Ist Dawkins überhaupt ein Darwinist?


Es gehört zu den anstrengenderen Eigenschaften des Missionars Richard Dawkins, der vom Biologen fein säuberlich zu unterscheiden ist (sozusagen zumindest eine Zweifaltigkeit), daß er sich auch zum Richter darüber aufschwingt, wer denn eigentlich ein Christ sei und wer nicht. Menschen, die sich Christen nennen, würden in der Regel nicht wissen oder glauben, was die wahre Lehre des Christentums sei, daher seien sie keine. Angesichts der vielen Konfessionen und Freikirchen ist es für einen Außenstehenden, der nicht dem Wahrheitsanspruch einer dieser Gemeinschaften zustimmt, schon etwas seltsam, genau wissen zu können, was denn diese wahre Lehre ist. So, wie ich mir vielleicht eine Meinung bilden kann, welcher der Zweige des Buddhismus die „wahre Lehre“ des Buddhismus am besten verkörpert. Aber als Schiedsrichter darüber wäre ich wohl trotzdem wenig geeignet. Und sein Beispiel in einer BBC-Sendung dazu, das war, sagen wir einmal: Gewagt.

Wer nicht wisse, daß das Evangelium nach Matthäus das erste Buch des Neuen Testaments sei, sei kein Christ. Punkt. Darauf fragte ihn Moderator Giles Fraser, ob er denn wisse, wie der volle Titel von Charles Darwinֹ’s Hauptwerk sei. Dawkins akzeptiert die Prämisse und die Herausforderung, und scheitert kläglich. Der Titel wäre: „On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life.“ Aber er schafft es einfach nicht. Will Heaven schreibt dazu süffisant: „So the High Priest of Darwinism doesn’t know the title of his own secular bible. Fraser had won: if people self-identify as Christians, he said, who are you to tell them otherwise?“ Wenn es nach Dawkins’ Kriterium ginge, dürfte man ihn wohl nicht mehr als Darwinisten bezeichnen – was absurd ist.

Natürlich geht es dabei um etwas anderes. In Großbritannien läuft ein harscher Kampf darum, den Ausdruck solcher Glaubensrichtungen, die gewöhnlich als „organisierte Religion“ bezeichnet werden, aus der Öffentlichkeit zu verbannen, zugunsten anderer Glaubensrichtungen, die das Öffentlichkeitsmonopol erhalten sollen. Das nennt man dort „Säkularismus“, führt aber in die Irre. Und da gehört es dazu, die Zahl der Menschen, die einer „organisierten Religion“ angehören, kleinzureden, um die eigene Bedeutung zu erhöhen. Funktioniert halt nur, wenn das Gegenüber nicht mitdenkt.

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7 Gedanken zu “Ist Dawkins überhaupt ein Darwinist?

  1. Dawkins unterbietet sich doch regelmäßig selbst. In diesem Falle kennt er keine sinnvolle und gültige Definition von Christentum, definiert munter drauf los und scheitert.
    Wenn der an die Biologie mit der gleichen Sorgfalt und Redlichkeit geht wie an die Religion, kann kein Biologe ihn ernst nehmen.

    • Die große Zeit Richard Dawkins‘ als Biologe ist wohl schon länger vorbei. Das ist nichts Ehrenrühriges, man kann schließlich nicht immer Spitzenleistungen vollbringen. Aber Faktum.

  2. Puhhh… *Ich* weiß, dass das Evangelium nach Matthäus das erste Buch des NT ist! Da kann ich ja jetzt beruhigt Karneval feiern!

    JoBo

  3. Hier verstehe ich Dawkins auch nicht (ich bin sonst aber schon ein grosser Fan seiner Arbeit). Es definiert sich ja (hoffentlich) niemand über blosses nomenklatorisches Wissen – sondern über Inhalte.
    Entsprechend erwarte ich auch nicht von jedem Christ, dass er mir die Bibel zu jedem beliebigen Vers rezitieren kann… Was ich aber erwarten würde, ist eine Definition davon, was denn nun Christ-Sein ausmacht. Ich habe kürzlich eine kleine Umfrage (nur 20 Leute haben geantwortet) dazu gemacht und etwa 15 verschiedene Antworten bekommen.
    Selber habe ich dann herausgefunden, dass das Nicaeno-Konstantinopolitanum so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner einer grossen Zahl von christlichen Kirchen ist. Nur um dann gleich wieder zu hören zu bekommen, dass Kopten und andere Altorientalen damit nicht einverstanden sind…
    Es grenzt mittlerweile eben schon an völlige Beliebigkeit was und wer sich Christ nennt oder nennen kann – „Christ-Sein“ hat per se also gar keine Bedeutung, es muss immer erst auf individueller Ebene abgeklärt werden, was denn nun konkret geglaubt wird.

    Kurz: Bitte gebt mir ne allgemeinere Definition als das Nicaeno-Konstantinopolitanum.

    • In den Naturwissenschaften ringt man nicht ohne Grund immer um den exakten Inhalt von Begriffen. So war bekanntlich „Fisch“ einfach ein Begriff für Tiere mit Flossen, die im Wasser schwimmen. Daher bekanntlich auch der Name „Walfisch“ für bestimmte, große Tiere im Wasser. In der Biologie hat man den Begriff „Fisch“ eingeengt – mit solchem Erfolg, daß es auch in der Umgangssprache als falsch gilt, wenn man einen Blauwal als „Fisch“ bezeichnet. Und doch: der biologische Begriff ist trotzdem eine Krücke, denn die Tiere, die alle als „Fisch“ bezeichnet werden, sind nicht aus einem „Urfisch“ hervorgegangen; es sind einfach alle Kiefermäuler, die nicht zu den Landwirbeltieren gehören.
      Ähnlich ist es mit Begriffen wie „Atheist“ oder auch „Christ“. Das nicäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis definiert aus Sicht derjenigen, die es verwenden, einen Kreis von Gemeinschaften, die sich mit Fug und Recht christlich nennen, weil sie die essentiellen Wahrheiten des Glaubens bekennen. Als Außenstehender kann man sich aber auch die Frage stellen, ob nicht jeder, der zu Jesus Christus als göttlichem Wesen betet, „Christ“ genannt werden kann. Das reicht dann bis zu den Zeugen Jehovas und den Mormonen. Weitet man den Begriff noch weiter aus – „Christ“ ist jeder, für den Christus im Glauben eine große Rolle spielt – wären plötzlich jede Menge synkretistischer Gemeinschaften miteinbezogen, und auch alle Moslems. Wenn jemand sich selbst „Christ“ nennt, kann man es selbst als unsinnig ablehnen, aber es ändert doch nichts an der Selbstbezeichnung.
      Ein anderer Vergleich: Was ist ein „Atheist“? Jeder, der daran glaubt, daß Gott nicht existiert, oder auch jeder, der glaubt, daß man so leben soll, als ob Gott existierte, obwohl es der Fall ist (Epikur)? Sind auch diejenigen erfaßt, die aber an Energieströme, die die Welt beseelen, die Macht des Schicksals oder dergleichen glauben? Wie ist es mit denen, die zwar Gott ablehnen, aber an eine Vielheit übernatürlicher Wesen glauben, oder jedenfalls an die Realität der Transzendenz? Man kann den Begriff so definieren, daß er klar und deutlich einen bestimmten Inhalt hat, aber man darf nicht davon ausgehen, daß diese Definition von allen geteilt wird. Und wenn sich jemand selbst Atheist nennt, obwohl sein Glaube an das Übernatürliche mit Händen greifbar ist, wird ihn auch niemand daran hindern können.

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