Beda Venerabilis und der Anfang des Markus-Evangeliums


Am zweiten Adventsonntag wird im Lesejahr B der Beginn des Markusevangeliums gelesen, der das Wirken Johannes des Täufers in den Mittelpunkt stellt. Wie versprochen widme ich mich dazu auch heute wieder einem Text des englischen Kirchenlehrers und Universalgelehrten Beda Venerabilis, der um 700 ein nicht nur für seine Zeit überraschend umfangreiches Oeuvre hinterlassen hat. Darunter befindet sich auch ein Kommentar des Markusevangeliums und einer des Lukasevangeliums; in beiden bündelt er, was die Kirchenväter und andere dazu geschrieben haben, in klarer und verständlicher  Sprache. Nicht umsonst werden seine Ausführungen in der Catena Aurea, den aus Zitaten zusammengestellten Evangelienkommentar des Thomas von Aquin, oft herangezogen.

Ich begnüge mich damit, seinen Kommentar zu den eineinhalb ersten Versen des Evangeliums zu übersetzen, in denen Johannes der Täufer noch gar nicht auftaucht. Darin beschäftigt sich Beda besonders mit der Frage, warum Anfang und Ende der vier Evangelien jeweils verschieden sind, und erkennt darin einen tieferen Zusammenhang. Wie immer bin ich für Hinweise zu Übersetzungsfehlern dankbar.

Mk 1,1-2a Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht:

Dieser Anfang des Markusevangeliums ist mit dem Anfang des Matthäus zu vergleichen, in dem es heißt, „Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“, und aus beiden ist unser einer Herr Jesus Christus, Gottes und des Menschen Sohn, zu erkennen. Und passend nennt der erste Evangelist ihn den Menschensohn, der zweite Sohn Gottes, so daß sich unsere Sinne allmählich vom Geringeren zum Höheren erheben und durch den Glauben und die Geheimnisse der angenommenen Menschheit zur Erkenntnis der göttlichen Ewigkeit aufsteigen. Passend beginnt der [Evangelist, der] die menschliche Geburt beschreiben wird, vom Sohn des Menschen, und zwar David oder Abraham, aus deren Stamm er das Wesen des Fleisches annahm. Passend wollte dieser [Evangelist], der sein Buch mit dem Beginn der Verkündigung des Evangeliums anfängt, unseren Herrn Jesus Christus eher Sohn Gottes nennen: Weil er ja unbestritten sowohl von menschlicher Natur war, um über die Abstammung der Patriarchen oder Könige die Wahrheit des Fleisches auf sich zu nehmen, als auch von göttlicher Macht, das Evangelium der Welt zu verkünden.

Das Evangelium wird freilich „gute Nachricht“ genannt. Was aber ist eine bessere Nachricht als: tuet Buße, denn das Himmelreich wird sich nähern. Des Menschen ist es daher, menschlich geboren zu werden; Gottes aber, den Einzug des himmlischen Reiches den Büßenden zu verkünden. Und daher nennt Matthäus richtigerweise feierlich Sohn Davids, den er als ins Fleisch kommenden bestätigte; richtigerweise Markus Sohn Gottes, den er ganz am Anfang seines Buches als Urheber des Evangeliums und Bürgen des ewigen Reiches beschreibt. Wobei bemerkt werden muß, daß die heiligen Evangelisten, damit sie uns das Geschehen der Fleischwerdung des Herrn schriftlich hinterließen, gewiß durch den Geist entflammt an die Aufgabe des Schreibens herangingen, aber jeder einzelne einen unterschiedlichen Anfang, einen unterschiedlichen Schluß seines Berichts festsetzte.

Denn Matthäus, der den Beginn von der Geburt des Herrn wählt, führt die Reihe seiner Berichte bis zur Zeit der Auferstehung des Herrn. Markus, der vom Anfang der Verkündigung des Evangeliums beginnt, kommt bis zur Zeit der Himmelfahrt des Herren und der Verkündigung seiner Jünger allen Völkern durch die Welt. Lukas, der von der Geburt des Vorläufers [Johannes der Täufer, Anm.] weg beginnt, beendet das Evangelium mit der Himmelfahrt des Herrn, nachdem die nach Jerusalem zurückkehrenden Jünger die Ankunft des Heiligen Geistes in göttlichem Lob erwarten. Johannes, der den Anfang von der Ewigkeit des Wortes Gottes, durch das alles geschaffen ist, wählt, reicht dann mit dem Verkünden des Evangeliums selbst bis zur Zeit der Auferstehung des Herren. Um daher das Evangelium zu schreiben, stellt Markus zum ersten von allen passend die Zeugnisse der Propheten, mit denen sie dieses Kommende schon einst vorhersagten.

Ich finden diese Gegenüberstellung hochinteressant: Matthäus von der ersten sozusagen bis zur zweiten Geburt; Markus von der Verkündigung des ersten Kommens des Herren bis zur Verkündigung der Wiederkunft des Herren; Lukas von der Geburt des Vorläufers bis zur Geburt der Nachfolger im Heiligen Geist; Johannes von der Ewigkeit des Wortes Gottes zur ewigen Herrlichkeit des Auferstandenen. Denn jede dieser vier Gegenüberstellungen sagt etwas über das Heilsgeschehen aus.

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2 Gedanken zu “Beda Venerabilis und der Anfang des Markus-Evangeliums

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