Fünf Gründe für die steigende Ungleichheit der Einkommen


Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise wird das Thema der Einkommensverteilung wieder stärker diskutiert. So von Robert Skidelsky, Ökonom, früherem Mitglied der britischen Labour Party, der Sozialdemokraten und dann der Konservativen, der sich in einem Essay bei Project Syndicate dafür ausspricht, hohe Einkommen zu reduzieren und anscheinend auf niedrige umzuverteilen. Seine Argumentation tastet sich entlang einer Unterscheidung von Preis und Wert, für den er anscheinend eine objektive Basis sieht, und einer nicht näher definierten Struktur einer „gerechten Einkommenspyramide“. Eine Umverteilung der Einkommen sei schließlich nötig, um den Konsum auf eine breite Basis zu stellen und den sozialen Zusammenhalt zu fördern.

Skidelskys Artikel ist schwer zu kritisieren, weil er vor allem eine Gefühlsbeschreibung ist. Woran sich eine gerechte Einkommensverteilung bemessen soll, kann er nicht sagen. Die Gründe steigender Lohnspreizung sind allerdings kein Geheimnis und sollten auch ihm bekannt sein, von denen einige in der Literatur diskutierte Punkte genannt seien:

  1. Das relativ zu qualifizierten Tätigkeiten abnehmende Grenzprodukt von Tätigkeiten, die von unqualifizierten oder wenig qualifizierten Personen erfüllt werden können. Das ist nicht mit Akademiker/Nicht-Akademiker gleichzusetzen; einige Handwerksberufe sind als hochqualifiziert einzustufen, und vieles, was heute akademisch genannt wird, ist nicht unbedingt als hochqualifiziert zu bewerten ist. Mit der relativ sinkenden Produktivität geht entweder das Lohngefüge auseinander oder es steigt, wenn es eine untere Lohnschranke gibt, die Arbeitslosigkeit im unqualifizierten Bereich.
  2. Damit hängt eng zusammen, daß die moderne Wirtschaft immer kapitalintensiver wird. Die entsprechenden Renten fließen einerseits den Werktätigen zu, die dieses Kapital zur Produktion einsetzen, und selbstverständlich den Kapitalgebern, die ja sonst auch keinen Anreiz hätten, das notwendige Kapital zur Verfügung zu stellen. Das ist einer der Gründe, warum der Gewinnanteil an der Wertschöpfung steigt. Wer mehr Kapital gespart und erwirtschaftet hat, dem fließt natürlich auch eine höhere Kapitalrente zu. Da wir zum Glück in den Industriestaaten schon einige Zeit keinen vernichtenden Krieg erleben mussten, konnten schon länger entsprechende Vermögen entstehen, die auch hohe Einkommen erzielen und damit die statistische Ungleichheit erhöhen.
  3. Die modernen Technologien erleichtern Superstar-Effekte, weil in vielen Bereichen die von den Kunden am höchsten geschätzten Anbieter einen praktisch weltweiten Markt bearbeiten können und daher einen größeren Teil der Einnahmen in diesem Bereich lukrieren. In der Musikbranche ist es offensichtlich: Während um 1920 Musikstars großteils nochh eine lokale Angelegenheit waren, können die großen Stars heute weltweit Einkommen generieren und schöpfen damit einen beträchtlichen Teil des Marktes ab. Für die zweite Reihe bleibt dadurch weniger übrig. Nun gibt es diesen Effekt nicht nur in der Unterhaltungsbranche, sondern auch in anderen Bereichen, wo man leichter als früher den (nach eigener Ansicht) Besten identifizieren kann, vom Sport bis zur Unternehmensleitung.
  4. Die Globalisierung hat die weltweite Ungleichheit reduziert, in dem Millionen Menschen sich aus der Armut befreien konnten. Das wird durch eine internationale Arbeitsteilung erreicht, die zwar per Saldo auch die Wohlfahrt der wohlhabenderen Länder erhöht, in diesen aber nicht auf alle Bevölkerungsteile gleich wirkt und dadurch die lokale Ungleichheit wachsen läßt.
  5. Die steigenden Migrationsströme in Industrieländer sind ebenfalls ein Weg, durch den viele Menschen ihren Wohlstand erhöhen konnten. Allerdings kann durch Auswanderung die Ungleichheit im Herkunftsland steigen, insbesondere, wenn der Auswanderer seine Familie im Heimatland finanziell unterstützt, und ebenso im Zielland, weil die Einwanderer überwiegend weniger qualifizierte Tätigkeiten verrichten.

Es ist aber eine gute Frage, ob die so beklagte „Einkommensungleichheit“ tatsächlich ein gesellschaftliches Problem darstellt. Sie ist heutzutage wesentlich geringer als etwa vor 80 oder 100 Jahren, und sie ist großteils nicht durch wertschöpfungsentziehende Institutionen, sondern durch Arbeitsteilung und Ergreifung von Marktchancen begründet, siehe Acemoglu und Robinson. Die Frage der Korruption des demokratischen Prozesses ist natürlich durchaus zu stellen, doch keineswegs so einfach zu beantworten. Schließlich ist die moderne Demokratie in Situationen extrem ungleicher Einkommensverteilungen entstanden, und man muß schon hartnäckig der marxistischen Lehre vom Klassenbewußtsein anhängen, um trotz gegenteiliger Fakten ein uniformes Verhalten und Interesse etwa der Wohlhabenden etc. anzunehmen. Klares Beispiel sind die USA, wo gerade die Demokraten die größere Unterstützung unter den reichsten Amerikanern erfahren, nicht die Republikaner, wie man es nach der politischen Propaganda vielleicht erwarten würde.

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