Ohne Religionsfreiheit keine freie Demokratie


Bei der aktuell in Deutschland wogenden Debatte um die Brit Mila, die Beschneidung (mit österreichischen Nachahmungstätern), bestimmt die Rolle und Bedeutung, die man der Religionsfreiheit zumisst, den jeweiligen Standpunkt, zusammen mit der eigenen Beurteilung, wieweit die Personen, die im Staat die Gewalt zur Rechtssetzung haben, dabei gehen dürfen, ihre Sicht, wie Menschen handeln dürfen, durchzusetzen.

Religion hat die grundlegende Verfaßtheit des Seins zum Inhalt. Das Lexikon der philosophischen Begriffe von Rudolf Eisler, einem bekennenden Atheisten, definierte Religion entsprechend deutlich als „Ausdruck für die Beziehung, in welcher der Mensch sich zu dem ihm übergeordneten Unendlichen, Ewigen, Ganzen findet und bewußt setzt, sie ist die concret-anschauliche (nicht abstract-begriffliche, wie die Philosophie) Erfassung der Eingliederung des Menschen, des Endlichen überhaupt ins Unendliche, in den Urgrund des Seins, zugleich aber die praktische Betätigung im Dienste dieser Idee (Mythus – Cultus).“

Entsprechend ist die Religionsfreiheit nichts mehr oder weniger als die Freiheit, verschiedene Konzeptionen der Wirklichkeit zuzulassen. Darin liegt ja auch ihre Wurzel. Nach den Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten einerseits und innerhalb verschiedener protestantischer Gruppierungen andererseits war klar, daß niemand seine Überzeugung, was wahr ist, durchsetzen kann. Für ein weiteres Funktionieren des Heiligen Römischen Reiches war es also unabdingbar, eine gewisse Toleranz zu entwickeln, wenn auch zuerst nur auf Ebene der Herrscher: Zuzulassen, daß der jeweils andere in einem Zustand verharrt, den man nur als Irrtum empfinden konnte.

Die freiheitliche Demokratie intendiert eine Gesellschaft, in der der einzelne das Recht hat, in Freiheit zu leben, vor dem Gesetz gleich behandelt wird und die grundlegenden Rechte, die dem Menschen von Natur aus zuzukommen haben, geachtet werden. Zu dieser Freiheit gehört eben auch das Verharren in einer Weltsicht und einem daraus resultierenden Handeln, das von anderen, vielleicht sogar der Mehrheit, als Irrtum qualifiziert wird.

Noch mehr sollte man aber nicht außer acht lassen, daß, wie gut man seine eigene Weltsicht auch gestützt hat, wie sehr man über sie nachgedacht hat, immer eine Möglichkeit besteht, daß man sich eben geirrt hat und die anderen recht haben. Angesichts der zahlreichen kognitiven Verzerrungen, denen unsere Wahrnehmung und unser Denken unterliegen, ist diese Wahrscheinlichkeit des eigenen Irrtums wohl gar nicht so gering.

Daher hängen Religionsfreiheit und freiheitliche Demokratie eng zusammen. Die freiheitliche Demokratie, ein Wettstreit widerstreitender Ideen, Konzepte, Entwürfe, akzeptiert die eigene Irrtumsmöglichkeit und das Verharren im Irrtum des anderen. Und sie läßt daher dem Einzelnen einen großen Spielraum, welche Konsequenzen er aus seiner Auffassung darüber, wie die Welt im Innersten verfaßt ist, zieht.

Doch heutzutage ist diese Auffassung wieder im Rückzug begriffen und die Idee, daß durch staatliche Gewalt der eigene Wahrheitsanspruch durchgesetzt werden soll, wieder salonfähig, wie sich in den immer zahlreicheren Vorschriften zeigt, die z.B. in die Elternrechte eingreifen. Damit wird natürlich auch der Religionsfreiheit, der Toleranz des (vermeintlichen?) Irrtums, der Boden entzogen, da ja gar kein Verständnis mehr dafür vorhanden ist, daß auch der andere aus der Wahrheit leben will.

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