Der „Standard“ sucht die Kirche in besonders niederen Landen


Die österreichische Tageszeitung „Der Standard“, selbsternannte „Zeitung für Leser“, ist sich für keinen christophoben Artikel zu schade, wie Alipius auf seinem Blog zeigt. Die Zeitung hatte unter dem reißerischen Titel „Kirche ließ Kastrationen durchführen“ über Kastrationen berichtet, die in den Niederlanden zwischen 1938 und 1968 im Auftrag des Justizministeriums durchgeführt wurden, dabei aber freilich die Fakten völlig verdreht und die katholische Kirche beschuldigt, der Täter zu sein.

Selbst ohne Faktencheck wirkt diese Geschichte reichlich unglaubwürdig, war doch die politische Emanzipation der Katholiken erst nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschlossen, nachdem sie noch im 19. Jahrhundert Bürger zweiter Klasse waren und zB. erst 1853 die Organisation der katholischen Kirche wiedererrichtet werden durfte, Jahrzehnte nach dem Toleranzpatent Josef II. in Österreich. Anders gesagt: In den Niederlanden war die politische Rolle der katholischen Kirche über viele Jahre, die volle Gleichberechtigung ihrer Gläubigen zu erreichen, weit entfernt von der engen Verflechtung von Politik und Kirche, wie sie etwa in Québec oder Spanien lange zu beobachten war.

Alipius liefert aber den Faktencheck, der das Bauchgefühl bestätigt, und zeigt mit ein paar kurzen Zitaten die Absurdität des „Standard“-Artikels auf, der offensichtlich unbeschwert von Faktenwissen und Recherche verfaßt wurde. Passend dazu hat Alipius auch noch einen Comic gebastelt, der die Linie des „Standard“ auf den Punkt bringt:

Schwester Robusta. © Alipius

Schwester Robusta. © Alipius

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4 Gedanken zu “Der „Standard“ sucht die Kirche in besonders niederen Landen

  1. Durch einen Bericht in der „Kathpress“ vom 10. Mai auf diesen Blog und diesen Bericht gestoßen. Ich kenne den zitierten ‚Alipius‘ nicht, konnte aus seinem Blog nicht viel schlauer über ihn werden, aber ich finden seinen „Faktencheck“ einfach unprofessionell und lächerlich. Vielleicht sollte man ihn nicht so ung’schat übernehmen :0
    Vielleicht wäre es sinnvoll, die (höchstwahrscheinliche) Quelle des Artikels im „Standard“ zu suchen, zu konsultieren und sich danach auch bei der katholischen Kirche in den Niederlanden selbst zu informieren…

    Die Berichte in „NRC Handelsblad“ vom März und April 2012 zur Sache (die wahrscheinliche Grundlage des „Standard“–Beitrags) sind nicht nur glaubwürdig, sondern auch bereits Gegenstand der Arbeit der niederländischen Kommission zum Missbrauch in der katholischen Kirche gewesen.
    Das entsprechende längere Feature von Joep Dohmen geht auch auf die allgemeine Situation zu „Kastration und Justiz“ in den Niederlanden zwischen 1938 und 1968 ein. Die katholische Kirche ist hier nicht der Anstifter der Kastration von Rechtsbrechern im Allgemeinen, aber entgegen anderen Behauptungen haben Geistliche und Direktoren katholischer Jugendeinrichtungen die Kastration von Homosexuellen (auch minderjährigen Jugendlichen) mit veranlasst und (was auch Auslöser für den Bericht über den konkreten Fall war): man hat versucht, den Missbrauch eines Jugendlichen durch Geistliche damit zu vertuschen.
    Diese Fakten werden auch in der katholischen Kirche der Niederlande nicht bezweifelt.

    Die genannten artikel findet sich unter: http://www.nrc.nl/nieuws/door/joep-dohmen/

    PS.: Die katholische Kirche hat, sicher nach 1945, politisch eine wichtige Rolle in den Niederlanden gespielt. Seit ihrer Gründung 1945 war die Katholieke Volkspartei (KVP) an allen niederländischen Regierungen beteiligt und hat bis zum Ende ihres Bestehens (durch die Fusion mit zwei protestantischen Parteien in dem CDA (ChristenDemocratisch Appèl) im Jahr 1977 fünf Ministerpräsidenten gestellt, neben einer ganzen Reihe anderer wichtiger Ministerposten… Danach waren noch die Katholiken Dries van Agt und Ruud Lubbers Ministerpräsidenten.

    • Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar! Mir ist bewußt, daß sich im Zuge der Versäulung der niederländischen Gesellschaft die Lage der Katholiken verbessert und ihr politischer Einfluß such ihrem demographischen Gewicht angenähert hat. Der Eindruck, den der Standard-Artikel vermittelt, ist nur ein ganz anderer, als es den Fakten entspricht. Der Artikel suggeriert, das „die Kirche“ – also wohl zumindest die Bischofskonferenz, vielleicht gar mit Billigung Roms – solche verwerflichen Taten selbstherrlich angeordnet hätte, während umgekehrt die Verstrickung der niederländischen Politik gänzlich ausgeblendet wird.

