Höhere Steuern, ergo mehr Urlaub?


Wie wirken die Steuern auf Einkommen auf den Arbeitseinsatz der Menschen? Wie auf die allgemeine Wirtschaftsleistung? Das sind Fragen, die in der volkswirtschaftlichen Literatur seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert werden. Die Debatte gewinnt an Fahrt, weil in den letzten Jahrzehnten die Entwicklung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und des Arbeitseinsatzes in den USA einerseits und Westeuropa andererseits auseinandergegangen ist. In den Sechziger Jahren war der Arbeitseinsatz pro Kopf in manchen westeuropäischen Ländern höher als in den USA; das ist nicht mehr der Fall. Die Schere, die da aufgegangen ist, könnte zu einem Teil auf die verschiedenen Steuerregime zurückzuführen sein, wie z.B. Scott Sumner argumentiert. Auch die längeren Urlaubsansprüche und geringen Stundenwochen seien nicht völlig unabhängig an der Steuerbelastung:

In the past I’ve noticed that some people have trouble with this idea because they think of work effort as being in some sense socially determined, not responding to incentives at the individual level. But these social policy decisions are be very much influenced by the average preferences of the public. So yes, a 35 hour work week and 5 weeks vacation may be government-determined, but ask yourself why government responded to pressure for these changes in France, but not in America. Obviously growth in government may not be the only factor, but it’s nonsense to claim that this explanation is “nonsense.”

Es hat ja etwas für sich. Wenn eine große Zahl von Menschen das Gefühl hat, daß mehr Freizeit einem höheren Verdienst vorzuziehen ist, weil vom höheren Verdienst ohnehin nicht viel übrig bleibt, werden sie geneigt sein, Vorschläge auf mehr Urlaubsanspruch zu unterstützen. Umgekehrt kann man in der Schweiz sehen, daß unter entsprechenden Rahmenbedingungen die Mehrheit der Bevölkerung gegen einen längeren Urlaubsanspruch auftritt, weil er langfristig mit niedrigeren Einkünften verbunden ist.

Nobelpreisträger Edward C. Prescott hat dazu 2004 ein Paper veröffentlicht, in dem er ein Modell mit hoher Elastizität des Arbeitsangebots in wohlhabenden Industrieländern postuliert und durch die Daten bestätigt sieht. Daß in einigen asiatischen Industrieländern mit niedrigerer Steuerbelastung mehr gearbeitet wird als in den USA, paßt da ins Bild.

Man könnte es so zusammenfassen: Wenn ein gewisses Mindestmaß an Wohlstand erreicht ist, führt höhere Besteuerung  nicht mehr so sehr zu mehr Arbeitseinsatz, um den Einkommensausfall zu kompensieren, sondern auch zur Substitution von Arbeit durch Freizeit. Das ist natürlich ein allgemeines Bild, das etwa Statuseffekte etc. nicht einrechnet. Wie diese allgemeine Anpassung geschehen ist, haben Alesina, Glaeser und Sacerdote in einem Paper erarbeitet, in dem sie die Dominanz der Steuerbelastung als treibende Kraft der Veränderung etwas relativieren und auch die Rolle der Gewerkschaften näher beleuchten, die für sie eine große Rolle dabei spielen, daß die Menschen in den westeuropäischen Staaten grosso modo einen geringen Pro-Kopf-Wohlstand, aber dafür mehr Freizeit als ihre Kollegen in den USA aufweisen.

Hier kann man OECD-Daten zur Arbeitsproduktivität finden, zur Multifaktorproduktivität und zur Steuerbelastung auf Löhnen, und dann selbst rechnen, was es damit auf sich hat.

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