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Toulouse – Vom Einordnen des Nicht-Einordenbaren

Die Bluttaten von Toulouse sind von solcher Heimtücke, daß sie nur schwer zu verstehen sind. Jemand erschießt Kinder und einen jungen Lehrer – einfach so. Vorher drei Soldaten in ihrem Zivilleben. Taten, die auch deswegen so betroffen machen, weil es dagegen kein Mittel gibt. Davor kann man sich kaum schützen, in dem man besser aufpasst, oder durch rigorose Polizeipräsenz, oder was immer. Schicksalhaft wird man aus dem Leben gerissen, und weiß im Grunde nicht, warum.

Über mögliche Täter lasse ich mich nicht aus. In Norwegen sind die ersten Vermutungen über die Täter völlig falsch gewesen, und auch die französische Polizei mußte ihre erste Spur, die zu ehemaligen Soldaten mit Neonazi-Verbindungen hätte führen sollen, wieder aufgeben, wie die „Zeit“ berichtet. In den Medien wird viel spekuliert, das ist verständlich. Spekulationen erhöhen die Auflage, und erleichtern das Einordnen des Nicht-Einordenbaren, aber selbst im Wahlkampf muss Frankreichs Innenminister Guéant zugeben, daß nur wenig tatsächlich gesichertes Wissen über die Anschläge vorhanden ist.

Es ist allerdings traurig, wie das Leiden wieder für eigene Zwecke missbraucht wird. Ja, am leichtesten und leichtfertigsten ordnet man etwas ein, in dem man es für die eigenen Ziele einspannt. So hat EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton einen geschmacklosen Vergleich gezogen, der gleich auch noch den Terrorismus der Hamas verharmlost, wenn nicht sogar legitimiert. (Catherine Ashton ist wohl tatsächlich falsch verstanden worden.) Oder doch nicht, siehe die Kommentare von American Viewer. Und die Chuzpe, mit der die Ermordung der jüdischen Schulkinder in Toulouse gleich in antiisraelische Reflexe umgemünzt wird, ist beängstigend. So wie dieser Auszug aus Forumseinträgen in diversen österreichischen Zeitungen, die den Kindern quasi noch die Schuld für ihren Tod geben. Es ist traurig, und es macht mich traurig.

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7 Gedanken zu “Toulouse – Vom Einordnen des Nicht-Einordenbaren

  1. Catherine Ashton ist wohl tatsächlich falsch verstanden worden.

    Inwiefern soll sie denn falsch verstanden worden sein? Nur weil der Telegraph es so behauptet? Schade, dass sie dem Telegraph seine Story scheinbar abnehmen.

    • Ich nehme dem Telegraph die Story ab, weil der Kontext und Wortlaut der tatsächlich gehaltenen Worte mE meine ursprüngliche Aussage nicht in der Form zuläßt. Ihr Vergleich bleibt unglücklich, aber wohl nicht böswillig. Ich kenne freilich Baroness Ashton doch recht wenig, und halte mich daher lieber an „in dubio pro reo“.

  2. Die Telegraph-Story enthält zwei ziemlich krasse rhetorische Kniffe. Erstens wird behauptet, „Baroness Ashton didn’t say what her critics claim she said about the Toulouse killings and Gaza“. Ihre Ansichten sollen also falsch wiedergeben worden sein. Das habe ich aber in keinem Medium gesehen. Sie wurde wortwörtlich zitiert, ja man druckte sogar meist einfach die Meldung ihres eigenen Pressestabes ab! Der Telegraph sagt hier nicht die Wahrheit.

    Der zweite Kniff geht so: „She wasn’t comparing the murders in Toulouse with the deaths which result from conflict in Gaza.” Das Ganze sei also gar kein Vergleich gewesen! Wie bitte, wo bitte? Ja was denn bitte sonst?!

    Selbst linke deutsche Politiker wie Volker Beck sprechen bei den Aussagen von Ashton zurecht von einem antisemitischen Reflex. Kein Mensch stellt sich nach einem Terroranschlag hin und fängt an Opfer aufzuzählen, die mit dem aktuellen Thema nichts zu tun haben. Oder setzt gar Verbindungen zwischen Opfern und Tätern. Wie sah denn Merkels Reaktion auf die Neo-Nazimordserie aus: „Lasst uns heute auch an die Kinder gedenken, die aus Versehen durch die türkische Luftwaffe getötet wurden?“ Wohl kaum.

    Ich sehe gerade Clemens Wergin sieht das Thema sehr ähnlich:

    Die Vorwürfe an die Presse sind allerdings absurd, schließlich waren ihre Äußerungen nicht verzerrt worden, sondern sind von ihrem eigenen Pressestab verbreitet worden. Das ist ähnlich wie bei Gabriel, der den Begriff der Aparheid nicht zurückgenommen hat, aber erläuterte, er habe Israel damit nicht mit Südafrika vergleichen wollen. Ja womit denn sonst?

    • Gute Frage. Zeigen, wie klischeehaft, borniert und engstirnig der Kommentator ist, der dort mit einem kryptischen Kürzel postet? Ich fürchte, wir werden es nie so genau erfahren, aber vielleicht ist das auch gut so. Die Erklärung würde wahrscheinlich in einen geistigen Abgrund blicken lassen.

  3. Entschuldigung, ich habe das mit dem pingback in Zusammenhang gesehen, und dachte, Sie waren das. Mein Fehler, nicht genau hingesehen.

  4. Pingback: Gedanken zu den Morden in Oakland « Aus dem Hollerbusch

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