      Es war aber offizielle niederländische Politik, im Zuge der damals höchst modernen und fortschrittlichen Eugenik Kastrationen durchzuführen, ähnlich, wie in Schweden Per Albin Hansson Sterilisationen forciert hat. Daß auch gläubige Katholiken und katholisch geprägte Institutionen bei der Ausführung dieser damals „fortschrittlichen“ Politik involviert waren, anstatt sie zu bekämpfen, wird wohl stimmen, auch wenn im konkreten Fall die Faktenlage in jeder Hinsicht problematisch ist. Im Grunde stehen zwei Aussagen gegen Verstorbene, die nicht mehr Stellung nehmen können. Man muss bei solchen Geschichten immer aufpassen, daß aus einem „soll“ und „könnte“ nicht ein – noch dazu kollektiv angewandtes – „war“ gemacht wird, und daß die Unschuldsvermutung gewahrt bleibt, und zwar in jede Richtung. Es wäre nämlich ebenso unredlich, den beiden Belastungszeugen per Ferndiagnose zu unterstellen, sie wären nicht von der Wahrheit ihrer Ausführungen überzeugt.

      Meint man mit „die Kirche“ die Ausprägung ihrer Leitung, so hat diese jedenfalls die eugenischen Maßnahmen nicht unterstützt; im Gegenteil, offizielle Kirchendokumente haben sich dagegen ausgesprochen. Das hat Alipius aufgezeigt, und andere Quellen bestätigen dieses Bild. Sollte tatsächlich jemand damals jemand ein Opfer zum Schweigen gebracht haben wollen, so ist das, soweit es bei diesem Zeitabstand überhaupt noch korrekt und sauber untersucht werden kann, aufzuklären, aber man darf sich nicht aus den Fehlhandlungen einzelner, die damals je nach tatsächlichem Sachverhalt womöglich nicht einmal als solche erkannt wurden, eine Kollektivschuld aufzwingen lassen, die keine sachliche Grundlage hat.

      • Kein Grund, „het is niets“. Trotzdem eine „Antwort auf die Antwort“.
        1. Die „verzuiling“ hat den Katholiken sicher von 1853 bis zum Ende des 1. Weltkriegs geholfen, sich zu „ontvoogden“ und sich gesellschaftlich und politisch zu organisieren. Danach war das nicht mehr notwendig, weil sie eine gesellschaftliche und politische Größe waren und eine entsprechende Rolle gespielt haben (die KVP war eine Nachfolgerin der Roomsch-Katholieke Staatspartij (RKSP), 1926 gegründet und selbst wieder eine katholische Nachfolgepartei). Die Katholiken, gut für 30% der Wählerstimmen, nahmen seit 1918 an fast allen Regierungen teil… Das Ende der „verzuiling“ in den 60-er Jahren hat dazu geführt, dass Katholiken heute in fast allen politischen Parteien zu finden sind…
        Zusammengefasst: die Katholiken haben die Politik der Niederlande im 20. Jahrhundert entscheidend beeinflusst und geprägt…
        2. Der Artikel im „Standard“ ist m.E. recht harmlos und – mit Blick auf die Faktenlage – korrekt. Es wird von „soll“ gesprochen und nicht von „hat“; auch die Faktenlage „Anzeige nach Missbrauch“, „Kastration“, „Anzeige wegen Kastration“, „Verkehrsunfall“ ist so anhand der vorliegenden Schriftstücke belegt.
        Die Tatsache, dass die Fälle der Kastrationen nicht im Deetman-Bericht vorkommen, wurde von der Kommission näher erläutert. Auch das wird korrekt wiedergegeben. Dohmens Reaktion angesichts der Sachlage ist ebenfalls verständlich.
        3. Wesentlich ist der Schlussteil: der ehemalige KVP-Ministerpräsident hat versucht, als Vorsitzender jener Jugendeinrichtung, in der H. von Priestern missbraucht worden war, Nachforschungen bzw. Anzeigen von Priestern zu verhindern. Auch das ist schriftlich belegt.
        4. Ja, es ist richtig, dass sich das kirchliche Lehramt einerseits gegen „Kastration“ als eugenische Massnahme ausgesprochen hat. Gleichzeitig ist es aber auch eine Tatsache, dass katholische Einrichtungen solche Kastrationen entweder angeordnet oder empfohlen haben und andere katholische Einrichtungen, nämlich katholische Krankenhäuser, solche Massnahmen durchgeführt haben. Dabei haben sich entweder die Ärzte oder die Leitung dieser Spitäler über die damals geltenden Regeln hinweggesetzt.
        Ebenso eine Tatsache ist es, dass Kastrationen in protestantischen wie in staatlichen Einrichtungen als Massnahmen gegen „Triebtäter“, „Perverse“ etc. angewendet wurden. Das wird in der Berichterstattung in den Niederlanden weder verschwiegen noch geleugnet. Auch der Artikel des „Standard“ geht darauf ein: „…es sei damals ein weit verbreiteter Irrglaube gewesen…“ Allein: der Umfang der Kastrationen ist für viele Menschen heute schockierend – daher der letzte Absatz im Beitrag, dass man das näher untersuchen möchte…

