Leben in Lüge


Wie oft sagen Menschen etwas anderes, als sie wirklich denken? Sehr oft. Es fängt bei einfachen Beispielen an, wie, dass man dem Gastgeber kaum sagen wird, dass das Essen katastrophal schlecht war; dass man den Arbeitskollegen nicht belehren wird, dass er die Kinder wohl völlig falsch erzieht, wenn er wieder von seinen Problemen daheim berichtet; dass es bestimmte Ansichten gibt, die man, je nach Gesprächspartnern, besser für sich behält.

Timur Kuran, Professor an der Duke Universität, hat sich dieses Themas mit ökonomischem Werkzeug in seinem Werk „Leben in Lüge. Präferenzverfälschungen und ihre gesellschaftlichen Folgen“ angenommen, dass weitreichende Folgen haben kann, und erklären hilft, wie die öffentliche Meinung und die Mehrheitsmeinung divergieren können. Dazu postuliert er drei Arten des Nutzen:

  1. Den intrinsischen Nutzen, der jemand erwartet, wenn er seinen privaten Präferenzen folgen könnte.
  2. Den Reputationsnutzen, den jemand aus den Reaktionen auf seine öffentliche Präferenz erhält, den wir abschätzen, in dem wir annehmen darüber treffen, was andere denken.
  3. Den Ausdrucksnutzen, den jemand persönlich daraus zieht, dass seine öffentliche Präferenz seiner privaten Präferenz entspricht, dass er autonom ist.

Dabei betont Kuran, dass ein purer Nonkonformist seine Selbstachtung gerade aus seinem Reputationsnutzen bezieht, in diesem Fall den negativen Reaktionen auf seine öffentliche Präferenz, und gerade nicht autonom ist, ein Punkt, den ich schon früher diskutiert habe. Jedenfalls bietet sich gerade dann, wenn der intrinsische Nutzen aus der privaten Präferenz sehr gering ist — weil man sozusagen „eh nichts ändern kann“ —, und der Reputationsnutzen durch eine andere geäußerte Präferenz höher ausfällt, diese andere Präferenz zu äußern und seine eigene Präferenz zu verbergen. Kuran nennt das „Präferenzverfälschung“. Das kann zu einem Verfälschungskreislauf führen, in der die Mehrheit der Menschen selbst eine andere (Minderheits-)Meinung vertritt, als sie eigentlich hat.

Ein Beispiel für Präferenzverfälschungen ist der rapide Untergang der Sowjetunion. Die Mehrheit war wohl lange (wenn nicht immer) der Meinung, dass das System für sie selbst negativ war, doch wegen der harschen Unterdrückung kritischer Meinungen maximierte man seinen Nutzen durch Anpassung. Als die Führung selbst eingestand, dass das System zumindest reformbedürftig war, stellte sich für viele Menschen im Diskurs bald heraus, dass sie mit ihrer Kritik durchaus mehrheitsfähig waren, und es kam zu einem rapiden Umschwung. Wie Kuran schreibt:

Da die öffentlichen Präferenzen der Individuen interdependent sind, kann jeder sprunghafte Anstieg der manifesten Opposition selbstverstärkend wirken: Unter geeigneten Bedingungen wird er einen weiteren sprunghaften Anstieg auslösen.

Menschen haben nämlich ein Bedürfnis, authentisch und ehrlich sein zu können, und nehmen seelischen Schaden, wenn sie das nicht können. Eine Gesellschaft, die grundsätzlich auf Präferenzverfälschungen (über das Maß, das zum friedlichen Zusammenleben nötig ist) aufgebaut ist, ist daher ebenso grundsätzlich in Gefahr eines raschen Umschwungs.

Interessant ist sein Gedanke über das Undenkbare und das Ungedachte. Wenn bestimmte Einstellungen lange genug „undenkbar“ sind, so dass man kaum einen Kreis findet, wo man sie artikulieren kann, so können sie irgendwann auch „ungedacht“ werden: Es ist nicht einmal mehr vorstellbar, dass es diese Meinung überhaupt gibt. In diesem Zusammenhang steht auch Wissensverfälschungen, die dazu dienen, Präferenzverfälschungen erträglicher zu machen, und die zuerst die öffentliche, dann die private Meinung beeinflussen. So werden die Schattenseiten bestimmter Entwicklungen einfach verdrängt und das Wissen darum aus dem Gedächtnis gestrichen.

Sofort findet man die Verbindungen zu Noelle-Neumanns Schweigespirale und zu Akerlof und Krantons Ökonomie der Identität, die ähnliche Gedanken in einer anderen Sprache formuliert haben.

Weitere Informationen bietet etwa diese Rezension von Kurans Buch durch Peter J. Boettke, oder dieses Interview mit Kuran in der Zeitschrift „Region Focus“.

Kuran selbst beschäftigt sich intensiv mit der Frage, warum die islamischen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens so rückständig sind, und hat seine Theorie unter anderem deswegen entwickelt, besonders der Gedanken des „Ungedachten“. In einem neuen Buch beschäftigt er sich mit der Rolle des islamischen Rechts im Nahen Osten, das seiner Meinung nach entscheidend am relativen wirtschaftlichen Niedergang der Region beteiligt war, was er an Hand der einzelnen Regeln auch zu beweisen sucht.

(Hinweis via Marginal Revolution)

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