Von gewendeten Fischen und anderen Geschichten aus dem Mittelalter


Man muss eine Erzählsammlung einfach lieben, bei der eine Geschichte mit dem Satz anfangen kann: „Gallicus herrschte im römischen Staat sehr klug und über alles gerecht“, und darauf geschildert wird, daß jener sehr klug und über alles gerechte Kaiser ein Gesetz erlassen habe, dass jeder, der an seiner Tafel den gebratenen Fisch zum essen wende, des Todes sei, aber drei Wünsche frei habe, von denen keiner den Erhalt seines Lebens zum Inhalt haben dürfe. Wenn das die Gesetze der weisen Herrscher sind, wie schauen diejenigen der dummen Herrscher aus?

Das ist jedenfalls der Ausgangspunkt einer der vielen kurzen Erzählungen in den „Gesta Romanorum“, einer im späteren Mittelalter überaus populären Sammlung von Parabeln, Märchen, Fabeln, Erzählungen, Legenden und mehr, die ich in den letzten Wochen hin und wieder einmal zur Hand genommen habe. Aus ihr hat z.B. William Shakespeare einen Strang der Handlung des Kaufmanns von Venedig geschöpft, und in den Gesten hat auch Friedrich Schiller den Stoff für die Bürgschaft gefunden. Über diese Sammlung sind auch manche Geschichten aus anderen Quellen ins Allgemeingut übergegangen, wie die Erzählung von Diogenes, der Alexander den Großen nur bittet, aus der Sonne zu treten, oder die Passage aus Augustinus’ Gottesstaat, in dem sich ein kleiner Seeräuber wiederum mit Alexander dem Großen vergleicht und dabei Murray Rothbard vorwegnimmt.

Wer ein wenig Latein gelernt hat, wird bald ein Aha-Erlebnis haben, denn die Texte der Gesta romanorum sind in einem eingängigen, leichten Latein geschrieben, ohne Ablativus absolutus oder Gerundiv, dafür mit stehenden Wendungen, die man bald intus hat, so, wie wohl ein mittelalterlicher, des Lateins kundiger Mensch etwas mündlich erzählt hätte. Wenn man nicht über unbekannte Vokabel stolpert, kann man manche Geschichten wirklich einfach lesen statt zu übersetzen, ein Zustand, der mir im Lateinunterricht immer unbekannt war.

Wer wissen will, wie die Geschichte mit den gewendeten Fischen weitergeht, dem kann ich zwei Bücher empfehlen: Bei Reclam ist eine gut lesbare zweisprachige Ausgabe erhältlich, die eine repräsentative Auswahl von Geschichten enthält, doch fehlen einige später literarisch einflußreiche Erzählungen. Nachdem sich mit der Zeit die Motive und Situationen wiederholen – bei über zweihunderten Geschichten kein Wunder –, ist das Bändchen jedoch sicher ausreichend, um einen Einblick in diesen mittelalterlichen Bestseller zu bekommen. Der Anaconda-Verlag hat eine Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert von Johann G.Th. Gräße wieder aufgelegt,, allerdings ohne lateinisches Original und in einer sprachlich veralteten Übertragung. Dafür bietet sie auf über 500 Seiten weitaus mehr Geschichten. Das Reclamheft kostet € 7,20, die Gräße-Übersetzung etwa € 10.

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3 Gedanken zu “Von gewendeten Fischen und anderen Geschichten aus dem Mittelalter

    • Gerne. Jetzt bin ich übrigens gerade am Dekameron dran, und das ist ein ordentlicher Kontrast: Es ist zwar nur unwesentlich jünger, und Boccaccio hat die Handlung einiger Novellen wohl aus den Gesten übernommen, aber er schreibt wesentlich gewandter und künstlicher (im Guten wie im Schlechten).

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