        Ich verstehe nicht, warum ein in keinerlei Weise polemischer Artikel des „Standard“, der sich sehr trocken an die Fakten hält, so zum Gegenstand einer Polemik wird. Warum fällt es uns Katholiken so schwer zu sagen, ja, hier haben wir uns als Kirche an Menschen versündigt? Vor allem dann, wenn wir gegen unsere eigene Lehre (von der Lehre unseres Gründers gar nicht zu sprechen) gehandelt haben? Könnte ein Beitrag des atheistischen „Standard“ (eine der wenigen in Österreich noch lesbaren Zeitungen) nicht auch eine Hilfe sein, dem eigenen Versagen als Kirche (so sehr es den Zeitumständen mit geschuldet sein mag) ins Auge zu blicken und demütig zu sagen: „mea culpa…“?

      • Noch einmal Danke, daß Sie sich die Zeit für diesen ausführlichen Kommentar genommen haben. Ich denke, daß unsere Perspektiven einfach sehr verschieden sind. Der „Standard“ bietet aus meiner Perspektive seit Jahren insbesondere auf seiner Online-Plattform eine Plattform für antichristliche, zumindest antikirchliche Polemik, Stichwort „Churchwatch Blog“. Das ist sein gutes Recht, und wegen der meist folgenden hunderten Leserkommentaren und damit entsprechenden Seitenaufrufen wohl auch kommerziell einträglich. Aber es macht vorsichtig, wenn der „Standard“ auch nur irgendwo das Thema „Kirche“ anfaßt.

        Schon die Überschrift des „Standard“-Artikels ist bewußt polemisch, in dem sie behauptet, „Kirche ließ Kastrationen durchführen“. Wenn man jede Handlung katholisch geprägter Menschen und Institutionen der Kirche, der Gemeinschaft der Gläubigen, zurechnet, möge das richtig sein. Das ist aber, wie wir alle wissen, weder im Sprachgebrauch noch in den Zeitungen der Fall. So täuscht es dem Leser einen offiziellen Hintergrund vor, der nicht existiert hat, ein Netzwerk von höchsten Kirchenrepräsentanten, die Schuld auf die ganze Kirche geladen hätten, da die kirchliche Lehre, zumindest aber Praxis dieses Verhalten allgemein akzeptiert hätte.

        Meiner Ansicht nach geht auch der Hinweis darauf ins Leere, daß die katholischen Niederländer in den Niederlanden nach ihrer Emanzipation an der Politik Einfluss hatten, wie es ja auch der parlamentarischen Situation entsprach. Weder im Guten noch im Schlechten steht es uns zu, das Verhalten katholischer Menschen einfach der Kirche zuzurechnen.

        Der Artikel des Standard geht auf den Hintergrund nur in einem Nebensatz ein, daß es nicht bloß ein „weit verbreiteter Irrtum“, sondern eine gesellschaftlich akzeptierte Praxis mit hunderten Opfern war. Das niederländische Justizministerium begann schließlich 1938, Kastrationen und Sterilisierungen bei bestimmten Verhaltensweisen zu genehmigen, und tat dies bis Ende der Sechziger Jahre, wobei auch der Irrglaube einer therapeutischen Wirkung dieser Maßnahme mitgespielt haben soll. Diese wesentlichen Fakten werden dem österreichischen Leser vorenthalten, der nach Rezeption des Artikels keine Ahnung davon hat, wie tief die Eugenik in den Niederlanden Wurzeln schlagen konnte und woher die Idee zu solchen Maßnahmen überhaupt kam. Dem Leser wird jede Referenz genommen.

        Ich habe schon in meinem ersten Kommentar geschrieben, daß ich von Kollektivschuld nichts halte. Die Schuld anderer Menschen zu übernehmen ist dort geboten, wo es diesen Schuldigen von seiner Last befreit, wie es im Buch Jesaja die Gottesknechtslieder sprachgewaltig ausdrücken. Ein „mea culpa“ eines jetzigen niederländischen Katholiken wäre die Unwahrheit, weil er weder Schuld an diesen Taten haben könnte, noch die allfällige Schuld der damaligen Menschen tilgen würde. Freilich gilt es nachzudenken, welche Lehren man aus den folgenschweren Fehlern und auch Verbrechen jener Zeit – ich denke hier mehr an den niederländischen Missbrauchskandal – ziehen, wie man Opfern helfen, wie man Leid durch Liebe aufheben kann.

        Ein letztes: Wenn einmal das dunkle Kapitel der Euthanasie ohne Einwilligung in späteren Jahrzehnten aufgearbeitet wird, werden mit Sicherheit auch katholische Einrichtungen darin verwickelt sein, ist doch die Tötung von Menschen, deren Leben durch Schmerz und Krankheit als lebensunwert angesehen wird, in den Niederlanden gesellschaftlicher Konsens. Ich weiß auch schon mit welcher Überschrift der „Standard“ über Euthanasie-Opfer berichten wird: „Kirche ließ Patienten töten“.

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