Die Apostel und Propheten sahen einander an …


Die Verklärung Christi ist für uns heute oft nicht einfach zu deuten, noch weniger zu verstehen. So ist es vielleicht gar nicht so schlecht, daß sie nicht nur an ihrem Festtag (dem 6. August) in den Blick genommen wird, sondern auch an diesem zweiten Fastensonntag. Ich nutze die Gelegenheit, um auf eine Predigt des Kirchenlehrers Ephräm des Syrers († 373) hinzuweisen, eines großen Exegeten, Dichters, Theologen, die dank der Bibliothek der Kirchenväter der Universität Freiburg im Üechtland in deutscher Übersetzung allgemein zugänglich ist.

Der lapidare Text der Lesung aus dem Markusevangelium des heutigen Propriums lautet:

In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgendjemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.

Dazu möchte ich zwei Passagen Ephräms zitieren. Zuerst eine schöne Deutung der Beziehung zwischen Moses und Elija einerseits, Petrus und Johannes andererseits und Jesus als dem Angelpunkt, der sie alle verbindet:

7. „Und es erschienen ihnen Moses und Elias, und sie redeten mit ihm“. Der Inhalt ihrer Unterredung mit ihm war [wohl] dieser: Sie dankten ihm dafür, daß sowohl ihre Worte als auch die aller ihrer Mitpropheten durch seine Ankunft in Erfüllung gegangen sind. Sie beteten ihn an wegen des Heiles, das er der Welt, dem Menschengeschlechte, brachte, und wegen der tatsächlichen Erfüllung des Geheimnisses, das sie vorgebildet hatten. Durch diese Besteigung des Berges wurde den Propheten und Aposteln Freude bereitet. Die Propheten freuten sich, weil sie seine Menschheit sahen, die sie bisher nicht gekannt hatten. Es freuten sich aber auch die Apostel, weil sie die Herrlichkeit seiner Gottheit schauten, die sie nicht gekannt hatten, und die Stimme des Vaters hörten, die dem Sohne Zeugnis gab. Durch diese erkannten sie auch seine Menschwerdung, welche ihnen bisher dunkel war, und nebst der Stimme des Vaters überzeugte sie die sichtbare Herrlichkeit seines Leibes, die eine Wirkung der in ihm ohne Verwandlung und ohne Vermischung vereinigten Gottheit war. Das Zeugnis dreier wurde besiegelt durch die Stimme des Vaters und durch Moses und Elias, die ihn als Diener umstanden. Die Apostel und Propheten sahen einander an; es erblickten sich dort die Führer des Alten und des Neuen Bundes: der hl. Moses sah den geheiligten Simon [Petrus], der Verwalter des Vaters den Verwalter des Sohnes. Jener spaltete einst das Meer, damit das Volk mitten durch die Wogen ziehen konnte; dieser errichtete eine Hütte, um die Kirche zu bauen. Der Jungfräuliche des Alten Bundes sah den Jungfräulichen des Neuen Bundes, Elias den Johannes, der den feurigen Wagen bestieg jenen, der an die Brust des Feuers hinsank. Der Berg wurde zum Vorbilde der Kirche, und Jesus vereinigte auf ihm die beiden Testamente, welche die Kirche erhielt, und tat uns kund, daß er der Spender beider sei. Das eine empfing seine Geheimnisse, das andere offenbarte die Herrlichkeit seiner Taten.

Für Ephräm ist die Verklärung auch ein deutlicher Hinweis auf die zwei Naturen Christi; er trägt das mit einer Schärfe vor, die auf den damals heftigen Streit um eben diese Frage hinweist:

11. Der Vater rief: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, ihn höret!“ Der Sohn ist von der Herrlichkeit der Gottheit nicht getrennt; denn eine Natur sind der Vater und der Sohn mit dem Hl. Geiste, eine Kraft, eine Wesenheit und eine Herrschaft. Auf einen nur ließ er die Stimme ertönen, mit einem schlichten Namen und zugleich mit furchtbarer Herrlichkeit. Auch Maria nannte ihn Sohn, der durch den menschlichen Leib von der Herrlichkeit seiner Gottheit nicht getrennt ist; denn der eine Gott ist es, der im Fleische in der Welt erschien. Seine Herrlichkeit offenbarte seine göttliche Natur aus dem Vater, und sein Leib offenbarte seine menschliche Natur aus Maria, und zwar beide Naturen verbunden und vereinigt in eine Hypostase. Er ist der Eingeborene aus dem Vater und der Eingeborene aus Maria. Wer ihn [in zwei Personen] trennt, wird von seinem Reiche losgetrennt werden, und wer seine Naturen vermischt, wird des Lebens in ihm verlustig gehen. Wer leugnet, Maria habe Gott geboren, wird nie die Herrlichkeit seiner Gottheit schauen. Wer leugnet, daß er einen sündelosen Leib getragen, wird von dem Heile und dem Leben verworfen, das durch seinen Leib gegeben wird.

Die Taufe im Jordan, in der schon einmal eine Stimme vom Himmel ruft, ist gewissermaßen das Vorspiel zur Verklärung, in der Jesus deutlicher und machtvoller als „geliebter Sohn“ bekannt wird – ein Sohn, der sich gerade auf dem Weg zur Passion in Jerusalem befindet, dem deutlichsten Zeichen auf Jesu Menschheit im Leiden und Jesu Gottheit in der Auferstehung.

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