Nokia: Der Elop-Effekt in voller Wirkung


Tomi Ahonen, ehemaliger Nokia-Mitarbeiter und jetzt wohlbestallter Analyst der Telekombranche, übertreibt gerne, wenn es um sein ehemaliges Unternehmen geht. Und doch, die jüngsten Zahlen von Nokia scheinen seine Befürchtungen voll zu bestätigen: Der Elop-Effekt ist eingetreten. Der CEO Stephen Elop, der den letzten verbliebenen großen europäischen Player am Markt für Smartphones & Co. sanieren sollte, hat ihn stattdessen in den Abgrund geführt. Im 1. Quartal 2011 war noch ein Umsatz von 7,1 Mrd. Euro mit Mobilfunkgeräten und -diensten erwirtschaftet worden, im 1. Quartal 2012 waren es bloß 4,2 Mrd.. Und das bei einem expandierenden Markt.

Der „Elop-Effekt“ ist die Kombination der zu frühen Ankündigung neuer Produkte – diesfalls den Umstieg auf Windows Phone Monate vor den ersten Geräten – und der öffentlichen Herabwürdigung der eigenen Produktpalette. Beides hat Elop im Frühling 2011 gemacht, und damit einen radikalen Sturzflug Nokias eingeleitet. Ja, das Unternehmen hätte auch so Marktanteile und Umsatz verloren, aber wohl kaum in diesem Tempo.

Ein Beispiel: Elop kündigt im Feburar 2011 den Übergang zu Windows Phone an; das MeeGo-Projekt und Symbian werden zu Sackgassen erklärt. Es dauert aber noch Monate, bis die ersten Nokia-Geräte mit Windows Phone auf den Markt kommen, und können schon wegen ihres Betriebssystems nicht mit den Flaggschiffen anderer Hersteller mithalten. Windows Phone 7 bietet noch immer wichtige Features nicht, die in Android und iOS implementiert sind. Im Grunde noch kein Problem ist, da das System relativ jung ist. Aber wenn man sein Unternehmen darauf wettet … . So hat Joshua Topolsky in seinem Test des Nokia Lumia 900, quasi des Spitzenmodells der Windows-Phone-Linie festgehalten:

I think it’s time to stop giving Windows Phone a pass. I think it’s time to stop talking about how beautifully designed it is, and what a departure it’s been for Microsoft, and how hard the company is working to add features. I am very aware of the hard work and dedication Microsoft has put into this platform, but at the end of the day, Windows Phone is just not as competitive with iOS and Android as it should be right now.

Mit diesem Statement ist Topolsky nicht allein. Windows Phone wird bald ein hochwertiges System sein; auch Android und iOS waren in den ersten Jahren nicht unproblematisch. Aber Elop hat keine hochwertigen Alternativen anzubieten, mit denen die weiteren Monate überbrückt werden können, bis Windows Phone wettbewerbsfähig ist. MeeGo wurde von ihm ausgebremst, obwohl das Nokia N9 ein medialer und  – in den wenigen Märkten, in denen es beworben wurde – kaufmännischer Erfolg war. Symbian wurde zwar aktualisiert, aber von Elop selbst öffentlich so diskreditiert, daß das Nokia 808 PureView mit einer revolutionären Kameratechnik in der Wahrnehmung kaum als Flaggschiff-Gerät zu verkaufen sein wird. Elop hat außerdem kein hochwertiges Business-Gerät mehr veröffentlicht. Das E6 und E7 sind schon etwas angegraut, aber etwas aktuelleres gibt es nicht. Und so ist es kein Wunder, wenn Ahonen feststellen darf:

Nokia lost 5 loyal Nokia smartphone customers for every 1 it managed to convert from Symbian to Lumia. So yes, Nokia had 19.6 million smartphone customers last quarter, 600,000 of them bought Lumia. Now Nokia has 12 million smarthone customers in Q1 and 2 million bought Lumia. For the added 1.4 million ‚gain‘ to Microsoft and Windows Phone compared to 3 months ago, Lumia added 1.4 million more Nokia smartphone owners. That came at the cost of 7 million lost sales. Adding that potential together, Nokia had 8.4 million existing loyal Nokia smartphone owners walk into a store, and only 1.4 million walked out happy with a Lumia smartphone. 7 million were so disgusted with the Lumia handsets they bought smartphones from other brands like Samsung’s Android which is reporting massive record sales. (the remaining 10 million obviously bought Symbian or MeeGo based Nokia smartphones)

Ein anderes Beispiel: Nicht wenige haben vorgeschlagen, Symbian nunmehr als Konkurrenz zu Einsteiger-Android-Handys zu positionieren, von denen einige z.B. nur mit 240×320 Pixel Auflösung daherkommen. Da kann und soll Windows Phone noch nicht mithalten. Statt das vorhandene, und seit dem Belle-Update für so einen Markt durchaus attraktive, System zu verwenden, entwickelt Nokia ein neues System namens Meltemi, daß in dieser Kategorie antreten soll. Vielleicht wird es alle überraschen, aber jedenfalls kostet es eine Menge Entwicklungskosten und beschert Nokia auch in diesem Marktsegement eine Zeit des Wartens, über das hochwertig ausgestattete S40-Telephone wie das Asha 303 nicht hinwegtäuschen können.

Elop wird sicher in die Geschichte eingehen. Selten hat ein Konzernchef sein Unternehmen so rasch abgewirtschaftet. Freilich nicht aus purer Unfähigkeit, das wäre bösartig. Er hat vielmehr hoch gepokert – und verloren.

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