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Warum die Chinesen die besten Kommunisten sind …

Johannes bloggt auf „Vita in Deum“ gerade auch über die Verbindung von Gerechtigkeit und Glauben, und macht dabei en passant folgende Beobachtung in einem Gespräch mit einem kommunistisch gesinnten Freund:

Was mich beunruhigte, war, dass mein Freund zugleich wollte, dass ich Kommunist werde und zugleich, dass ich gegen den Kommunismus arbeiten sollte.

Er sagte, der Kommunismus würde sich per Klassenkampf entwickeln. Wenn es wenigen Reichen immer besser und vielen Armen immer schlechter ging, würden sich die Armen in einer Revolution erheben und für Gerechtigkeit sorgen. Die gesamte Geschichte habe sich so entwickelt; aus einem Druck, dass etwas geschehen müsse.

Ich verstand damals nicht, warum er dann wollte, dass ich mich für die Armen einsetze. Wenn er als Kommunist doch wollte, dass sich die Revolution erhebt, dann musste er die Armen doch ärmer und die Reichen reicher machen müssen. Man musste ihnen doch einen Grund geben sich zu erheben! Wenn die Kommunisten doch wollten, dass die Armen zur Waffe greifen, dann hätten sie ihnen vor allem einen Grund dazu geben müssen. Wenn man will, dass ein Damm bricht, dann muss man nicht den Damm stärken, sondern mehr Wasser laufen lassen.

Bis heute vermute ich daher, dass die Chinesen genau dann die besten Kommunisten sind, wenn sie den Kapitalismus fördern.

Das ist übrigens gar nicht so abwegig. Das war ja die große Diskussion zwischen dem Revolutions- und Reformflügel („Revisionisten“) der Sozialisten des 19. Jahrhunderts, die ersteren waren die getreuen Marxisten, die letzteren benutzten den Marxismus höchstens als Krücke, waren aber mehr an einer Linderung der tatsächlichen Verhältnisse interessiert. Und damals warfen die Revolutionäre auch den Reformern vor, durch die schrittweisen Verbesserungen der Situation der Arbeiter letztlich die große Revolution zu verraten. Siehe etwa eine Rede von Karl Kautsky 1902 gegen Eduard Bernstein, einen der Stammväter der modernen Sozialdemokratie, in dem Bernstein dafür gegeißelt wird, daß nach seinen Vorschlägen die Sozialdemokraten als demokratische Reformpartei dastehen würden. Oder siehe Rosa Luxemburg, die im Vorwort ihres Buches „Sozialreform oder Revolution“ klar Stellung bezieht:

Diese ganze Theorie [Bernsteins] läuft praktisch auf nichts anderes als auf den Rat hinaus, die soziale Umwälzung, das Endziel der Sozialdemokratie, aufzugeben und die Sozialreform umgekehrt aus einem Mittel des Klassenkampfes zu seinem Zwecke zu machen. Bernstein selbst hat am treffendsten und am schärfsten seine Ansichten formuliert, indem er schrieb: „Das Endziel, was es immer sei, ist mir Nichts, die Bewegung alles.“

Da aber das sozialistische Endziel das einzige entscheidende Moment ist, das die sozialdemokratische Bewegung von der bürgerlichen Demokratie und dem bürgerlichen Radikalismus unterscheidet, das die ganze Arbeiterbewegung aus einer müßigen Flickarbeit zur Rettung der kapitalistischen Ordnung in einen Klassenkampf gegen diese Ordnung, um die Aufhebung dieser Ordnung verwandelt, so ist die Frage „Sozialreform oder Revolution?” im Bernsteinschen Sinne für die Sozialdemokratie zugleich die Frage: Sein oder Nichtsein?

Und:

Das, was heute als „gesellschaftliche Kontrolle“ funktioniert – der Arbeiterschutz, die Aufsicht über Aktiengesellschaften etc. –, hat tatsächlich mit einem Anteil am Eigentumsrecht, mit „Obereigentum“ nicht das geringste zu tun. Sie betätigt sich nicht als Beschränkung des kapitalistischen Eigentums, sondern umgekehrt als dessen Schutz. Oder, ökonomisch gesprochen, sie bildet nicht einen Eingriff in die kapitalistische Ausbeutung, sondern eine Normierung, Ordnung dieser Ausbeutung. Und wenn Bernstein die Frage stellt, ob in einem Fabrikgesetz viel oder wenig Sozialismus steckt, so können wir ihm versichern, daß in dem allerbesten Fabrikgesetz genau so viel Sozialismus steckt wie in den Magistratsbestimmungen über die Straßenreinigung und das Anzünden der Gaslaternen, was ja auch „gesellschaftliche Kontrolle“ ist.

Rosa Luxemburg hat noch verstanden: Eine Verbesserung der Lage der Arbeiter im Rahmen einer liberal-marktwirtschaftlichen Ordnung kann nicht im Interesse des marxistischen Theoretikers sein, der den Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft herbeisehnt.

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2 Gedanken zu “Warum die Chinesen die besten Kommunisten sind …

  1. Interessanter Beitrag. Wenn ich mich nicht irre, wurden karitative Bestrebungen seitens der Kirchen von führenden Sozialisten kritisiert, da die Milderung der Armut eben das “revolutionäre Potential” der Massen vermindert. Man muß tief in die Logik des Sozialismus eingetaucht sein, um so eine Einstellung nicht zynisch zu finden. Erst wenn der Leidensdruck eine kritische Masse erreicht hat, zündet die Revolution! Der moderne Kommunist hofft eher auf eine Art revolutionären “Flashmob”, der via Internet ausgerufen wird, und dann die bestehenden Verhältnisse beseitigt. Ein Freund von mir glaubt dies vielleicht sogar noch zu seinen Lebzeiten zu erleben, und verbringt viele einsame Stunden mit dem Studium der kritischen Theorie. Schon komisch, diese Welt ist wahrlich nicht perfekt, aber auf ein Ende der Geschichte zu hoffen, und das wäre ja der realisierte Kommunismus, erscheint mir völlig absurd.

    • Der Traum vom Ende der Geschichte, vom endgültigen Sieg der „eigenen Seite“ und dem damit verbundenen „Paradies auf Erden“ ist wohl zu verlockend, als daß er verschwinden würde. Eric Voegelin hat sich damit übrigens sehr intensiv beschäftigt; er verglich den Puritanismus, Marxismus etc. mit gnostischen Strömungen der Antike, und trägt den geschichtlichen Werdegang dieser Erlösungsmythen u.a. in seinem Büchlein „Die neue Wissenschaft der Politik“ und grundlegender in „Science, Politics and Gnosticism“ zusammen.

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