Das vierte (fünfte) Buch Esra und der Weiße Sonntag


Heute ist der zweite Sonntag der Osterzeit, der „Weiße Sonntag“, an dem früher die in der Osternacht Getauften ihre weißen Taufkleider das letzte Mal trugen. Dort, wo wieder der gregorianische Choral gepflogen wird, kann heute als Eingangsvers folgender Text gesungen werden:

Freut euch und dankt Gott, der euch zu sich gerufen hat. Ihr seid Kinder Gottes und Erben seiner Herrlichkeit. Halleluja.

Und dieser Text ist interessant: Denn er stammt aus einem Buch Esra, und doch nicht aus dem Kanon des Alten Testaments. Im Laacher Messbuch wird als Quelle das fünfte Buch Esra, Kapitel 2, Vers 36-37 angegeben. Doch in frühen Ausgaben der Vulgata finden sich diese Verse im vierten und letzten Buch Esra, nicht als Teil der Bibel, wohl aber als Anhang. In diesem Buch entspinnt sich zwischen dem Propheten Esra und dem Erzengel Uriel ein Dialog, in dem einerseits religiöse Fragen wie der Ursprung der Sünde, andererseits die Endzeit erörtert wird. Seit dem 19. Jahrhundert wird angenommen, daß dieser Dialog, der heute in 14 Kapitel geteilt wird, jedenfalls von einem jüdischen Autor verfaßt wurde, die umrahmenden Kapitel 1-2 bzw. 15-16 aber auch von einem christlichen Verfasser stammen oder eventuell von einem Christen redigiert worden sein könnten. Der Text wird insgesamt wohl nach der Zerstörung des Tempels entstanden sein. Die einleitenden Kapitel werden heute mitunter 5. Buch Esra genannt, die abschließenden Kapitel 6. Buch Esra, um sie vom Buchkern deutlich abzugrenzen, doch sollten sie sinnvollerweise als Einheit gelesen werden.

Das vierte Buch Esra wurde in der Antike von den Kirchenvätern und anderen oft zitiert, und hat auch in der Liturgie seine Spuren hinterlassen, wie die Catholic Encyclopedia dokumentiert, so eben mit den heutigen Eingangsvers, mit dem „Requiem aeternam“ der Totenmesse, dem Responsorium „Lux perpetua lucebit sanctis tuis“ für Märtyrermessen in der Osterzeit, und einigem mehr.

Zum Abschluß eine wunderbare Komposition des „Accipite jucunditatem“, wie der Eingangsvers auf lateinisch heißt:

Accipite iucunditatem gloriae vestrae. Ego testor palam salvatorem meum. Commendatum Domini accipite et iucundamini gratias agentes ei qui vos ad caelestia regna vocavit.

PS.: Paul Rießler hat 1928 eine mittlerweile gemeinfreie Übersetzung von Einleitung und Schluß des Buches unternommen, die auf Wikisource zu finden ist, ebenso wie eine etwas ältere Übersetzung des Mittelteils durch Hermann Gunkel. Hier die ersten beiden Kapitel, dann der Hauptteil mit den sieben Visionen, schließlich die Kapitel 15 und 16.

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