Rußland: Von 20. ins 17. Jahrhundert in acht Jahren


Es ist heute unvorstellbar, welches Grauen die russischen Revolution 1917 und die Folgejahre über die Menschen gebracht haben. Es ist so unvorstellbar, daß wir es völlig ausgeblendet haben. Umso erschütternder war für mich der nüchterne Bericht von Mark Harrison und Andrej Markewitsch, die versucht haben, die russische Wirtschaftsleistung für die Zeit von 1913 bis 1928 zu rekonstruieren. Dabei kommen sie zu dem Schluß, daß die russische Wirtschaft zwar unter dem 1. Weltkrieg deutlich litt, doch erst mit der Oktoberrevolution, dem russischen Bürgerkrieg und Kriegskommunismus – einem Propagandabegriff Lenins –  es zu einer dramatischen Verschlechterung der Lage kam.

1919 hungerten im Agrarland Rußland unzählige Menschen, und auch nach Ende von Krieg und Bürgerkrieg setzte sich die missliche Lage fort. Der Konsum eines durchschnittlichen Russen, was er essen und anziehen konnte, sank gegenüber 1913 um etwa 56%, rechnerisch ein Rückfall ins 17. Jahrhundert. Wir könnten das heute vielleicht zähneknirschend aushalten; doch für viele Russen des frühen 20. Jahrhundertes bedeutete diese Halbierung Hunger und Not. So starben zwischen 1913 und 1928 zumindest dreizehn Millionen Menschen an Krieg, Terror und Hunger, davon nur jeder Achte durch die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs. Trockene Zahlen, hinter das Leid von Millionen liegt. Erst mit der Lockerung der Wirtschaftspolitik 1921 , die Meutereien und Aufständen gegen das Regime geschuldet war, kam es ab 1922 zu einer Verbesserung der Lage, doch selbst 1928 hatte die Sowjetunion noch nicht die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung von 1913 erreicht. Gleich danach begann Stalin mit seiner Politik der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft, die wieder Millionen das Leben kostete und die Verbesserungen der Lage der einfachen Menschen wieder zunichtemachte.

Das Paper von Harrison und Markewitsch ist im Journal of Economic History erschienen, Harrison hat eine Version als PDF online gestellt.

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