Die Schubladen schließen nicht richtig


Nach dem abscheulichen Verbrechen in Norwegen sind sofort diejenigen aufgetreten, die das Geschehen für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen, jedenfalls aber in vertraute Schemata pressen, ob es zuerst Referenzen auf gewalttätige Moslems waren, ob es jetzt Experteninterviews sind, in denen Islamkritiker für die Untaten verantwortlich gemacht werden.

Matthias Hannemann schreibt in der FAZ in einem zum Teil sehr berührenden Beitrag für die FAZ (lesenwert!), wie unsere bequemen Schubladen angesichts der anscheinend verworrenen Motive dieser Person nicht funktionsfähig sind. Sie schließen nicht richtig, immer steht etwas hervor:

Eines aber wird schon bei der ersten Sichtung [von Breiviks Manifest] klar: Jeder Versuch, Breivik als faschistoiden Rechtsextremen oder christlichen Fundamentalisten zu beschreiben, ist nicht mehr als ein hilfloser Reflex. So wie es auch ein Reflex war, dass Breivik zunächst Anschluss bei denen suchte, die er in seiner Verachtung des nordeuropäischen Mainstreams für die kommenden oder wahren Kräfte der Politik hielt – die fremdenfeindlich-liberalistische „Fremskrittsparti“ etwa (sie erhielt bei den Parlamentswahlen 2009 fast ein Viertel der norwegischen Wählerstimmen, da freilich hatte Breivik dem demokratischen Weg zur Macht bereits abgeschworen), die Freimaurerloge „St. Olaus til de tre Søiler“, oder die „Knights Templar Europe“, wer auch immer sich hinter dieser Formation verbergen mag.

Das macht wohl auch die Zuschreibung vom „christlichen Fundamentalisten“, die beispielsweise der ORF so gerne wiederholt hat, so verständlich, aber unsinnig. Verständlich, weil sie jedem, der mit „christlichem Fundamentalismus“ Gewalt assoziiert, eine Erklärung gibt. Unsinnig, weil Breivik sich selbst als „nicht besonders religiös“ definiert, und christlich-fundamentalistische Freimaurer eine sehr kuriose Mischung wären.

Dazu möchte ich Josef Bordat zitieren, der im Rahmen eines längeren Eintrags schreibt:

Medien brauchen zur Verarbeitung von Ereignissen plastische Schlagwörter, unter denen sich der Nutzer etwas vorstellen kann. Denn ihre Berichte leben von nachvollziehbaren Zuschreibungen. Zur Reduzierung der Komplexität, die das Leben nun mal mit sich bringt, werden häufig maximal zwei konstitutive oder dispositive Merkmale herausgegriffen und miteinander kombiniert, um die Person zu kennzeichnen („der brutale Hüne“, „die rätselhafte Schöne“) und aus diesen Eigenschaften die Hintergründe eines – möglicherweise verstörenden – Ereignisses ausleuchten zu können. Dass ausgerechnet ein „brutaler Hüne“ sieben Frauen erwürgt haben soll, ist dann eher nachvollziehbarer als wenn von einem „38jährigen Dortmunder“ die Rede ist. Die Plausibilisierung des Unplausiblen geschieht über Erwartungshaltungen, die es dem Nutzer ermöglichen sollen, näher an das Geschehene heranzurücken. Denn dessen Frage lautet: „Warum?“ – Der „brutale Hüne“ hilft bei der Beantwortung.

Die mediale Rezeption der Ereignisse in Norwegen ist da eigentlich erstaunlich disparat: Der Täter ist Norweger, konservativ, blond, eiskalt, skrupellos, Fundamentalist, blauäugig, Nationalist, Freimaurer, Islamkritiker, fremdenfeindlich, Christ, gegen „Linke“, Rechtsextremist u.v.a.m. „Christ“ und „konservativ“ sind dabei Selbstbezeichnungen des Attentäters, die scheinbar problemlos mit den analytischen Fremdurteilen zusammengehen. Frage: Sollten die Medien Selbstbezeichnungen so kritiklos aufnehmen? Andere Frage: Warum wird diese bunte Kombination nie systematisch hinterfragt und statt dessen mit den Worthülsen gearbeitet, als sei jedem klar, was damit gemeint ist?

Weil eigentlich überhaupt nicht klar ist, was gemeint ist. Doch die Vorstellung, dass Gewalt eben nicht aus vorher klar als Feindbild abgegrenzten Gruppen, sondern aus der Mitte der eigenen Gesellschaft kommt, von einem jungen Gemüsebauern, der vielleicht sonst bald von irgendeiner Zeitung in einem Artikel über nachhaltiges Wirtschaften vorgekommen wäre; einem Betriebswirten, der ein wenig politisch dilettiert; einem, dessen Auffälligkeit erst ex post zu einer solchen wird; diese Vorstellung ist so erschreckend, dass wir sie schnell in irgendeine Schublade wegstecken wollen. Wenn sie nur zuginge.

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2 Gedanken zu “Die Schubladen schließen nicht richtig

  1. Vermutlich ist es einfach noch zu früh, über den mutmasslichen Täter und seine Motive etwas Fundiertes zu sagen, aber „zu früh“ ist eben keine Kategorie der heutigen Medienwelt.

    • In der Zeit des Echtzeit-Journalismus ist eben immer alles sofort klar, wie unklar es auch in Wirklichkeit sein mag. Man muss aber auch sagen: Der, der sich weiter hinauslehnt, hat meistens auch mehr Leser bzw. Zugriffe auf sein Webangebot. Offensichtlich wird das vorschnelle Urteil auch vom Konsumenten belohnt.

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