Stalin als Macho?


Spätestens seit Chrustschows Geheimrede am 20. Parteitag des KPdSU wird nicht nur von Gegnern des Kommunismus diskutiert, in welchem Verhältnis die Greueltaten Stalins und seiner Kumpane zur dahinterliegenden Ideologie stehen. Greueltaten, die so schrecklich waren, daß Chrustschow seine Geheimrede später so begründete:

Die Motive Chruschtschows waren, als er am Morgen des 25. Februar 1956 ans Podium trat, aus seiner Sicht moralisch. Nach seiner Amtsenthebung, in der Abgeschiedenheit seiner Datscha, schrieb er: „Ich habe Blut an den Händen. Ich habe alles getan, was andere auch taten. Aber selbst heute würde ich, wenn ich an dieses Podium treten müsste, um über Stalin zu berichten, wieder genau so handeln. Es musste der Tag kommen, an dem all dies vorbei war.“

Er konnte trotz tiefer Verstrickung auch selbst so nicht weiter machen. In den Dreißiger Jahren hat Stalin 70% der Parteimitglieder töten lassen, ganze Landstriche durch den Holodomor entvölkert; sein letzter Plan einer Verfolgung der Ärzte in der Sowjetunion ist nur durch seinen Tod nicht verwirklicht worden.

Die „Weltldquo; berichtet nun über einen neuen Ansatz von Jörg Barberowki, der die Untaten Lenins und Stalins als Ausdruck eines Machokults des Tötens sieht:

Es sind „schlichte Männer“, die sich in den feinen Gespinsten der Ideologie nicht zurecht finden, eine gewalttätige Sprache sprechen und bereit sind, „ihren Worten Taten folgen zu lassen“, und es ist ihr „Machokult des Tötens und Mordens, die Primitivität und Bösartigkeit ihrer Sprache“, die sie als „Männer der Tat“ ausweisen.

Ich denke, hier begibt man sich auf gefährliches Terrain. Es ist natürlich modern, solche Ereignisse auf Geschlechterrollen und Rollenbilder zurückzuführen, aber nichtsdestotrotz falsch. Stalin mit einem Macho in Verbindung zu bringen, sieht ihn völlig verfehlt, und so wollte er auch selbst nicht gesehen werden. Die Propaganda verbreitete bei Stalin vielmehr das Bild des Asketen, der sich zugunsten einer größeren Aufgabe zurücknimmt. Das traf zwar nicht zu, war aber auch ein Zeichen, wie ein Revolutionär gesehen werden wollte.

Die Zerstörung des Alten war aus Sicht vieler Revolutionäre notwendig, die brutale Gewalt ein notwendiges Übel, kein anzustrebender Beweis eigener Männlichkeit. Und die gewalttätige Sprache war schon den Radikalismen des 19. Jahrhunderts eigen, ob Nationalismus oder Sozialismus, die beide im 20. Jahrhundert ihre reductio ad absurdum erlebt haben.

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