halten manche jüdische Historiker das Zusammenleben der Juden und Moslems in Córdoba mehr oder weniger für eine düstere Epoche für die jüdische Bevölkerung. Dieses Córdoba ist also ein Symbol für die Unterdrückung von Juden und Christen durch Moslems.

Drittens ist Córdoba aber auch für manche Moslems ein Symbol des Siegeszugs des Islams und der Überlegenheit ihrer Religion und Kultur, wie in diesem Text einer „Islamic Union“:

One quality acquired from Islam’s morality is the high sense of art and esthetics. The Qur’anic depictions of Paradise are pictures of the highest quality, finest taste, and stunning grandeur. Muslims had this sense of art in their hearts, which is reflected in their work, and thus the lands they ruled became the world’s most modern and select regions. When Islam spread outward in all directions, it brought prosperity and development with it. […]

Andalusia (Muslim Spain), another spectacular center of the Islamic world, gradually became Europe’s most modern and advanced country. Its capital city of Cordoba was full of amazing beauty with its clean, well-lit streets, libraries, hospitals, and palaces. In the same era, such great European cities as Paris and London were filthy, dark, and neglected. As a result, European Christians visiting Cordoba were amazed and dazzled by the city’s splendor, culture, and art.

Weder – noch

Das historische Emirat und Kalifat von Córdoba entsprach aber wohl keiner dieser Zuschreibungen – weder war es das Paradies der Toleranz, noch die Stätte finsterster Unterdrückung.

Vielmehr waren die Machthaber durch die Zahlenverhältnisse und mangelnde technologische Überlegenheit geradezu gezwungen, die mehrheitlich nicht-moslemische Bevölkerung zumindest zu dulden. Trotzdem wurden Christen und Juden grob benachteiligt, mussten Sondersteuern entrichten etc. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Machthaber schließlich zusehends intoleranter, wohl auch, weil sich die Bevölkerungsanteile verschoben hatten. Andererseits gab es tatsächlich einen regen Austausch zwischen Christen, Juden und Moslems in Spanien. Die Realität war wie immer viel grauer und unschärfer als die holzschnittartigen Bilder, die im jeweils eigenen Interesse von Córdoba entworfen wurden.

Denn schließlich geht es ja nicht um die historische Realität – um mit einem Zitat aus dem Tablet-Artikel zu schließen:

So, maybe the solution is just to move beyond symbols? “We’re all basically defending our choices and lives and honors,” Halkin told me.

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