Eine Weihnachtspredigt des Beda Venerabilis


Zum Abschluß meiner Reihe von Texten des angelsächischen Mönches und Gelehrten Beda Venerabilis darf ich mich einer seiner Weihnachtspredigten widmen. Da die ganze Predigt recht lang und meine Zeit zum Übersetzen beschränkt ist, lasse ich es bei fünf von neun Abschnitten bewenden, auch wenn ich irgendwann die ganze Predigt übersetzen will.

Hier also die Übersetzung der Predigt des Beda Venerabilis zur zweiten Weihnachtsmesse:

Zum Evangelium nach Lukas, 2,15ff.: In jener Zeit sprachen die Hirten zueinander: Laßt uns nach Betlehem hinübergehen, und dieses Wort sehen, das gemacht worden ist, das der Herr gemacht und uns offenbart hat, usw.

1 Als der Herr und Erlöser in Bethlehem geboren wurde, so wie es die heilige Geschichte des Evangeliums bezeugt, erschien den Hirten, die in dieser Gegend wach blieben und in den Nachtwachen ihre Herde beschützten, ein Engel des Herrn mit hellem Licht, und fügte die Sonne der Gerechtigkeit, die der Welt erschienen war, nicht nur mit dem Ton der himmlischen Rede, sondern auch mit der Klarheit des göttlichen Lichts hinzu. Denn wir finden niemals in der ganzen Reihe des Altes Bundes Engel, die so fleißig den Vätern erscheinen, mit Licht erscheinen; sondern dieses Privileg ist richtig für die heutige Zeit vorbehalten, wann in der Finsternis das Licht den Rechten im Herzen erschienen ist, der barmherzige und gerechte Herr. Damit aber nicht die Autorität eines einzigen Engels klein scheinen möge, war, nachdem einer das heilige Wirken der neuen Geburt berichtete, sofort eine Vielzahl himmlischer Scharen da, die die Ehre Gottes sangen, und zugleich den Frieden den Menschen verkündeten, offenkundig zeigend, daß sich durch diese Geburt die Menschen zum Frieden des einen Glaubens, der einen Hoffnung und der einen Liebe, und zum Ruhm des göttlichen Lobes hinwenden sollten.

Es bezeichnen aber auf geheimnisvolle Art diese Hirten der Herden jeden Gelehrten und die Leiter der gläubigen Seelen. Die Nacht, während deren Nachtwachen sie die Herden beschützten, zeigen die Gefahren der Versuchungen an, vor denen alle, die vollkommen wach bleiben, nicht aufhören, sich und ihre Untergebenen zu beschützen. Denn jener ist geboren, der sagt: Ich bin der gute Hirte: Der gute Hirte gibt sein Leben für seine Schafe. (Joh 10,11) Aber es stand auch die Zeit bevor, wo derselbe höchstgute Hirte, nachdem er Hirten in die Welt gesandt hatte, seine Schafen, die weit und breit zerstreut herumirrten, zu den immer grünenden Weiden des himmlischen Lebens zurückrufen würde. Die Fürsorge jener empfahl er dem höchsten Hirten an: Wenn du mich liebst, weide meine Schafe. (Joh 21,16)

2 Und das geschah: Wie die Engel von diesen in den Himmel weggegangen waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Bethlehem gehen, und dieses Wort sehen, das gemacht worden ist, das der Herr gemacht und uns offenbart hat. Und sie kamen eilend, und fanden Maria und Josef, und ein Kind, das in der Krippe lag. (Lk 2, 15-16) Jene Hirten eilten freilich mit glücklicher Freude, um zu sehen, was sie gehört hatten: Und weil sie durch Liebe entzündet suchten, verdienten sie es anschließend, den Erlöser, den sie suchten, zu finden. Aber auch die Hirten der geistigen Herden – ja sogar alle Gläubigen –, sofern sie mit tätigem Gewissen Christus suchen sollten, haben durch ihre Worte und Taten gleichermaßen erklärt:

3 Laßt uns nach Bethlehem hinübergehen, sagen sie, und dieses Wort sehen, das gemacht worden ist. (Lk 2,16) Laßt also auch uns hinübergehen, liebste Brüder, in Gedanken, nach Bethlehem, der Stadt Davids, und bedenken wir in Liebe, daß in dieser das Wort Fleisch geworden ist (Joh 1,14), und seine Fleischwerdung mit würdigen Ehren feiern. Laßt uns hinübergehen, nachdem die fleischlichen Gelüste abgeworfen wurden, mit der ganzen Sehnsucht des Verstands nach Bethlehem über uns, das ist das Haus des lebenden Brotes, nicht hergestellt, sondern ewig in den Himmeln, und bedenken wir in Liebe, daß das Wort Fleisch geworden ist. Dorthin steigt es im Fleisch auf, dort sitzt es zur Rechten Gottes des Vaters. Dort laßt uns ihm durch alles Drängen der Mächte folgen, und durch ernsthafte Besserung des Herzens und der Leibes dafür Sorge tragen, daß, den jene in der Krippe schreien zu sehen verdienten, wir vor dem Thron des Vaters verdienen, als den Herrscher zu sehen.

4 Und laßt uns dieses Wort sehen, sagen sie, das gemacht worden ist. Wie das richtige und reine Bekenntnis des heiligen Glaubens: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (Joh 1,1) Dieses Wort ist geboren aus dem Vater, nicht gemacht worden, weil Gott kein Geschöpf ist. In welcher Weise aus göttlicher Geburt, kann von Menschen nicht gesehen werden; aber damit [es von Menschen] gesehen werden könnte, ist das Wort Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt. (Joh 1,14) Laßt uns also dieses Wort sehen, sagen sie, das gemacht worden ist, weil, bevor es gemacht sei, wir es nicht sehen konnten: Was der Herr gemacht hat und uns offenbart hat, was der Herr gemacht hat, Fleisch anzunehmen, und dadurch uns sichtbar enthüllt hat.

5 Und sie kamen eilend, und fanden Maria und Josef, und das Kind, das in der Krippe lag. (Lk 2,16) Die Hirten kamen eilend, und sie fanden den als Mensch geborenen Gott, gleichzeitig auch die Helfer seiner Geburt. Eilen auch wir, meine Brüder, nicht mit Schritten der Füße, sondern durch das Vollbringen guter Werke ihn zu sehen, die verherrlichte Menschlichkeit, mit seinen Helfern, die durch ein würdiges Entgelt für ihre Knechtschaft belohnt werden; eilen wir, jenen leuchtend in seiner und des Vaters Hoheit zu sehen. Eilen wir, sage ich, denn so große Seligkeit ist nicht mit Trägheit und Erstarrung zu suchen, sondern den Spuren Christi ist munter zu folgen. Denn er selbst sehnt sich, unseren Lauf durch die gegebene Hand zu befördern, und er wird sich freuen, von uns zu hören: Ziehe uns hinter dir, wir werden zum Duft deiner Salben laufen. (Hl 1,3) Schneller folgen wir daher den Schritten der Mächte, damit wir es verdienten, nachzufolgen. Niemand zögere, sich dem Herrn zuzuwenden, niemand verschiebe es von Tag zu Tag, zu ihm durch alles und vor allem zu beten, damit er unsere Schritte nach seiner Rede lenke, und nicht unser aller Ungerechtigkeit herrsche.

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